Menschen

Über das Scheitern am Alltag

Das TikTok-Video von CelinaT ist viral gegangen. Übersetzt bedeutet das: Ein hochkant aufgenommenes Handy-Video, das von einer jungen Frau auf eine chinesische Videoplattform für Ahnungslose und kognitive Hütchenspieler hochgeladen wurde, hat weltweite Verbreitung gefunden.

Ich gebe zu: Der Satz „Das TikTok-Video ist viral gegangen“ ist viel kürzer, vermutlich genauso kurz wie die Denkreichweite aller Betroffenen. In diesem Video filmt sich eine junge Frau in winterlicher Kleidung am Steuer ihres Kleinwagens, mit dem sie in der Ausfahrt einer privaten Tiefgarage in der arktischen Hochburg Düsseldorf stehengeblieben ist. Ihre Verzweiflung ist groß, sie heult wie ein Schlosshund und es fallen Sätze wie:

Leute, ich weiß nicht, was ich machen soll.
Ich stehe seit 20 Minuten in meiner Tiefgaragenausfahrt, weil es hier einfach so am Schneien ist und ich hier nicht wegkomme.
Leute, guckt Euch das an, ich hab einfach so Angst, auszusteigen.

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Die junge Frau filmt aus dem Auto heraus den Boden neben ihrem Fahrzeug. Man sieht etwas Schnee und viel trockenen Untergrund.

Oh Gott, ich hab einfach Angst, dass das Auto rollt.

Dann kam ein Mann mit einem Laubbläser und pustete den gefährlichen Schnee einfach weg. Die junge Frau war nach rund 50 Minuten endlich gerettet1.

Ausschnitte aus dem Video habe ich Euch verlinkt. Der Link stammt aus der Schweiz, weil ich nicht zu TikTok verlinken wollte. Die Häme der Schweizer kann man ein bisschen verstehen, wenn man daran denkt, mit welchen Straßen- und Wetterverhältnissen man dort zurechtkommen muss.

Ich will die arme Celina gar nicht mehr vorführen, als sie es selbst schon getan hat.
Als Mensch mit Kopf frage ich mich allerdings, weshalb man Momente des Denkscheiterns und Alltagsversagens auch noch unbedingt ins Netz stellen muss.

„Refuel Anxiety“-Phänomen

Eine englische Umfrage unter rund 2.000 Autofahrern2 ergab, dass viele der 18- bis 24-Jährigen Angst vor dem Tanken haben.
62 % der 18- bis 24-Jährigen empfinden das Betanken ihres Autos als stressig.
Wovor genau haben sie Angst? Es sind Faktoren wie die Sorge, den falschen Kraftstoff zu wählen, nicht nah genug an der Zapfsäule zu stehen und Unsicherheit im Umgang mit der Zapfpistole.
Entscheidend war aber nicht allein die Angst vor dem Versagen angesichts dieses hochkomplizierten Vorgangs, sondern vor allem, dass andere die Fehler bemerken und öffentlich machen.

Einige sagten sogar, dass sie oft den Tank fast leerfahren, um den für sie kaum zu bewältigenden Akt des Tankens hinauszuzögern, oder dass sie andere (z. B. Partner, Eltern oder Freunde) darum bitten, das Tanken für sie zu übernehmen. 

Socket Anxiety – Kontaktangst an der Steckdose

Dazu passt, was mir Berthold G., Inhaber eines Beerdigungsinstituts aus Franken schreibt:

Wir haben seit 8 Wochen einen Praktikanten, B. (19), der sich auf eine Ausbildung vorbereitet. Mir ist aufgefallen, dass B. schon ein paarmal einen älteren Mitarbeiter, J. (61) aus der Werkstatt geholt hat und gebeten hat, ihm zu helfen. Das ist nichts Ungewöhnliches, denn manche Arbeiten an den Särgen sind erklärungsbedürftig, mitunter gefährlich (Maschinen, Elektrowerkzeuge, Kompressor) oder körperlich schwer.

Neulich kam mir das aber komisch vor und ich habe J. gefragt, wobei er denn B. immer wieder helfen muss.

