Vorne oder hinten?

Frau Büser dampft in mein Büro: „Chef, Sie müssen was machen! Haben Sie irgendwo noch ein Gehirn im Schrank? So kann das nicht weitergehen.“

Die Gute ist ganz aufgeregt und ich weiß, daß es am Besten ist, sie jetzt erstmal Dampf abzulassen. Sie marschiert vor meinem Scheibtisch auf und ab, zetert echtes Mordio und schimpft im breiten Dialekt ihrer fränkischen Heimat, einer mir völlig unverständlichen Sprache, die nur aus weichen Ds, Gs und gerollten Rs besteht und in der die Vokale in völlig ungeordneter Weise vorkommen und die sie sonst zugunsten allgemeinverständlichen Hochdeutschs aufgegeben hat.

Als sie sich etwas beruhigt hat, frage ich mal vorsichtig, was ihr denn so Ärgerliches widerfahren ist und bekomme nur ein Wort vor die Ohren geworfen: „Antonia!“

„Ach nee, was hat unsere Prinzessin denn jetzt schon wieder angestellt?“

Frau Büser berichtet, immer noch etwas aufgebracht hin und her laufend, daß es Antonias Aufgabe gewesen sei, 75 Trauerkarten zu bedrucken. Dabei habe es sich um die Karte K711 gehandelt, die teuerste, die mit dem ausgestanzten Kirchenfenster. Aus technischen Gründen, das muß ich hier noch kurz erzählen, kann diese Karte nicht, wie die meisten anderen, in einem Laserdrucker bedruckt werden, weil sie ein filigran ausgestanztes Kirchenfenster auf der Vorderseite hat und diese feinen Linien und Strukturen in unseren Druckern beim Umkehren an der engen Walze zerreißen.
Deshalb muß man sie einzeln, von Hand und besonders sorgfältig durch einen Kopierer schieben, damit sie flach ohne Biegen bedruckt werden können.

Zu diesem Zweck hat Frau Büser zwei Vorlagen ausgedruckt. Eine für die Vorderseite und eine für die Rückseite der Karte.
Es ist eine schmale Karte, für einen länglichen Trauerumschlag, sie wird nach dem Bedrucken hochkant gefalzt. Vorne, also links hat man das durchbrochene Kirchenfenster und rechts steht dann im Innenteil, wer gestorben ist. In diesem Fall wünschen die Angehörigen auf der Rückseite noch ein Gedicht.

„Was hat sie denn nun falsch gemacht?“

„Diese Knallerbse!“

„Ja, aber was ist passiert?“

„Ich sage zu ihr, sie soll 75 Stück bedrucken. Diese Vorlage druckst Du rechts innen hinein und das hier links außen. Du mußt das in zwei Durchgängen machen, sage ich noch.“

„Und dann?“

„Dann hat sie 75 Karten innen rechts mit dem Namen des Verstorbenen und seinen Lebensdaten bedruckt und nochmals 75 Karten außen links ebenfalls mit dem Namen des Toten.“

„Ach Du Scheiße, und das wo die Dinger doch so teuer sind!“

„Ich habe sie ja auch zusammengestaucht, habe es ihr dann noch einmal auf einer der verdruckten Karten aufgemalt. Dann habe ich gesagt, daß wir die 75, wo sie innen rechts gedruckt hat, ja noch verwenden können und sie soll da jetzt hinten links das Gedicht draufdrucken.“

„Also haben wir jetzt 75 Karten Ausschuß?“

„Nein, 300.“

„Wieso das denn?“

„Weil Antonia die verdrucken in den Reißwolf gesteckt hat und alles nochmal neu gemacht hat. Da hat sie dann aber bei allen 75 Karten das Gedicht vorne auf das gestanzte Kirchenfenster gedruckt, hat das gemerkt, die Karten an die Seite gelegt und vor vorne angefangen. Im nächsten Durchgang hat sie dann sowohl die Vorlage, als auch das Papier einmal um 180 Grad gedreht und den selben Blödsinn nochmal gemacht.“

„Warum sind sie denn nicht dabei geblieben?“

„Na, ich habe gedacht, daß sie nach so vielen Monaten wenigstens kopieren kann, aber wissen sie was? Die kann gar nichts! Nichts! Nichts! Nichts!“

Es klopft, Antonia kommt rein, in der Hand den obligatorischen Streuseltaler von der Bäckerei Zimmerling. Sie macht einen Schmollmund, ist ganz kleinlaut, kaut nur ganz kleine Bissen und das will schon was heißen.

