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Musik am Lebensende

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Es ist Abend. Naja, für Pflegeheimverhältnisse eigentlich schon mitten in der Nacht. Die meisten Bewohner*innen sind in ihren Zimmern, es ist ruhig geworden im Haus. Das Licht ist gedämpft, die Atmosphäre angenehm. Ich sitze am Bett von Frau Rotenburg und weiß, sie wird wahrscheinlich heute noch gehen. Sie ist schon weit weg, kaum noch zu erreichen. Ich sitze bei ihr, lese ein wenig, streiche ihr manchmal über die Hand oder die Schulter. Teile ihr mit, dass ich da bin, dass sie nicht alleine ist. Zwischendurch wird sie unruhig, verzieht das Gesicht, als hätte sie Schmerzen oder einen schlechten Traum. Das sind die Momente, in denen ich anfange zu singen. Schon nach wenigen Tönen beruhigt sie sich ein wenig. Nach einem oder zwei Liedern ist sie meist wieder entspannt. Ich hänge noch ein drittes an, dann bin ich wieder ruhig. Lasse ihr ihren Frieden und bin einfach da. Als sie schließlich stirbt, ist das letzte „Die Gedanken sind frei“ gerade erst verklungen. Und es ist gut.

Der Gehörsinn geht als letztes

Im Sterbeprozess verändern sich die Sinne. Manchmal werden sie zunächst empfindlicher, die Sterbenden können dann zum Beispiel keine stark riechenden Parfüms oder lauten Geräusche mehr ertragen. Je näher das Sterben rückt, umso mehr schränken sich dann auch die Sinne ein. Das Essen wirkt geschmackloser, die Nerven in Fingern und Händen weniger sensibel, die Augen fallen immer häufiger zu. Das Hören, davon geht man aus, bleibt am längsten erhalten. Selbst in tiefer Bewusstlosigkeit kann es sein, dass die Sterbenden noch hören können. Ob sie die Informationen verarbeiten können, ist eine andere Frage. Aber beim Thema Musik geht es ja mehr um Emotion als um Information. Und die kommt oft noch an.

So kannst du Musik am Lebenende einsetzen

Musik trägt Gefühle. Sie kann die Stimmung heben oder melancholische Erinnerungen wecken. Sie kann beruhigen oder aufpeitschen und manchmal auch ganz furchtbar nerven. Es kommt deshalb beim Thema Musik sehr stark auf den persönlichen Geschmack der*des Sterbenden an. Ich muss wissen, was die Person früher schon gerne mochte und was nicht. Wenn ich jemanden längere Zeit begleitet habe, kenne ich einige Lieder, die er oder sie mag. Denn auch in der frühen Phase der Begleitung singe ich oft viel, wenn die Patient*innen darauf Lust haben. Bei sehr alten, vielleicht sogar dementen, Menschen kommt man meistens mit alten Volks- und Kinderliedern gut an. Ich staune immer wieder, wie textsicher manche noch sind, selbst wenn sie sich sonst an kaum etwas erinnern. Bei Jüngeren wird es komplizierter, da gibt es kein allgemein verfügbares Liedgut mehr, sondern ein viel größeres Spektrum an Geschmäckern, Gattungen und Varianten. Das wird in spätestens 20 Jahren auch bei den ganz Alten so sein. Aus dem Bauch heraus geht dann nur noch wenig. Ich persönlich fände es nicht so prickelnd, wenn mir am Sterbebett „Hoch auf dem gelben Wagen“ vorgesungen würde. Hier kommt es also umso mehr darauf an, den Geschmack der*des Sterbenden zu kennen. Meist bekommt man die Info aus den Biographie-Unterlagen im Pflegeheim, von Zugehörigen oder im Zweifel durch einen Blick ins Plattenregal. Oder – im Idealfall – kennt man ihn oder sie schon länger und weiß über den Musikgeschmack Bescheid.

Natürlich muss Musik nicht vorgesungen werden. Sehr häufig wird es sich viel eher anbieten, eine CD aufzulegen oder Musik vom Smartphone abzuspielen. Gerade in Pflegeheimen kommt häufig Meditationsmusik zum Einsatz, um die sterbenden Patient*innen zu beruhigen. Aber auch dabei gehen die Geschmäcker natürlich sehr auseinander und manch einer kann mit Regenwald-SmoothPiano-Delfingesängen-Schamanentrommeln nur wenig anfangen.

