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Leichengift und Ozon

Seit 12 Jahren oder so schreibe ich das Bestatterweblog. Immer wieder kam hier die Frage nach dem Leichengift auf.
Ihr könnt vieles über Leichengift hier nachlesen.

Melancholia aus Österreich greift dieses Thema in einer Mail an mich auf:

Lieber Peter,

mir fällt gerade kein besserer Titel ein, aber als langjährige Bestatterweblog-Leserin sind mir im folgenden Online-Artikel von ORF Wien zwei Merkwürdigkeiten aufgefallen.

https://wien.orf.at/stories/3015843/

Erst ist vom berüchtigten Leichengift die Rede, danach schildert der Tatortreiniger, wie mit Ozon die Bakterien in der Raumluft aufgespalten und eliminiert werden.

Ich hätte eher angenommen, dass „Geruchs“moleküle zerlegt werden…

Was ich schade finde, ist dass vermutlich halb Wien und etliche Leute aus den weiteren Bundesländern nun wieder die alten Geschichten aufgewärmt serviert bekommen.

Trotzdem mit vielen herzlichen Grüßen

Melancholia


Melancholia hat Recht. Schade ist das insofern, dass immer wieder sehr ungenau über den Begriff Leichengift gesprochen und geschrieben wird.
Meistens fragten mich die Menschen, ob denn eine Leiche giftig sei. Sie wollten wissen, ob man denn einen Verstorbenen beispielsweise bei der Aufbahrung und Abschiednahme gefahrlos berühren kann.
Was ist, wenn jemand zuhause im Ehebett verstirbt, ist dann das ganze Bett und Schlafzimmer verseucht?

Also, ein Verstorbener ist nicht giftiger als er es zu Lebzeiten war.
Der Verstorbene ist zunächst noch von den Bakterienstämmen besiedelt, die bislang auch schon auf, an und in ihm lebten.
Von Gift ist hier keine Spur.

Ein ordentlich versorgter und gelagerter Verstorbener kann ohne weiteres berührt werden, davon holt sich niemand was.
Hatte der Verstorbene zu Lebzeiten ansteckende Krankheiten, beispielsweise HIV/AIDS, so ist er als toter Mensch genau so zu behandeln, wie als lebendiger.

Das ändert sich aber mit zunehmender Liegedauer des Leichnams.

Auch dann, wenn der Verstorbene länger liegt, entsteht kein Leichengift. Und ein Gift, das schlicht und ergreifend nicht da ist, muss auch niemand bekämpfen, entfernen oder neutralisieren.

Bei der Zersetzung des Verstorbenen entstehen Toxine als Abbauprodukt von Proteinen, aber auch diese sogenannten Alkaloide sind bei Berührung vollkommen harmlos. Selbst das Einatmen macht keine Probleme.

Die Aufnahme dieser Alkaloide über den Mund oder kleine Verletzungen hingegen können zu Infektionen führen. Aber wir haben es immer noch nicht mit einem Leichengift zu tun.

Trotz alledem hält sich die urbane Legende hartnäckig, dass der eben noch umsorgte und gepflegte Mensch sofort nach dem Eintritt des Todes unrein, giftig oder schmutzig sei. Hierfür verantwortlich sind aber in erster Linie unwissenschaftliche oder pseudowissenschaftliche Theorien aus vergangenen Jahrhunderten. Man nahm ja beispielsweise sehr lange an, Krankheiten entstünden durch Gase, die aus dem Boden steigen, die sogenannten Miasmen. Eng damit verbunden ist die irrige Annahme, dass die bloße Nähe eines Verstorbenen eine gewisse „Giftigkeit“ habe.

Die Erfindung des Mikroskops hat uns hier sehr viel weiter gebracht. Wissenschaftler konnten mithilfe dieses Instruments nun erkennen, dass Bakterien die Ursache von Krankheiten sein können.

Die Fäulnistheorie
Von der Antike bis ins 19. Jahrhundert hat man Gerüche – vor allem Fäulnis- und Verwesungsgerüche – für das Entstehen von Krankheiten verantwortlich gemacht. Erst durch die Erfindung des Mikroskops und die Entwicklung der Bakteriologie durch Luis Pasteur um 1880 erkannte man Keime als Krankheitserreger. Im 17. Jh. entwickelte Johann Joachim Becher die so genannte “Fäulnistheorie”. Die Fäulnistheorie war eine Geruchsklassifikation, die dem Arzt bei der Diagnose von Krankheiten helfen sollte. Als besonders gefährlich galten der Fäulnistheorie zufolge die Ausdünstungen Frischverstorbener. Wie stark aber Ekel und Angst vor Tod und Verwesung durch den Glauben an die krankmachenden Dämpfe war und wie übertrieben psychosomatisch man darauf reagierte, zeigen die Ereignisse rund um die Öffnung einer halbverwesten Leiche in einem Seziersaal der Medizinischen Fakultät in Paris anlässlich einer Prüfung von vier Studenten: Der erste Kandidat fiel wegen der Ausdünstungen erschrocken gleich zu Beginn in Ohnmacht und verstarb drei Tage später, der zweite reagierte mit einem Hautausschlag. Die beiden anderen trugen ein langwieriges Leiden davon, von dem einer der beiden sich niemals erholen sollte.

Zitat aus „SIND LEICHEN GIFTIG?“ von Dr. Christine Pernlochner-Kügler

https://aspetos.com/de/post/sind-leichen-giftig/32

Es ist aber immer eine gute Idee, wenn Angehörige Bett und Gegenstände reinigen möchten, dies beispielsweise mit Sagrotan oder ähnlichen bakterizid wirkenden Reinigungsmitteln zu tun. Der übertriebene Einsatz dieser Mittel ist aber unnötig.

Was Bakterien und „Keime“ in der Luft anbetrifft, so kann ein Ozongeräte hier tatsächlich helfen. Ozon ist eines der stärksten Mittel, die wir zur Desinfektion und Geruchsbeseitigung zur Verfügung haben. Eigentlich ist Ozon nicht anderes als sehr rekationsfreudiger dreiatomiger Sauerstoff.
Ozon wird zur Luftreinigung, zur Geruchsbeseitigung und zur Luftdesinfektion eingesetzt.

Bei einem Verstorbenen entsteht aber keine krankmachende Luft. Der Einsatz eines Ozon-Luftreinigers hat hier vielmehr den Sinn, den Leichengeruch zu beseitigen. Das kann Ozon sehr gut.

Vor dem bedenkenlosen Einsatz von Ozon-Luftreinigern raten Lungenärzte aber ab. Denn die entstehenden Spaltprodukte können gefährlich sein.

https://www.lungenaerzte-im-netz.de/news-archiv/meldung/article/warnung-vor-luftreinigern-mit-ozon-bzw-ozon-generatoren-zur-geruchsbeseitigung/

Bild von olegschedrin0 auf Pixabay

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Peter Wilhelm 9. Oktober 2019


3 Kommentare von 140685.

  1. Gerade bei Älteren Angehörigen erwähne ich ( Notfallsanitäter im Rettungsdienst) gern das dies ein Mythos ist und die den geliebten Verstorbenen ohne Bedenken streicheln und auch küssen dürfen. Ich durfte schon in manch erleichtertes Gesicht sehen.

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