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Säufer und Schläger

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Heute Nachmittag werde ich einige Zeit damit verbringen, eine längere Trauerrede zu schreiben, die ich Montagfrüh halten werde.
Verstorben ist Karl Eisenhut, ein übler Schläger und Säufer. Er wohnte in einem Viertel, in dem der Gerichtsvollzieher häufiger vorbeischaut als die Müllabfuhr und hat es geschafft seit etwa 40 Jahren ‚krankzufeiern‘. Immerhin sechs Kinder hat er mit seiner Frau Lotte in die Welt gesetzt und für diese Sieben war das bis jetzt kein besonders schönes Leben.

Täglich verprügelte er abwechselnd die Mutter oder eines seiner Kinder und nahm auch keine Rücksicht darauf, daß diese inzwischen ja auch schon erwachsene Leute sind und er ab und zu auch mal einen Schwiegersohn oder eine Schwiegertochter an der Gurgel packte.
Warum die sich das gefallen ließen und warum man nichts unternahm, um das zu unterbinden, nun das ist eine andere Geschichte.

Jedenfalls ist Herr Eisenhut am vergangenen Mittwoch bei dem Versuch eine Satellitenantenne auf dem Balkon vor dem seit Tagen in der Nachbarschaft herumgeisternden Rundfunkgebührenbeauftragten der Landesrundfunkanstalt zu verstecken, von eben diesem Balkon gefallen und hat sich das Genick gebrochen.

Einen Pfarrer wollen die Eisenhuts nicht. „Den hätten wir all die Jahre hier gerne mal gesehen, jetzt brauchen wir den auch nicht mehr.“
Nein, eine weltliche Trauerfeier soll das werden, mit Musik die der Witwe gefällt, Blumen die der Witwe gefallen und es soll eine Trauerrede sein, aus der hervorgeht, daß der Verstorbene ein Arschloch war. „Da brauchen Sie kein Blatt vor den Mund nehmen!“

Es gilt also nun, eine Trauerrede zu schreiben, in der der Gesichtspunkt, daß man jedem Toten ein paar ehrende und würdigende Worte gönnen sollte und die Erwähnung seines Arschlochdaseins gleichgewichtig vorkommen.

Keine ganz einfache Aufgabe.


Peter Wilhelm 28. Mai 2012

27 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Oha! Das klingt knifflig, viel Erfolg! Ich glaube, eine Fortsetzung zu „Harry Potter, dem Herrn der Ringe aus Tintenherz“ zu schreiben (gleichzeitig, alles zusammen), ohne dabei auch nur einen Fan zu enttäuschen wäre leichter. Kannst du den Job noch tauschen? 😉

  2. ich würde es ähnlich wie im zeugnis formulieren –
    er hat sich bemüht ein guter ehemann und vater zu sein …
    das klingt nicht ganz so heftig 😉

  3. Bring es doch einfach mit folgendem Satz auf den Punkt: „Ein Herz und 2 Hände haben aufgehört zu schlagen“.

  4. „Nach langem Leiden nimmt die Familie Abschied von Herrn XYZ…“
    Klingt wie versehentlich falsch formuliert…

  5. Er versuchte stets seines Vaterseins gerecht zu werden, was ihm aufgrund seiner zahlreichen Schicksalsschläge nur schwer gelang…..

  6. Klarer Fall von: „Wasch mir den Pelz aber mach mich nicht nass.“ Keine leichte Aufgabe. Tauschen würde ich mit Tom nicht gerne.

  7. Tom, ein Vorschlag:
    Zwei Brüder, beides Schweine. Einer stirbt. Der Überlebende sagt zum Pastor: Wenn Sie in der Trauerrede nicht lügen und trotzdem unterbringen, dass mein Bruder ein Heiliger war, spendiere ich der Kirche 1.000 €. Trauerrede vom Pastor: Der Verstorbene war ein Schwein. Aber im Vergleich zu seinem noch lebenden Bruder war er ein Heiliger.

