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Das geht ganz fix

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Herr Fauern-Bänger hat keine Lust mehr, sein Arbeitstag dauert jetzt schon zehn Stunden und immer noch ist er mit seinem viel zu schweren, abgegriffenen dunkelbraunen Pilotenkoffer aus ehemaliger NVA-Produktion des VEB „Flinke Plaste“ unterwegs zu seinen Kunden. Er wirft zum wiederholten Male einen kurzen Blick auf den kleinen Zettel in seiner Linken, wiederholt leise murmelnd den Namen der darauf steht, denn er will später seine Kundin unbedingt mit dem korrekten Namen ansprechen. Vorhin hat das nicht geklappt, da mußte er sich weite Strecken mit „Frau Äh, Äh“ und „Frau, wie war doch gleich der Name“ über die Runden helfen. „Möller“, murmelt er, „Möller“, dann drückt er den Klingelknopf und wartet auf das erlösende Summen des Türöffners. Stattdessen wird ihm unerwartet schnell die Tür förmlich aus der Hand gerissen, ein etwa 14jähriger mit Ohrhörern und verkehrt herum aufgesetzter Mütze geht achtlos und grußlos an ihm vorbei und Herr Fauern-Bänger schiebt schnell einen Fuß in den Türspalt. Es summt, er tritt ein.

Im Treppenhaus riecht es nach Chlor und Kohl und instinktiv steigt er die Stufen der Treppe hinauf. Parterre, Fehlanzeige, Fauern-Bänger seufzt. „Die wohnen immer ganz oben“, denkt er und wischt sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn. „Ich sollte abnehmen, morgen fange ich mit dem Lauftraining an“, nimmt er sich vor und schaut auch im ersten Stock auf die Klingelschilder und vergleicht sie wieder mit dem Zettel in der Hand.

Von irgendwo dingt der Ruf „Hallo?“ an sein Ohr und er lehnt sich über das Treppengeländer, um besser orten zu können, aus welchem Stockwerk der Ruf kommt. Er verflucht insgeheim denjenigen, der die ganzen Klingelschilder an der Haustüre in einer waagrechten Reihe angebracht hat. „Hallo? Sind Sie das?“
Fauern-Bänger stöhnt, die Stimme kommt von ganz unten aus dem Souterrain. Er greift den Koffer etwas fester und kehrt um, geht nach unten und zweieinhalb Minuten später steht er Frau Möller gegenüber. Eine kleine Frau mit weißen Haaren, schwarzes Kleid mit ganz kleinen weißen Blüten, sie zittert etwas und hält ein durchgeweintes Taschentuch in der Hand.
„Sind Sie das?“ fragt sie wieder und Fauner-Bänger setzt ein kurzes Lächeln auf, zückt aus der Brusttasche seines schwarzen Anzugs seine Visitenkarte und überreicht sie Frau Möller mit den Worten: „Fauern-Bänger von der Pietät Eichenlaub, im Todes- oder Sterbefall, schnell zur Stelle wie der Schall.“

An diesem Spruch hat er jahrelang gearbeitet und findet, das sei der richtige Türöffner, die beste Einleitung um gleich die perfekte Stimmung bei den Kunden zu erreichen. Frau Möller tritt an die Seite, wirft die Visitenkarte auf das kleine Telefonschränkchen und sagt: „Dann kommen Sie mal rein.“

„Schön haben Sie’s hier“, sagt er und geht durch bis ins Wohnzimmer. Frau Möller schnieft kurz in ihr Taschentuch, bietet ihm mit einer Handbewegung einen Sitzplatz auf dem dunkelroten Stoffsofa an und sagt: „Ach, es ist ja so schnell gegangen. Gestern noch hat der Doktor gesagt, das wird wieder und heute Morgen dann der Anruf, daß er tot ist.“

Blitzschnell steht Fauern-Bänger wieder, knöpft sich einen Knopf seines Sakkos zu und schlägt die Hacken zusammen: „Beileid!“
Dabei ergreift er die rechte Hand der etwas verdutzen Frau und legt den Kopf etwas auf die Seite: „Wir sind für Sie da, um Ihnen in dieser schweren Zeit hilfreich zur Seite zu stehen. Die Pietät Eichenlaub ist bundesweit…“

„Wann ist denn die Beerdigung?“ unterbricht ihn die Frau und Fauern-Bänger setzt sich wieder, öffnet seinen Koffer und entnimmt ihm eine unglaubliche Menge an Ordnern und Unterlagen, die er auf der anderen Seite neben sich legt. „Welcher Sarg soll es denn sein?“ Während er diese Frage stellt reicht er Frau Möller galant wie der Oberkellner eines Feinschmeckerlokals den aufgeschlagenen Katalog mit den Särgen. Er hat ihn an einer Stelle aufgeschlagen, die zur Erleichterung mit einer Lasche gekennzeichnet ist. Auf dieser Seite stehen sich zwei Särge gegenüber, ein ganz schlichter Nadelholzssarg, der viel zu hell fotografiert wurde und aussieht wie aus altem Palettenholz zusammengezimmert und auf der anderen Seite ein hochwertiger Eichensarg für über 2.500 Euro.

