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Warum wirft man eigentlich Sand ins Grab?

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erde am grab

erde am grab

Gerade habe ich Ihren Artikel „Blumen und Sand“ gelesen.
Dazu, genauer zum Sand, eine Frage: Mein Vater hatte mir beigebracht, dass man aus Respekt vor dem Verstorbenen nicht die Schaufel verwendet, sondern die Erde mit der Hand in das Grab wirft.
Ich habe das bisher immer (wenngleich – zum Glück – noch nicht oft) so gemacht, war aber stets die Einzige, die sich so verhielt.

Gibt es da eine Regel?
Oder unterschiedliche regionale Gepflogenheiten (mein Vater war Hamburger)?
Mir selbst ist es tatsächlich angenehmer, statt eines Schaufelstiels direkt den Sand anzufassen.
Blumen greife ich ja auch nicht mit einer Zange, um sie ins Grab zu werfen …

Mit freundlichen Grüßen
Regine

Vielen Dank für die interessante Frage.

Ich darf mich zur Einführung einmal selbst zitieren und zwar aus genau dem Artikel, den Sie in Ihrer Frage nennen:

Durch das symbolische Schäufelchen Erde das die Trauergäste ins Grab werfen, wird das gemeinsame Zuschaufeln des Grabes versinnbildlicht. In christlichen Kreisen wird auch gesagt, daß dadurch die Symbolik von „Erde zu Erde“ unterstrichen wird.

Im Laufe der Zeit ist aber diese übertragene Handlung durch zahlreiche andere Abschiedshandlungen teilweise ersetzt worden. Ja viele Menschen empfinden das harte Klatschen der auf den Sarg fallenden Erde als sehr bedrückend.
Deshalb wenden sich viele Familien zum Beispiel diesen Wurfsträußchen oder Blumen ganz allgemein hin. Das Hineinwerfen soll in diesem Fall einen letzten, lieben Gruß darstellen.

Manchmal stehen aber auch klassische Erde bzw. Sand und Wurfblumen nebeneinander zur Verfügung, ganz wie es örtlich üblich ist und wie die Familie es bestellt hat.

In ganz frühen Zeiten war es wohl so, daß die Menschen selbst die Gräber für ihre Verstorbenen aushoben und diese nach der Beerdigung auch wieder zuschaufelten.
Wahrscheinlich war das den Männern vorbehalten.

Erst mit dem Aufkommen eines geordneten Friedhofswesens gab es den Beruf des Totengräbers, der -wie seine Berufsbezeichnung es schon sagt- für das Öffnen und Schließen der Gräber zuständig war.
Die Angehörigen gingen nach der Beerdigung einfach weg, manche männliche Beerdigungsgäste griffen aber zur bereitstehenden Schaufel des Totengräbers und schaufelten Erde ins Grab, um diesen letzten Dienst nicht einem Fremden zu überlassen.

Aus dieser Handlung ist die symbolische Handlung geworden, wie wir sie heute kennen.
Für die Angehörigen stehen ein Erd- oder Sandhäufchen oder ein entsprechender Behälter und eine kleine Schaufel bereit.
Schon die Verwendung von recht sauberem Sand anstatt der lehmigen Graberde ist eine symbolisierende Handlung, die die Trauergäste vor dem schmutzigeren Erdreich schützen soll.
Stets werden aber Schaufeln verwendet, da früher das Tragen von Handschuhen viel üblicher war als heute, und man eine Verschmutzung derselben vermeiden wollte.

Mir ist jetzt nicht bekannt, woher die Sitte kommt, daß mancherorts direkt mit der Hand in den Sand gegriffen wird.
Es ist mir auch kein Friedhof bekannt, auf dem nicht eine Schaufel zur Verfügung stünde.

Daß es respektvoller sei, die Erde mit der Hand anzufassen, ist nicht wirklich richtig.
Das vermag ich aus der Historie nicht abzuleiten. Denn alles das, auch das Hineinwerfen von Blütenblättern ins Grab, sind symbolische Ersatzhandlungen für das Zuschaufeln.
Ein Zuwerfen mit der Hand ist ja eher ungewöhnlich.

Es mag aber so sein, daß das Zugreifen mit der bloßen Hand etwa soviel bedeuten soll wie: Ich scheue mich nicht für Dich die Graberde mit bloßen Händen anzufassen.
Von der Wertigkeit oder der Bedeutsamkeit sind aber weder die eine noch die andere Verfahrensweise höher einzuordnen.

Im Übrigen, uns das sei noch nebenbei erklärt, ist es für viele Witwen und Witwer ganz schrecklich, das Klatschen der Erde auf den Sarg mit anhören zu müssen.
Hier wird der Bestatter dazu raten, ganz auf das symbolische Zuschaufeln zu verzichten, oder aber lieber einen Kübel mit Blütenblättern oder einen Korb mit kleinen Wurfsträußen bereitzustellen.