Wichtig sind diese Punkte:

  • Musik am Lebensende sollte dem Geschmack der*des Sterbenden entsprechen.
  • Sie sollte laut genug sein, um wahrgenommen zu werden, aber nicht so laut, dass es unangenehm wird. Lieber ein bisschen leiser anfangen und die Reaktion beobachten!
  • Ganz wichtig sind Pausen. Auch wenn die Musik noch so schön und beruhigend ist: Stundenlang will sie kaum jemand hören. Schon gar nicht auf dem Sterbebett, wo viele Menschen ein großes Bedürfnis nach Ruhe haben.
  • Die Reaktion der*des Sterbenden ist das Entscheidende. Wirkt er*sie entspannter oder angespannter, wenn die Musik losgeht? Wie ist die Reaktion beim Ende der Musik? Manchmal sind es nur winzige Feinheiten, die man erkennen kann. Und manchmal muss man einfach dem eigenen Gefühl folgen.
  • Wie immer gilt auch hier: Es kommt nicht darauf an, dass es MIR gefällt, sondern dass die Musik die Bedürfnisse der*des Sterbenden erfüllt.

Wie ist das bei euch? Welche Lieder würdet ihr euch am Ende eures Lebens wünschen und mit welcher Musik sollte man euch unbedingt vom Leib bleiben?


BILDQUELLEN

  • guitar-1836655_640: Bild von Kari Shea auf Pixabay
Birgit Oppermann 23. Februar 2021


18 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

    • Na, sehen wir mal, ob es so kommen wird 😀 Aber wenn ich dann Schlager mag, dann soll es mir ja auch recht sein.

  1. Liebe Birgit,

    danke für einen weiteren berührenden und horizonterweiternden Artikel!

    Für mich könnte es gern sanfte Klassik sein, Harfenmusik und/oder Bette Midler „The Rose“

    Viele herzliche Grüße!

  2. Das geht ja auch etwas in Richtung der Bestatter. Denn bei denen wird ja die Musik bestellt, die in der Kapelle oder am Grab gespielt wird. Meist spiegeln sich hier die Wünsche und Vorlieben der Verstorbenen wider.

    Als meine Mutter in Agonie lag, hatte ich eine CD mit „Himalaya-Klängen“. Sie mochte es, wenn buddhistische Mönche Ommmm sangen oder wenn indische Mantras gesungen wurden. Lange, weiche und schön gleichbleibende Weisen waren ihr lieber als stark rhythmische Klänge.

    Ich persönlich höre eigentlich immer mal wieder Musik, von der ich denke, dass sie besonders gut für mich geeignet wäre, bis ich dann eine Woche später wieder was anderes höre…
    Mir kann’s ja als dann Verstorbenem eigentlich egal sein. Hauptsache sie spielen nicht „De olle Jeck is weck.“

    Wenn ich im Sterben liegen würde, fände ich auch so Himalaya-Klänge gut oder leise Orgelmusik.

  3. Ich würde mich im Sterbebett bestimmt mit einer Gottesdienstatmosphäre der evangelischen Kirche sehr wohlfühlen, beginnend mit Glockenläuten, dann Einsatz des Orgelspiels, mit einem gesprochenem Gebet, mit schönen Liedern, zum Beispiel:

    Meine Zeit steht in Deinen Händen. Nun kann ich ruhig sein, ruhig sein in Dir.“ https://www.youtube.com/watch?v=k2c1X8BAcNo&ab_channel=GemeindeGottese.V.Eppingen

    das wunderschöne irische Segenslied „Und bis wir uns wiedersehen, halte Gott Dich fest in seiner Hand.“ https://www.youtube.com/watch?v=7Zjo_74HVVo&list=PLvOET8955uUzwPA2bTO7c3OhIUEt-pR9c&index=27&ab_channel=PfarreWeiz

    Ins Wasser fällt ein Stein, ganz heimlich still und leise. Und ist er auch so klein, er zieht doch weite Kreise.
    https://www.youtube.com/watch?v=DUu4dKopCko&ab_channel=PitPauke

    Anschließend dürfte gerne noch jemand den Segen sprechen: „Der HERR segne dich und behüte dich; der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.“

    Dann könnte ich bestimmt glücklich und in Frieden gehen.

    • Hallo Ruth N.,

      Deine Gedanken finde ich sehr bewegend, ich kenne auch die meisten Lieder.
      Als Katholikin möchte ich nicht missen: „Der Herr vollende an Dir, was er in der Taufe begonnen hat…“

      Danke!

  4. Vielen Dank, wieder mal ein toller Artikel, der zum Nachdenken anregt.

    Ich habe mit meinen Freundinnen auch schon gerätselt, wie das wohl in Zukunft sein wird. Da ging es zwar nichts ums Sterben, aber um die Musik, die wir im Altersheim hören werden.