Frau Möller nimmt den Katalog und will umblättern, das verhindert Fauern-Bänger mit den Worten: „Nur nichts übereilen, Sie können aus über 80 Sargmodellen wählen, jetzt geht es erst mal um die Frage ob es eine Erd- oder eine Feuerbestattung geht.“ Frau Möller blickt auf, sagt: „Erdbestattung“ und Fauern-Bänger notiert sofort die Bestellnummer des Eichensargs und 2.500 Euro.
„Was haben Sie denn da alles für Särge?“ will die alte Frau wissen und Fauern-Bänger weiß genau was er sagen muß. In der Mitarbeiterschulung in der Zentrale des Konzerns wurde er genau auf diesen Moment geschult: „Der erste Eindruck ist immer der Beste und das was einem zuerst ins Auge fällt, sollte man nehmen.“ Er tippt mit dem Kugelschreiber auf das Bild des Eichensargs und sagt: „Oder wollen Sie Ihren Mann lieber im Sozialsarg bestatten, den kriegen auch Pennbrüder und Obdachlose.“

„Der ist aber teuer“, moniert die alte Frau und Fauern-Bänger spult den konzerngschulten Spruch ab: „Bis vor einigen Jahren gab es ja ein üppiges Sterbegeld von der Krankenkasse, aber das wurde abgeschafft und jetzt muß man den Sarg selbst bezahlen. Wir haben nur Qualitätsware.“
Während er das sagt, legt er einen Katalog mit Sargdecken und Kissen auf den Sargkatalog, verdeckt damit den Blick auf die Särge und während Frau Möller die Decken durchblättert, zieht er den Sargkatalog darunter hervor und läßt ihn unter hohlem Geplapper im Koffer verschwinden.
„Das kann ja ganz was Einfaches sein, der Sarg soll ja zu bleiben“, sagt die Alte und Fauern-Bänger greift hinüber, schlägt wieder die Seite mit der Lasche auf und präsentiert ihr eine mittelgraue Deckenkombination aus Atlasseide, 298 Euro: „Für den Herrn.“

„Die ist aber teuer, der Sarg bleibt doch zu.“

Fauern-Bänger kennt das, seufzt und schiebt die Schuld wieder auf die Behörden: „Früher konnte man ja sogar eine Decke von zu Hause nehmen, ist inzwischen alles verboten, diese Decken sind Vorschrift.“
Frau Möller will noch etwas sagen, doch beinahe gleichzeitig legt ihr der Eichenlaub-Vertreter den Katalog mit den Totenhemden hin und notiert auf dem Auftragsbogen 298 Euro.
„Bei den Hemden ist das genauso, diese Sterbetalare sind vorgeschrieben.“

„Kein Anzug? Kann mein Mann nicht den besten Anzug anziehen?“

„Vorgeschrieben, ich sagte ja schon, die Behörden, sie verstehen?“

Frau Möller tippt auf einen billigen weißen Talar, doch Fauern-Bänger blättert um: „Der hier passt zur Decke.“

Schon hat er 129 Euro notiert und rechnet sich im Kopf seine Provision aus. Da muß noch was gehen, sonst lohnt sich das Ganze nicht.

Am Ende hat Frau Möller Blumen, Leichenschmaus, Traueranzeige, Totenbriefe und alles andere bei Vertragsfirmen der Pietät Eichenlaub bestellt und unterschreibt die Vollmacht, den Schein für die Stadtverwaltung, einen für die Kirche, einen Rentenzettel und nebenbei auch den vierfach durchschreibenden Auftrag über 4.900 Euro für die Pietät Eichenlaub.

