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Halloween mit Benni

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Efraimstochter / Pixabay

Es war der 1. November vor ungefähr 21 Jahren. An den Tag erinnere ich mich noch ganz genau, es war mein Geburtstag.
Ich bin ja bekanntlich in der Halloween-Nacht geboren worden und ganz oft feiern wir meinen Häutungstag in Form einer ausgelassenen Halloween-Party.
Das hat gar nichts damit zu tun, daß Halloween mittlerweile als grandiose Geschäftsidee von der Karnevalsindustrie entdeckt wurde. Nein, wir feierten schon Halloween, da mußte man das Fest noch jedem erklären.

Efraimstochter / Pixabay

Es ist doch auch ein verrücktes Fest, man darf sich verkleiden, gruselige Atmosphäre schaffen und sich gegenseitig schaurige Streiche spielen. So haben wir das wenigstens immer gemacht.
Ja, und den Bekannten und Verwandten hat es auch immer gefallen, auch an einem anderen Termin als an Fasching in Verkleidung erscheinen zu dürfen.

An diesem 1. November hatte ich mir morgens gegen 3 Uhr die letzte grüne Schminke aus den Gesicht gewaschen, die falschen Fellohren abgelegt und war todmüde ins Bett gefallen. Schlaf war jetzt wichtig, wir hatten stundenlang gefeiert und am Nachmittag würde die eher konservative Verwandtschaft zum Kaffeetrinken erscheinen.
Aber aus dem gemeinsamen Geburtstagskaffee wurde nichts.

Um 14.30 Uhr klingelten die ersten Gäste, und kaum eine halbe Stunde später klingelte das Telefon.

Sandy war dran: „Du Chef, wir haben einen Sterbefall. Manni ist mit Albert zu einer anderen Hausabholung unterwegs, Du mußt mir helfen.“

Wie immer war ich nur zu einem mürrischen Grunzen aufgelegt, was Sandy dann zu einem „Glückwunsch, übrigens“ veranlaßte.

Wenigstens mußte ich nicht fahren. Nicht etwa, daß ich Restalkohol gehabt hätte! Nein, ich trinke ja nix. Aber irgendwie muß viel Alkoholdunst in der Luft gewesen sein, den ich natürlich ganz versehentlich eingeatmet hatte…

Sandy steuerte den Bestattungswagen durch den typischen Allerheiligen-Nieselregen bis in einen der entlegensten Stadtteile. Dort am Waldpark standen alte Villen. Tolle Häuser, die man gerne besitzen, aber nicht beheizen möchte. Riesige Kästen mit Türmchen, Erkern und spitzen Bogenfenstern, die wie Kirchenfenster aussahen.
Die Leute, die diese Häuser vor hundert oder mehr Jahren gebaut hatten, die hatten Geld, aber so richtig viel Geld.
Ja, und die Leute, die da heutzutage wohnen, haben auch so richtig viel Geld.
Da sah man schon an den Autos, die vor diesen Häusern in den Einfahrten standen. Jaguar, Bentley, Porsche, große Audi und fette Mercedes.

„Hier wohnen die Sozialhilfeempfänger“, meinte Sandy und deutete dann auf ein Haus mittlerer Größe mit zwei schönen Türmchen: „Da muß es sein, Hausnummer 12.“

Oskar sei gestorben, hatte Sandy mir erzählt, mehr wußte sie auch nicht. „Na, hoffentlich ist Oskar kein Hamster oder Hund“, brummte ich, denn auch das hatten wir schon erlebt.

Wir fuhren die lange Auffahrt hoch, Kies knirschte unter den Rädern. Kaum hatten wir angehalten, stand auch schon ein Mann oben an der breiten Treppe. Er hatte einen Cognacschwenker in der Hand und trug so etwas, das man als Hausjacke bezeichnen könnte. Für einen Moment hatte es aufgehört zu regnen, aber in der Ferne grollte der Donner.
Der Mann deutete mit dem Daumen über seine Schulter. „Kommen Sie, kommen Sie, er ist drinnen.“
Ja, wir hatten auch nicht erwartet, daß man uns den Verstorbenen draußen vor die Tür legt.

Ich kenne das von anderen Bestattern, die stiefeln gleich mit dem Sarg ins Haus und erzeugen damit so eine Entsorgungsstimmung. Wir machten das immer anders. Zuerst gingen wir in die betreffende Wohnung, schauten uns um, gingen dann zum Verstorbenen, sprachen mit den Anwesenden, und erst dann holten wir den Sarg oder die Trage.

