Der elektrische Reiter

Der muß schon so an die 80 sein, er hört etwas schlecht, versteht auch sonst nicht viel, aber wir sind ja den Umgang mit alten Menschen gewöhnt. Umso mehr wundert es mich, daß er fragt, ob wir auch elektrische Post verschicken können.

„Wie bitte?“ erkundige ich mich vorsichtshalber.

„Ja, so elektrische Post, mit dem Computer oder wie die Dinger heißen.“

„Natürlich haben wir E-Mail und Computer.“

„Gut, gut, gut“, sagt er und ich wundere mich wirklich. So ein alter Mann und der will via E-Mail mit uns kommunizieren.

„Sie möchten, daß wir Ihnen E-Mails schicken oder Sie wollen uns welche schicken?“

„Nee, nee, neeeee, ich hab da keine Ahnung von. Nur weil man das jetzt immer hört, damit ich weiß, wenn ich elektrische Post krieg, daß die von Ihnen ist.“

„Sie haben gar keinen Computer, dann schicken wir Ihnen auch keine E-Mail.“

„Nee, die sowieso nicht und elektrische Post auch nicht.“

„Nein, machen wir nicht, ganz bestimmt nicht.“

Fehler durch Lektorin Anya bereinigt.

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  • Veröffentlicht am: 23. Mai 2008
  • 14 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Allgemein

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!

Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

14 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. Immerhin! Er hat mit seinen 80 Jahren noch eine leise Ahnung davon, dass es sowas wie E-Post gibt. Ich bekomme ab und an schon mal nen Kulturschock, wenn ich unseren Praktikanten zuhoere, wie sie fachsimpeln …

  2. Der elektrische Reiter, ist das nicht ein Film mit Robert Redford?

  3. Na, so abwegig ist das gar nicht. Vor ca 4 Jahren hab ich meinem alten Herrn (Baujahr 1928) einen PC aufgeschwatzt, seither steht im Wohnzimmer meiner Eltern auch ein PC-Tisch.

    Installation und Internet-Anschluss habe ich gemacht, dabei hab ich den Explorer umbenannt in „Internet“, Outlook in „Email“ etc., und ihm gleich einen Crash-Kurs „Computer“ verpaßt …

    Leider vergißt der alte Herr immer mal wieder, wie man das Ding bedient. Da ich nicht die Geduld hab, zum 375. Male zu erklären, wie man eine Mail versendet, darf dann mein Mann ihm erklären, wie das nu geht …

    Einmal hat er den PC aber derart flachgelegt, dass alles zu spät war. Legt aus Neugier eine AOL-Werbe-CD ein, vergißt sie im Laufwerk und bootet beim nächsten Start von dieser CD. Der PC war total auf links gezogen. Nachdem auch die Kollegen meines Mannes keinen Rat wußten, wurde die Kiste schließlich dann vom 15-jährigen Sohn unserer Nachbarn „repariert“ …

  4. Das ist süß. Mein Großonkel in Irland ist 85 und der hat mich auf der Beerdigung meiner Oma vor 3 Jahren gefragt, wie denn meine E-Mail-Adresse laute. Seither bekomme ich ab und an Mails von ihm. Echt klasse.

  5. Thx
    Du hast gerade mein Grossvater beleidigt. Leider kann er dir nicht mehr ein e-mail schicken, da er vor zwei Jahren schon mal Kunde bei einem Kollegen von dir war.

    Die Computer-Senioren sind nicht mehr so selten und rar. Aber ich denke du hast da den besseren Überblick wie die aktuelle Quote ist.

    PS: Wer ist eigentlich der älteste Blogger?

  6. Ist ja süß ;)..wenigstens hat er überhaupt was von der neuesten Entwicklung mitbekommen *g*…

  7. Moin,

    dude hat Recht, die Computer-Senoiren sollte man nicht unterschätzen.

    Ich habe vor ca. 5 Jahren im Hotel ein Veteranen-Treffen organisiert, mein Ansprechpartner war zum damaligen Zeitpunkt jung gebliebene 84 Jahre alt.
    Als es um die Belegungsliste für die gebuchten Zimmer ging, fragte er mich, ob es ok sei, wenn er mir diese als Excel-Tabelle per email zuschickt, sein Drucker wäre aktuell in Reparatur.
    Ich gestehe, ich war ein wenig baff, nickte aber brav. „Prima“ sagte er, „dann gehe ich jetzt auf mein Zimmer und werde noch die besprochenen Punkte ändern und Ihnen dann alles zusenden.“
    Bei unserem nächsten Gespräch vor Ort saß er mir mit Laptop gegenüber und tippte alle Änderungen direkt in seinen Computer.
    Auf meinen doch etwas verwunderten Blick reagierte er mit: „Ich hasse es, wenn die Menschen in meinem Alter bzw. in meiner Generation sich so gehen lassen und sich nicht mehr für neue Dinge interessieren. Das Internet ist doch eine so tolle Sache!“
    Obwohl ich nur für kurze Zeit mit ihm zusammen arbeiten konnte (er ist kurz nach dem Treffen an einem Schlaganfall gestorben), ist er mir in Erinnerung geblieben.

    Gruß.
    elinore

  8. @elinore: Ja, früher gab es für die Alten nur Kreuzworträtsel. Heute halten sie sich auch mit Reaktionsgames fit. Ich kenne genügend noch Berufstätige, die noch nie einen PC angefasst haben, auch nie einen anfassen werden. Ich gehe hin und wieder in eine Spielothek und freu mich, wenn ich dort den jungen Spunden die Highscore kaputtmachen kann. Daran merke ich, dass ich doch noch nicht zum alten Eisen gehöre.

  9. Von wegen alt und tatterich. Ich kannte jemand, der hat mit 100 (in Worten: hundert) Jahren das e-mailen gelernt und hat dann bis zu seinem Tod (mit 105) jede Woche mit seiner Tochter E-Mails gewechselt. Man sollte alte Leute nicht unterschätzen. (Total OT: Adenauer ist auch erst in einem Alter Bundeskanzler geworden, in dem andere sich nach einem Grabplatz umsehen.)

  10. Meine Frau fragt mich oft:“Wirst du denn nie erwachsen?“ Antwort: „Hoffentlich nicht!“

  11. wenn er vom handy aus telefoniert hat, dann hat er sich einen spaß gemacht, von dem er im seniorenheim erzählen wird ;)
    mitlesende grüße von der bestens unterhaltenen neptunia

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