„Das ist dann aber alles, nicht wahr? Soviel Geld habe ich gerade noch, aber teurer darf das nicht werden“, sagt sie und Fauern-Bänger reicht ihr galant einen Hausprospekt der Eichenlaub mit den Worten: „Das ist für Sie, damit Sie auch etwas in Händen haben.“
Er verschweigt, daß zu den 4.900 Euro nochmals fast die gleiche Summe für Grab und kommunale Gebühren hinzukommen. Nachkontrollieren kann Frau Möller das nicht, sie hat nur einen Hausprospekt bekommen. Die Auftragsbestätigung wird erst genau am Tag der Beerdigung ankommen, wenn sowieso alles zu spät ist. Später kann sie aber auch nicht kommen, denn schon einen Tag nach der Beerdigung kommt die Rechnung. Das muß so schnell gehen, damit die Alten erst die Rechnung der Eichenlaub bezahlen, bevor sie merken, daß da noch eine hohe Rechnung von der Stadt kommt.

In Windeseile hat Fauern-Bänger seine Kataloge und Unterlagen im Koffer verschwinden lassen und obwohl Frau Möller noch erzählen will, wie einsam sie jetzt ist und wie ihr Mann gestorben ist, blickt er demonstrativ auf die Uhr und verabschiedet sich rasch.

Auf ihn wartet noch eine Beratung, diesmal in einem Altersheim, da wartet ein alter Mann, der sich das Zimmer mit seiner Frau geteilt hatte und diese nun betrauern muß. Vielleicht ist der Alte schon ein bißchen gaga, denkt Fauern-Bänger, leckt sich die Lippen und fährt los.

Peter Wilhelm 28. Mai 2012


29 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Ich finde die Beiträge hier immer wieder erfrischend und tröstlich. Und immer sehr gut geschrieben.

    Manchmal geht es wirklich ganz schnell. Noch schwerer ist es wenn man dann 11.000km entfernt ist und keine Begleitung auf der letzten Reise geben kann, so wie es leider bei meinem Vater und mir war.

  2. Wenn ich das so lese kann ich nur hoffen, dass mir nicht auch mal so ein Typ unter die Nase kommt. Find es einfach traurig, wie da mit manchen umgesprungen wird und wirklich aus der Trauer auch noch mehr Geld geschlagen wird, als die Hinterbliebenen wirklich aufbringen können.

  3. Traurig.
    Insbesondere, weil ich glaube, dass die Geschichte weder völig unrealistisch noch wesentlich übertrieben ist.
    Wahrscheinlich gibt es solche A****löcher öfter als man denkt, und letztenendes sind genau die der Grund für das schlechte Image von Bestattern.

  4. Ich warte immer noch auf die Szene, in der Tom mit wehendem Cape, ich meine Koffer, hereinstürmt, den Eichenlauber mit einem linken Haken niederstreckt und in seinem Palettenholz einsargt. Dort kann er dann klopfen und schmecken wie es sich anfühlt, wenn man in einer kritischen Zeit unpersönlich allein gelassen wird.
    Die alte Dame kann dann fachkundig beraten werden und alles wird gut.

    Also Tom, dass du immer so traurige Geschichten schreiben musst.

  5. Immer wieder gern genommen; kreative Namensschöpfungen wie Fauern-Bänger …

    Aber VEB „Flinke Plaste“ gab es nicht. Das war eindeutig Plaste und Elaste aus Schkopau!

  6. Vor dreieinhalb Wochen hatten wir ein Beratungsgespräch mit einem Bestatter in der Aussenstelle seines Unternehmens. Wir waren uns einig, und sehr zufrieden. Er wollte mir das Ganze detailliert mit allen Nebenkosten noch ins Reine schreiben und zusenden. Vor einer Woche hab ich mal vorsichtig nachgefragt. Da das Erstellen eines Kostenvoranschlags doch einiges an Sorgfalt erfordert, dauert es noch ein wenig. Soll uns recht sein. Wenn der dann später mit dem Schreiben der Rechnung auch so sorgfältig ist, können wir der Sache ja beruhigt entgegen sehen. Da darf er dann nicht sorgfältig genug sein. Soll uns dann auch recht sein.

  7. Vielleicht etwas überspitzt, aber dennoch passend.

    Nieder mit den Pietät-Eichenlaubern. 😉

  8. genial tom ——-
    was du bist weiss ich nicht — aber ich bin bestatter —- ich lese schon seit ein paar monaten mit —– fauer-bänger und eichenlaub —- grins — besser gehts wirklich nicht !!!!

  9. mir wird schlecht wenn ich lesen muss, was es für üble Zeitgenossen gibt.
    Kann man denn garnix dagegen tun? Mal einen Seniorennachmittag veranstalten
    und die Alten und Interessierte aufklären auf was man achten sollte.
    Warum ist das immer noch so eine Art Tabu Thema? Schnauf…ist doch echt zum heulen.