Die Antwort hat mich dann doch überrascht:

„Herr G., damals hat der Elektriker einige unserer Steckdosen um 90 Grad gedreht eingebaut, also mit den Löchern übereinander statt nebeneinander. Das soll praktischer sein, damit sich bei nebeneinanderliegenden Steckdosen diese Steckernetzteile nicht immer im Weg sind. Und davor hat der B. immer Angst. Ich hab‘ den beobachtet, wie der 20 Minuten lang versucht hat, einen Stecker in die Steckdose zu stecken. Er war völlig überfordert und hat angefangen zu weinen. Ich mein‘, ein junger Mann, Chef, der wegen sowas anfängt zu weinen. Ganz ehrlich, Chef, früher als die alle noch zur Bundeswehr gemusst haben, hat es sowas nicht gegeben. Dann hat er die Aktion abgebrochen und gesagt: ‚J., das passt nicht, das muss ein ausländischer Spezialstecker sein.‘ Seitdem holt er mich immer, wenn er was eingestöpselt haben will.“

Tür Enigma

Die Allerliebste kommt von der Arbeit nach Hause. Sie schüttelt minutenlang mit dem Kopf.
Meine Frau arbeitet bei einer Behörde. Die Eingangstür zum Gebäude liegt im Sichtbereich ihres Büros.
Normalerweise schwingt die Tür automatisch auf, wenn sich Personen nähern. Das ist für Behinderte, Ältere und, wie wir sehen werden, auch für manche junge Leute sehr hilfreich.
Wie zuvor erwähnt, es ist keine automatische Schiebetür, wie bei Supermärkten, sondern eine ganz normale Tür, die aufschwingt und nach kurzer Zeit langsam wieder zufällt.

Nun war es ja die letzten Tage etwas kalt, es gab ein bißchen Schnee, und ob dieser widrigen Umstände neigen nicht nur manche Leute zum Versagen, sondern auch so manche Technik. In diesem Fall wollte die Automatik der Tür nicht mehr mitspielen. Man musste also nach guter alter Sitte, so wie es die Leute ja auch zu Hause und sonstwo machen müssen, die Tür von Hand aufmachen. Also Klinke drücken, an der Tür ziehen, einen genügend großen Spalt herstellen und durch diesen ins Gebäude eintreten.

Ich mache das hier bei mir zu Hause jeden Tag mehrmals und muss nicht darüber nachdenken. Solche Abläufe sind mir seit Kindestagen so vertraut, dass ich sie, ohne mein Gehirn anstrengen zu müssen, automatisch durchführe. Leute, es geht ums Tür auf- und zumachen…

An dieser, hier in Rede stehenden, Tür muss man noch nicht einmal eine Klinke betätigen, man muss nur am Griff ziehen.

Die Allerliebste berichtet, dass sich schon frühmorgens eine Schlange von etwa 13 Personen vor der Tür gebildet hat. Sie ging nicht, wie gewohnt, automatisch auf und so blieben die ratsuchenden Bürger und Antragsteller vorsichtshalber erst einmal in der Kälte stehen.
Das hat dann eine mitleidige Mitarbeiterin der Behörde dazu veranlasst, einen Aufsteller mit einem A1-großen Plakat neben die Tür zu stellen: Automatik defekt. Bitte Tür von Hand aufmachen und eintreten.

Aber, wer glaubt, damit sei das Problem nun gelöst, der irrt. Vielen Leuten war das natürlich tatsächlich eine Hilfe. Aber eine große Zahl von Menschen scheiterte an der Aufgabe, die auf der Tür angebrachte Anweisung ZIEHEN zu verstehen. Eine Frau läuft auf die Tür zu, und was macht sie? Sie drückt. Obwohl da Ziehen steht. Und statt es dann mal mit Ziehen zu probieren, bleibt sie ratlos vor der Tür stehen. Sie schaut auf die Tafel mit den Öffnungszeiten, schaut auf die Uhr, scheint sich darüber zu wundern, dass noch nicht geöffnet ist.
Es kommt ein junger Herr dazu. Er probiert erst gar nicht, sondern erfährt von der Frau, dass noch „zu“ ist. Beide stehen da und werden einige Minuten später von einer weiteren jungen Frau verstärkt, die sich zu ihnen stellt.
Dann kommt ein Opa mit Stock. Er schaut nur verwundert auf die wartende Gruppe, geht auf die Tür zu, zieht am Griff, öffnet die Tür und geht rein. Hinter ihm geht die Tür wieder zu.

Frage: Was passiert jetzt?

Antwort: Die zuletzt hinzugekommene Frau läuft auf die Tür zu, und drückt, statt zu ziehen. „Scheiß Technik, hier funktioniert ja gar nichts, ich werde mich beschweren!“, ruft sie so laut, dass man es im Gebäude hören kann.

Jemand von den Beamten geht raus und lässt die Leute rein. Das heißt, ein Mensch, der Besseres zu tun hätte, muss seine Arbeit unterbrechen und Leuten dabei helfen, zu verstehen, wie man eine Tür aufmacht.

