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Günther XXVI

Was soll ich lange erzählen? Wie das so ist, wenn jemand sich um die Bestattung eines Mittellosen kümmert und selbst mittellos ist, das habe ich schon so oft erzählt. Das Sozialamt bewilligte auf dem seinerzeit üblichen so genannten kurzen Dienstweg eine einfach Erdbestattung mit Trauerfeier und namenlosem Grab. (Allein auf die Begleichung der Rechnung warteten wir dann fast sechs Monate.)
Was bedeutete das?
Ein Reihengrab mit Holzkreuz hätte das Amt auch noch bewilligt, wenn Günther hätte nachweisen können, daß er über die Mittel verfügte, das Grab 18 Jahre lang zu pflegen. Aber das wollte Günther gar nicht, denn für ihn war eins sonnenklar: „Der Leo muß ein Seemannsgrab bekommen. Denn auch wenn der vielleicht nur Seemannsgarn gesponnen hat, wenn er von seinen Fahrten nach Sansibar und rund ums Kap Horn erzählt hat, so war das doch das feinste Seemannsgarn der Welt und so einer, na, der muß doch auch ein Seemannsgrab kriegen.“

Es war nicht schwer, den zuständigen Sachbearbeiter davon zu überzeugen, daß dies die beste Lösung sei. Unterm Strich sparte sich das Amt auf diese Weise die Trauerfeier, den einfache Erdsarg und die Kosten für das Grab. Stattdessen fielen die Kosten für einen Einäscherungssarg, die Kremierung und die einfache Seebestattung ohne Begleitung an. Das hielt sich bis auf 100 D-Mark die Waage.
Als wir die Urne vom Krematorium abgeholte hatten, kam mir die Idee, doch eine kleine Trauerfeier für Leo zu organisieren.

Inzwischen hatte ich Günther näher kennengelernt, der mir auch sofort das Du angeboten hatte, und wußte, daß er keine Geschenke annimmt und durch solche leicht in Verlegenheit zu bringen war.
Deshalb verzichteten wir darauf, eine Trauerfeier in unserer Trauerhalle abzuhalten, denn dann hätte der einfache, aber durchaus nicht dumme Mann sich brüskiert gefühlt und sich sofort Sorgen um die Kosten gemacht.

Also packten wir eine Blumensäule aus Holz, ein Stück blaues Tuch und die Urne in den Wagen und fuhren zu Günthers Gartengrundstück. Wenn ich „wir“ sage, dann meine ich Sandy und mich. Sandy hatte vorher bei Günther angerufen, der seit einigen Wochen wieder ein Prepaid-Handy besaß, um draußen im Garten erreichbar zu sein. So waren Horst, Günther und einer von Leos Saufkumpanen vom Campingplatz versammelt, als wir eintrafen.
Günther hatte sich extra fein gemacht, die mittlerweile etwas struppig wuchernden Haare mit viel Wasser glatt gekämmt und Leos Campingfreund versteckte verschämt eine Bierflasche hinter seinem Rücken als er uns sah.

Schnell hatten wir das Podest aufgestellt, das Tuch darüber gelegt und die Urne darauf plaziert. Drei, vier Blümchen von einer Trauerfeier vom Vormittag hatte Sandy abgezweigt und vorne vor die Urne gelegt.

„Leo, Du warst ein großer Seemann“, begann ich die Ansprache und schon begannen bei Günther die ersten Tränen zu fließen.
„Vielleicht hast Du alle sieben Weltmeere bereist, vielleicht hast Du aber auch nur eine Hafenrundfahrt gemacht, wir wissen es nicht. Aber ganz egal, wie oft und wie weit Du aufs offene Meer hinaus gefahren bist, keiner konnte so schönes Seemannsgarn spinnen wie Du!
Und drauf kommt es schließlich an, wenn man ein richtiger Seebär sein möchte.
Nun nehmen wir also Abschied von Leo, indem wir es ihm nun ermöglichen, seine letzte Reise in die Nordsee anzutreten, in das Meer von dem er so viel erzählt hat.“

Genau in diesem Moment drückte Sandy auf den Knopf unseres CD-Players und Lolita sang das Lied „Seemann, laß´ das Träumen“ und beim Refrain

„Deine Heimat ist das Meer
Deine Freunde sind die Sterne
Über Rio und Schanghai
Über Bali und Hawaii
Deine Liebe ist dein Schiff
Deine Sehnsucht ist die Ferne
Und nur ihnen bist du treu – ein Leben lang“

…ja, beim Refrain, da hatte dann auch ich ein bißchen Wasser in den Augen.

