Fundstücke

Lebendig begraben – Strategien

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„Lebenserhaltender Sarg im Zweifelsfall tatsächlicher Toten“, ein Sicherheitssargmodell von Christian Eisenbrandt.

Was wäre, wenn dein letzter Atemzug nur eingebildet wäre? Stell dir vor, deine Familie, der Arzt und der Gerichtsmediziner hätten sich alle geirrt, und du wärst lebendig begraben.

Du würdest kratzen und klopfen, schreien und brüllen, und niemand – absolut niemand – würde dich hören. Dieses beklemmende Gefühl hat einen Namen: Taphophobie, die intensive Angst, lebendig begraben zu werden.

Seit Jahrhunderten kursieren Geschichten, viele davon Mythen, über Menschen, die dieses schreckliche Schicksal erlitten haben. Und tatsächlich sind solche Fehler passiert. Christine Quigley berichtet in ihrem Buch „The Corpse: A History“, dass Anfang des 20. Jahrhunderts durchschnittlich einmal pro Woche ein Fall von Frühbestattung entdeckt worden sein soll. Einmal pro Woche! Das ist nicht nur erschreckend – es ist etwas, das unbedingt verhindert werden muss. Aber wie kann man sicherstellen, dass die Toten wirklich tot sind?

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Man könnte es so machen, wie die alten Römer, bei der die Trauernden acht Tage warteten, bevor sie einen Leichnam beerdigten. Damit wollten sie dem vermeintlich Toten genügend Zeit zu geben, aus seinem „Schlaf“ zu erwachen.
Das war aber vielen Taphophoben zu passiv und zu unsicher. Sie haben im Laufe der Geschichte und insbesondere im 19. Jahrhundert eine breite Palette von Methoden erfunden, um sicherzustellen, nicht lebendig begraben zu werden.

Tägliche Kontrolle

Junge Frau auf ihrem Sterbebett , von einem anonymen flämischen Künstler, ca. 1621. ANONYM/PUBLIC DOMAIN

Junge Frau auf ihrem Sterbebett, von einem anonymen flämischen Künstler, ca. 1621.

Aus Angst vor einer vorzeitigen Beerdigung vermachte Hannah Beswick, eine Engländerin des 18. Jahrhunderts, ihren gesamten Besitz ihrem Arzt Charles White – mit nur einer Bedingung: Ihr Körper durfte nie begraben werden. Niemals.
Stattdessen verpflichtete sich der Arzt mit der Annahme des Erbes dazu, ihre Leiche jeden Tag besuchen, bis er wirklich sicher sein konnte, dass sie tot war. Diese Besuche und Kontrollen wurden dem Arzt irgendwann lästig und so balsamierte White den Leichnam ein.
Er behielt die mumifizierten Überreste in seiner Sammlung anatomischer Präparate und mehrere Jahre lang enthüllte der gute Doktor zusammen mit zwei Zeugen täglich die Mumie und vergewisserte sich, dass sie noch immer tot war. Später legte er ihren Körper in ein altes Uhrengehäuse, und wie Jan Bondeson in seinem Buch A Cabinet of Medical Curiosities schreibt, öffnete der Arzt das Gehäuse „einmal im Jahr, um zu sehen, wie es seiner Lieblingspatientin ging“.

Der Sicherheitssarg

Franz Vesters Entwurf brauchte nur einen freundlichen Passanten, der die Glocke hörte. GOOGLE PATENTS/ US81437

Franz Vesters Entwurf brauchte nur einen freundlichen Passanten, der die Glocke hörte.

Das US-Patent Nr. 81.437 wurde 1868 erteilt. Diese spezielle Erfindung war ein Sicherheitssarg, der mit allem möglichen Schnickschnack ausgestattet war, die ein eventuell noch nicht ganz Toter benötigen könnte. Das Design umfasste ein Seil, eine Leiter und eine Glocke.
Wäre jemand in diesem Sicherheitssarg aufgewacht, hätte er die Glocke läuten können, um auf sich aufmerksam zu machen. Die Leiter hätte dann einen problemlosen Ausstieg aus dem Sarg und Grab ermöglicht.

Das Grabfenster

Grabfenster

Timothy Clark Smith ging kein Risiko ein und ließ an seiner Grabstätte ein Fenster einbauen.

Timothy Clark Smith, ein aus Vermont stammender Taphophobiker wollte ebenfalls sicherstellen, dass er keinesfalls lebendig begraben würde. Smith ließ sich deshalb 1893 ein Fenster in sein Grab einbauen. „Sechs Fuß über ihm und genau auf sein Gesicht ausgerichtet“.
Durch das Fenster hätten Friedhofsbesucher dann nachschauen können, ob Smith immer noch tot ist. Heutzutage ist das Glas vom Alter getrübt und man kann Smith nicht mehr sehen. Es ist aber auch nicht damit zu rechnen, dass Smith jetzt noch wieder wach wird und gerettet werden müsste.