„Was hast Du Dir denn dabei gedacht?“ frage ich sie in strengem Ton und halte ihr einen Vortrag darüber, wie teuer diese Karten sind und daß man doch wohl von einem vernunftgeplagten Wesen erwarten dürfe, daß es ein paar simple Karten bedrucken kann.

Antonia ist niedergeschlagen, beißt ein noch kleineres Stück ab und sagt mit dicken Backen: „Jetzt aber mal ehrlich: Finden Sie das fair?“

„Was?“

„Da sagt man mir, ich soll die Karten vorne und hinten bedrucken und dann werden die Karten geknickt und was vorher oben links war, ist dann auf einmal hinten rechts und was vorher rechts hinten war, ist auf einmal die Vorderseite. Ich finde das ist Schikane. Das kann sich ja kein Mensch merken.“

„Egal! Wenn Du zu dumm bist, das zu kapieren, muß ich Dir den entstandenen Schaden abziehen!“

„Nee, Chef, jetzt aber wirklich nicht. Das geht nicht, ich brauche das Geld, ich mach‘ nämlich Diät!“

Spricht’s, beißt vom gefüllten Streuseltaler ab und zieht schmollend von dannen.

Fehler durch Lektorin Anya bereinigt.

Download PDF PDF erzeugen
  • Veröffentlicht am: 12. Juni 2008
  • 25 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Allgemein

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!

Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

25 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. KOPF—>TISCH
    KOPF—>TISCH!!!

    Oh man…nichtmal ich hab mich so dämlich beim Kopieren angestellt…und ich bin ne Blondine!!

    btw. hättest du ihr den Schaden abgezogen, hätte sie kein Geld mehr für die leckeren Streuseltaler gehabt…ergo hättest du ihre Diät auch noch unterstützt ;)…ich frag mich, was denn an einer Diät so teuer sein kann? *Grübel*..weniger essen, weniger zahlen..basta…ok ich schweife ab ;)…

    Also *kopfschüttel*..das Mädel hätt ich nicht als Praktikantin haben wollen. Schenk ihr doch mal eine Glühbirne *g*..vlt. hilfts

    LG

  2. Also: meinen chef will ich gar nicht duzen.
    Man sagt leichter:“Du Ar…“ als „Sie Ar….“

  3. „Herr Doktor, ich möchte mit der Diät aufhören.“
    „Aber warum denn?“
    „Wissen Sie, drei Mahlzeiten am Tag UND noch die Diät – das schaff ich einfach nicht.“

    Salat

  4. Ääääääh
    Ok den Weg zur nächsten Beckerei findet sie ja , aber räumliches Vorstellungsvermögen hat sie dann wohl doch nicht … O_o

    PS:Kann man mal mehr zu der Streuseltalerdiät erfahren, die klingt echt lecker.

  5. oh man, das wird aber teuer. das können gut 600€ werden, wenn ne karte vielleicht 2€ kostet. das ist ja mein hiwilohn im monat -.-

  6. Mir faellt jetzt gerade erst auf, dass selbst Frau Bueser uns Undertaker siezt, in seiner Darstellung. Wie laeuft das bei Euch die ihr evtl. in kleinen Firmen arbeitet? Wir sind knapp 20 Mann/Frau, hier wird geduzt.

  7. Siezen? Hier bei uns unbekannt…
    Auch kenne ich nicht mal alle Nachnamen der Kollegen/Vorgesetzten…

    Groetjes uit Holland

  8. Vielleicht kauft sie sich Pillen oder Pülverchen .. gibt doch so wundersame Dinge wo man normal weiter essen kann und die Pille macht dann das der Körper das Fett nicht aufnimmt *bla*

  9. naja, Wikipedia behauptet: „Der Begriff Diät kommt von diaita (griech.) und wurde ursprünglich im Sinne von „Lebensweise“ verwendet. Die Diätetik beschäftigt sich auch heute noch wissenschaftlich mit der „richtigen“ Ernährungs- und Lebensweise.“ vielleicht versuchte Antonia einfach nur die richtige Lebensweise fuer sich zu finden, die momentan eventuell darin bestand, viel Geld in Streuseltaler zu investieren.
    Und btw. Gewichtsreduktion ist teuer… mein Fahrrad, mit dem ich seit neuestem jeden Tag zur Arbeit fahr, hat 700 Euro gekostet. Und habt ihr euch mal die Obstpreise angekuckt? Zwei Aepfel kosten fast soviel wie eine Tafel Schokolade (machen aber nicht naeherungsweise so gluecklich).

