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Mein sterbender Opa sieht so verändert aus

Von

altermensch-pixabay

Unser Großvater liegt gerade im Sterben. Mir fällt auf, dass sein Gesicht sämtliche Falten verloren hat. Obwohl er nur eine Infusion am Tag bekommt und seit Tagen nichts gegessen hat. Der Körper trocknet aus aber das Gesicht ist faltenfrei geworden.

Wodurch wird das verursacht?

Hallo,
das mit Deinem Großvater tut mir leid.

Die Menschen verändern sich während des Sterbeprozesses und im Tod.
Die Beobachtung, die Du gemacht hast, ist keine seltene. Es kommt häufig vor, daß die Angehörigen eine Glättung des Gesichts beobachten.
Man muß sich vorstellen, daß der Körper eine gewisse Menge Energie erzeugt, die zur Aufrechterhaltung der Vitalfunktionen notwendig ist.
Wenn das Sterben nahe ist, dann ist es oft so, daß der Körper es aufgibt, die Krankheit zu bekämpfen. So habe ich es in ganz vielen Fällen beobachten können.

Dadurch steht dann scheinbar mehr Energie zur Verfügung. Angehörige beobachten dann manchmal ein scheinbares Aufblühen oder doch zumindest ein besseres Aussehen des Sterbenden und geben sich dann auch nicht selten falschen Hoffnungen hin.
Das kann soweit gehen, daß bettlägrige und kaum ansprechbare Personen auf einmal fast wie von Zauberhand munter und ansprechbar werden.
Allerdings ist das nur ein letztes Sammeln der Kräfte vor dem baldigen Ende.

Das ist mal eine der Erklärungen, warum Dein Opa jetzt etwas besser aussehen könnte.

Eine andere Erklärung liegt darin, daß der Mensch ein Wesen ist, das von Flüssigkeiten und deren Kreisläufen im Körper beherrscht wird. Neben Blut und Lymphe sind das Gewebeflüssigkeiten, Fette usw.
Während des Sterbeprozesses kommt es hier zu Verschiebungen. Bestimmte Bereiche werden nicht mehr wie vorgesehen versorgt und andere werden besser oder sogar überversorgt.
Auch Medikamente, Infusionen und die Art der Erkrankung spielen hierbei natürlich eine Rolle.

Im umgekehrten Fall kann es aber auch nach dem Tod ebenso zu sehr starken Veränderungen des Aussehens kommen. Flüssigkeiten sacken ab, der Kreislauf pumpt nicht mehr und die Muskeln erschlaffen. Das führt dann, vor allem im Zusammenspiel mit der Beobachtung die Du gemacht hast, zu einem noch drastischeren Unterschied im Vergleich zum gesunden, normalen Zustand.

Vielfach wird auch bei Menschen kurz vor dem Tod eine Veränderung beobachtet, die Facies hippocratica (lateinisch für Hippokratisches Gesicht) genannt wird. Ein charakteristischer Gesichtsausdruck bei vielen sterbenden (moribunden) oder schwerst kranken Patienten. Die Facies hippocratica ist neben den sogenannten Kirchhofrosen bereits in der frühen Medizingeschichte ein bekanntes prognostisches Anzeichen für einen kurz bevorstehenden Tod, wenn diesem eine längere Agonie vorausging. Die Facies hippocratica resultiert aus einer Erschlaffung der Gesichtsmuskulatur und einer zunehmenden Drosselung der Durchblutung in den peripheren Körperteilen (Zentralisierung). Eine blasse Gesichtshaut, eingefallene Wangen und Augen und eine „spitze Nase“ sind Charakteristiken dieses Gesichtsausdruckes.

Ich hoffe, ich konnte Dir mit meiner Antwort helfen.


Veröffentlicht von

Hier veröffentlicht der Publizist Peter Wilhelm Informationen und Geschichten rund um den Bestatterberuf.
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Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
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Peter Wilhelm 23. Oktober 2015

17 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Lieber Herr Wilhelm
    Der Fragesteller/ die Fragestellerin spricht vom Grossvater. Sie schreiben dass es normal ist, dass die Oma kurz vor dem Tod etwas besser aussieht. Hab ich ein Knopf in der Leitung oder müsste da nicht eher Opa stehen?

