Die Brücke II

Jens heißt der junge Mann, der von der Brücke gesprungen ist und seine Eltern heißen Dieter und Carola. Wir brauchten gar nicht bei denen anrufen, sie kamen gegen Abend von selbst vorbei, brachten eine Mappe voller Dokumente mit und saßen einfach nur fassungslos da.

Muß ich sagen, daß Dieter und Carola unisono berichteten, es gäbe auch nicht den geringsten Anlaß für Jens‘ Todessprung?

„Wir sind doch eine ganz normale Familie, so was hat es bei uns noch nie gegeben“, sagte Vater Dieter und Mutter Carola schüttelte nur immer wieder den Kopf, wischt sich ihre Tränen ab und beteuert: „Wir haben doch alles für ihn getan.“

Einmal mehr zeigt sich, daß man niemanden so wirklich kennt, niemanden, manchmal nicht mal sich selbst…

Dieter und Carola Eisner sind leer. Welche Eltern machen sich schon Gedanken darüber, was mal sein wird, wenn sie eines ihrer Kinder beerdigen müssen? Es gibt genügend ältere Menschen, die sich keine Gedanken über ihr Ableben machen und sie hinterlassen oft Angehörige, die hilflos beim Bestatter sitzen und noch nicht einmal wissen, ob der Verstorbene verbrannt werden wollte oder nicht.
Bei Älteren denke ich dann manchmal, daß die sich ja nun wirklich schon mal mit dem Thema hätten beschäftigen können, schließlich sehen sie, daß um sie herum der Bekannten- und Verwandtenkreis sich immer mehr ausdünnt.

Zunächst einmal kann ich den Eisners nur helfen, indem ich sie durch die Vorbereitungen der Trauerfeier leite und sie berate. Ich frage also nach der Bestattungsart und Frau Eisner und Herr Eisner antworten gleichzeitig, sie sagt: „Jens soll verbrannt werden“ und er sagt: „Auf keinen Fall einäschern“.

Das Ehepaar schaut sich an, er faßt ihre Hand, sie zuckt mit den Achseln. Ich versuche zu beraten, weise auf die Laufzeiten der Gräber und die Ruhezeiten hin, erkläre den Ablauf der Trauerfeier und zeige die Unterschiede zwischen einer Erd- und einer Feuerbestattung auf. Vielleicht ergibt sich daraus eine Entscheidungshilfe für die Eisners.
Sie sind immer noch unschlüssig, diskutieren miteinander und jeder von ihnen erinnert sich daran, daß ihr Sohn bei irgendwelchen Gelegenheiten mal das eine, mal das andere gesagt haben soll.

„Was für ein Grab soll es denn sein?“ erkundige ich mich.

Herr Eisner sagt: „So ein großes, für die ganze Familie.“

Ich rechne ihnen vor, was so ein Familiengrab kostet, weise auf ihr junges Alter hin und zeige ihnen auf, daß sie dreißig Jahre oder länger ein großes Familiengrab bezahlen und pflegen müßten, obwohl da nur ein Verstorbener bestattet wäre.

„Das wäre ja auch Quatsch oder was meinst du“, fragt Herr Eisner seine Frau, doch die zuckt wieder nur mit den Achseln und schüttelt den Kopf.

„Wer soll denn noch alles in das Grab?“ frage ich nochmals nach und Herr Eisner sagt: „Na, der Opa, also der Vater meiner Frau. Die Oma ist ja schon vor zehn Jahren gestorben und ihre Urne ist in so einem kleinen Minigrab, sowas wollen wir auf keinen Fall.“

„Wenn das so ist, dann könnte man doch ein Familiengrab nehmen. Ich wußte ja nicht, daß es da noch Eltern gibt. Also würde man jetzt Jens dort beisetzen, dann den Großvater, wenn man mal von der normalerweise zu erwartenden Reihenfolge ausgeht und wenn sie das so wollen, können wir in ein paar Jahren auch die Urne der Oma noch dort mit hineingeben.“

Frau Eisner faßt sich etwas, nickt heftig und sagt: „Das wäre schön, so habe ich mir das eigentlich immer gewünscht.“

