Geschichten

Ich habe solche Angst

junge Frau hat Angst beim Bestatter

„Ich hab ein bisschen Angst vor Ihnen“, sagt die etwa 25-jährige Frau, als sie mit mir im Ausstellungsraum meines Beerdigungsinstituts steht und einen Sarg aussuchen soll.

Gut, ich bin fast 1,90 Meter groß, wiege zwei Zentner, trage Bart und habe eine tiefe Stimme – allesamt beste Voraussetzungen, um als eine Art Gollum-Grinch gelegentlich auch Frauen Angst einzujagen. Allein meine Gutmütigkeit und meine gepflegte, beinahe vornehme Kleidung sorgen dafür, dass dennoch keinerlei böse Absichten aufkommen.

„Warum haben Sie denn Angst vor mir?“, frage ich die Frau, die die Beerdigung ihres Vaters organisieren möchte.

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„Na, weil überall im Netz steht, wie gefährlich das ist und dass man beim Bestatter immer abgezockt wird.“

„Das ist doch aber überall so. In jeder Branche gibt es die sogenannten schwarzen Schafe. Aber ich habe nicht die Absicht, Sie zu übervorteilen.“

„Und woher weiß ich, dass das stimmt?“

„Nun, wir machen das doch die ganze Zeit schon so: Ich sage Ihnen, was man alles benötigt, und Sie suchen dann aus dem gesamten Angebot das aus, was Sie haben möchten und was Ihnen preislich zusagt. Dann schreiben wir das alles auf, rechnen es zusammen und Sie überlegen, ob das alles so richtig ist. So haben Sie doch schon das Sterbehemd und die Decke ausgesucht, und so machen wir das auch mit dem Rest. Ich helfe Ihnen da gerne durch, aber letztlich entscheiden Sie doch frei und ohne Druck.“

„Was kostet das denn am Ende alles zusammen?“

„Das weiß ich jetzt auch noch nicht. Wir sind ja noch nicht fertig. Aber wenn Sie mir sagen, dass Sie nur soundsoviel ausgeben können oder wollen, dann versuche ich das hinzubekommen. Wenn Sie mehr möchten, ist das auch kein Problem. Es hängt alles von Ihren Wünschen ab.“

„Und was das kostet, das erfahre ich erst, wenn ich in sechs Wochen die Rechnung kriege?“

„Nein, wenn wir nachher alles aufgeschrieben haben, rechne ich Ihnen das aus. Dann haben Sie die Summe. Und wenn Sie nichts mehr dazu bestellen oder was ändern, dann bleibt die auch so.“

„Ich hab das ja noch nie gemacht“, sagt sie, fast schon entschuldigend klingend.

„Ich aber schon, und zwar tagtäglich. Da kommen immer wieder Leute, die in der gleichen Situation stecken, wie Sie. Und wenn wir die Leute ausnehmen würden, würde sich das herumsprechen und es kämen bald keine mehr. Was bringt es mir, wenn ich aus jedem Auftrag das Maximale herausschlage und unehrlich wäre? Damit würde ich doch mein Geschäft kaputtmachen.“

Sie nickt langsam, ist aber immer noch unsicher. „Ich hab trotzdem noch Angst.“

„Wovor denn?“, hake ich nach, denn ich habe das Gefühl, dass es Frau im Grunde gar nicht um die Preise geht.

„Dass ich was Falsches aussuche. Ich kenn mich doch nicht aus.“

„Aber ich erkläre Ihnen doch alles. Ich habe doch so viel Geduld mit Ihnen. Sie müssen sich doch wirklich vor nichts fürchten.“

„Ich habe Angst vor den Särgen. Die sind gruselig. Das ist das Schlimmste, was ich mir jemals hab‘ ansehen müssen.“

Wir schaffen es tatsächlich, in Ruhe alles Notwendige auszusuchen. Ich schreibe wie immer alles sorgfältig auf und führe die 25-Jährige dann in unser Kaminzimmer.
Für die Beratungen haben wir drei kleinere Räume vorgesehen. Na ja, so ganz stimmt das nicht, einer ist etwas größer und für die Familien gedacht, die immer zu zwölft kommen. Er ist recht nüchtern eingerichtet: Büromöbel in Office-Grey, Tische und Stühle eben, etwas Deko und die üblichen Prospekte, Zimmerpflanzen und Gemütlichkeitsgedöns. Eins von den anderen beiden Zimmern ist so ähnlich, aber eben kleiner. Mit dem dritten Raum habe ich mir einen Traum erfüllt. Ich liebe englische Chesterfield-Möbel, vor allem die grünen Leder-Sitzmöbel mit den vielen Polsterknöpfen. Ein großer, offener Kamin ist das Herzstück des Raumes. Es hat mich viel Überzeugungskraft gekostet, dass ich da eine elektrische Kaminattrappe aufbauen durfte. Anfänglichen Bedenken der Bürodamen und meiner Allerliebsten zum Trotz sieht der nämlich nicht nur echt, sondern auch schön aus.