„Äh, nicht daß Sie sich wundern…“, begann der etwa 70-jährige Mann und zögerte dann, weiterzusprechen.

Sandy und ich schauten ihn fragend an und während er und ins Haus geleitete, fuhr er fort: „Ich bin übrigens Herr Marquart, das ist mein Haus hier. Der Onkel meiner Frau ist gestorben. 89 Jahre alt, kein Verlust, wenn Sie mich fragen. Er hat die letzten zwei Jahre hier bei uns gelebt. So ist das halt, wenn man Platz hat…“
Er ging voraus, nippte an seinem Cognac und hielt dann inne: „Nee, nicht, daß Sie mich falsch verstehen, der Onkel hat es gut hier gehabt. Um Himmels Willen! Der ist bestens versorgt worden.“ Dann schaute er sich um, um sicherzustellen, daß kein anderer zuhörte und meinte: „Aber er war eben ein Arschloch. Muß man ja sagen dürfen. War wirklich so.“

Nun ließ sich dieser Besuch so an, als würde sich jetzt eine spannende Geschichte um den verstorbenen Onkel Oskar entwickeln. Aber dem war nicht so.
Ich kann es gleich vorweg nehmen: Eine halbe Stunde später ging es ganz schnell, Ansehen, Trage holen, Einpacken und Mitnehmen… Fertig.

Aber, was in dieser halben Stunde geschah, das war allerdings ebenso merkwürdig wie verrückt.

„Der Onkel liegt oben, der Arzt war schon da. Sie können ihn gleich mitnehmen, Hauptfriedhof, wir haben da eine Familiengrabstätte. Nehmen Sie einen stabilen Eichensarg, welcher ist mir egal, Hauptsache der alte Sack kann nicht mehr raus.“ Herr Marquart lachte und nippte wieder am Cognacschwenker. „Wegen der Formalitäten komm ich morgen bei Ihnen vorbei. Heute kann ich hier nicht weg, wir feiern Kindergeburtstag.“

„Oh, mein Chef hat heute auch Geburtstag“, platze Sandy heraus.

Herr Marquart sah mich an: „Glückwunsch! Cognac?“

Ich schüttelte den Kopf: „Nein, keinen Cognac, aber vielen Dank für die Glückwünsche.“

„Nun, Geburtstag bei uns, das ist was Besonderes… Wie soll ich es sagen, es ist anders…“, sagte Herr Marquart und öffnete eine doppelflügelige Tür: „Bitteschön!“

Vor uns lag das Wohnzimmer oder der Salon, und darin saßen vier Personen um einen festlich gedeckten Geburtstagstisch.
Die Leute sprachen nicht.

Herr Marquart stellte die Personen vor: „Das hier sind meine Kinder Betty und Martin, das da drüben ist Tante Luise und am Kopfende rechts sitzt meine Frau Verena und am Kopfende links ist Onkel Rudi, der Mann von Tante Luise.“

Betty, Martin, Luise, Verena und Rudi… Das wäre fünf Personen gewesen. Ich sah aber nur vier Personen.

Frau Marquart meldete sich protestierend zu Wort: „Du hast Benni vergessen! Immer vergißt Du Benni!“

Marquart schenkte sich an einer Kommode Cognac nach, trank einen großen Schluck, seufzte und deutete auf einen Platz mit einem Kuchengedeck, an dem aber niemand saß: „Bittesehr, und da sitzt unser Sohn Benni.“

Sandy und ich schauten uns einen Moment lang an. Unsere Blicken sagten das Gleiche: „Die spinnen!“

Denn man stelle sich die Situation bitte so vor: In einem sicher 150 Jahre alten Haus mit vier Meter hohen Räumen, saßen in einem dunkel getäfelten Salon, der hohe Buntglasfenster hatte, an einer Tafel mit Kaffee und Kuchen vier lebende Menschen mit bunten Geburtstags-Papierhütchen auf dem Kopf.
Betty und Martin waren etwa 40-45 Jahre alt. Frau Marquart war so Ende Sechzig und Tante Luise ungefähr Mitte Achtzig. Onkel Rudi hingegen war unbekannten Alters, man konnte ihn auch schlecht schätzen, denn Onkel Rudi befand sich in einer Kupferurne.

Ja und Benni? Benni war einfach gar nicht da. Überhaupt nicht.