  8. Wenn jemand sich zu Lebzeiten so benommen hat und mit der Würde seiner Mitmenschen nichts anfangen konnte, finde ich, dass er auch keine Würde verdient. Es ist gut möglich, dass niemand wirklich betrübt über das Ableben jener Person ist, da wäre ein Loblied à la „Der Wolf ist tot“ für alle Beteiligten wohl treffender. Ich frage mich, wer auf die Idee gekommen ist, dass auch schlechte Menschen positive Nachreden unbedingt brauchen, sie bekommen davon doch eh wohl nichts mehr mit und die Hinterbliebenen würden sich denken „Ha, dem haben wirs aber gezeigt!“. Trotzdem eine sehr schwierige Aufgabe, wenn man die Rede gut klingen lassen will, da waren einige Vorschläge schon wirklich gut.

  9. Spruch von einem Martel,
    (Museumsfriedhof)

    hier ruht Martin Krug,
    der Kinder,Weib
    und die Orgel schlug 8)

  10. Dabei musste ich an den denken, den ich vor kurzem gehört habe…

    Scheinbar ist es im jüdischen Glauben Sitte, dass ein Toter nur bestattet werden darf, wenn man etwas gutes über ihn sagen kann (ob das stimmt weiss ich allerdings nicht). Da es sich aber auch um ein solch… vorbildliches Mitglied der Gesellschaft wie hier handelte, fand sich keiner dazu bereit. Schliesslich fällt dem Rabbi aber doch noch was ein.
    Am aufgebahrten Sarg: „Schön liegt er da…“

    Auch, wenn die Story nicht stimmt… etwas „Gutes“ *hüstel 😉 lässt sich immer sagen. Stehen ja hier schon genügend Beispiele 😀

  11. Nicht einfach, eine Rede über eine Person zu schreiben, welche man nicht persönlich kennt. Dabei sollte man auch noch zeigen, dass die Angehörigen nicht um die verstorbene Person trauern, sondern fast froh sind, dass sie von uns gegangen ist. Jedoch finde ich, dass jede verstorbene Person ein Arecht darauf hat, würdig verabschiedet zu werden! Auch wenn dies nicht immer einfach ist… Es wissen ja alle, was diese Person angerichtet hat und ich denke, dass man es nicht noch speziell in einer Trauerrede erwähnen muss.

  12. Hallo Tom, dürfen wir hier an der Rede Anteil haben oder wirst Du sie aus Wahrung der Anonymität und Respekt vor der Familie nicht veröffentlichen?

  13. Kommt der GEZ-Mann zur Beisetzung? Besonders dann böte sich zugegeben eher geschmacklo ein Wortspiel mit deren Werbespruch „Schon gezahlt“ [hier nicht GEZ aber für bisheriges Leben] an.

  14. Hallo Tom,

    kennst Du „Sprecher für die Toten“ von Orson Scott Card? Das Buch fällt mir immer wieder ein, wenn von Trauerreden die Rede ist *grrg*. Bei Deinem obigen Text ganz besonders.

  15. Kommt denn nur die Familie, die genau weiß, wie der Typ getickt hat oder auch andere, die darüber nicht ganz so genau Bescheid wissen? Im ersteren Fall muss man den Sachverhalt wohl nicht ganz so blumig umschreiben, auch wenn es sich trotzdem halbwegs nett anhören soll.

    Ich kann mir vorstellen, dass eine solche Rede schwerer zu schreiben ist als eine Rede für jemanden, der schon fast als Heiliger gilt.

    BTW: Kommt das öfter vor, dass der Bestatter die Trauerrede hält? Oder machst du das, weil ein professioneller Trauerredner teurer wäre und die Familie nicht gerade mit einem dicken Bankkonto aufwarten kann?

    Und die fertige Rede würde mich auch mal interessieren 🙂

  16. Mir hat mal jemand von einer Beerdigung der örtlichen Giftschlange erzählt, wo der Pfarrer sagte:
    „Sie war ein böses Weib. Aber auch sie nimmt Gott in ihr Himmelreich.“

  17. Er war ein Mann, der viel zu geben vermochte…

    @20
    Das Große Spiel, Sprecher für die Toten und Xenozid….hach ja, der gute alte Orson.

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