Geschichten

Haltet dem Kind die Augen zu!

Eine Familie steht am Bett eines Verstorbenen

„Sie müssen sofort kommen. Mein Vater ist verstorben und die Leiche muss hier dringend weg.“

Ich frage halb verschlafen, das was ich immer frage: Ob denn der Arzt schon da gewesen ist, wo die Leute denn wohnen, und dann sage ich, dass es so 30 bis 45 Minuten dauert, bis wir da sind.

Sandy muss sich erst noch umziehen. Sie kommt direkt von einer Freundin und trägt schwarze Netzstrümpfe, einen kurzen schwarzen Lederrock und obenrum so eine etwas breitere Binde um den Busen, bei der ich immer nicht genau weiß, wie junge Frauen das nennen. An den Füßen kloggert sie in Stiefeln mit so dicken Sohlen herum, dass die ohnehin schon nicht kleine Frau nun noch größer ist.

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„Und mach Dir bitte das schwarze Zeug von den Lippen“, sage ich, „die Leute kriegen ja Angst“.

Ich bin froh, dass ich irgendwann mal bestimmt habe, dass alle auch noch mal eine Garnitur Dienstkleidung in der Firma hängen haben. Es dauert trotzdem etwas länger, bis die junge Deutsch-Amerikanerin nicht mehr aussieht, wie Nosferatus geile Schwester.

„Gott sei Dank, dass Sie endlich da sind. Es ist ja nicht auszuhalten mit dieser Leiche in der Wohnung.“ Mit diesen Worten empfängt uns eine etwa 35-jährige ziemlich dicke Frau, die uns mit hektischen Handbewegungen gleich ins Sterbezimmer leitet. „Hier liegt er. Wir haben ihn ein Dreivierteljahr gepflegt, Krebs, wissen Sie? Jetzt ist er vorhin gestorben. Furchtbar, furchtbar das alles. Holen Sie ihn schnell ab. So eine Leiche in der Wohnung. Furchtbar, furchtbar.“

Zu der hektischen Dicken gesellt sich ein dünner, großer Mann mit Brille, der ein vielleicht 10-jähriges Mädchen im Schlepptau hat. Die Dicke hält dem Mädchen sofort die Augen zu: „Sarah, guck da nicht hin, das ist ganz schrecklich, was es da zu sehen gibt.“ Und in einem Anflug von pädagogischer Fehlleistung fügt sie hinzu: „Der Oppa ist nämlich tot und verwest jetzt. Der löst sich jetzt auf und verfault. Das ist ganz fürchterlich, der muss sofort hier weg. Bleib beim Pappa stehen, sonst kriegste Leichengift ab.“

Ich seufze, Sandy will was sagen, ich werfe ihr einen warnenden Blick zu. Deshalb öffnet Sandy schon mal den Bestatterkoffer und sortiert ein bißchen darin herum.

„Kommen Sie, wir gehen in die Küche und besprechen erst mal ein paar Sachen“, schlage ich vor, lasse aber keinen Zweifel daran, dass wir es genau so machen, denn ich schiebe Vater-Mutter-Kind quasi vor mir her.

Am Küchentisch kontrolliere ich die Todesbescheinigung, und verlange dann dreist erst mal einen Kaffee.
Während die Dame des Hauses, die von dem dünnen Mann Renate genannt wird, Kaffee aus dem Vollautomaten zapft, macht sie wieder Druck: „Sie nehmen den aber schon jetzt gleich mit, oder? Der verseucht uns hier doch alles.“

Mein Vortrag über die Nichtexistenz von sofort tödlich wirkenden Leichengiften ist kurz, gut verständlich und endet mit den Worten: „Es gibt also nichts, was uns alle zur Eile treibt. Ihr Vater wird niemandem etwas zuleide tun, sondern ganz friedlich da liegen bleiben.“

„Wie jetzt? Sie nehmen mich doch auf den Arm. Ich habe extra auf Youtube die Videos von diesem tollen Bestatter geschaut. Der sagt aber, dass man Leichen sofort holen muss.“

Der dünne Mann atmet nur ein, er macht nicht einmal den Ansatz, etwas zu sagen, er holt nur Luft und erntet dafür: „Kurt, halt den Mund, Du hast da keine Ahnung von.“

Das kleine Mädchen macht große Augen und schaut an mir vorbei rüber zum Gästezimmer, in dem Sandy den Verstorbenen schon ein wenig auf den Transport vorbereitet. „Was macht die Frau jetzt mit meinem Opa?“

„Wir holen gleich eine Trage, so wie von einem Krankenwagen. Da legen wir Deinen Opa drauf und tragen ihn runter zu unserem Auto. Und Sandy, so heißt die Frau da drüben, schaut, dass Dein Opa fertig ist für das Runtertragen.“

„Kann ich da mithelfen?“

„Sarah!“, Renate brüllt regelrecht, „der Oppa is‘ am Verwesen. Den kannste jetzt nicht mehr anpacken, da geht das Fleisch ab von den Knochen…“

Kurz muss ich die Augen schließen, dann unterbreche ich die Frau. „Jetzt machen Sie mal nen Punkt. Ihr Vater liegt da drüben jetzt genauso, wie er vor dem Sterben auch da gelegen hat. Der vergiftet keinen und der verwest jetzt auch nicht. Der liegt da jetzt, so als wenn er schlafen würde, nur wird er eben nicht mehr wach. Machen Sie dem Kind doch nicht solche Angst.“