  10. Mir scheint, das Problem liegt nicht bei der Praktikantin, sondern bei den Betreuern: sinnvollerweise gibt man dem Praktikanten nämlich nicht 75 Karten auf einmal sondern erstmal nur eine, solange bis es richtig gedruckt wird. Und dann gibt man ihm die restlichen 74 Stück. Ich hoffe, ihr habt was draus gelernt :-P

  11. Solange Antonia nicht vorne und hinten verwechselt, wenn jemand zu ihr sagt „LMAA“ ist doch alles ok.

    scnr :-D

  12. @Ines: Tom hat geschrieben, „Deshalb muß man sie einzeln, von Hand und besonders sorgfältig durch einen Kopierer schieben, damit sie flach ohne Biegen bedruckt werden können.“

    Das entscheidende Wort ist einzeln. Antonia hätte also nach der ersten Karte nachsehen können, ob sie richtig bedruckt ist. Oder nachfragen können.

  13. Warum sollte Antonia nachsehen, oder gar nachfragen, ob sie die Karten richtig bedruckt hat, wenn sie selbst doch felsenfest davon überzeugt ist, die Anweisungen richtig verstanden zu haben ….

  14. @Mendian: Den muss ich mir merken :D

    Aber mal ehrlich, wenn ich der Chef wär und sie würd sich so verhalten, ich hätte sie zurückgerufen, zusammengebrüllt und hochkant rausgeschmissen.

  15. Fehler #1:
    “ Dabei habe es sich um die Karte K711 gehandelt, die teuerste “
    …und ausgerechnet die muss man der unfähigsten Person ohne Kontrolle anvertrauen?

    Fehler #2:
    “ “Warum sind sie denn nicht dabei geblieben?”
    “Na, ich habe gedacht, daß sie nach so vielen Monaten wenigstens kopieren kann“

    …und das, nachdem Antonia bereits 75 der Karten versemmelt hatte
    Man wusste es wirklich besser

    =>Mindestens die Hälfte der Kosten sollte Fr. Büser tragen

  16. In einem eleganten Bogen landete mein Kopf auf dem Tisch.
    Aber ich muß [i]tyler[/i] recht geben, man hätte es vorrausahnen können, daß da was schiefgehen [u]muß[/u].

  17. Bitte bitte lasst Antonia doch mal einen 32-Seiter Ausschießen :D
    (Was man als Mediengestalter für nen Schrott lernen muss, jaja)

  18. Also erstens gibt es für sowas Flachbettdrucker. Zweitens kenne ich viele Leute, die mit den verschiedenen Seiten beim Drucken / Kopieren Probleme haben. Und drittens: Warum macht sie nicht eine Testseite, so lange, bis sie es raus hat? Und dann alle drucken?
    Ich würd sowas keinen Praktikanten machen lassen. Auch nicht einer *in.

  19. Da ich mich auf die Menschen verlasse, (man muß auch delegieren können, sonst gibts Herzinfarkt)mache ich einen Auftrag, den ich jemandem als Termin vergeben habe selbst. Dann weiß ich dass es gemacht ist.
    Frage ich dann beim Termin nach, und möchte das fertige Produkt abholen, erfahre ich, dass es
    a.) vergessen wurde,
    b.) falsch gemacht wurde
    c.) noch nicht dazu gekommen wurde,
    d.) noch niemand Zeit dazu hatte, usw.

    Also was wunderst Du Dich, der Auftrag wurde doch „erwartungsgemäß“ erfüllt.

    Übrigens:
    Ich mach gleich 5 verschiedene Diäten gleichzeitig, damit es schneller geht.

    Ach ja, und da war noch der:
    Die Renten werden umbenannt in „Diäten“, dafür heissen die Bezüge der Abgeordneten in Zukunft „Doppelrahmstufe“.

  20. In Antonias Fall wäre wahrscheinlich eine Hunde-mässige Dressur angebracht: für jedes richtig gemachte Kunststückchen gibt’s nen Keks.

  21. Ich könnte fast wetten, daß man auch bei eurem Laserdrucker eine Klappe in Höhe der Umlenkwalze öffnen kann, dann läuft jede Karte vom Einzelblatteinzug aus glatt durch das Gerät – RTFM!

Schreibe einen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


Bitte beachte die Nutzungsbedingungen des Bestatterweblogs!

Du bist ein Troll? Fein! Dir kann geholfen werden. Klicke hier!

Dein Kommentar ist nicht erschienen? Dann klicke bitte hier für weitere Informationen!

Diese Smileys kannst Du nutzen, und das bedeuten die Zeichen oben in der Textbox.