Dorthin führe ich die junge Frau, stelle ihr Wasser und Kaffee hin, ohne zu fragen, gebe ihr Zeit, sich zu sammeln, und nehme erst nach einer ganzen Weile ihr gegenüber Platz.
Es gibt noch einige Formalitäten zu klären und ich schreibe wieder alles sorgsam auf. Wir kommen zu dem Punkt, an dem sie entscheiden muss, ob der Sarg ihres Vaters noch einmal geöffnet werden soll.

„Auf gar keinen Fall. Was meinen Sie denn, was ich für ein Nervenkostüm habe? Da hab‘ ich voll Angst vor.“ Sie zittert regelrecht und ich sehe, dass sie wirklich Angst hat. Zu ihrer Beruhigung sage ich das, was ich immer über die Friedfertigkeit von Verstorbenen sage, und erneut habe ich das Gefühl, dass die junge Frau in Wirklichkeit gar keine Angst vor dem Verstorbenen hat.

Ein familiärer Umstand bringt die Wende im Gespräch. Meine Tochter tut das, was meinen Kindern eigentlich verboten ist, sie stört mich bei einem Beratungsgespräch. Die Kleine möchte gerne in der Tanzgarde eines örtlichen Karnevalsvereins mithüpfen und braucht dafür die Unterschrift vom Papa. Deshalb klopft sie an der Tür, steckt ihr süßes Näschen rein und guckt so. Die kann so gucken. Und wenn die so guckt, dann bin ich machtlos, wehrlos, Wachs in ihren Händen, ein lullemulliger Hannebampel, mit dem sie machen kann, was sie will. Ich unterschreibe ihr den Zettel und bekomme einen Kuss. Mein Herz glüht.

Natürlich hat die Kleine unseren Gast höflich begrüßt. Das ist eine Eigenschaft an meinen Kindern, die ich immer schon sehr geschätzt habe. Diese kleinen verfressenen, furzenden und rotzigen Monster, die mir und der Allerliebsten manchmal die letzten Nerven rauben, sind in jeglichem Außenkontakt, sei es in Restaurants, bei Einladungen, bei Besuchen oder offiziellen Anlässen immer von ausgesuchter Höflichkeit und zeigen ein angenehmes und feines Benehmen. Nicht gekünstelt, nicht aufgesetzt, sondern einfach freundlich und höflich.

Meine Kundin schaut meiner Tochter lächelnd hinterher und fragt: „Ihre Tochter?“

Ich nicke und ich glaube, die Frau sieht mir an, wie sehr ich das Kind liebe.

„Mein Papa hat mich auch so lieb gehabt“, ist das Erste, das die Frau über den Verstorbenen erzählt. Ich weiß, dass es jetzt besser ist, ruhig zu sein, und lehne mich im Sessel zurück. Für sie ist das die unausgesprochene Aufforderung, weiterzusprechen.

Sie erzählt mir, dass sie eine eigene Wohnung im elterlichen Haus hat. Mit 18 war sie schon mal ausgezogen, um auf eigenen Beinen zu stehen, und weil das ihre Freundinnen auch alle gemacht hatten. Aber nach anderthalb Jahren war sie wieder zu ihren Eltern zurückgekehrt. Die Verantwortung, die zusätzlichen Kosten und die Entfernung waren doch nicht das Richtige für sie gewesen.

„Okay, vorher hatte ich nur mein Kinderzimmer. Und jetzt hatte Papa gesagt, ich könnte oben die kleine Wohnung vom Opa haben, der inzwischen verstorben war.“

Ihr Vater hatte sich fürchterlich ins Zeug gelegt, um die Wohnung vom Opa in ein schönes Nest für eine junge Frau zu verwandeln. Alles neu, alles modern, und bei den Möbeln wurde das kleine Erbe vom Opa auf den Kopf gehauen.