„Ja, dann…“, sagt Herr Eisner, bricht ab und schaut seine Frau an, während er ihre Hände hält. Sie sagt mit fragendem Ton: „Kevin?“ und er nickt. Dann wendet er sich an mich: „Es ist nämlich so, daß wir vor 23 Jahren schon einmal ein Kind hatten. Kevin ist mit vier Monaten gestorben, das Grab ist auch noch da.“

„Hmm, 23 Jahre ist aber an der Grenze, normalerweise sind Kindergräber da schon abgelaufen.“

„Das wissen wir. Das ganze Feld ist schon vor ein paar Jahren abgelaufen, aber es sind da noch ein paar Gräber am Rand, die laufen noch bis nächstes Jahr und dann wir das ganze Feld plattgemacht. Offiziell sind die anderen Gräber schon abgelaufen, aber wir können das Grab noch pflegen bis es dann soweit ist.
Meine Frau würde das Grab am Liebsten gar nicht hergeben, aber da die Ruhezeit für Kinder so kurz ist, sagen die von der Verwaltung, daß da jetzt alles vorbei ist.“

„Ich bezweifle auch, daß da noch wirklich viel in der Erde ist. Ob man da überhaupt an eine Umbettung denken sollte… Man müßte mal mit der Verwaltung sprechen. Was aber auf jeden Fall geht und machbar ist, wir können dann entweder auf den Grabstein am neuen Familiengrab Kevin mit aufführen oder noch einen kleineren Gedenkstein auf das Grab legen.“

Frau Eisner macht große Augen, tippt mit dem Finger auf meinen Notizblock und sagt: „Schreiben sie das bitte so auf! Ich will nicht, daß da was ausgegraben wird, aber wenn wir schon ein Grab für die ganze Familie bekommen, dann soll der Kevin wenigstens mit auf dem Stein stehen.“

So diskutieren wir fast eine halbe Stunde über Gräber, Grablaufzeiten, Ruhefristen und unten im Keller liegt ein junger Mann in der Kühlung, der von einer Brücke gesprungen ist. Über ihn verlieren die Eisners kaum ein Wort, sagen nur das Notwendigste. Offenbar hilft es ihnen momentan, sich mit dem anderen Drumherum zu beschäftigen, dann müssen sie nicht an diesen Fall denken.

Es führt aber kein Weg daran vorbei, auch für Jens müssen jetzt Entscheidungen getroffen werden.
Ich lege unser Formular wieder zuoberst auf meinen Stapel und fordere die beiden nochmals auf: „So, jetzt müssen wir aber entscheiden, ob Jens eingeäschert wird oder nicht.“

Herr Eisner ergreift das Wort: „Sie haben da vorhin so was gesagt, daß man auch eine Urnentrauerfeier machen kann. Wie war das nochmal ganz genau, ich glaube das wäre genau das Richtige für uns. Dann käme doch eine Feuerbestattung in Frage.“

„Nun, bei einer normalen Beerdigung steht ja der Sarg in der Trauerhalle, alle Trauergäste nehmen dort an der Trauerfeier teil und anschließend begleiten sie den Sarg zum Grab, wo dann die Beerdigung stattfindet. Ein gemeinsamer Gang, ein Weg. Bei einer Feuerbestattung sieht das in den meisten Fällen anders aus. Da steht auch der Sarg in der Halle, es gibt ebenfalls eine Trauerfeier, aber dann ist alles ziemlich abgeschnitten. Die Trauerfeier endet, der Sarg bleibt stehen und wird später ins Krematorium gebracht. Eine oder zwei Wochen später ist dann erst die Beisetzung der Urne. Man muß wieder auf den Friedhof, geht zum Grab, hat also zwei schwere Gänge auf den Friedhof.
Besser finde ich persönlich die Urnentrauerfeier. Wir würden Jens, wenn sie sich dann für eine Feuerbestattung entscheiden würden, schon sehr bald ins Krematorium bringen und dafür sorgen, daß die Urne recht zügig zur Verfügung steht. In etwa acht bis zehn Tagen könnte dann auf dem Friedhof eine Trauerfeier stattfinden. Vorne steht dann statt des Sarges die Urne, alle Trauergäste nehmen an der Trauerfeier teil und begleiten dann die Urne zum Grab und nehmen an der Beisetzung teil.
Das hat mehrere Vorteile. Zum einen braucht man für die Einäscherung keinen besonderen Sarg nehmen, das einfachste Modell genügt, denn den Sarg sieht ja niemand. Zum anderen hat man nur einen schweren Gang auf den Friedhof, weil alles zusammen passiert, diese einsame Urnenbeisetzung entfällt.“