Kurt holt schon wieder Luft. Renate schaut ihn streng an, er sackt in sich zusammen und knetet seine Hände. Das Kind fragt: „Ich hab dem Opa immer die Schlafanzugjacke und die Socken angezogen. Das kann man jetzt doch auch machen, das könnte ich doch für den Opa jetzt auch machen, oder?“

Nun isses ja so, dass ich ein Fürsprecher dafür bin, dass Kinder möglichst frühzeitig erfahren und wissen, was Sterben bedeutet, und dass man ihnen keine Märchen von einer Wolke erzählt, auf der ein Engelchen sitzt und Harfe spielt. Bestimmte euphemistische Bilder sind ja okay, bloß soll man Kinder eben auch nicht verarschen.
Deshalb finde ich es gut, wenn Kinder mit zu Beerdigungen gehen.
Ob Kinder auch mit zu einer offenen Aufbahrung an den Sarg gehen sollten, das ist eine sehr individuelle Frage, die vom Alter und Entwicklungsstand des Kindes abhängig gemacht werden muss. Hier ist auch entscheidend, wie viel Vorarbeit die Eltern da geleistet haben.
Renate hat nur schlechte Vorarbeit geleistet.

Und Renate weiß auch genau, wie es weitergeht, und das sagt sie auch, während sie mir den Kaffee hinstellt. „Der muss weg!“

Kurt steht auf und holt sich auch eine Tasse. Er bleibt stehen, überlegt kurz und wagt es dann tatsächlich, zu sprechen.
„Äh“, beginnt er, Renate kommt nur dazu, kurz „Kurt…“ zu sagen, dann fährt ihr der Mann überraschenderweise über den Mund: „Jetzt halt doch mal die Luft an, Alte. Das ist ja nicht zu ertragen. Überleg doch mal! Wir haben Papa monatelang die Scheiße vom Arsch gewischt, die Kotze aus dem Mund geholt und seine Flasche leergemacht. Wir haben ihn angezogen, ausgezogen und sogar Sarah hat dem Papa immer geholfen. Beim Anziehen, beim Essen und Trinken und sie hat ihm Gesellschaft geleistet.
Jetzt ist er tot. Der is‘ noch warm. Der hat doch vorhin noch gelebt. Wie soll der sich denn jetzt auf einmal so verändert haben, dass der sofort weg muss oder giftig ist. Was hast Du eigentlich im Kopf, Renate?“

„Aber…“

„Nix da! Als vor 30 Jahren meine Oma gestorben ist, da war ich noch nicht mal in der Schule, da sind die Onkel und Tanten gekommen und haben die Oma zu Hause gewaschen und angezogen. Dann wurde die schön gemacht und hat in ihrem Bett gelegen, bis der Bestatter am nächsten Tag gekommen ist. Ich hab‘ das Bild noch heute vor Augen, und irgendwo haben wir sogar ein Foto von der Oma, so wie sie da gelegen hat. Mit Kerzen und so.“

„Das war früher vielleicht so, aber…“

„Jetzt hör doch mal auf zu abern! Ich kenn Dich doch, Renate. Du kommst nur nicht damit zurecht, dass er gestorben ist. Du ekelst Dich nicht vor der Leiche, Du willst den Tod verdrängen, indem Du Papa schnell abholen lässt. Aber das ist falsch, falsch, falsch.“

Die dicke Frau wischt mit einem feuchten Lappen um den Kaffeeautomaten herum, knetet den Lappen, wischt nochmal, knetet wieder, und dann dreht sie sich auf einmal zu uns um: „Genau, so machen wir das! War ja sowieso meine Idee.“

Eine knappe Stunde lang sind Kurt und Renate mit Sandys Hilfe damit beschäftigt, den Verstorbenen anzuziehen. Sarah ist dabei, ab dem Zeitpunkt, als der Opa Unterwäsche anhat. Sie zieht ihm die Socken an, wobei Mama Renate hilft. Dann liegt er endlich da, hat einen dunkelgrauen Anzug an, die Hände sind gefaltet. Renate holt drei Kerzen. „Ich hab nur die roten Kerzen vom Adventskranz, aber die sind doch auch schön.“

Kurt legt eine CD ein und der Opa bekommt noch irgendwas Böhmisches vorgespielt.

Mittlerweile sitzen Sandy und ich in der Küche und trinken Kaffee. Dann kommt Sarah und fragt Sandy, ob sie UNO spielen kann. Völlig gelöst spielt das Mädchen dann mit Sandy Karten.
Eine Weile später kommt Renate, so als ob sie nie etwas anderes gewollt habe, und meint: „Es reicht ja vollkommen, wenn Sie meinen Vater morgen Mittag abholen, oder?“

Ich nicke nur. Und Renate sagt noch: „Ich meine, jetzt sieht er so schön aus, da kann er ja noch ein bißchen bleiben. Ich hab ja gleich gewusst, dass das Quatsch ist, was im Internet alles erzählt wird.“

Bildquellen:

  • sarah_800x500: Peter Wilhelm KI

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(©si)