So ging das bis zur Mittagszeit am laufenden Band. Zwei Drittel der Menschen waren klug genug, schätzt die Allerliebste. Aber doch ein starkes Drittel mündiger Bürger scheiterte den ganzen Vormittag über am einfachen Öffnen einer ganz normalen Tür.

Das Tresorproblem

Ich möchte einen kleinen Tresor anschaffen. In unserem Ortsblättchen bietet ein junger Mann einen solchen gebraucht und günstig an. Ich rufe ihn an und frage, wie groß der den ist.
Der junge Mann, der in Heidelberg studiert, sagt, er würde das ausmessen und mich dann zurückrufen.
Am Abend ruft er an: „Sie, ich kann das leider nicht ausmessen. Erst nach dem Wochenende, wenn ich bei meinen Eltern war. Dann bringe ich diesen aufklappbaren Messstock mit. Ich hab hier nämlich nur ein Lineal, aber das ist mit 20 cm zu kurz, da kann ich den Tresor nicht mit ausmessen, der ist länger.“

Nochmal Bezintank

Ich will wegfahren, fahre aus der Garage heraus und bleibe kurz stehen, um zu sehen, dass sich das Garagentor auch schließt. Dabei fällt mein Blick auf eine junge Frau gegenüber. Sie steht mit einem brennenden Feuerzeug an der geöffneten Tankklappe ihres Autos…

„Was machen Sie denn da? Das sieht ziemlich gefährlich aus.“

„Ich war an der Tankstelle und hab den Tankdeckel nicht aufgeschlossen gekriegt, der ist eingefroren.“

„Tun Sie mal das Feuerzeug weg, bitte, das ist echt gefährlich!“

„Ja, aber ich habe bei Google nachgeschaut und im Frageforum heißt es, man soll den Tankschlüssel warm machen.“

„Aber doch nicht, wenn er im Schloss steckt. Schon gar nicht, wenn es das Schloss vom Tankdeckel ist.“

„Da wissen Sie aber nicht richtig Bescheid. Ich meine, das steht schließlich im Netz.“

„Schon mal was davon gehört, dass Benzindämpfe explodieren können?“

Sie zuckt zurück: „Ach, echt jetzt? Stimmt ja! Scheiße!“

„Sehen Sie.“

„Und was mach ich jetzt?“

„Eimer heißes Wasser langsam über den Tankdeckel schütten? Enteisungsspray?“

„Enteisungsspray hab ich.“

„Und warum nehmen Sie das dann nicht?“

„Das kann ich nich‘ nehmen, das is‘ nicht für Tankschlösser, weil da draufsteht, das wär für Türschlösser.“

Die Ringdosen

Neulich erst hörte ich, wie sich zwei etwa zwanzigjährige junge Männer im Supermarkt unterhielten.

„Lass die stehen! Das sind Scheißdosen. Das sind Ravioli von Maggi!“

„Die sind doch voll lecker!“

„Ja, aber ohne Ring! Wie soll man die aufmachen? Die haben oben nicht son Ring zum Deckelöffnen. Die sind nur für alte Leute, die wissen, wie son altmodisches Teil geht.“

„Was’n für’n Teil?“

„Wie heißen die, die komischen Dinger da; Dosenöffner oder so.“

„Ich hab einen Dosenöffner. Hab ich zum Einzug von meiner Patentante gekriegt.“

„Ja, dann können wir die Dose doch nehmen.“

„Nee, biste blöd oder was? Ich hab schon probiert, ich kann das mit dem Öffner nicht. Das ist voll was für alte Leute. Ich kauf‘ auch nur mit Ring.“

Das Bärchenproblem

Ich hab‘ noch nie Bärchenwurst gegessen. Lange dachte ich, es sei doch schade um die Bären. Außerdem besteht doch die Kunst des Metzgers in erster Linie darin, uns zu ersparen, den getöteten Massenhaltungsviechern ins Gesicht schauen zu müssen. Aber gekauft habe ich Bärchenwurst natürlich schonmal. Meine Kinder fanden die lustig.

In der Metzgerei stehen etliche Frauen vor mir in der Schlange. Die vor mir kauft eben diese Bärchenwurst und sagt: „Sonst will Jonas die nicht essen.“
Damit hatte ich nicht gerechnet. Normalerweise bin ich eher Leute gewöhnt, die alles daran setzen, dass ihre Kinder keine Wurst essen, sondern irgendsoein vegantisches Sojageprömpel.
‚Tolle Mutter, die weiß, was gesund ist‘, denke ich und ändere meine Meinung aber sofort wieder, denn sie sagt: „Und noch so eine kleine grobe Leberwurst. Aber machen Sie die bitte aus der Pelle raus in so ein Plastiktöpfchen. Ich weiß immer nicht, wie man die Metallplomben am Ende der Wurst abkriegt. Hab schon alles versucht, Zange und so…“ Sie lacht und schaut sich beifallheischend um.