Wer das Geräusch nicht mag und dennoch nicht auf das Schaufeln verzichten möchte, dem haben wir immer ein Häuflein mit lockerem Torf zur Verfügung gestellt. Der Torf macht aufgrund seiner leichten und flockigen Beschaffenheit kaum ein Geräusch.


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Hier veröffentlicht der Publizist Peter Wilhelm Informationen und Geschichten rund um den Bestatterberuf.
Mehr über den an Allerheiligen geborenen Autor finden Sie u.a. hier und hier.
Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Texte rein zur Unterhaltung. Keine Rechts-, Steuer- oder Medizinberatung!


    



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Peter Wilhelm 10. September 2015

6 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Auch wenn es ja nur kleine Mengen sind und kein Vergleich damit, was leider in deutschen Gärten verschwindet, find ich Torf nicht schön dafür.
    Wobei ich aber auch zugeben muß, daß mich das Prasseln nicht stört. Im Gegenteil, es hat etwas Entgültiges, was ich in dem Zusammenhang als Abschluss der Beerdigungszeremonie sehr passend finde.

  2. Ich komm wie der erwähnte Vater aus Hamburg, aber dem ländlichen Teil. Hier zieht niemand nach Ohlsdorf, vielleicht ist es da anders. Bei uns liegt da zwar so ein besseres Kaffeelot daneben, aber ich hab noch nie gesehen, dass den wer benutzt. Dann kommt aber ein Blütenbett (vielleicht gegen das Geklöter?). Oder halt eh Blüten. Aber auch dann hab ich das nur mit schon einem Blütenteppich drunter gesehen. Aber hier ist halt auch Blumengegend…

    Irgendein frisch zugezogener Pastor hat mal in einer Predigt dazu aufgerufen doch bitte nicht so opulente Blumengestecke in einer Tour aufzustellen zu irgendwelchen Feiertagsgottesdiensten oder halt bei Hochzeiten und Beerdigungen. Irgendwer hat ihn dann mal zur Seite genommen und ihn gefragt, ob er weiß, womit die Leute hier ihr Geld verdienen und was er glaubt, warum hier mehr Gewächshäuser als alles andere rumstehen. Der hat sich relativ zügig wieder versetzen lassen…

  3. Also, auf dem hiesigen Friedhof müsste man wohl nach einem Schäufelchen fragen, normalerweise gibt’s hier ein ordentliches Schälchen mit Sand, wo man mit den Fingern ‚reingrabbelt…

  4. Solange ist es noch gar nicht her, dass man selbst die Gräber schaufelte… Aus meiner Kindheit und Jugend (und das ist noch nicht sooooo lange her) kann ich mich erinnern, dass reihum die Männer der Gemeinde mit Graben dran waren, es sei denn man war Angehöriger des Verstorbenen. Und bei uns gabs den Sand auch ohne Schaufel. Es handelt sich allerdings auch um einen klitzekleinen Dorffriedhof.

  5. Ich beobachte bei vielen Bestattungen mit Sorge, wie Schonung und Vermeidung mehr und mehr von dem rituellen Geschehen bestimmen und damit verderben. Die Handlungen am Grab sollen, damit die Trauer besser in Gang kommen kann, eine Zäsur setzen. Es gibt ein Vorher und ein Nachher. Und dazwischen den notwendigen Schmerz. Besser, es tut hier einmal kräftig (und ist dann erst mal durchgestanden) weh als dann monatelang zu Hause, weil durch Vermeidung ein wichtiger symbolischer Schritt der Trennung versäumt worden ist. Von daher bin ich sehr dafür, das Pltern der Erdbrocken auf dem Sarg nicht aus gut gemeinter Schonung zu vermeiden. Dass sich die Erde über dem Verstorbenen schließt, ist tröstlicher als ein bisschen rieselnder Sand oder Torf, bei dem doch jeder gleich spürt, dass nur der Schmerz vermieden und die Wirklichkeit der Trennung beschönigt werden soll.

  6. bei uns hier im tiefsten Westen hat es sich eingebürgert, das Sargblumengesteck auf dem Sarg zu lassen, um so den harten Aufprall der Erde (hier kein Sand) auf dem Sargdeckel zu vermeiden. Das finde ich aber nicht so schön. Ich bemühe mich immer, die Erde neben dem Sarg zu platzieren; schließlich muß da auch Erde hin um das Grab zu schließen.
    Außerdem ist hier die Regel, daß jeder drei Schäufelchen Erde ins Grab wirft (ob das etwas mit der Dreieinigkeit Gottes zu tun hat, weiss ich nicht)

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