Leicht zu öffnen

Leicht zu öffnender Sarg

Johan Jacob Toolens leicht zu öffnender Sarg.

Alles in allem bleibt die Frage: Wie genau würden die Neuerwachten die schweren Sargdeckel anheben?
Der Erfinder Johan Jacob Toolen hatte auch dafür eine Lösung. Sein Patent von 1907 berücksichtigte, dass die vorzeitig Begrabenen möglicherweise etwas müde sind, und sah leicht zu öffnende Deckel vor, damit die vermutlich Toten nicht um ihre Freiheit kämpfen mussten.
„Mit nur sehr geringer Anstrengung seinerseits“, erklärte Toolen, „kann der Scheintote sofort frische Luft bekommen und kann anschließend den Sarg verlassen.“

Die Notfall-Belüftung

Atemluftrohr

Gael Bedls Sicherheitssargentwurf aus dem Jahr 1887 war mit einem Atemluftrohr ausgestattet.

Fortschrittliche Designer von Sicherheitssärgen haben an alles gedacht. Gael Bedls Entwurf aus dem Jahr 1887 war mit einem Luftrohr ausgestattet, das sich öffnete, wenn es im Sarg zu Bewegungen kam. Er verfügte auch über einen „elektrischen Alarmapparat“, der ein Signal erzeugte, wenn das Luftrohr aktiviert wurde. Bedls Patentantrag vermerkte, dass das Luftrohr aus jedem beliebigen dekorativen Material hergestellt werden konnte.

Der Komplettisten-Ansatz

Komplett

Aus William Tebbs Buch, eine Demonstration einer Methode, mit der die Noch-Nicht-Toten jemanden über der Erde erreichen können.

Im Jahr 1896 machte sich auch der Geschäftsmann William Tebb Gedanken über den Scheintod. Einen Großteil seines Lebens hatte er verschiedenen Lieblingsthemen gewidmet (Tierrechte, Antikriegsbewegung, Impfgegner).
Doch eine besondere Begegnung gab Tebb zu denken und fortan begann er sich für die Interessen der vorzeitig Begrabenen einzusetzen.

Tebb lernte Anfang der 1890er Jahre Roger S. Chew kennen, einen Arzt, der dank der scharfen Beobachtungen eines Familienmitglieds selbst nur knapp einem vorzeitigen Begräbnis entgangen war.
Nachdem Chew seine Beinahe-Beerdigung überlebt hatte, widmete er sich der Medizin und der Aufgabe, andere vor seinem Beinahe-Schicksal zu bewahren.
Nach seiner Begegnung mit Chew gründete Tebb 1896 die London Association for the Prevention of Premature Burial.
Tebb veröffentlichte schließlich 1905 zusammen mit Edward Vollman (der selbst eine Beinahe-Beerdigung überlebt hatte) das Buch Premature Burial and How It May Be Prevented .

Das Buch beschrieb die verschiedenen Möglichkeiten, weshalb man für tot gehalten werden könnte (Trance, katatonischer Zustand, „menschlicher Winterschlaf“), und lieferte Fallstudien von Menschen und Tieren, die, obwohl sie für tot gehalten wurden, wiederbelebt wurden.
Das Buch widmete sich auch Techniken, die in der Vergangenheit (mit unterschiedlichem Erfolg) eingesetzt wurden, um ein vorzeitiges Begräbnis zu verhindern.
Die Autoren untersuchten jede Möglichkeit, vom Anbrennen einer Hand der vermutlich toten Person bis hin zur Injektion von Morphium oder Strychnin. Zumindest die Injektionen hätten dafür gesorgt, dass die Betroffenen dann auch wirklich tot gewesen wären.

In „Premature Burial“ wurden auch die damals noch neuen Methoden der künstlichen Beatmung und Elektroschocks untersucht. Letztendlich mussten die Autoren aber einsehen, dass ihre Arbeit möglicherweise nicht besonders effektiv war.
Als Tebb starb, ging er kein Risiko ein. Er wurde eine Woche später eingeäschert.

Unsere Angst, in einer unzeitgemäßen Grabstätte gefangen zu sein, ist nicht nur eine Faszination des 19. Jahrhunderts. Erst 2013 wurden Entwürfe für Särge und Instrumente zur Patentanmeldung eingereicht, die eine vorzeitige Beerdigung verhindern sollen. Irgendwo tief in uns allen steckt die Sorge, dass das, was als letzte Ruhestätte gedacht war, in Wirklichkeit das sein könnte, was uns tötet.

https://www.atlasobscura.com/articles/users-guide-to-definitive-death

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Lesezeit ca.: 8 Minuten | Tippfehler melden | © Revision: 1. Juni 2024 | Peter Wilhelm 1. Juni 2024

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