„So machen wir das!“ sagt Frau Eisner, blickt ihren Mann an und sagt: „Dieter, ich will da vorne keinen Sarg stehen haben, ich könnte den Gedanken nicht ertragen, daß da Jens drinliegt. Bei einer Urne ist das irgendwie was anderes.“

Er nickt und ich mache das Kreuz bei ‚Feuer‘.

„Ich muß dann jetzt auch keinen Sarg raussuchen, oder?“ will Frau Eisner wissen und ich schüttele den Kopf: „Nein, müssen sie nicht. Vielleicht die Urne…“

„Jens liebte alles, was silbern und golden ist, haben sie sowas?“ fragt Jens‘ Vater und ich schlage im Katalog die Seite mit der glänzenden Messingurne auf. Die beiden schauen sich an, nicken sich zu und Herr Eisner sagt: „Exakt, genau die ist es.“

Ich finde die Messingurne auch sehr schön, aber leider wollen die wenigsten Kunden sie kaufen. Wegen ihrer glänzenden Oberfläche sagen die Leute im Ausstellungsraum immer, sie sähe aus wie ein Sportpokal. Und bevor die Eisners hinterher dann enttäuscht sind, gehe ich nach nebenan und hole die Urne, um sie ihnen zu zeigen.

Da steht sie nun auf dem Sideboard, die Eisners betrachten sie und sind beide der Meinung, daß es genau die richtige Urne für ihren Sohn ist. Herr Eisner sagt: „Daß da ein ganzer Mensch reinpasst…“
Seine Frau weint und fügt hinzu: „…ein ganzes Leben.“

„Wir haben keine Ahnung, warum Jens das gemacht hat“, sagt er und das ist alles, was er über Jens sagen will. Er wischt die Gedanken an ihn mit einem Ruck, der durch seinen Körper geht, einfach fort und fragt: „Was ist denn jetzt an Formalitäten zu erledigen?“

Ich erkläre ihnen alles, wir besprechen den Termin, das mit dem Pfarrer und dem Blumenschmuck. Eine Anzeige wollen die Eisners auf gar keinen Fall in der Zeitung haben, da würde bestimmt ab morgen genug in der Zeitung stehen und sie wollen keinen Wirbel. „Die paar Leute, die das was angeht, die ruf ich selber an“, bestimmt Herr Eisner.

Mein Formular ist noch halbleer und ich frage die einzelnen Positionen ab. Schließlich komme ich an die Stelle, an der ich eintrage, welchen Beruf der Verstorbene hatte und das ist die entscheidende Stelle.

„Warum müssen sie das denn wissen?“ fragt Dieter Eisner und klingt aufgebracht.

„Also, wir wollen auf keinen Fall, daß da von der Arbeit jemand kommt“, sagt seine Frau und ich merke, daß es da etwas gibt, was die beiden sehr aufregt.

Ich versuche sie zu beruhigen und erkläre ihnen, daß ich diese Angabe für das Standesamt benötige und sie sich keine Gedanken zu machen brauchen.

„Jens war gerade dabei, sich auf die Verwaltungsprüfung vorzubereiten. Er wäre Verwaltungsfachangestellter bei der Stadtverwaltung geworden. Aber bitte, von der Arbeit soll keiner kommen.“ Herr Eisner macht eine abwehrende Handbewegung und pocht mit dem Finger dann auf den Tisch.

„Warum soll denn da keiner kommen?“

Frau Eisner sagt nur: „Weil er sich da nicht wohlgefühlt hat.“
Mehr nicht. Das ist alles.

