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Die Dunkelkrankheit – offene Worte über Depression

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Bild von S. Hermann & F. Richter auf Pixabay

Viele fragen sich, was mit mir los ist. Hier in den sozialen Medien und in meinem geliebten Bestatterweblog ist derzeit selten was von mir zu lesen. Ich schrieb vor Monaten bereits über meine Depressionserkrankung. Es ist halt immer noch ein Kreuz mit der Depression. Menno, ich bin ein großer starker Mann und habe immer das Kommando. Nicht, weil ich immer Chef sein will, sondern weil sich jeder in meiner Umgebung darauf verlässt, dass ich das schon regeln werde oder mich da auskenne…

Und dann sitzt Du auf der Bettkante oder dem Sofa und kriegst den Arsch nicht hoch.

Düstere Gedanken durchfluten das Gehirn, Sünden aus längst vergangener Zeit lasten wie Felsbrocken auf Deiner Seele und selbst kleinste Äußerungen anderer werden als böse, niederträchtig und intrigant empfunden.

Ich rege mich nicht auf.

Ich rege mich nie auf. Ich fresse immer alles in mich hinein. Da wird es dann an manchen Tagen immer schwärzer und schwerer.

Hinzu kommt die Angst.

Die panische Angst, wenn das Telefon klingelt. Die Panik, wenn jemand vor der Tür steht. Die Angst, wenn jemand zu Besuch kommt. Angst wovor? Das weiß ich doch nicht!!! Sie ist da, eine riesengroße Angst ohne Auslöser, ohne Grund im Hier und Jetzt, ohne Begründung. Stell Dir vor, es gäbe da etwas, vor dem Du panische Angst hast: Sind es Schlangen? Spinnen? Überfall und Vergewaltigung? Ja, kennst Du? Okay: Nimm diese Angst mal zehn.
Diese Angst befällt mich völlig grundlos, wenn hier beispielsweise einer klingelt.

Ich hasse diese Panikattacken. Ich habe normalerweise keine Angst vor Leuten oder dem Türklingeln. Ich habe gerne Besuch (na ja). Aber dennoch bringt mich dieses Gefühl fast um. Herzrasen, Atemnot, Schwindel und Schweißausbrüche, gepaart mit schwärzester Laune und Weinerlichkeit.

Die Therapie mit meinem Lieblingsdoc hilft. Es gibt auch wunderbare Mittel, die einen selig machen. Sie mildern das ab, helfen mir, trotz allem lustig und spontan sein zu können und verschaffen mir die notwendige Luft, um wenigstens stundenweise ins Büro zu gehen.

Arbeiten? Ja, klasse… Schon mal was von der Kunst des Verdrängens und Verschiebens, der Prokrastination gehört?

Okay, der Meister der Prokrastination verschiebt sogar die Prokrastination auf morgen!

Es gibt Dinge, die mir Spaß machen. Seit längerer Zeit arbeite ich an meinen Hörgeräte-Blog https://hörgeräte-info.net. Keine Ahnung, warum es mir leicht fällt, da täglich Arbeit reinzustecken. Bestatterweblog hingegen geht gar nicht.

Ich arbeite als Redakteur für eine niederländische Zeitschrift, die hier in D erscheint. Der wirklich liebe und extrem höfliche Herausgeber versorgt mich mit Aufträgen für schöne Artikel. Ich habe Bock darauf, Lust, viele Ideen und bin voller Tatendrang. Dann kommt ein Schreibauftrag von ihm – und schon legt sich eine Faust um meinen Hals und drückt zu. Ich bekomme es nicht hin. Es geht einfach nicht.
Zeit ist da, Kraft ist da, Ideen sind da… Aber es ist als ob ein Messer im Rückenmark steckt und mich daran hindert, mich in dieser Angelegenheit irgendwie zu rühren.

Es muss erst der allerletzte Tag der gesetzten Frist kommen, bis auf einmal der Knoten aufgeht und ich die Arbeit sehr gut erledigen kann. Das bedeutet dann natürlich Eile, Stress und unnötige Anstrengung.

Mal eben einkaufen gehen? Pustekuchen. Diese vielen Menschen, das funktioniert nicht. Überhaupt nicht. Da wird Amazon Dein bester Freund. Auftritte vor anderen Menschen? Lustig sein, aber ehrlich lustig und humorvoll sein? Ja! Das geht! Völlig problemlos. Ich kann ohne irgendein depressives Symptom von jetzt auf gleich hinterm Vorhang herkommen und ohne jegliches Lampenfieber einen ganzen Saal unterhalten. Das ist wie Balsam für meine Seele.
Aber, ach ja, wir haben Corona und es gibt keine Engagements, Scheiße.

Liebe Freundinnen und Freunde, laßt Euch von diesen Zeilen nicht runterziehen. Ich will auch auf gar keinen Fall um Mitleid heischen, ganz bestimmt nicht.

Aber eine Depression zu haben ist etwas völlig anderes, als mal depressiv = schlecht drauf zu sein. Und viele, ganz viele Menschen leiden darunter, sagen aber nichts. Sie werden mißverstanden, falsch eingeschätzt und vorschnell mit dem Makel „geisteskrank“ behaftet.

Nein, eine Depression ist eine ganz normale Krankheit, die jeder kriegen kann, die auch Du kriegen kannst. Und damit Du weißt, wie es mir mit dieser Krankheit geht, schreibe ich das hier heute auf.

Gehabt Euch wohl und bleibt gesund!

Lasst Euch nicht verarschen: Mundschutz, Abstand und Händehygiene sind immer noch wichtig.

P.S. Und wenn ich wieder kann, dann schreibe ich hier auch wieder!


Veröffentlicht von

Hier veröffentlicht der Publizist Peter Wilhelm Informationen und Geschichten rund um den Bestatterberuf.
Mehr über den an Allerheiligen geborenen Autor finden Sie u.a. hier und hier.
Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Texte rein zur Unterhaltung. Keine Rechts-, Steuer- oder Medizinberatung!


    



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Peter Wilhelm 21. Juli 2020

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