„Wissen Sie, mein Papa wollte mich gerne in seiner Nähe haben, das war ihm wichtig.“

„Das kann ich gut verstehen. Ich wollte auch nicht, dass meine Tochter irgendwo in der wilden, weiten Welt da draußen den Raubtieren zum Fraß vorgeworfen wird. Hier zu Hause kann ich sie doch viel besser beschützen.“

Sie muss lachen, nickt und sagt: „Ja, das ist wohl einer der Gründe, da haben Sie recht. Väter wollen immer auf ihre Töchter aufpassen.“

„Einer der Gründe? Was sind die anderen Gründe?“

„Mama!“

Sie stößt dieses Wort aus, sie sagt es nicht, sie feuert es ab, wie einen Pistolenschuss.

„Mama?“

„Ja, meine Mutter. Die ist … wie sag‘ ich das jetzt? Die ist … äh, sehr speziell.“

Ich beobachte, dass sie sofort wieder anfängt, zu zittern und, dass bei ihr Schweißperlen auf der Stirn auftauchen.

Langsam schenke ich ihr Kaffee nach, denn sie hat die Tasse recht zügig ausgetrunken. Dann frage ich sie: „Würden Sie mir verraten, wie Sie heißen?“

„Hab‘ ich doch gesagt, Kettner.“

„Nee, ich meine so vornerum, mit Vornamen.“

„Julia. Sie dürfen natürlich auch Du sagen, wenn Sie wollen.“

Ich bleibe beim Sie, spreche sie aber mit Vornamen an. Das habe ich mir so angewöhnt, denn es ist eine wunderbare Art und Weise, um eine schöne Nähe herzustellen, ohne zu plump ins mittlerweile viel zu abgegriffene Duzen zu verfallen.

„Julia, kann es sein, dass Sie von Anfang an gar keine Angst vor mir, vor den Särgen und vor dem Anblick Ihres verstorbenen Vaters hatten, sondern vor Ihrer Mutter?“

Julia erzählt.

Mutter und Vater hatten zusammen eine gutgehende Drogerie in einer mittleren Stadt in der Nähe von Heidelberg übernommen. Eine schöne Drogerie, die schon 60 Jahre etabliert war und sich trotz der großen Drogeriemärkte am Markt behaupten konnte. Die Mutter hatte sich auf Kosmetik, Parfümerie und Kerzen spezialisiert und ihr Vater auf die große Palette der Nahrungsergänzungsmittel und Tees und Kräuter.

„Meine Mutter hat schon immer gerne was getrunken. Im Laufe der Zeit ist aber aus dem Glas Sekt zu besonderen Anlässen und einem Bier am Wochenende eine Selbstverständlichkeit im Ablauf des Alltags geworden. Völlig egal, zu feiern gab’s auf einmal jeden Tag was, und sei es nur, dass eine ΑΜΑΖΟΝ-Lieferung früher als erwartet ankam, oder dass ein Lieferant die Preise gesenkt hat. Und abends? Och, jeden Abend sechs, sieben oder acht Fläschchen Bier. ‚Da ist ja kaum was drin, die trinken sich so weg, die Luft ist so trocken, die Wurst war so salzig, Bier macht ja auch immer Lust auf mehr. Ha ha ha.‘ Ich könnte kotzen! Ich kann diese Scheiße nicht mehr hören.

Und wenn jemand auch nur ansatzweise wagt, die Wörter Trinken, Alkohol oder gar Alkoholismus in den Mund zu nehmen, flippt die total aus. Die regt sich schon tierisch auf, wenn im Fernsehen so etwas gesagt wird, dass Leute die regelmäßig jeden Abend was trinken, schon zu den Alkoholikern gehören können. Für sie trifft das alles nicht zu.

Sobald der Alkohol seine Wirkung zeigt, verwandelt sich diese intelligente und sympathische Drogistin in eine sabbelnde, blöde Kuh. Sie werden es nicht glauben, aber ihre Art zu sprechen wird sofort anders, sie sieht auch anders aus. Irgendwie verliert sie sofort die Kontrolle über alles an sich: Gestik, Mimik, Sprechweise, alles. Das ist furchtbar, das mitanzusehen.

Mein Vater hat auch immer gerne was getrunken und früher hatten wir so eine kleine Hausbar im Wohnzimmerschrank. Wenn Gäste kamen, war mein Vater stolz, dass er fast jeden Wunsch nach einem alkoholischen Getränk erfüllen konnte. Aber seit meine Mutter so ist, ist es hinter dieser Klappe im Schrank leer. Da sind jetzt die Süßigkeiten und Chips drin. Mein Vater hat seit Jahren keinen einzigen Tropfen mehr getrunken. Der hat immer gesagt, dass er meiner Mutter keinen Anlass zum Mittrinken geben wollte.“

„Und hat sich das auf das Geschäft nachteilig ausgewirkt?“, frage ich.

