Frag doch den Undertaker

Tut Sterben weh?

Friedhof

Der Tod gehört zum Leben, doch kaum jemand spricht darüber, wie er sich tatsächlich anfühlt. Besonders junge Menschen, die zum ersten Mal mit dem Sterben eines geliebten Menschen konfrontiert werden, stellen sich die Frage, ob das Ende des Lebens mit Schmerz verbunden ist. Diese ehrliche Frage verdient eine ehrliche, behutsame Antwort.

Lieber Herr Wilhelm,

mein Opa ist vor ein paar Tagen zu Hause gestorben. Wir waren alle dabei, auch ich. Er hat am Ende ganz ruhig geatmet und dann einfach aufgehört. Aber ich frage mich seitdem: Tut das Sterben weh? Hat er Schmerzen gehabt? Oder merkt man das gar nicht richtig, wenn man stirbt? Ich bin 16 und das war das erste Mal, dass ich jemanden habe sterben sehen.

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Viele Grüße
Leon

Lieber Leon,

deine Frage ist eine der ehrlichsten, die man stellen kann – und sie ist ganz und gar nicht ungewöhnlich. Es braucht Mut, sie überhaupt auszusprechen. Du hast etwas sehr Intimes miterlebt: den letzten Moment eines Menschenlebens. Das lässt niemanden kalt, und es ist völlig verständlich, dass du dir nun Gedanken machst.

Das Sterben ist meist ein Prozess, kein Moment

In den allermeisten Fällen ist Sterben kein plötzlicher Schnitt, sondern ein schrittweiser Übergang. Der Körper fährt nach und nach seine Funktionen herunter – ähnlich wie ein Computer, der langsam ausgeschaltet wird. Menschen werden müde und schläfrig, gleiten in einen Dämmerzustand und sind zuletzt bewusstlos. Herzschlag und Atmung werden langsamer, bis schließlich alles zur Ruhe kommt.

Wenn jemand wie dein Opa im hohen Alter und in vertrauter Umgebung stirbt, geschieht das häufig sehr friedlich. Der Körper hat seinen Weg vollendet. Viele Sterbende spüren in dieser Phase keine Schmerzen mehr – sie sind oft wie in einem Traum, halb hier und halb schon woanders. Kurz vor dem Tod tritt häufig eine große Ruhe ein; manche nennen das „Sterbefrieden“.

Was Angehörige sehen – und was Sterbende wahrscheinlich empfinden

Von außen kann der letzte Atemzug ungewohnt wirken: Die Atmung wird unregelmäßig, manchmal gibt es ein Röcheln oder einen langen Seufzer. Das ist Körpermechanik – keine verlässliche Aussage über Schmerz oder Angst. Die Muskeln im Hals- und Brustbereich arbeiten noch reflexhaft, obwohl das Bewusstsein schon weit weg ist.

Menschen, die viele am Lebensende begleitet haben, berichten oft von einem friedlichen Gesichtsausdruck: gelöst, manchmal sogar mit einem Hauch von Lächeln. Das passt zu dem, was wir wissen: In den letzten Minuten nimmt das Bewusstsein die Umgebung meist nur noch gedämpft wahr; Angst und Schmerz rücken in den Hintergrund.

Wenn Schmerzen da sind, hilft Palliativmedizin

Es gibt Krankheiten, die Schmerzen machen können. Die gute Nachricht: Niemand muss heute mit Schmerzen sterben. Die Palliativmedizin – also die spezielle Versorgung am Lebensende – kann Schmerzen und Atemnot sehr wirksam lindern. Medikamente, beruhigende Mittel, Lagerung, Atemtechniken und vor allem menschliche Nähe helfen, dass Sterbende ruhig bleiben und nicht leiden müssen.

Aus der Praxis kann ich sagen: Wer gut betreut ist, wirkt am Ende meist entspannt. Das ist tröstlich – für die Betroffenen, aber auch für die Familie, die mit dem letzten Bild weiterlebt.

Dein Opa durfte zu Hause sterben, das finde ich gut. Aus Erzählungen weiß ich, dass alle meine Großeltern auch zu Hause verstorben sind. Auch meine Eltern sind in ihrem eigenen Bett gestorben. Ich konnte dabei sein und habe mich genau das Gleiche gefragt wie Du.

Was in Körper und Geist geschieht

Medizinisch gesehen nimmt die Hirnaktivität ab, die Sinne werden leiser. Hören und Fühlen scheinen am längsten erhalten zu bleiben. Deshalb ist es sinnvoll, bis zum Schluss ruhig zu sprechen, zu berühren, zu halten. Viele Angehörige erzählen später, dass der Sterbende genau dann gegangen ist, als die Worte „Es ist gut“ oder „Wir sind bei dir“ gesagt wurden. Ob man das seelisch, spirituell oder biologisch deutet – es hilft.

Wie du mit dem Erlebten umgehen kannst

Du hast etwas sehr Bedeutendes gesehen. Sprich darüber – mit deiner Familie, mit Freundinnen und Freunden oder jemandem, dem du vertraust. Es ist normal, dass Bilder wiederkommen, dass Fragen auftauchen, auch dass Tränen kommen. Manche schreiben dem Verstorbenen einen Brief, andere zünden eine Kerze an oder hören „sein“ Lied. Alles, was dir gut tut, ist richtig.

Ich könnte heute, nach vielen Jahrzehnten, immer noch Tränen vergießen, wenn ich an diese Momente denke. Das ist ganz normal und auch völlig in Ordnung.

Eine ehrliche Antwort

„Tut Sterben weh?“ – In den meisten Fällen: nein. Vor allem nicht so, wie wir es uns vorstellen. Es ist eher ein langsames Loslassen. Und wenn Schmerzen drohen, können wir heute sehr gut helfen. Das Wichtigste ist: Niemand muss allein sterben. Dass du bei deinem Opa warst, war wahrscheinlich das größte Geschenk, das du ihm machen konntest.

Du kannst ganz beruhigt sein, das Sterben an sich tut nicht weh, in den allermeisten Fällen bekommt der Sterbende auch nichts davon mit.

Was bleibt

Der Körper hört auf, aber die Liebe bleibt. Sie verändert nur ihre Form. Du wirst deinen Opa in dir tragen – in Sätzen, in Gerüchen, in Erinnerungen und in dem, was er dir beigebracht hat. Das ist nicht das Ende, sondern eine andere Art von Nähe.

Ich persönlich finde die Erinnerungen das Allerwichtigste. Erst wenn ein Mensch komplett vergessen wurde, ist er wirklich weg. Beim Sterben müssen wir uns nur vom Körper des Menschen verabschieden. Die gemeinsamen Erlebnisse und die Erinnerungen, die können wir für immer behalten.

Bildquellen:

  • friedhof_800x500: Peter Wilhelm

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(©si)