So ist Leo, der Norddeutsche, gegangen und einige Wochen später wurde seine Asche in einer stillen Zeremonie dem Meer übergeben.

Ich nehme an, daß Günther für diesen kleinen Liebesdienst, die ganz private Abschiedsfeier für Leo, sehr dankbar war. Jedenfalls kam er ein paar Tage später und brachte mir eine notdürftig eingewickelte Flasche Schnaps als Dankeschön.
Aber das war nicht alles: Er blieb fast vier Stunden sitzen und erzählte mir von seinem Schicksal.
Eigentlich hatte er mir nur erzählen wollen, wie Leo zu ihm gekommen war, aber dann war doch das Erzählen fast eines ganzen Lebens daraus geworden.
Da erst erfuhr ich, wie übel dem Mann mitgespielt worden war und empfand großes Mitgefühl für ihn. Denn auf die Kinder verzichten zu müssen, das ist etwas, was ich mir gar nicht vorstellen kann.
Na klar sind Kinder manchmal lästig, nervig, anstrengend und frech, man könnte sie hin und wieder geradezu an die Wand klatschen, wie man hier so sagt.
Aber man tut es dann doch nicht, denn man liebt sie und man ist doch derjenige, der ihnen Schutz, Unterstützung und Liebe geben muß, darauf haben Kinder doch einen Anspruch.
Sicher, das ist ein Anspruch, der auch einmal verspielt werden kann, dafür kenne ich nur allzu viele Beispiele, aber glücklicherweise ist das bei uns nicht so und ich hoffe, daß das auch so bleibt.

Wie mußte sich dieser Mann fühlen?
Was mich am meisten wurmte, war natürlich die Tatsache, daß meine Erzfeindin, die schwabbelige Frau Birnbaumer-Nüsselschweif mal wieder ihre Finger im Spiel hatte.
Wann immer es um das Thema Kinder ging, war die blöde Kuh vorne mit dabei.
Aufmerksame Leser des Bestatterweblogs wissen ja, daß sie vor vielen, vielen Jahren mal ein totgeborenes Kind hatte zu Grabe tragen müssen und darüber nicht hinweg gekommen war.
Seitdem war sie von dem Wunsch beseelt, als perfekteste Mutterfigur aller Zeiten überall dort hilfreich zu sein, wo ihre Hilfe am allerwenigsten gebraucht wurde.

Das tat sie mit einer so ekelhaften Penetranz und einem so großen Drang, sich ins Rampenlicht zu stellen, daß es einem übel werden konnte.

Und ausgerechnet die hatte nun die Töchter von Günther?

Da muß man doch was machen!

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Peter Wilhelm 6. März 2013


20 Kommentare von 141075.

  1. Aaargh, ich sterbe vor Spannung (aber dann bin ich hier wenigstens richtig)! Und ich will das Trüffelnüsselschwein würgen… *grr*

  2. Ich hatte irgendwie im Hinterkopf, die Geschichte spielte a long time ago, also irgendwann in den 70er oder 80ern. Wo kommt denn dann das Prepaidhandy her?

    • Lies nochmal die Geschichte, vor allem den Teil mit den sieben Weltmeeren und der Hafenrundfahrt aus der Trauerrede. So ist es auch hier. Man weiss nicht, und es interessiert auch nicht, wieviel davon echte Begebenheiten und wieviel Ausschmückung sind (oder auch mit anderen Erinnerungen von anderen Fällen vermischt sind). Das ist allerfeinstes Bestattergarn! ;-)

  3. Zitat: Was soll ich lange erzählen?

    Angesichts dessen, das dies bereits die 26. Folge von „Günther“ ist, finde ich diese Frage provozierend :p

    Toll finde ich, das ihr Leo eine Seebestattung ermöglicht habt. Und dem Günther eine Trauerfeier. Whocares hat schon Recht, das ist wirklich allerfeinstes Bestattergarn.

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