„Ja und nein. Das ist kompliziert. Also: Meine Mutter war in der Drogerie nie betrunken. Nie! Die ist morgens in den Laden und hat da gestanden, wie eine Eins. Die hat auch tagsüber nicht getrunken, höchstens mal dieses immer häufiger mal vorkommende berühmte Glas Sekt. Aber das ist auch so’ne Sache. Die trinkt gerne Sekt. Den kann sie wegschütten, wie Limonade. So, wie ich Cola trinke, kann die Sekt wegtrinken. Aber tagsüber hat sie das mit dem Feiern mit dem Sekt aus einem ganz anderen Grund gemacht, Sie hat die Angestellten dazu animiert, mitzumachen.
Wissen Sie, so um meinem Vater zu zeigen, dass Trinken doch was ganz Normales ist, das alle machen. Um ihn alleine dastehen zu lassen, weil er doch nichts mehr trinkt. Das sollte zeigen: ‚Seht her, alle trinken doch tagsüber Sekt, das ist doch völlig in Ordnung, bloß Du bist ein Spielverderber!‘

Aber wenn Sie meinen, dass diese Trinkerei der Firma Schaden zugefügt hat, dann nur auf dem Umweg.“

„Auf welchem Umweg?“

„Mein Papa!“

„Wie?“

„Meine Mutter kann saufen bis um zwei Uhr morgens, bis dahin hat die den vollgesabbelt, hat ihm den Verstand aus dem Kopf geblubbert und ihn sowas von zusammengeschissen und fertiggemacht, dass der Mann nicht mehr konnte. Dann legt die sich ins Bett und kann pennen. Mein Vater ist dann aber so aufgedreht, dass er sich die ganze Nacht nur herumwälzt.

Am nächsten Morgen, fragen Sie mich nicht, wie die das macht, steht die Alte wieder fit wie ein Turnschuh im Laden und mein Vater sah immer aus, wie der lebende Tod.“

„Und inwiefern hat sich das auf die Drogerie ausgewirkt?“

„Ach, das ging über Jahre. Tagsüber ist meine Mutter die strahlende und immer freundliche Drogistin, die zu jedermann ein gutes Verhältnis hat. Und sobald keiner mehr dabei ist und am Abend, behandelt die meinen Vater wie Dreck.“

„Ja, aber weshalb denn? Ich meine, wenn ich das richtig verstehe, hat er sie doch trinken lassen und das irgendwie hingenommen?“

„Der hat ihr das Bier ja auch noch geholt. Denn wenn sie nichts hat, dann wird’s erst richtig schlimm. Mit anderen Worten: man kann die besoffen nicht ertragen, aber wenn sie nichts bekommt, ist es fast noch schlimmer. Sie glauben ja nicht, was die reden kann. Die ist meinem Vater im Streiten haushoch überlegen. Dem war wichtig, dass Frieden im Karton ist, wenn Sie wissen, was ich meine.

Die Drogerie lief weiter gut und meine Mutter ist ja auch bei allen beliebt. Wenn die so’n Glas Sekt intus hat, hat sie alle lieb und will mit jedem dicke Freundin sein. Da biedert sie sich regelrecht an.“

Ich hüstele und frage vorsichtig: „Auch bei anderen Männern?“

„Gerade bei anderen Männern! Gerade bei denen! Mein Vater ist ein grundanständiger Mann. Der ist noch von der alten Schule. Kein Tyrann, kein Macho oder so. Man kann nichtmal sagen, dass der besonders eifersüchtig ist. Aber für ihn hat das Wort Ehe noch eine Bedeutung und ich glaube, es gibt keinen, der so ein treuer Dackel ist wie der.
Vor ein paar Jahren hat ihm ein Lehrmädchen mal schöne Augen gemacht. Diese Vanessa hat ihn regelrecht um den Finger gewickelt und ihn dazu gebracht, ihr teure Geschenke zu machen und allerlei Vorteile zu gewähren.“

