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Wie Du mir, so ich Dir!

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Er trägt eine schwarze Jeans, deren Hosenschritt etwa in Höhe seiner Knie hängt. Damit sieht er zwar aus, als habe er sich seit sechs Wochen erfolgreich in die Buxe geschissen, aber zumindest passen die Hosen zu seinen klobigen, viel zu großen Turnschuhen, die er nicht zugebunden hat und die deshalb eine nur entfernt an den aufrechten Gang des Homo sapiens erinnernde Fortbewegung ermöglichen.

Oben herum trägt er ein graues Kapuzendings über einem schwarzen Kapuzendings und diese übereinandergelegten kleidungstechnischen Zwiebelschichten lassen ihn bullig und gefährlich aussehen.

Was macht er? Er bringt mich um meinen Schlaf, denn er löst den Alarm aus.

Wir haben eine sehr gut funktionierende Alarmanlage, die so gut ist, daß ich alle paar Monate mal absichtlich einen Fehlalarm zu Testzwecken auslöse, nur um zu sehen, ob das Ding im Ernstfall auch funktionieren würde. Denn was mich an Alarmanlagen am meisten aufregt, ist die Tatsache, daß sie immer wieder vor allem dann losgehen, wenn gar nichts passiert ist. Unsere funktioniert gut und macht nie Fehlalarme.

Wie das Ding genau funktioniert, das weiß ich nur ansatzweise. Jedenfalls haben wir auf dem Hof keine Bewegungsmelder, schon allein der Katzen und der Eichhörnchen wegen. Da wird über einen Sensor Körpertemperatur gemessen. Wenn sich da also längere Zeit jemand aufhält und ein gewisses Bewegungsmuster erfüllt, wird der „stille“ Alarm ausgelöst.

Gestern Nacht sind Manni und Kollege noch ausgerückt, haben dann hinterher die Anlage wieder scharfgeschaltet und gegen 2 Uhr heute Nacht ging der Alarm los. Ich gucke aus dem Fenster und sehe nichts. Dann doch eine Bewegung aber gar nicht auf unserem Grundstück, es ist besagter Kapuzenmann.

Ich ziehe mir mal eine Jogginghose an und gucke wieder aus dem Fenster. Jetzt ist der Typ doch wieder auf unserem Hof. Was macht der da?
Er huscht an den rückwärtigen Garagen hin und her und auf einmal erkenne ich, was er da tut. Der Wichser sprüht unsere Wände mit irgendwelchen Krickeleien voll.

Man glaubt ja kaum, wie schnell und beinahe lautlos ist mich nötigenfalls bewegen kann!

„Mach nicht so einen Lärm!“ kommentiert meine schlaftrunkene Gattin mein lautloses Dahinschweben und ich eile nach unten.

ZEGO!

Also zumindest halte ich es für die Buchstaben ZEGO, die der Typ da hingesprüht hat, in PINK! Hallo, in PINK! Ich hätte ihn ja nur vertrieben, hätte er Grün oder Blau genommen, wer aber meine Wände und Garagentore in PINK mit ZEGO vollsprüht, dem hau‘ ich was auf die Mütze!

Jaja, jetzt werden sie wieder aus ihren Löchern kommen, die Gutmenschen, die mir da Vorträge über Recht und Ordnung und Selbstjustiz halten wollen. Ich bin Ostpreuße und ich haue allen die in Pink ZEGO auf mein Zeug sprühen, was auf den Bollerkopp.

Ich mache nicht den Fehler, den Typ schon von weitem mit „He, was machst Du da?“ anzusprechen, wie es vor sechs Monaten Herr Kromminger von schräg gegenüber gemacht hatte, als irgendwelche Jugendlichen seinen Außenspiegel abgedreht haben. Ich gehe leise bis zu dem aus allen Dosen zischenden Kapuzenmann hin und packe ihn von hinten am Genick.

Das heißt, ich wollte…

Der hat gar kein Genick, ich greife nur in weichen Stoff und es gelingt mir nicht, den Kerl zu packen. Er besteht nur aus Stoff. Allerdings rutscht ihm eine seiner Kapuzen herunter und ich erkenne im Schein der Straßenlaterne, daß es sich nicht um einen Mann sondern nur um ein Männlein handelt.
Er windet sich, will abhauen, rennt aber nach links und da geht es nicht weiter, da ist der Zaun zu Herrn Nasweis-Lästig.
Vor dem Beet stelle ich den Typ und hebe die fallengelassene Dose auf.
Bis jetzt ist kein Wort gefallen und das erste was gesagt wird, kommt von dem Männlein und lautet: „Scheiße!“

Zwar habe ich den Kerl jetzt in die Enge getrieben, aber nun ist es mal so, daß ostpreußische Eichen gegenüber mediterranen Flinkbubis hinsichtlich der Beweglichkeit doch sehr im Nachteil sind. Der Bubi duckt sich und witscht mir unter dem Arm durch. Ich erwische wieder eine seiner Kapuzen und vor mir steht ein schätzungsweise kaum 17jähriges Kerlchen, der nur kurz die Nase hochzieht und in meine Richtung spuckt.

Er verfehlt mich zwar, aber das war dann dich des Guten zuviel. Ich sprühe dem Rotzlümmel seinen Kopf mit PINK ein. Um seine Augen brauche ich mir keine Sorgen zu machen, der Furzknoten trägt eine Sonnenbrille.

Die reißt er sich vom Gesicht, dreht sich blitzschnell um und ehe ich noch den Finger vom Sprühknopf der Spraydose nehmen kann, ist der Hirnprinz über den Zaun gesprungen und die Straße runtergelaufen.

Heute Morgen ist die Polizei in unserer Straße. Sechs graue Schaltkästen der ‚Post‘ haben dran glauben müssen. Das wäre mir egal. Aber es sind auch die Hauswände von wenigstens neun Wohnhäusern betroffen und sogar zwei Autos hat er mit langen pinkfarbenen Strichen ‚verziert‘.
Gut, bei dem einen ist es nicht schade, das ist nur ein BMW, aber der andere, ein schöner neuer Citroen, sieht durch den Strich wirklich wenig schön aus.

Morgen soll ich auf die Wache kommen und eine Zeugenaussage machen.
Meine Leute werde ich anweisen, auf kleine schwarzhaarige Buben mit pinkfarbenem Gesicht zu achten, vielleicht geht das Zeug ja schwer ab.

Bleibt die Frage: Wo war eigentlich Herr Oberstudienschrat Nasweis-Lästig, der doch angeblich jede Nacht schlaflos am Fenster oder auf seinem Balkon ausharrt und unser Grundstück beobachtet?
Das wäre doch mal eine Aufgabe und ein Erlebnis für ihn gewesen. Mal sehen, ob ich den nicht heiß machen kann, eine private Schutztruppe aus ehemaligen Kriegsveteranen aufzubauen und uns alle zu beschützen. Dann hätte der mal was Sinnvolles zu tun.


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Hier veröffentlicht der Publizist Peter Wilhelm Informationen und Geschichten rund um den Bestatterberuf.
Mehr über den an Allerheiligen geborenen Autor finden Sie u.a. hier und hier.
Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Texte rein zur Unterhaltung. Keine Rechts-, Steuer- oder Medizinberatung!


    



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Peter Wilhelm 28. Mai 2012

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