  10. Ohne Einleitung ist diese Geschichte leider nur ein Hirngespinst. Da fehlt einfach der Bezug zu euch. Hat sich die Witwe hinterher bei euch ausgeweint oder beschwert? Oder war das Frau Büsers Oma? So liest sich das Ganze wie eine Aneinanderreihung dessen, was ihr ohnehin so häufig den üblichen Verdächtigen vorwerft. Wahrscheinlich zurecht, hier aber offenbar fiktional. Schade.

  11. „Im Sterbe- oder Todesfall?..“ Hää? 🙂

    Eulchen, das mit dem Seniorennachmittag ist eine tolle Idee. Tom, komm doch bitte mal zu einer Infoveranstaltung in unsere Einrichtung ..

  12. Im Sinne von Kommentator 19 schließe ich mich der Argumentation an und fordere, dass in Zukunft im Bestatterweblog nur noch authentische Tatsachenberichte mit Unterschrift, Beweisfoto und Quellennachweis gebracht werden. In meinem eigenen Sinne fordere ich weiterhin, dass mit einer detaillierten Beschreibung von Sandy im hautengen Nervenkostüm damit begonnen wird.

    Wir haben schließlich alle hier ein Recht drauf. Also auf die Tatsachen. Nicht auf Sandys Kostüme.

    Wegtreten!

  13. Klingt so, als hätte Tom mal wieder Ärger mit der Konkurenz gehabt… Es hätte mich irgendwie gewundert, wenn er hier Werbung für die Konkurenz gemacht hätte – für meinen Geschmack scheint der Bericht aber doch ein wenig zu überzeichnet zu sein.

    Sicherlich gibt es in Realität noch viel schlimmere Geschichten, die passiert sind – aber ob „Eichenlaub“ einfach generell immer NUR schlecht ist mag ich bezweifeln.

  14. Wow, sehr persönlich und kundennah. Daran könnten sich einige Bestattungsunternehmen ein Scheibchen abschneiden, nicht wahr? (Die Ironie platzt sozusagen nur so aus mir heraus..)

  15. @slartidan: Du hast das mit Pietät Eichenlaub nicht verstanden. Der Name steht stellvertretend für alle schwarzen Schafe der Branche, deshalb kann da nicht Gutes dabei herauskommen. Lies doch einfach mal die Bloginfos, bevor Du schnell mal was hinschreibst.

  16. ok, gehen wir das Thema mal etwas ernsthafter an:
    Slartidan, ich vermute doch mal, ob „Pietät Eichenlaub“ grundsätzlich nur schlecht ist, liegt an den persönlichen Wünschen des Kunden. Du musst z.B. eine Tante unter die Erde bringen, die Du nicht mal kanntest – dann ist es dir wahrscheinlich eher unwichtig, ob du persönlich betreut und gut beraten wirst. Hauptsache, das Ganze geht möglichst kostengünstig über die Bühne und du musst nicht viel Zeit dafür opfern..
    Ja, nennt mich zynisch aber, so ist doch nunmal die Realität.

  17. *grmpf*
    @Tom: warst du bei soner Beratung schon ma bei? Wie waren deine Reaktionen dann darauf das es alles so als „Abzocke“ getan wird?

  18. [i]“Im Todes- oder Sterbefall, schnell zur Stelle wie der Schall.“[/i]

    Hat der Fauern-Bänger (genialer Name!) den Slogan bei der örtlichen Feuerwehr geklaut? Jedenfalls würde ich bei einem Satz á la „schnell wie der Schall“ eher nicht an einen Bestatter denken.

    Wobei das ja auch seine Berechtigung hat. Mit Eintritt des Todes verwandelt sich die liebe Oma bekanntlich in einen massenweise Leichengift absondernden Zellhaufen 😉

  19. Er haette auch bei der GEZ anfangen koennen.
    Diese Leute leben ausschliesslich von Provision.
    Und wenn die Verzweiflung gross genug ist,
    betruegt man auch alte Frauen.

  20. Ich bin schockiert über diese Zeilen. Es ist wirklich das letzte so mit den Hinterbliebenen umzugehen. Aber es gibt ja immer wieder Menschen, die so arbeiten und nur an sich denken. Wenn schon nicht viel Zeit ist, dann mache ich eben einen neuen Termin oder ich nehme mir die Zeit. Hauptsache ist doch das ich auf meine Kunden eingehen kann. Ich bin kurz vor meinem Abschluß als Bestattungfachkraft und so würde ich mich nicht trauen zu arbeiten.
    Lg Kathy 😉

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