Ich will sie auch nicht quälen oder ausfragen, stattdessen erkläre ich ihnen, wie es weitergeht, daß sie jetzt zum Friedhof gehen sollten, um ein passenden Grab herauszusuchen. Ein paar Sachen sind noch zu besprechen, das machen wir und dann lasse ich mir noch die Unterlagen unterschreiben und wir vereinbaren, daß die Eisners am nächsten Tag wiederkommen, um mir ein Foto von Jens zu bringen, das wir vergrößern und bei der Trauerfeier vor der Urne aufstellen können.

Herr Eisner zückt die Brieftasche und will alles gleich bezahlen, ich winke ab und weise ihn darauf hin, daß wir die Endsumme erst wissen, wenn das Grab ausgesucht wurde. Er besteht aber darauf, wenigstens schon mal 1.000 Euro da zu lassen und ich schreibe ihm eine Quittung. Dann gehen sie.

Fehler durch Lektorin Anya bereinigt.

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  • Veröffentlicht am: 14. Juni 2008
  • 43 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Allgemein

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!

Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

43 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. …. ich könnte das nicht ….

    respekt vor der arbeit, der umsicht, dem umgang mit den angehörigen und der tollen art zu berichten!

  2. @ 8 (Maja):
    Ich habe mir letzten Sommer neue Möbel gekauft und im Möbelgeschäft eine Anzahlung geleistet, für welche ich selbstverständlich auch eine Quittung erhalten habe. Bis zu dem Zeitpunkt bestand die einzige Leistung des Möbelhauses darin, mir die Ausstellungsstücke gezeigt zu haben. Nachdem die Möbel dann geliefert worden waren, bezahlte ich den Rest des Kaufpreises und erhielt meine Rechnung.
    Ich glaube nicht, dass meine Anzahlung bis zur vollständigen Rechnungsbegleichung auf ein Treuhandkonto eingezahlt wurde. DASS ich bezahlt hatte, stand auf der Quittung, das Möbelhaus konnte sich sohin nicht einfach an meinen Millionen bereichern und die Chefetage in Sekt baden lassen.

    Insofern ist dein Kommentar absolut weltfremd.

  3. Es muß furchtbar sein, wenn die Eltern ihr(e) Kinder begraben lassen müssen… ich denke mir das immer wieder.
    Immerhin tun sich die meisten Menschen im Umgang mit dem Tod schwer, aber einen alten oder zumindest älteren Angehörigen zu beerdigen ist irgendwie „normal“ weil der Lauf der Dinge so ist.
    Junge Menschen loslassen zu müssen, die eigenen Kinder… das ist sicher der schwerste Weg, den man gehen muß.

  4. Wie war das noch gleich?

    Bestattungsvorsorge: Friedhofsgärtner Genossenschaft? Treuhänderische Konten?

    Habt ihr so etwas auch? Oder siehst du da die Gefahr wegen dem kurzen Zeitraum als gering an? Mal davon abgesehen, dass bei dir ja eh alles toll läuft und Solvenz vorhanden ist. ;-)

  5. Es geht bei Selbstmoerdern nicht um einen Grund zum Sprung.

    Es geht um Gründe nicht zu springen.

  6. Ich wette es war Mobbing am Arbeitsplatz und deshalb hat er sich umgebracht.

  7. @andreaS.: Ich verstehe deine Frage nach der Bestattungsvorsorge nicht. Hier wird doch ein ganz normaler Trauerfall abgewickelt.

    So eine Vorsorge macht man doch, damit auch noch bezahlt wird, wenn man nicht mehr lebt.

  8. @Kuli: Na das dürfte ja wohl klar sein. Der Bestatter nimmt da mal eben so einen Tausender ein und dann? Dann steckt er den in seine Tasche. Genau dafür gibt es doch diese Treuhandkonten. Wenn es korrekt läuft dann zahlt der das Geld jetzt auf so ein Sperrkonto ein, damit er es auch erst bekommt, wenn es ihm zusteht. Bis jetzt hat er ja nur mit den Leuten gequatscht und das dürfte wohl kaum einen Tausender wert sein.