  2. In diesem Zusammenhang fällt mir ein, dass ich schon mehrmals bei Sterbenden in den letzten Tagen beobachtet habe, dass die Gesichtszüge konturierter werden. Wir sagen immer, wenn die Nase spitz wird, dauert es nicht mehr lange, bis der Tod eintritt.

    Haben diese Erfahrungen auch schon andere hier gemacht?

  3. Das letzte Aufbäumen. So ist mir das mal erzählt worden. Eine Besserung, bevor es zu Ende geht.

  4. Der menschliche Körper und sein Verhalten, insbesondere im letzten Lebensabschnitt, wird sicherlich noch lange Rätsel aufgeben.
    Beispiel: als meine Mutter verstarb, wies mich die Pflegerin auf ein Phänomen hin, dass sie offenbar schon öfter gesehen hatte. Bei einigen Sterbenden bilden sich (so die Beobachtung) einige Stunden/Tage zuvor in den Mundwinkeln Falten – strahlenförmig vom Mundwinkel aus gesehen.
    Auch das lässt sich sicherlich durch Peters Beschreibung erklären. Es ist kein Mensch wie der andere, im Leben und vor dem Tod.

  5. Ich hatte gerade vor ein paar Tagen ein Gespräch zu diesem Thema. Mein Patenkind macht gerade ein FSJ in einem Krankenhaus. Eine der älteren erfahrenen Schwestern meinte wohl bei einem Patienten, dass dieser bald versterben werde, da er ein „spitze Nase“ bekommen hatte. Bald darauf verstarb er. Es war der erste Patient dessen Tod mein Patenkind erlebt hat. Sie war dabei, als er verstarb. Im www hat mein Patenkind dann auf Wikipedia etwas gefunden:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Facies_hippocratica

  6. Oh ja, das letzte Aufbäumen. Bei meinem Opa – am Samstag röchelt er, atmet rasselnd und gluckernd. Er schlief aber.

    Sonntag: Sitzt aufrecht auf dem Bett und isst einen ganzen Teller Spaghetti, und sagt: „Wer gut isst, ist gesund!“

    Montag: Verstorben. 🙂

  7. Ein Anzeichen des nahenden Todes ist auch das sogenannte „Blumen pflücken“, welches ich selbst bei einer Sterbenden sehen konnte. In dem Link ist die wisenschafltiche Erklärung zu finden.

    http://www.palliativnetzwerk-mainz.de/Patientenratgeber/Wenn-der-Tod-sich-ankundigt/wenn-der-tod-sich-ankundigt.php

    Mit deiner Erlaubnis, lieber Peter, möchte ich das Gedicht, eine Siziliane, welche ich dann schrieb, unheimlich berührt von diesem Tag, hier anfügen!

    Gnadenlos

    Die Greisin steht auf ihrem letzten Hügel
    und streut die Saat wie vor dem Märzenregen
    mit Händen, leichter noch als Schwalbenflügel.
    Sie hört ein Rufen, eilt dem Heim entgegen,
    verteilt nun Speis auf Teller und in Krüge.
    „Wer bist du, Kind?“ Sie gibt mir ihren Segen.
    Schon schnalzt der Tod vorm Haus und spannt die Zügel.
    Er wird dies Bild mir ewig auferlegen.

    © Regenkatse
    13.11.2011

    • @Llu:
      Danke für das Gedicht, das mit wenigen Worten sehr genau das wiedergibt, was vielen in dieser Situation durch den Kopf (oder auch durch’s „Herz“) geht.

  8. Mein Vater liegt im Sterben. Er erstickt / ertrinkt an Bauchwassersucht und plötzlich aufgetretenem Lungenödem.

    Zum ersten Mal geht mir ein Text von Dir, lieber Peter, nicht nur unter die Haut, sondern durch Mark und Bein.

    Traurige und einsame Grüße,

    melancholia

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