Der eine mag gerne Kaffee, der andere mag gerne Tee

Zu den größten philosophischen Erkenntnissen meines Lebens gehört ein Ausspruch meiner Großmutter, wenn es darum ging, das Verhalten anderer Menschen zu beurteilen.
Sie fand niemals abschätzige Worte für das Tun anderer, sondern zuckte nur oberschlesisch mit den Schultern und sagte: „Der eine mag gerne Kaffee, der andere mag gerne Tee.“

Dabei spielte es überhaupt keine Rolle, ob es sich bei dieser Situationsbewertung um Politik, Religion, zwischenmenschliches Handeln oder die Frage, was es an diesem Tag zu essen geben würde, handelte.

In diesem einfachen Satz steckt so viel Toleranz, das hat schon Vorbildcharakter.

Eines Tages hatten wir einen adligen Kunden, der seine Großmutter bestatten lassen mußte.
Der Herr Graf gab sich bürgerlich, und glaubte wohl, sich auf das Niveau „normaler Leute“ begeben zu haben, aber in Wirklichkeit benahm er sich affig.
Das begann schon mit seiner Kleidung. Feinstes Kammgarn, Mohair, Kaschmir, alles vom Feinsten. Aber alles aus der Bentley-Collection, bestickt mit dem Logo und dem Schriftzug dieser englischen Automarke.
Natürlich war Hochwohlgeboren auch mit einem solchen Gefährt vorgefahren, sehr bürgerlich eben.

So saß er also in unserem Beratungszimmer, als Sandy sich ins Zimmer schlawenzte, um den Blaublütigen zu fragen, ob er denn wohl eine Tasse Kaffee haben möchte.

Der Adelsmann hob sinnierend eine Augenbraue, legte dann nachdenklich einen Finger an die Schläfe und erwiderte: „Sagen wir es so. Wenn Sie in der Lage sind, einen Kaffee mit der Hand frisch aufzubrühen, würde ich es in Erwägung ziehen.“

Ich sah, daß sich die junge Amerikanerin aufpumpte wie ein Maikäfer, sie war kurz davor, dem Affigen eine pampige Antwort zu geben. Nun war es an mir, eine Augenbraue hochzuziehen und der Gothic-Lady einen warnenden Blick zuzuwerfen.
Glücklicherweise verstand sie es und schluckte sichtbar ihren Kommentare hinunter.
Stellvertretend für sie antwortete ich: „Meine Kollegin wird sehen, was sie für Sie tun kann.“

Mit leicht schief gehaltenem Kopf und einem süßen Lächeln sonderte der Landherr eine huldvolle Geste ab, die übersetzt wohl soviel heißen sollte wie: „Nun gehe hin, Du Magd, und braue mir einen Türkentrank.“

Während ich dann mit dem Gräflichen die umfangreichen Details der Zeremonie besprach, lief hinter den Kulissen ein wahres Kaffeedrama ab.

Sandy drückte nämlich für den Graf einfach nur den Knopf unseres Kaffeevollautomaten. Doch Frau Büser griff ein: „Das kannst Du nicht machen. Der Kunde ist König…“

„Nee, der ist Graf!“

„…Wie dem auch sei, der Kunde ist König, und wenn Du ihm einen handgebrühten Filterkaffee versprochen hast, dann mußt Du Dein Versprechen auch halten.“

„Okay, okay, old Lady, jetzt sage mir nur einer, wie ich das machen soll. Wir haben weder einen Filter noch gemahlenen Kaffee.“

„Auch wieder wahr“, stimmte Frau Büser zu.