  9. @maja,

    die 1000€ bilden einen Anzahlung für das Begräbnis.
    (freiwillig vom AUftraggeber,inklusive einer Quittung)

  10. Ich muss sagen, persönlich finde ich Urnentrauerfeiern ganz fürchterlich. Die Urne da zu sehen und sich vorzustellen, dass ein Mensch, den man mal geliebt hat, jetzt nicht mehr ist als ein Häufchen Asche, das finde ich ganz furchtbar. Dann lieber eine Erdbestattung mit einem Sarg, da hat man einen Abschluss … aber da gehen die Meinung ja offenbar ziemlich auseinander.

    Furchtbar, beide Kinder so früh zu verlieren…

  11. @Basti: wirf mal einen blick hier ins impressum! (übrigens stimmen auf der ZEIT-karte auch einige andere bloggerstandorte nicht.)

  12. @Nina

    Dann denk mal darüber nach, was passiert wäre, wenn das Möbelhaus in der Zeit zwischen Anzahlung und Lieferung INSOLVENT gegangen wäre. Na? Dann könntest du dir die Quittung sonstwo hin stecken, mehr als ein paar Cent wirst du da aus der Insolvenzmasse nicht mehr erhalten. Denn es gibt noch viele andere, die dieses und jenes beweisen können und Ansprüche haben.

    Insofern ist DEIN Kommentar weltfremd. Du hast ganz offensichtlich keinerlei Ahnung von Insolvenzrecht und Co.

  13. @ Nina:
    Deine Quittung hätte dir wenig genutzt, wenn das Geschäft vor Auslieferung der Möbel in die Insolvenz gegangen wäre.
    Wenn es sich also um einen längeren Zeitraum handelt (Möbel haben ja durchaus mal zwei, drei Monate Lieferzeit), finde ich den Einwand von Maja durchaus berechtigt.
    Im Falle einer Beerdigung, bei der nur wenige Tage zwischen Anzahlung und Erbringen der Leistung vergehen, stimme ich dir allerdings zu, es ist weltfremd und kleinlich.

  14. @Andrea.S: Wenn ich dich richtig verstehe, dann erwartest du, dass jeder Kaufmann, der Geld als Anzahlung annimmt, dieses Geld auf einem treuhänderisch verwalteten Konto verwalten sollte.

    Das ist in der Tat sehr weltfremd und zeugt davon, dass du dir noch keine Gedanken darüber gemacht hast, dass Kaufleute mit großen Summen für ihre Kunden in Vorleistung gehen.

    Wenn wir diesen Fall hier durchspielen, hat das Beerdigungsinstitut bereits eine ganze Reihe von Leistungen erbracht. Es gibt bereits die Rechnungposten Überführung vom Unfallort, Kühlung und Aufbewahrung, Beratung und es kommen jetzt wohl unverzüglich ein Sarg, eine Urne, die Einsargung und das Totenhemd usw. dazu.
    Dafür dürften die tausend Euro an sich schon kaum ausreichen.

  15. Der sich da „selbst am Tollsten findet“ und „Andrea.S“ kommen mit identischen IP-Adressen daher. Es ist davon auszugehen, daß da nur getrollt wird.

  16. @Gast:

    Vielleicht hast du Recht. Nur wie weit muss es kommen, wenn jemand keine Gründe mehr findet, nicht zu springen?

  17. So eine Geschichte und die Leute kommen mit Insolvenzrecht daher. *Kopfschüttel*
    Tom, mach einfach weiter wie bisher. Es ist genau richtig, wie es ist.

  18. @ Maja:

    Ne, ich hab echt null Ahnung von Insolvenzrecht, was wohl daran liegt, dass ich in einem Insolvenzbüro gearbeitet habe. Aber vermutlich läuft so ein Ausgleichs- bzw. Konkursverfahren in Österreich so überirdisch anders ab, dass man es mit deutschem Recht GAR nicht vergleichen kann.

