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Vom Umgang mit der Schuld

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Bild von Alexas_Fotos auf Pixabay

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Heute wurde ein 93-jähriger Mann zu zwei Jahren Gefängnis Jugendhaft auf Bewährung verurteilt. Während der Zeit des Dritten Reichs war er als Wehrmachtsangehöriger zur Bewachung eines Konzentrationslagers abkommandiert worden. Gegen den hochbetagten Greis wurde dennoch nach Jugendrecht verhandelt, denn zum Zeitpunkt der Tatbegehung war er erst 17 Jahre alt gewesen.

Mir ist bewußt, dass viele anders darüber denken, mir ist die Meinung der KZ-Überlebenden bekannt. Ich schätze und verstehe und respektiere andere Meinungen, habe aber auch meine eigene.

Natürlich kann man mit den wenigen noch lebenden Tätern der NS-Diktatur die Situation einfach aussitzen. Das stirbt sich nämlich aus.
Aber unser Staat geht, seit mit John Demjanjuk 2004 das erste Mal ein Mitglied der Wachmannschaften verurteilt worden ist, nun auch mit den übrigen, wenigen, noch lebenden Wachmännern ins Gericht. Wer das mit John Demjanjuk nochmal nachlesen will, kann das unter diesem Link tun: https://de.wikipedia.org/wiki/John_Demjanjuk. Es gibt aber auch bei NETFLIX eine gut gemachte Doku über diesen Fall.

Doch der hohe Respekt vor alten Menschen, der mir innewohnt, da ich meine Großeltern alle nicht habe erleben können, läßt mich die Stirn runzeln, wenn ich höre oder lese, dass weit über 90 Jahre alte Greise heute wegen 75 Jahren zurückliegender Taten noch vor Gericht gestellt werden.

Mensch, der Junge war damals 17. Mit 17 habe ich die Welt noch nicht verstanden, ja, mit 27 noch nicht. Omnipotent und vorlaut meint man in diesem Alter, die Welt verstehen und bewegen zu können, aber vom Großen und Ganzen verstehen doch junge Menschen noch lange, lange nichts.
Ja, er hätte doch den Dienst verweigern können, hielt die Richterin dem Greis vor. Hätte er? Hätte er überhaupt daran gedacht, so zu denken? In einem Volk, das mehr oder weniger kollektiv Heil gerufen hat. Wie groß ist die Schuld eines solchen Menschen? Sagt es mir?

Juden sind überall im Deutschen Reich benachteiligt, unterdrückt, verfolgt und deportiert worden. Ihr Hab und Gut wurde unter den Volksgenossen meistbietend versteigert. Nee, mir kann keiner, aber wirklich keiner erzählen, er habe davon nichts gewußt. Und wie blond und blauäugig will man denn gewesen sein, wenn es um die Frage ging, was mit den deportierten Juden wohl geschehen mag?

Der seit Ewigkeiten schwelende Antisemitismus und die urdeutsche Tugend, der Neid, haben so manchen das alles einfach ignorieren lassen. Es muss ja schon was dran sein… Die haben’s ja irgendwie verdient… Die bekommen alle schöne Häuser und Arbeit in der östlichen Landwirtschaft…

Ich sabbele nur. Ich war nicht dabei, ich habe mir nur so meine Gedanken gemacht, denn ich war von vielen, die damals nichts gewusst haben wollen, umgeben.

Wenn also einer nicht zu den Akteuren der Judenverfolgung gehört hat, dann soll man jetzt meinetwegen endlich mal einen Strich unter die Sache ziehen. Wir haben es verstanden: Mord verjährt nicht, auch bis zum letzten Tag werden Täter noch verfolgt… Alles klar.
Aber so alte Opas, die meist weder Prozess, geschweige denn eine Haft überstehen würden, die sollte man jetzt einfach in Ruhe lassen. Die meisten von ihnen waren den Kinderschuhen kaum entwachsen, als Hitler sie zu Mittätern machte, so wie er ein ganzes Volk zu Mittätern gemacht hat. Danach haben diese Menschen 75 Jahre ein ganz normales bürgerliches Leben geführt.

Man sollte sie jetzt in Ruhe lassen.

Los, auf! Was meinst Du denn dazu?

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Hier veröffentlicht der Publizist Peter Wilhelm Informationen und Geschichten rund um den Bestatterberuf.
Mehr über den an Allerheiligen geborenen Autor finden Sie u.a. hier und hier.
Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Texte rein zur Unterhaltung. Keine Rechts-, Steuer- oder Medizinberatung!


    



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Peter Wilhelm 23. Juli 2020

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