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Frau S stirbt

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Als ich ins Zimmer komme, merke ich es sofort: Frau S stirbt. Bald. Sicher irgendwann in den nächsten Tagen.

Sie atmet schwer und sie scheint schon weit weg zu sein mit ihrem Bewusstsein. Wie jemand, der in tiefem Schlaf liegt und sich kaum wecken lässt. Nein, eigentlich doch ganz anders. Es ist schwer zu beschreiben. Ich begrüße sie, auch wenn ich schon ahne, dass ich keine Reaktion bekommen werde. Ich setze mich an ihr Bett, streiche ihr sanft über den Arm und erzähle ein bisschen. Ich habe den Eindruck, dass sie sich noch ein bisschen mehr entspannt, aber sicher bin ich mir nicht. Dann schreibe ich eine SMS an meinen Mann. „Wird später heute, ich bleibe länger.“

Eigentlich wollte ich nur für ein halbes Stündchen bei Frau S. vorbeischauen, ihr Enkel hatte mich darum gebeten. Er kümmert sich rührend um sie, aber er kann nicht ständig da sein. Er hat eine Stunde Fahrt, zwei kleine Töchter und einen Vollzeitjob. Vorgestern war er bei ihr im Pflegeheim und fand, dass sie schlecht aussah. Deshalb bat er mich, heute außer der Reihe bei ihr vorbeizuschauen. Es ist 19.30 Uhr, nach Pflegeheim-Maßstäben quasi schon mitten in der Nacht. Aber da Frau S. gerade abends viel unterwegs und oft unruhig ist, ist das eine gute Zeit, um sie zu besuchen. Zum Glück hat sie ein Einzelzimmer.

Die Pflegekraft kommt herein und sieht nach Frau S. Ich gehe kurz mit ihr nach draußen und frage nach ihrem Zustand. Wie lange liegt sie schon so? Das hat sich in den letzten Stunden entwickelt, ziemlich schnell, erzählt sie mir. Heute morgen hat sie noch ein paar Bissen gegessen. Abgebaut hat sie in den letzten Tagen schon. Sie hätten gerade schon überlegt, ob sie den Enkel anrufen sollten. Was ich denn meinen würde?

Ich weiß es nicht so recht. Dass der Sterbeprozess begonnen hat, ist klar. Aber wie lange er dauern wird, kann niemand sagen. Ich habe schon erlebt, dass jemand in diesem Zustand noch zwölf Tage gelebt hat. Wir einigen uns darauf, noch zwei Stunden zu warten und zu sehen, wie es sich weiter entwickelt.

Ich setze mich wieder zu Frau S. ans Bett. Zwischendurch streiche ich ihr über den Arm und sage: „Ich bin da, Frau S.“ Ich singe ein paar Lieder für sie. „Am Brunnen vor dem Tore“, das mag sie sehr. Und „Die Gedanken sind frei“, bei dem sie mich immer rügend angeschaut hat, wenn ich die dritte Strophe nicht mehr wusste. Und „Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus“, das wir manchmal zweistimmig gesungen haben. Nicht schön, aber lustig. Zwischendurch sitze ich einfach nur da, beobachte, wie es langsam dämmert, und lausche ihrem Atem. Diesem Atem, der den ganzen Körper in Anspruch nimmt. „Maschinenatmung“ habe ich mal als Ausdruck gelesen und das trifft es ziemlich gut. Der Körper scheint seine ganze Kraft dafür aufzuwenden, weiterzuatmen, tief und mit vollem Körpereinsatz. Trotzdem wirkt Frau S. entspannt, unbeeindruckt, weit weg.

Nach einer Dreiviertelstunde werde ich unruhig. Äußerlich hat sich nicht viel verändert, aber ich habe den Eindruck, ich sollte jetzt doch den Enkel anrufen, früher als vereinbart. Die Pflegekraft kann ich nicht gleich finden, also entscheide ich selbst und rufe ihn an. Sage ihm, dass es vielleicht besser wäre, wenn er käme. Er schweigt einen Moment, dann ist die Information gesackt. Er kann noch nicht gleich los, sagt er, seine Frau ist noch bei der Arbeit und er muss die Kinder ins Bett bringen. Aber in spätestens einer Stunde fährt er los, dann ist er in zwei Stunden da.

Ich setze mich wieder zu Frau S. Ob es richtig war, jetzt schon die Pferde scheu zu machen? Als die Pflegekraft wieder ins Zimmer kommt, sage ich ihr, dass ich den Enkel angerufen habe. Sie nickt, hält es für eine gute Entscheidung und ist mir auch nicht böse, dass ich das nicht noch einmal mit ihr abgesprochen habe. Ich bin erleichtert. Die Pflegekraft befeuchtet den Mund von Frau S. mit stiller Traubensaftschorle, denn die mag Frau S. am liebsten. Sie streicht ihr liebevoll über den Arm, schaltet die kleine Nachttischlampe an und verlässt das Zimmer.

Ich warte und singe, berühre ab und zu die Hand von Frau S. und lausche ihrem Atem. Draußen ist es inzwischen dunkel, die Nachttischlampe ist so gedreht, dass sie nicht direkt zum Bett scheint. Ein angenehm warmes, indirektes Licht. Im Pflegeheim ist es ruhig. Die meisten Bewohner liegen in ihren Betten oder sind zumindest in ihren Zimmern. Die Welt schrumpft zusammen auf dieses Zimmer, auf Frau S. und mich, auf das Nachttischlampenlicht, die stille Traubensaftschorle, die Volkslieder, die Stille. Alles ist gut. Eine schöne, friedliche, würdevolle Art zu gehen, denke ich. Frau S. ist völlig entspannt, auch der Atem wirkt nicht mehr so anstrengend.

Im Gegenteil: Kaum eine halbe Stunde, nachdem ich ihren Enkel angerufen habe, ändert sich der Atem und wird schwächer, mit Atempausen, die immer länger werden. Ein paar schwächer werdende Atemzüge, eine Pause, ein seufzendes Einatmen. Ich streichle sie und sage: „Frau S., ihr Enkel kommt bald, wollen sie nicht noch auf ihn warten?“ Aber ich spüre, das wird sie nicht. Sie wird jetzt gehen, hier mit mir in diesem Zimmer, in dem die Zeit stehengeblieben ist.

Zehn Minuten später hört Frau S. auf zu atmen, während ich ihre Hand halte und singe. Und es ist in Ordnung.

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Birgit Oppermann 22. Juli 2020


5 Kommentare von 141366.

  1. Hallo Birgit,

    als Schwesternschülerin habe ich oft Nachtwachen gemacht, um mir etwas dazu verdienen zu können. Ich kann deine ruhige Erzählung voll und ganz nachvollziehen, finde sie gut erzählt und sehr wichtig. Vielen Dank und viel Freude hier als Vize-Kapitänin!

    Liebe Grüße von der Regenkatse Llu

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