„Betty, heute darfst Du für Benni die Kerzen ausblasen!“, flötete Frau Marquart in hohen Tönen und klatschte vor Freude in die Hände.

Betty stöhnte nur, sagte aber nichts, beugte sich über den Tisch und pustete fünf, sechs Mal, bis die wenigen Kerzen auf dem kleinen bunten Kuchen aus waren.
„So eine Farce!“, schimpfte Martin. „Wie lange willst Du noch den Kindergeburtstag von Benni feiern? Der ist schon 47 Jahre tot!“

Sandy und ich schauten uns wieder an. Ich hob warnend die Augenbrauen, was heißen sollte: „Sandy, halt die Klappe!“

Tante Luise meldete sich zu Wort: „Euer Onkel Rudi hätte sich gefreut, wenn er die Kerzen auch mal hätte ausblasen dürfen.“

Herr Marquart grinste gequält: „Das wollte ich mal sehen! Wie ein Häufchen Asche die Kerzen auspustet…“

„Gerhard!“, schnitt Frau Marquarts Stimme durch den Raum und alle zuckten zusammen, wie unter einem Peitschenhieb. „Wir haben Bennis Geburtstag jedes Jahr gefeiert. Das hat den Kindern immer geholfen, ihrem Brüderchen nahe zu sein.“

„Nein, hat es noch nie!“, protestierte Betty: „Das ist albern, einfach nur albern!“ Betty sprang auf, war das lilaglänzende Papiermützchen auf den Tisch und verließ den Raum.
Martin reagierte etwas zu langsam. Auch er hatte aufstehen wollen, doch seine Mutter befahl: „Du bleibst sitzen, denn Du mußt für Benni den Kuchen anschneiden!“.

Herr Marquart schob uns aus dem Raum und zog die Tür zu. „So ist das bei uns an jedem 1. November, da hätte unser mit 2 Monaten verstorbener Sohn nämlich Geburtstag. So ist das aber auch an Weihnachten, und an Ostern versteckt meine Frau auch Eier für den Kleinen. Und unsere erwachsenen Kinder müssen sie dann suchen. Wundern Sie sich also nicht, falls es irgendwo hier im Haus merkwürdig riecht. Das muß nicht der tote Onkel Oskar sein, das kann auch gut ein Osterei sein, das nicht gefunden wurde und irgendwo vergammelt.“

„Seltsam ist das schon“, sagte ich.

„Seltsam? Bekloppt! Meine Frau ist bekloppt, so einfach ist das. Das dürfen Sie auch ruhig sagen: bekloppt!“

„Da ist mir das Wort seltsam lieber.“

„Ja, sie machen das ja auch nicht seit 47 Jahren mit. Aber ich war mit ihr schon bei allen Ärzten. Die Pillen will sie nicht, die Kuren haben nichts geholfen und mit dem Gesprächstherapeuten hat sie nur über Benni gesprochen und alles ist noch schlimmer geworden. Ansonsten ist sie ganz gut zu haben, aber an Festtagen bricht das Bennifieber wieder durch.“

„Und Ihre Kinder machen da mit?“

„Betty und Martin haben das erst nicht anders gekannt, dann haben sie aus Mitleid mitgemacht und jetzt nur noch widerwillig. Und Tante Luise ist ja sowieso gaga. Das muß in der Familie meiner Frau liegen. Die schleppt dem Bembel mit dem toten Onkel schon seit elf Jahren herum. Rudi hier, Rudi da… Naja, hat sie wenigstens jemand zum Erzählen und geht mir nicht auf den Senkel.“

Betty kam die Treppe runter und ihr Vater meinte zu ihr: „Und, wieder beruhigt?“

„Geht so.“

„Gehste wieder rein?“

„Nee.“

„Schade, dann hättest Du mir noch einen Cognac holen können.“

„Nichts da, dann muß ich am Ende noch singen.“

„Komm, ich hab im Gartenhaus noch Kirschwasser, ist doch egal was wir trinken, Hauptsache es knallt. Nüchtern kannste das nicht ertragen.“

Herr Marquart hakte sich bei seiner Tochter ein und zog sie mit sich, dann stoppte er kurz und sagte über die Schulter zu uns: „Onkel Oskar liegt oben. Nehmen Sie ihn bloß mit, sonst setzt meine Frau den auch noch an den Tisch.“

Rechtschreibung geprüft


Peter Wilhelm 31. August 2017

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