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Klara

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Frühmorgens bin ich nicht auf große Diskussionen aus. Es bedarf so etwa einer Dreiviertelstunde männlichen Schweigens, bis ich zur Aufnahme von Fremdvokabluar bereit bin. Diskussionen sind in diesem Zusammenhang alles, was die Länge eines ganzen deutschen Satzes erreicht. Deshalb gehe ich morgens auch gerne mit dem Hund durch Feld und Flur, also erst durch den Flur und dann raus ins Feld.
Der labert mich nicht voll, wie meine Bürodame Frau Büser. Die geschwätzige Alte bringt es fertig, mich morgens schon mit ganzen Wortschwallen wie „Moin, moin“ vollzutexten.

Hund und Mann ziehen also durch die Gefilde und ich meide die Wege, auf denen mir andere Hundehalter begegnen. Diese langwierigen Gespräche, die die mir aufnötigen, kann ich morgens nicht ertragen. Heute Morgen ist das ein kleines bisschen anders. Ich muß auf dem Weg Eier mitbringen, mein luxusverwöhntes Weib mag ein Frühstück nur dann als komplett empfinden, wenn gekochte Eier dabei sind.
„Du hast Dir gestern Abend noch Rühreier gemacht, also bring von Bauer Ridder frische Eier mit!“

Den Hund muß ich vorne anbinden und gehe zu Ridders Hofladen, der glücklicherweise so früh schon geöffnet hat. Zwei Packungen mit je zehn Eiern will ich kaufen, das wird schnell gehen, ich habe passendes Kleingeld in der Hosentasche und viel quatschen muß ich da auch nicht. Die Eierfrau ist eh etwas wortkarg und wenn sie was sagt, dann sowieso im hiesigen Dialekt, den auch meine Frau spricht und bei dem ich mein Gehirn darauf trainiert habe, ihn als unverständliches Haschuwaschukansch durchflutschen zu lassen, ohne die Synapsen zu berühren.

Doch es kommt anders! Als ich den kleinen Laden betrete, in dem es immer herrlich nach Geräuchertem riecht, tönt mir entgegen: „Na Sie haben mir gerade noch gefehlt!“

Da steht in voller Größe und epischer Breite die stadtbekannte Frau Birnbaumer-Nüsselschweif und schweifelt gerade in vollster Fahrt. Sie hat nämlich aktuell ein Problem, das sie sofort auch zu meinem Problem machen will: „Die wollen mich nicht zu meinem Huhn lassen, nun sagen Sie doch mal was dazu!“

Bauer Ridder hat ungefähr eine halbe Million Hühner und mir ist schleierhaft, was Frau Birnbaumer-Nüsselschweif nun will. Will sie ein Suppenhuhn kaufen?

„Ich habe nämlich ein Patenhuhn! Das habe ich Klara genannt.“

„Ach was.“

„Ich habe hier ein eigenes Huhn und das will ich jetzt besuchen“, meckert die Birnbaumer mit ziegengleich zitternder Stimme und schüttelt mir ein Plastikbeutelchen mit Maiskörnern vor der Nase herum.

„Ich verstehe nicht ganz, um was es geht“, sage ich und schaue sofort intensiv in Richtung der Eierfrau, doch die tippt sich nur an die Stirn.

„Das ist ja wohl die Höhe, unglaublich ist das, das grenzt ja schon an Betrug, so etwas hat man ja noch nie gehört. Ich will jetzt zu meinem Huhn.“

Bauer Ridder höchstpersönlich erscheint und schaut mich aus dem einen und Frau Birnbaumer-Nüsselschweif aus dem anderen Auge an, er trägt seit dem Kriege ein künstliches Auge und ich weiß nie, welches von beiden es ist, was mich immer unsicher macht und nie weiß ich, in welches der beiden, nicht ganz parallel laufenden Okulare ich gucken muß.

„Wass’n hier los?“ will er wissen.

Die Birnbaumer-Nüsselschweif erklärt sich und ich erfahre, dass sie vor Weihnachten einen Patenhuhn-Vertrag abgeschlossen hat. Genauer gesagt ihr Mann. Der hat ihr die Hühnerpatenschaft zu Weihnachten geschenkt. Dabei kauft man symbolisch für 120 Euro eine Hühnerpatenschaft für eines der tausenden ridderschen Hühner und hat dann ein Jahr lang das Recht auf täglich ein Ei.
Das bedeutet natürlich nicht, so erklärt der Bauer, dass man immer genau ein Ei von einem bestimmten Huhn bekommt, sondern dass man übers Jahr verteilt etwa 365 Eier abholen kann.

So habe sie sich das aber nicht vorgestellt, sie habe das Huhn quasi an Kindes statt adoptiert und denke daran, ihre Klara später einmal freizukaufen.

Ridder versucht ihr klarzumachen, dass es aufgrund verschiedener Gründe, die alle etwas mit dem Verlust eines Hühnerkopfes zu tun haben, kaum ein Huhn gibt, das bei ihm wesentlich älter als ein halbes Jahr wird und somit die Eier der Birnbaumer-Nüsselschweif durchaus von verschiedenen Hennen gelegt würden. Es sei eben alles mehr symbolisch.

„Symbolisch? Sie hören von meinem Anwalt und wehe, wir finden nachher meine Klara nicht!“ kräht das Nüsselschweifchen und zieht schnaubend ab.

„Gehört die zu Ihnen?“, will der Bauer von mir wissen und eines seiner Augen schielt auf ein langes scharfes Schinkenmesser.

Ich schüttele heftig den Kopf und sage: „Gott behüte! Ich möchte nur 20 Eier kaufen.“

© 2009


BILDQUELLEN

Veröffentlicht von

Hier veröffentlicht der Publizist Peter Wilhelm Informationen und Geschichten rund um den Bestatterberuf.
Mehr über den an Allerheiligen geborenen Autor finden Sie u.a. hier und hier.
Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Texte rein zur Unterhaltung. Keine Rechts-, Steuer- oder Medizinberatung!


    



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Peter Wilhelm 22. Juli 2022

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