    Deine Forderung, ein Kaufmann habe Anzahlungen für Dienstleistungen oder Warenlieferungen, die innerhalb eines kurzen Zeitraumes vonstatten gehen, auf ein Treuhandkonto einzuzahlen (gleich, ob es sich dabei nun um einen Bestatter oder einen anderen Kaufmann handelt) entspricht nicht der gängigen Geschäftspraxis. Man kann von einem Geschäftsmann nicht verlangen, dass er Vorauszahlungen, für die er ja durchaus bereits Leistungen erbringt, monatelang irgendwo zwischenlagert.

    Eine Insolvenz läuft in der Regel auch nicht so ab, dass von einem Tag auf den anderen absolut GAR nichts mehr da ist. Meine Möbel werde ich also nach 2-3 Monaten Wartefrist vermutlich auch dann noch erhalten, wenn die Geschäftsführung bereits an den Masseverwalter übertragen wurde. Es ist ja nicht so, dass sich bei einer Insolvenz sämtlicher Warenbestand einfach in Luft auflöst.

    So, und jetzt Schluss mit dem Geldgequatsche. Hier geht’s ja wohl um Wichtigers.

  19. Eine Frage die mir zu dieser traurigen Geschichte einfällt: Ist es wirklich so, dass die Grablaufzeiten für Kinder kürzer sind, wo doch gerade Eltern die stärkste Bindung haben dürften und oft selbst die normale Grablaufzeit überleben würden? Gerade da fände ich längere Laufzeiten eigentlich wichtig.

  20. Hm wenns nicht so traurig waere, haette man drueber schmunzeln koennen, wenn diese Angelegenheit als „dieser Fall“ bezeichnet wird…

  21. Ich finde es auch eine Unsitte, dieses „Gräber aufheben“. Das ist auch nicht viel einfacher, denke ich mal, wenn es sich um Gräber von nicht-Kindern handelt, um die trauert man ja auch genauso lange (wenn auch vielleicht anders). Das (Urnen-)Grab der Mutter einer sehr guten Bekannten wurde erst letztes Jahr aufgehoben, nach 15 Jahren, keine Verlängerung möglich, das ging der auch an die Nieren, auch wenn das eine ältere Dame war, um die es ging. Ich weiß, die relativ innerörtliche Lage der meisten deutschen Friedhöfe macht das sinnvoll, aber ich finde es trotzdem fürchterlich. Der Gedanke, irgendwann bei meiner Großmutter nicht mehr ans Grab zu können, geht mir jetzt schon an die Nieren.

    Und wegen einer Urnentrauerfeier: Die gab es bei meiner Mutter auch, und ich dachte auch, das würde sich vielleicht seltsam anfühlen, aber ich mußte im Vergleich feststellen (wir hatten bis jetzt sonst nur Erdbestattungen) daß das sogar leichter war, für mich jedenfalls. Irgendwie kann ich mich einer vagen (leichten) Panik, daß in einem Sarg noch jemand (oder etwas) leben könnte, nie verschließen; die jedenfalls fällt bei einer Urne weg. Und auch der Gedanke an das Verwesen ist kein angenehmer, auch der ist naturgemäß nicht da. Zumal die „Ausstellungsfläche“ bei der Urnenfeier wesentlich schöner hergerichtet war als ich das von den Standard-Beerdigungen unserer Familie kenne, das war auch äußerst angenehm, aber wohl eher den unterschiedlichen Bestattern zuzuschreiben als der Frage ob Urne oder Sarg.

  22. Zu den Treuhandtrollen:
    Ich bin auch weltfremd. Ich zahle an der Kasse Einwegpfand und weiß nicht, ob die DPG nicht pleite ist, bevor ich die Flaschen zurückgegeben habe…

    Zur Story:
    Man erkennt in deiner Erzählung sehr gut die Fassungslosigkeit der Eltern.
    Ich habe sowas auch schon mal erlebt. Bei Unfalltod, schwerer Krankheit oder hohem Alter ist es einfacher zu Akzeptieren, daß jemand tot ist. Bei Suiziden dagegen kommt gerne mal alles zusammen. Meist unerwartet, die Frage nach dem Grund, Selbstvorwürfe, ob man nicht etwas hätte bemerken müssen, junge Leute, die zum ersten Mal mit dem Tod umgehen müssen und natürlich die „normale“ Trauer.