    Momentan ist Stand der Diskussion, dass es wohl die Musik sein wird, die man im Alter von 15-25 am meisten gehört hat.
    Aber wie Du schon schreibst, je mehr Möglichkeiten man hat, an unterschiedliche Musikrichtungen heranzukommen, desto vielfältiger wird der Musikgeschmack sein.
    Die heute „Alten“ hatten ja nur den Musikunterricht in der Schule, Radio und später Schallplatten. Durch das Internet mischt sich das viel stärker. Man kann sich sozusagen die (für sich) schönste Musik aus der ganzen Welt herauspicken.

    Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich jemals Schlager oder Volksmusik gut finden werde. Und auch die Vorstellung genau dann damit beschallt zu werden, wenn ich mich nicht mehr dagegen wehren kann *urgs*

    Der Griff ins Platten- oder CD-Regal ist eine gute Idee, aber wird auch nur begrenzt weiterhelfen. Dank Spotify und co. gibt es immer weniger greifbare Tonträger. Meine letzte Musik-CD habe ich vermutlich vor 10 Jahren gekauft…
    Und alle CDs habe ich letztes Jahr auf den PC übertragen, wo die Musik nun mit der, die ich von irgendwem bekommen habe (aber vielleicht gar nicht mag und nur noch nicht aussortiert habe) „herumliegt“.

    Außerdem habe ich dazu noch eine kleine Anekdote: als meine Tante letztes Jahr starb, überlegten ihre Kinder, welche Musik bei der Beerdigung gespielt werden soll. Es sollte etwas sein, was sie mochte. Sie hatten keine Idee und suchten desalb im CD-Regal meiner Tante. Was sie fanden, waren haufenweise CDs die sie (also die Kinder) irgendwann aussortiert hatten und die meine Tante anscheinend zu schade zum Wegwerfen gefunden hatte. Ob sie die CDs mochte, weiß niemand.

    Vielleicht sollte man also irgendwo eine Liste anlegen mit Musik oder Musikrichtungen, die man mag, damit Angehörige darauf zurückgreifen können. Es gibt ja mehrere Situationen, in denen man so etwas gebrauchen könnte: Unfälle (Krankenhaus, Reha), Koma, Demenz, Sterben, Beerdigung.

    • Ja stimmt, CD-Regale sind schon jetzt Relikte 🙂 Aber vielleicht wird es dann auch bald leichter, wenn man einfach die Lieblingsliste der Person auf Spotify starten kann oder so was.
      Eine Liste mit Lieblingsmusik oder anderen Wünschen für solche Situationen ist auf jeden Fall eine gute Idee! Schadet ja nichts, wenn die irgendwo rumliegt.

  5. Hallo Ruth N.,

    Deine Gedanken finde ich sehr bewegend, ich kenne auch die meisten Lieder.
    Als Katholikin möchte ich nicht missen: „Der Herr vollende an Dir, was er in der Taufe begonnen hat…“

    Danke!

  6. Hmm.. den oder die will ich sehen, die den Mut haben mir am Sterbebett „Highway to Hell“ von ACDC oder „Roots bloody Roots“ von Sepultura vorzuspielen. Bei der Musik kann ich prima einschlafen.
    Wenn einer Heino bei meiner Beerdigung spielt, würde ich wohl sofort wieder auferstehen 😉

    • Warum sollte das ein Problem sein oder Mut brauchen? Auf gut Glück würde ich das jetzt nicht ausprobieren. Aber wenn es gewünscht ist oder ich sicher weiß, dass das die Lieblingsmusik ist: Immer gerne. Würde meinen Geschmack deutlich eher treffen als „Horch was kommt von draußen rein“ 😀

  7. Zur Trauerfeier meiner Mutter habe ich mich für ein Instrumental Stück entschieden. Das Musikstück ist getragen und sehr sehr schön. Es gibt einen Text dazu, wird im original gesungen von Bette Mittler. Das Stück heißt: from a distance. Kann ich sehr empfehlen. Habt den Mut und hört euch auch schöne Popmusik an. Der Anlaß ist schon traurig genug, da kann es manchmal hilfreich sein, bei einem Musikstück zu entspannen und an den Verstorbenen zu denken.

    • Oh… „From A Distance“ ist auch so wunderschön. Ich wusste gar nicht, dass dieses Lied auch von B. Midler gesungen wurde.

  8. Die Idee mit der Playlist finde ich super. Muss mal meine Teeniekinder fragen, wie ich das am besten anstelle…

  9. Als es vor ein paar Tagen so schön frühlingshaft warm war und die Vögel gezwitschert haben, dachte ich mir: das ist es, was ich gerne hören würde!
    Wenn ich da liege und keine Kraft mehr habe aufzustehen, würde ich gern Vogelgezwitscher oder Meeresrauschen hören.
    Ganz ohne Musikuntermalung. Einfach nur die Naturgeräusche.

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