Antonia meldete sich mit dem Vorschlag: „Wir könnten ja die Frau vom Chef mal fragen, ob die oben in der Wohnung eine Kaffeekanne mit Filter und so hat.“

Frau Büser störte sich an der Formulierung „die Frau vom Chef“ und mahnte: „Genitiv, Antonia, Genitiv?“

„Ich weiß jetzt nicht was Sie meinen, Frau Büser, aber ich habe mich heute Morgen geduscht und mir die Haare gewaschen.“

Wie dem auch sei, auf jeden Fall gestaltete sich die Anfertigung des handgebrühten Kaffees recht schwierig.
In unserer Wohnung gab es auch nur einen Kaffeeautomaten und deshalb mußte der gräfliche Kaffee unter Laborbedingungen hergestellt werden.
Von irgendwoher hatten die Frauen exakt einen Papierkaffeefilter herbeigeschafft. Gemahlenes Kaffeepulver erzeugte Sandy, indem Sie den Kaffeevollautomaten in Gang setzte und den Brühvorgang abbrach. Dann konnte sie aus der Brühgruppe einwandfreies Kaffeemehl herausschütteln.
Mit kochendem Wasser und dem Kaffeefilter in einem Küchentrichter brauten die Frauen dann nach fast einer Stunde tatsächlich einen richtigen Filterkaffee.

Nur mal nebenbei erzählt, ich persönlich hätte dem Durchlauchten eine Tasse aus dem Automaten gedrückt und gut.
Aber so ist das eben mit dem vorauseilenden Gehorsam…

Fast eine Stunde nach der wohlgeborenen Getränkebestellung servierte Sandy dann dem edlen Herrn auf einem Tablett ein Kännchen frisch gebrühten Kaffe.
Doch was tat der Edelmann? Er blickte auf seine Bentley-Armbanduhr, lächelte süffisant und meinte: „Oh, es ist schon nach 17 Uhr, da trinke ich nur noch Tee. Wenn Sie da ein Tässchen hätten, Earl Grey oder Darjeeling, ohne Milch, aber mit Kandis.“

Sandy schob ihr Kinn vor. Ich kannte diesen Gesichtsausdruck. Er besagte in diesem Moment: „Du trinkst jetzt meinen Kaffe, Du eitler Fatzke, sonst stirbst Du einen langsamen und sehr, sehr schmerzhaften Tod.“

Da ich nicht riskieren konnte, den teuer einkaufenden Kunden vor der Bezahlung der Rechnung zu verlieren, stand ich schnell auf und schob Sandy dezent aber durchaus ihren nicht unerheblichen Widerstand brechend, aus dem Zimmer.

„Tee ham’wer nicht“, sagte ich knapp: „Sie werden mit dem Kaffee vorlieb nehmen müssen. Oder möchten Sie noch etwas von dem Wasser?“

Vielleicht hatte ich gefährlich geguckt, jedenfalls war der Kaffee forthin kein Thema mehr und der Graf trank ihn anstandslos aus.

Zwei Tage später.
Sandy und ich sitzen im Auto und fahren zur gräflichen Residenz, um letzte Einzelheiten zu besprechen.

„Eins sag ich Dir, Chef, wenn ich beim Grafen auf dem Schloß bin, dann bestelle ich zu allererst einen handgebrühten Kaffee.“

„Meinetwegen, aber übertreib es nicht!“

„Ich? Ich und übertreiben? Wann habe ich schon jemals übertrieben?“

„Sandy, Du bist die Übertreibung schlechthin. Wenn 10 cm dicke Sohlen und diese superenge Hose mit den tausend Schlitzen keine Übertreibung sind, dann weiß ich auch nicht mehr!“

„Gefällt’s Dir nicht?“

„Doch.“

„Geil, oder?“

„Schon irgendwie.“

„Und warum meckerst Du dann an meinen Klamotten herum?“

„Tue ich ja gar nicht. Sonst würde ich Dich gar nicht erst mitnehmen.“

„Warum läßt Du mich überhaupt so herumlaufen?“

„Du meinst mit weißgeschminktem Gesicht, schwarzem Lippenstift, einer Lederkorsage über der Bluse und diesen Stiefeln?“

„Jau.“

„Weil das bei Dir geil aussieht. Und wenn Du für Dich entschieden hast, daß das Dein Style ist, dann haben wir das zu akzeptieren.“

„Andere Bestatter würden das anders sehen.“

„Mag sein, aber in erster Linie beurteile ich Deine Leistung. Und wenn eine junge Frau in der Lage ist, einen Menschen, der sich aus dem zwölften Stock gestürzt hat, so herzurichten, daß die Angehörigen noch am offenen Sarg Abschied nehmen können, dann darf diese junge Frau meinetwegen auch nackt zur Arbeit kommen.“

„Äh…“

„Nee, nix da! Du kommst nicht nackt!“

Inzwischen waren wir am Gutshaus angekommen. Auch keine schlechte Art zu wohnen, dachte ich, als ich das weitläufige Gelände mit dem großen Haus betrachtete.
Herr Graf begrüßte uns persönlich: „Kommen Sie, kommen Sie, ich habe schon alles vorbereitet, wir können gleich anfangen.“

Im Esszimmer stand ein Tablett mit einer Karaffe Wasser auf dem Tisch.