„Hat er ein Verhältnis mit dieser Vanessa angefangen?“

„Ach was! Der doch nicht. Um Himmels willen!!! Nein, nein, nein. Dem hat es gereicht, dass Vanessa ganz nah an ihm vorbeigelaufen ist oder ihn mal gestreift oder berührt hat. Ihm hat das gutgetan, dass so ein junges Ding Interesse an ihm bekundete. Ich hab‘ mir so gedacht, dass der richtig aufgeblüht ist. Weiß der Henker, was der sich so ausgemalt hat. Aber eins ist sicher: Der hätte die nie angefasst oder irgendwas mit der gemacht. Sie durfte sich teure Parfums für nen Appel und ein Ei mitnehmen und er hat ihr die Berichtshefte abgezeichnet, ohne hinzugucken. Auch für die Berufsschule hat er ihr schon mal Entschuldigungen geschrieben und sowas. Ihm hat schon gereicht, dass die ihn angeschmachtet hat.“

„Und Ihre Mutter?“

„Die hat das erst gar nicht mitgekriegt. Die war immer so mit sich selbst und ihrem Kundenkreis beschäftigt, dass die nichts gemerkt hat. Außerdem war Vanessa ja auch raffiniert. Aber eines Tages hatt’se dann doch was mitgekriegt und dann ging es los. Meine Fresse! Was für ein Theater. So als ob mein Vater ein Sexverbrecher wäre, so als ob der dem Mädchen Urlaub in Monaco bezahlt hätte. Und natürlich hat meine Mutter das so hingedreht, dass sie wegen ihm jetzt abends noch mehr saufen musste; um den Ärger runterzuspülen. Die hat den tatsächlich aus dem Schlafzimmer rausgeschmissen! Stellen Sie sich das mal vor. Mein Vater hat sich dann das Gästezimmer als sein Schlafzimmer zurechtgemacht. So ist das auch geblieben.

Aber sie! Ja, sie durfte natürlich mit jedem flirten. Angeblich kannte sie die Herren von ganz früher aus ihrer Jugend und das waren alles gaaaanz alte Bekannte. Da kann man ja wohl nichts gegen sagen, dass sie denen sogar zur Begrüßung Küsse auf den Mund gegeben hat.“

„Wie bitte?“

„Ja, Sie staunen, nicht wahr? Aber sie hat sich tatsächlich angewöhnt, wildfremde Kerle auf den Mund zu küssen. Die hat so ein Geschick darin, gleich jeden zu duzen, mit jedem Best-Friend zu sein und jeden anzupacken, eben mal zu küssen und alles auf so eine Beziehungsebene zu stellen, die unangemessen ist. Aber echt jetzt, die hat damit unwahrscheinlich gut verkauft. Der Laden läuft.“

„Und ihr Vater?“

„Der? Der hatte ja noch nicht einmal mehr seine Vanessa. Die hat Mama rausgeekelt. Nur meinem Papa ist es zu verdanken, dass die wenigstens noch ihren Abschluss machen konnte. Aber dann war die weg. Mir hat der richtig leidgetan. Wie er da in seiner Hälfte vom Laden stand und wie ein Gartenzwerg, wie ein Hampelmann von meiner Mutter quasi ignoriert wurde. Tagsüber das und abends stundenlang Vorwürfe, Stress und Streit. Die kann streiten, ohne Luft zu holen, die kann laut sein, ohne sich auch nur im Geringsten anzustrengen. Dabei lacht sie noch und ich weiß, dass ihr das sogar Spaß macht.
Aber mein Papa der leidet. Dem ging das an die Substanz.
Zuerst hat er nur Magenschmerzen gehabt. Dann sagte der Arzt vor zweieinhalb Jahren, er hätte eine Gastritis. Dann hieß es Magengeschwür. Ja und dann auf einmal kam Papa nach Hause und sagte, der Arzt will mal mit Mama sprechen. Wissen Sie, was die gesagt hat?“

„Nein.“

„Die hat gesagt: Würd‘ mich nich‘ wundern, wenn Du was an der Prostata hast, so wie Du immer einen Samenstau hattest von diesem Flittchen Vanessa!“

„Und ist sie dann zum Arzt gegangen?“

„Nein, ich bin mit Papa dann die Woche drauf zum Arzt.“

„Und?“

„Magenkrebs, nur noch sechs Monate.“

„Ach, du Scheiße!“

„Kann man wohl laut sagen.“

„Tut mir echt leid, Julia.“

„Wenn man so bei Google liest, wie es Leuten mit Magenkrebs geht, dann muss ich sagen, dass Papa noch Glück hatte. Ich hab‘ ihn da zu Hause raus und ins Hospiz gebracht. Da war der komischerweise auch voll einverstanden mit. Und wissen Sie, was der zu mir gesagt hat? ‚Julia‘, hat der gesagt: ‚Hier, das ist jetzt die schönste Zeit in meinem Leben, seit ganz langer Zeit. Wenn ich hier noch ein bisschen bleiben dürfte, dann wäre ich glücklich.‘ Das hat er gesagt.“

Julia weint, und ich setze mich auf die Lehne ihres Sessels und nehme sie in den Arm. Sie riecht nach Himbeere. Und sie tut mir so unendlich leid. Und in gewisser Weise tut mir der arme Drogerist so leid.