  23. Der erste Bericht zu diesem Selbstmord war ja noch relativ unpersönlich, aber zwischem dem lesen des zweiten und Meiner Antwort, liegen schon ein Paar Stunden.

    Ich habe gerade mal wieder mitbekommen , wie schrecklich ein Selbstmord in der Familie ist, selbst, wenn er schon über 14 Jahre her ist , denn bei einem natürlichen Tod, oder Unfall , kann man ganz andere Trauerarbeit leisten, als wenn jemand den Suicid gewählt hat ohne einen Abschiedsbrief zu hinterlassen.
    Diese Frage , [B]WARUM?[/B] bleibt immer irgendwo tief verborgen und wartet auf die nächste Gelegenheit sich herauszuarbeiten.

    Sorry das musste einfach raus.

  24. eine sehr bewegende geschichte.

    ich lese hier ja erst seit kurzem mit, aber nach dem vielen lockeren und lustigen beiträgen mal sowas ernstes trifft dann schon. und holt einen selbst auch in die realität zurück. ich habe ja mittlerweile auch schon die verschiedensten arten miterleben dürfen.

    dass hier dann aber über das geldwesen gestritten wird, versetzt einem einen noch härteren schlag. im mittelpunkt dieses beitrags stehen wohl definitiv nicht die 1.000 euro, sondern ein mensch!

    und der verlust eben dieses menschen wiegt wohl schwerer als jedes geld dieser welt …

  25. Lieber Tom, mach einfach weiter so. Dein Weblog ist eine Erbauung und Hilfe, unterhaltsam und informativ.

  26. mich hat die geschichte beruhigt. manchmal sind es die alltäglichkeiten, die den dingen den schrecken nehmen. was dann noch bleibt, ist die trauer …

  27. Manchmal bedeutet „alles für einen geleibten Menschen zu tun“ ihn seine eigenen Erfahrungen und auch Fehler machen zu lassen.

    „Alles für Jemanden“ tun kann zu viel des Guten sein.
    Vor allem ist es verdammt schwierig dieses „Loslassen“. Ich hoffe nur, dass ich als Vater das hinbekommen.

    Diese Gesichte ist auf alle Fälle ziemlich tragisch. Sicher einer der Fälle die man nicht so einfach wegsteckt.

  28. Mein Vater hat sich 1982 das Leben genommen. Es hat bis 2006 gedauert, bis ich damit klarkam. Ich kann der Familie von Jens nachfühlen, wie es ihnen geht. Sowas kann einen für Jahre betäuben und geht sehr sehr tief.

  29. „Leute, die Selbstmörder als A… beschimpfen sind …?“

    „Mein Vater hat sich 1982 das Leben genommen. Es hat bis 2006 gedauert, bis ich damit klarkam. Ich kann der Familie von Jens nachfühlen, wie es ihnen geht. Sowas kann einen für Jahre betäuben und geht sehr sehr tief.“

  30. Ich muss Kommentator Nr.4 leider zustimmen…

    In meinem Bekanntenkreis sind es bisher 2 junge Männer gewesen, die sich das Leben genommen haben – beide dürften so zwischen 23 und 27 Jahren alt gewesen sein. Der eine liess sich vom Zug überfahren weil die Freundin fremd ging und der andere nahm Tabletten.

    Es ist schwer, sowas als junger Mensch, als ein Freund, zu verarbeiten. Wie schwer es jedoch für die Eltern ist, vermag ich mir garnicht auszumalen…

    Wegen der Brücke an sich: du schriebst du willst nicht näher drauf eingehen, aber bisher glaubte ich immer, beim Sprung bräche man sich „nur“ die Wirbelsäule, bliebe aber weitestgehend intakt… Scheint wohl nicht so zu sein. Ach, darüber will ich wohl besser garnicht weiter nachdenken…

  31. >> glaubte ich immer, beim Sprung bräche man sich
    >> “nur” die Wirbelsäule, bliebe aber weitestgehend
    >> intakt…

    Wassermelone aus dem dritten Stock fallen lassen und betrachten.