„Kaffee? Könnte ich vielleicht einen Kaffee bekommen?“, fragte Sandy, und außer einem recht provozierenden Gesichtsausdruck hatte sie sich im Zaum.

Ich ahnte, was kommen würde. Der Adelige würde ihr einen Kaffee anbieten und sie würde fragen, ob der denn auch handgebrüht sei…

Doch der Graf setzte sich, schob Sandy das Tablett mit der Wasserkaraffe rüber und sagte: „Hier in Haus Gutenbrunn ist der Kaffee seit dem Tod der ehrwürdigen Ahnin ausdrücklich verboten. Die gute ist 1876 an einer Kaffeebohne erstickt. Sie verstehen?“

Dabei deutete er auf ein meterhohes Ölgemälde, das eine magere, schielende Alte zeigte.

„Tee! Earl Grey oder Darjeeling! Das ginge auch!“, rief Sandy und schob dem Hausherrn das Tablett wieder zu.

„Oh“, meinte dieser, schaute auf die Kaminuhr und schüttelte den Kopf. Entsetzen klang aus seiner Stimme: „Doch nicht vor fünf, junge Dame, wir wollen doch die Kultur bewahren, nicht wahr?“

„Ja, gibt’s den nix anderes als Wasser? Ich habe eine Wasserallergie.“

„Wasserallergie? So etwas gibt es doch gar nicht!“, wehrte der Graf ab.

Ich griff ein: „Na, sehen Sie denn nicht, wie blaß die junge Dame ist?“

„Ach Gott ja, jetzt wo Sie’s sagen! Um Himmels Willen, da muß man doch was tun! Moment mal…“

Drei Minuten später kehrte er mit einer Flasche und einem Glas zurück: „Portwein, von 1912, das Beste, das mein Keller zu bieten hat.“ Und an mich gewandt, erklärte er: „Portwein dient ja seit jeher zur Stärkung des Körpers und des Geistes.“
Mit diesen Worten schenkte er Sandy ein Glas von dem edlen Trunk ein.

Was soll ich sagen…

„Schlaffazz bumm bumm, your my lady, scholla bisum fratz!“, sang Sandy auf der Rückfahrt und meinte auch noch: „Nusch masch bimmer die Woche, odda?“

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Peter Wilhelm19. Oktober 2017

5 Kommentare von 138942.

  1. Was soll man machen, es ist heutzutage so schwer, gutes Personal zu finden…

  2. Die Franzosen haben 1792 bewiesen wie man mit dem Adel umgehen muss,die hatten wenigstens noch Stil

  3. Manchmal ist es auch so, daß die Leute, die „draußen“ nur vom allerfeinsten nehmen, zu hause überwiegend Tütensuppe und TK-Pizza essen – sonst reicht die Kohle nicht :)
    Aber ich hätte dem Kerl auch nix von Hand aufgebrüht, wenn das nicht quasi „instantly“ realisierbar wäre. Soll er halt Wasser trinken.

    • @Henning:
      ‚Soll er halt Wasser trinken‘
      Sehe ich anders: Ich hätte ihm den Automatenkaffee als handgebrüht ‚verkauft‘. Denn merke:

      Man muss den Kunden so schnell über den Tisch ziehen, dass er di dabei entstehende Reibungshitze als Nestwärme empfindet…

      Bitte nicht ernst nehmen.. :-)

  4. „Die Katz mag Mäus, ich mags nicht“ paßt auch :D

    Und das

    „Ich weiß jetzt nicht was Sie meinen, Frau Büser, aber ich habe mich heute Morgen geduscht und mir die Haare gewaschen.“

    ist mal wieder Spitze! :D

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