Nach einer Weile löse ich mich von der jungen Dame, bevor es komisch wird, und hole nochmal Kaffee.

Als ich zurückkomme, steht Julia am Fenster, sieht hinaus und spricht, ohne sich zu mir umzudrehen: „Sie werden es mir vielleicht nicht glauben, oder Sie werden das nicht verstehen können, aber ich habe meine Mutter trotzdem lieb. Das ist doch meine Mama. Aber Sie haben von Anfang an gespürt, das habe ich gemerkt, dass ich im Grunde genommen nur vor ihr Angst habe. Ich habe solche große Angst vor ihr, dass ich verrückt werden könnte.

Ich stehe doch jetzt vollkommen alleine da. Ich wohne oben in Opas Wohnung und unten säuft die sich jeden Abend zu. Bislang haben Papa und ich uns gegenseitig gestützt, und wir hatten genug damit zu tun, uns jeweils zu helfen und den Rücken zu stärken. Was wird denn aber jetzt? Papa ist weg. Die geht doch jetzt voll jeden Abend auf mich los.

Gott sei Dank habe ich nicht in der Drogerie angefangen, so wie Papa das immer gewollt hat. Ich bin jetzt fertig und werde Grundschullehrerin. Noch ein Dreivierteljahr und ich krieg eine Stelle am Bodensee. Dann bin ich weg. Den Entschluss habe ich schon gefasst, als Papa die Diagnose gekriegt hat. Wenn er es länger gemacht hätte, hätte ich das noch etwas ziehen können, aber jetzt passt es perfekt.“

„Dann ist es nur dieses Dreivierteljahr…“

„Ich weiß, was Sie sagen wollen. Aber das sind acht bis zehn Monate und die werden furchtbar für mich.“

„Dann ziehen Sie so lange zu Hause aus. Gibt es denn niemanden, der Sie aufnehmen könnte, damit Sie nicht bei Ihrer Mutter bleiben müssen?“

„So einfach ist das nicht. Irgendwie braucht die doch auch meine Hilfe. Ich meine, die steht jetzt auch ohne Papa da. Die kann im Geschäft gut verkaufen und so, aber den ganzen geschäftlichen Kram, den kriegt die nicht hin. Ich seh‘ jetzt schon, dass da der ganze Schriftverkehr liegenbleibt. Finanzamt, Behörden, Rechnungen, die kümmert sich um nichts. Schon seit Papa ins Hospiz gekommen ist. Bloß immer lachen, gute Laune und jetzt noch öfters ein Gläschen Sekt, weil sie ja einen ach so schwerkranken Mann hatte… Ich kotz‘ gleich.“

Der letzte Akt

Ich hatte ja erzählt, dass meine Tochter in dieser Tanzgarde mitmachen wollte. Und das hat sie auch gemacht. Und das war ein Segen, ein Segen für Julia.
Denn die Trainerin dieser Tanzgruppe hatte sich zwei Wochen nach meinem Gespräch mit Julia von ihrem Freund getrennt. Um die, für eine Person viel zu teure, Wohnung halten zu können, suchte sie nach einer Untermieterin.
Man kann sich denken, wie sich alles gefügt hat.

Schon nach Weihnachten in diesem Jahr war ein Barbershop in die Räume der ehemaligen Drogerie eingezogen. Ostern darauf standen Abrissbagger dort, wo sich Julias Elternhaus befunden hat.
Meine Bürodame, Frau Büser, erzählte mir, sie habe bei der Gemüsefrau gehört, die Drogistin sei mit einem 29-Jährigen nach Mallorca gezogen, um dort eine Würstchenbraterei zu eröffnen.

Eins weiß ich aber ganz sicher: Die Kinder in dieser Grundschule am Bodensee bekommen eine ganz tolle Lehrerin.

Bildquellen:

  • angst-junge-frau_800x500: Peter Wilhelm KI

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(©si)