    Und jetzt die höhere Brücke und das Gewicht beachten. :-((

    Mein tiefster Respekt vor Menschen die sich berufsbedingt hiermit beschäftigen müssen.

    ICH KÖNNTE UND WOLLTE ES NICHT!!

  32. Stimmt, an die Wassermelone, die typische Begründung für Motorrad- und Fahrradhelme, hab ich bisher garnicht gedacht. Urks.

  33. Dem Suizidgefährdeten die Wassermelone zu zeigen ist ungeschickt, da es die Machbarkeit und die Finalität nochmal unterstreicht. Der, der da steht und sprunggefährdet ist sehnt sich eher nach dem Zustand der Melone. Meist versucht man entweder ihm vor Augen zu führen, wer ihn alles braucht oder die Höhenangst wieder herzustellen.

  34. @ für so Manche(n) hier: Man sollte über niemand urteilen, wenn man nicht eine Zeit in seinen Schuhen gewandelt ist.
    Die Hintergründe sind oft komplexer als als Aussenstehende und vielfach auch Nahestehende erahnen können.
    Zu komplex, um es hier in Kürze auch nur annähernd verdeutlichen zu können.
    Mein Mitgefühl gehört den ratlos zurückbleibenden Eltern, die ratlos mit jahrelangen Spekulationen über das „Warum“ zurückbleiben.

  35. Eine amerikanische Psychologin hat Personen befragt, die einen Sprung von der Golden Gate Bridge überlebt haben. Alle sagten übereinstimmend das gleiche aus. Nach etwa 2/3 der Sprunghöhe wurde ihnen klar, dass sie alle Probleme in ihrem Leben hätten lösen können. Alle, bis auf eines. Nämlich dass sie gerade von einer Brücke gesprungen waren.

  36. Mann, den Eintrag habe ich gestern Abend gelesen und er hat mich die ganze Nacht über beschäftigt, irgendwie.
    Logische Konsequenz: sollte ich irgendwann den Entschluss fassen, meinem Leben ein Ende zu setzen (Was jetzt weiß Gott nicht als Ankündigung zu interpretieren ist!), so würde ich das wie einen Unfall aussehen lassen, damit sich niemand Vorwürfe á la „Wieso hat niemand was gemerkt?“ macht. ^^

  37. [quote]Eine Anzeige wollen die Eisners auf gar keinen Fall in der Zeitung haben, da würde bestimmt ab morgen genug in der Zeitung stehen und sie wollen keinen Wirbel.[/quote]
    Stehen Selbstmorde bei euch in der Zeitung? Ich habe selbst mal einen mitbekommen (auch von ner Brücke gesprungen), da gabs keinen Bericht zu. Nur Todesanzeigen von Familie und Arbeitgeber. Und dann hat sich hier Kürzlich jemand das Leben genommen, indem er gegen einen Baum gefahren ist. Zunächst war auf der Website der Polizei ein Bericht über den Unfall, aber als klar wurde dass es Suizid war (habe es mitbekommen weil ich bei der Feuerwehr bin) war der Bericht verschwunden. Ich würde es als Angehöriger auch nicht gut finden, wenn ein Suizid noch groß aufgebauscht wird.

  38. Vor einigen Jahren hat man die Erfahrung gemacht, dass kurz nach der Berichterstattung über einen Suizidfall oft weitere, ähnliche Fälle folgten.
    Möglicherweise fühlten sich manche sowieso schon labile Persönlichkeiten durch solche Berichte angesprochen, bzw. es wurden dadurch letzte noch vorhandene Hemmungen herabgesetzt. („[url=“http://de.wikipedia.org/wiki/Werther-Effekt“]Werther-Effekt[/url]“)

    Daher wird heute in der Regel nur in außergewöhnlichen Fällen, bzw. sehr zurückhaltend über solche Fälle berichtet. Selbst die Boulevardmedien, die sonst einen wenig zimperlichen Ruf haben, halten sich meistens an diese Übereinkunft.

  39. Gibt’s hier eigentlich eine Fortsetzung?
    Ist da was über den Grund der Tat herausgekommen? Was war mit den Arbeitskollegen?

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