Der Ausstecher

Der Ausstecher ist kein Serienmörder, der seinen Opfern die Augen aussticht. Mit Ausstecher meine ich einen ganz normalen Plätzchenausstecher. Das kennst Du, das sind so schön geformte Rähmchen aus Metall oder Plastik, mit denen man aus ausgerolltem Teig Plätzchen ausstechen kann. Es gibt solche Plätzchenausstecher in allen möglichen Formen, wie Tannenbäume, Sternchen und, wie ich neuerdings sah, sogar auch in Penisform.

Leider finde ich das YouTube-Video nicht mehr. Ich habe es gesehen, als ich mich vor zwei, drei Jahren sehr mit 3D-Druckern beschäftigt habe. In diesem Video erklärt ein sehr netter junger amerikanischer Mann mit roten Bäckchen, dass er viele ganz tolle Sachen mit seinem 3D-Drucker gedruckt hat. Ein Schäufelchen für Salz und Zucker, einen Trichter für Essig oder Öl und auch einige Plätzchenausstecher.

So weit, so gut.

Nur kommt der Junge bei der Bewertung der Alltagstauglichkeit der neu hergestellten Sachen ausgerechnet bei den Plätzchenausstechern zu einem ganz schlechten Ergebnis.
Die taugen nichts, die funktionieren nicht, die sind nutzlos, sagt er.

Und dann dürfen wir ihm dabei zuschauen, wie er fertiggebackene, gekaufte Kekse aus einer Dose nimmt, und versucht, aus dem Trockengebäck mit seinen Plätzchenausstechern Formen auszustechen.

Fazit:

Ich stehe auch manchmal vor Problemen, die mir auf den ersten Blick kompliziert oder sogar unlösbar erscheinen. Und natürlich schaue auch ich im Netz nach. Die Zeiten, in denen man in Büchern nachgesehen hat, sind vorbei. Aber es gehört wohl in den Bereich Internetkompetenz, dort unter den möglichen Lösungsvorschlägen die Spreu vom Weizen trennen zu können.

Oft komme ich auch durch bloßes Nachdenken auf die Lösung. Einfach mal zurücklehnen, nachdenken, abwägen und überlegen. Funktioniert erstaunlich gut und bringt einen auch ohne Google & Co. der Lösung näher.

Aber, es gibt Probleme, die ich nicht lösen kann; wo ich auf einen Fachmann angewiesen bin.

Das Leben ist voll von komplizierten Sachen.

Angst macht mir, dass ich zunehmend beobachte, wie Leute an ganz kleinen Dingen, an ganz normalen Alltagsherausforderungen und an selbstverständlich von jedermann zu erwartenden Fertigkeiten scheitern.

Hat es nicht etwas mit Allgemeinbildung zu tun, gehört es nicht irgendwie zum Bildungsauftrag von Kindergärten und Schulen, jungen Menschen auch bestimmte Alltagsfertigkeiten zu vermitteln?
Ich meine, wer nicht weiß, dass man Wurstzipfel auch abschneiden kann, wer nicht in der Lage ist, einen Stecker umzudrehen, und wer nicht weiß, dass Benzin und Feuer keine gute Kombination sind, der darf doch nicht auf die Menschheit losgelassen werden.

Die haben Kinder, die dürfen Autofahren, die dürfen wählen!

Es kann doch als Daseinsgrundlage nicht ausreichen, Videos von sich selbst in hilflosen Situationen zu machen?

Bin ich jetzt blöd, oder sind die es?

Bildquellen:

  • to-bake-2881971_1280_800x500: Benedikt Geyer PIXABAY
  • schneechaos_800x500: Peter Wilhelm KI
  • schloss_800x500: Peter Wilhelm KI
  • Bildschirmfoto-2026-01-17-um-05.27.13_800x500: TikTok CelinaT ©/Blick CH Screenshot
  • sausage_800x500: Hans / Pixabay
  • ravioliii_800x500: Peter Wilhelm KI
  • flamme_800x500: Peter Wilhelm KI
  • tresor: Peter Wilhelm: OpenClipArt/Pixabay
  • satadeck_800x500: Peter Wilhelm crop/setgap
  • tanke2_800x500: Peter Wilhelm KI

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(©si)