Frag doch den Undertaker

Wird mein Vater bei der zweiten Leichenschau wieder entkleidet?

Junge Frau bringt Blumenschmuck zum Sarg ihres Vaters

Wenn ein geliebter Mensch verstirbt, bleiben oft nicht nur Trauer und Erinnerungen zurück, sondern auch viele Fragen zu dem, was danach geschieht. Besonders die zweite Leichenschau wirft bei Angehörigen immer wieder Unsicherheiten auf – Zeit, hier einmal sachlich und verständlich Licht ins Dunkel zu bringen.

Hallo Herr Wilhelm,

als mein Vater verstorben ist, war ich bei der Feststellung seines Todes durch den Hausarzt anwesend. Der Arzt hat meinen Vater dabei weitgehend entkleidet und ihn sorgfältig untersucht – unter anderem im Hinblick auf Totenflecken, Pupillenreaktion, Atmung und beginnende Totenstarre.

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Einige Tage später war ich auch bei der hygienischen Versorgung und beim Einbetten dabei. Ich habe meinen Vater selbst gewaschen, angekleidet und ihn mit Kissen, Decke und ein paar Blumen in den Händen in den Sarg gelegt. Mein Vater war zu Lebzeiten sehr genau, was seine Kleidung anging, und mir war es wichtig, dass alles ordentlich sitzt – so, wie er es selbst gewollt hätte.

Da in Nordrhein-Westfalen eine zweite Leichenschau vorgeschrieben ist, beschäftigen mich seitdem einige Fragen: Was genau macht der Arzt bei dieser Untersuchung? Wird der Verstorbene dabei erneut vollständig entkleidet? Und wird anschließend wieder darauf geachtet, dass Kleidung, Beigaben und Sarginhalt ordentlich hergerichtet werden – oder wird alles eher pragmatisch gehandhabt?

Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir dazu etwas sagen könnten.

Vielen Dank im Voraus.

Sehr geehrte Frau …,

zu Ihrem Verlust mein herzlichstes Beileid.

Es ist sehr schön, was Sie alles für Ihren Vater getan haben.
Auch, dass der Arzt so sorgfältig untersucht hat, finde ich gut. Ich habe sehr viele Leichenschauen miterlebt, und kann Ihnen sagen, dass die von Ihnen geschilderte Sorgfalt, wie auch der Zeitaufwand, sehr außergewöhnlich sind. In vielen Fällen dauert das keine zwei Minuten.

Die zweite Leichenschau findet unmittelbar vor der Einäscherung statt. Der Amtsarzt kommt ins Krematorium und untersucht alle Verstorbenen. Diese wurden zuvor von den Krematoriumsmitarbeitern entkleidet. Die Kleidung liegt dann lose im Sarg.
Der Arzt muss sich davon überzeugen, dass die Person wirklich tot ist. Außerdem sucht er nach Zeichen, die auf einen nicht natürlichen Tod hinweisen. Bei einer Kremierung ist ja hinterher keine Exhumierung des Leichnams mehr möglich. Der Arzt achtet auch auf Hinweise auf Pflegefehler. So soll ausgeschlossen werden, dass Menschen durch Pflegevernachlässigung verstorben sind. Findet er Hinweise auf das eine oder andere, wird die Polizei verständigt und die Einäscherung aufgeschoben.

Kommt der Arzt hingegen zu dem Ergebnis, was fast immer der Fall ist, dass keine Hinweise auf einen nicht natürlichen Tod vorliegen, gibt er seine Zustimmung zur Einäscherung. In fast allen mir bekannten Fällen wird der Sarg dann so, wie er ist, ins Feuer geschoben.

Ich weiß, was Sie bewegt. Sie möchten, dass Ihr Vater ordentlich bekleidet eingeäschert wird.
Der Wunsch ist verständlich und auch nicht überzogen. Aber er entspricht leider nicht der Lebenswirklichkeit.

Man geht einfach davon aus, dass das Einkleiden eines Verstorbenen in erster Linie den Angehörigen dient, die beispielsweise bei einer offenen Aufbahrung ein anständiges Bild haben möchten. Dem Verstorbenen, so sagt man, könne das doch egal sein, er bekomme davon doch nichts mit. Insofern, so meint man, sei ein Ankleiden unmittelbar vor dem Einäschern auch nicht mehr erforderlich.

Was können Angehörige tun, die unbedingt möchten, dass nach der amtsärztlichen Untersuchung noch ein Wiederankleiden erfolgt?
Nun, man könnte beim Krematorium anrufen und fragen, wie das dort genau gehandhabt wird. Im Zweifelsfall kann man dann darum bitten.
Wirkungsvoller ist es, wenn man das Krematorium aufsucht und den zuständigen Mitarbeitern ein adäquates Trinkgeld anbietet.
Desweiteren kann man den beauftragten Bestatter bitten, sich darum zu kümmern. Es wäre denkbar, dass dieser gegen Berechnung oft erheblicher Mehrkosten, zum Krematorium fährt und die Kleidung wieder anzieht.
Ob eine dieser Möglichkeiten funktioniert, hängt von der Kooperationsbereitschaft vor Ort ab.

Was würde ich tun?
Nun, auch meine Mutter ist eingeäschert worden. Sie wurde ebenfalls schön eingekleidet und eingebettet. Über das, was dann hinter den Türen des Krematoriums geschieht, habe ich mir aber bewusst keine Gedanken gemacht.
Für mich war der Abschied von der körperlichen Existenz nach der Trauerfeier und der Übergabe ans Krematorium vollzogen.

Es gibt einen Punkt, von dem an der Körper nicht mehr relevant ist, sondern nur noch unsere Erinnerungen und das Andenken, das wir dem Verstorbenen bewahren.
Man hat es selbst in der Hand, wann man diesen Punkt setzt.

Ich hoffe, ich konnte Ihnen mit meinen Ausführungen helfen. Wenn Sie noch Fragen haben, oder wenn ich etwas nicht beantwortet oder falsch verstanden habe, melden Sie sich bitte gerne.

Für die Spende per Überweisung danke ich Ihnen.

Mit trotzdem den besten Wünschen für das Osterfest verbleibe ich
Peter Wilhelm

Bildquellen:

  • aufbahrung_800x500: Peter Wilhelm KI

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