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Schmerzen sichtbar?

Sehr geehrter Herr Wilhelm,
ich finde es großartig das Sie sich die Zeit für die Fragen der Hinterbliebenen nehmen und vorallem mit wie viel Feingefühl und Kompetenz sie diese beantworten. Meinen tiefsten Respekt dafür vorab. ..

Ich hätte auch eine Frage, die seit über 8 Jahren mein Leben beschneidet und ich wäre Ihnen überaus dankbar, wenn Sie mir hierzu eine Antwort hätten.

Mein Mann ist an einem akuten Herzproblem jung verstorben. Bekannte mit ähnlichen Todesfällen erzählten alle von selig entschlafenen Gesichtszügen.
Nur hab ich dies bei der Identifizierung bei meinem Mann nicht gesehen. Ich sah Schmerzen.
Als der Bestatter anschließend zu mir kam, meinte er „es sei viel Arbeit damit mein Mann aufgebahrt werden könnte“.
2-3 Tage später, also nach der vielen Arbeit, sah mein Mann auch selig und friedlich aus. Das meinten auch alle die ihn angeschaut haben.
Das verstört mich bis heute. Ich habe eben einen anderen Eindruck vom Gehen meines Mannes gehabt, als selig und friedlich. Ich möchte verstehen, was da „viel Arbeit“ bedeutet, er war ja unverletzt.

Das ist so eine Sache.
Bestattungsfachkräften wird gelehrt, dass im Tod die Muskulatur erschlafft und das auch für die Gesichtsmuskeln zutrifft. Deshalb würde das Gesicht immer einen friedlichen bis schlafenden Eindruck hinterlassen.
Meine Erfahrung mit hunderten oder tausenden von Verstorbenen sagt etwas anderes.
Ja, in den allermeisten Fällen ist das Gesicht erschlafft. Es sieht so aus, als wenn jemand so richtig fest im Tiefschlaf liegt. Die Gesichtszüge rutschen nach hinten, das Gesichts sieht straff aus, die Augen sind geschlossen und der Mund steht etwas offen.

Aber immer wieder habe ich auch Menschen gesehen, denen der letzte Todeskampf anzusehen war.
Viele Menschen sterben ja nicht schlagartig, sondern das Sterben ist ein Prozess. Manchmal ist es ein Gehen und Wiederkommen. Der Mensch scheint tot, dann gibt es nochmal einen -nennen wir es so- Kraftimpuls und der Sterbende scheint wieder kurz da zu sein, manchmal versuchen die Menschen sich aufzubäumen, und manchmal habe ich den Eindruck, als wollten sie nicht gehen.
Aber kurz vor dem Tod kommt eine Phase, in der der Sterbende keine Schmerzen mehr verspürt. Deshalb ist es kaum möglich, dass tatsächlich ein durch Schmerz verzerrtes Gesicht entsteht.
Wie gesagt, das ist alles eher selten so.

Nichtsdestotrotz muss das veränderte Aussehen eines Verstorbenen gar nichts mit Schmerzen oder einem Todeskampf zu tun haben.
Verstorbene sehen -trotz ihrer Ähnlichkeit zu Schlafenden- oft sehr stark verändert, ja geradezu fremd aus.
Das kann auch schon etwas damit zu tun haben, in welcher Lage sich der Verstorbene nach dem Tod befand oder ob noch Rettungsmaßnahmen durchgeführt wurden.

Was Sie als ein schmerzerfülltes Aussehen in Erinnerung haben, muss also gar nichts mit Schmerzen zu tun haben.

Die Aussage, mit einem Verstorbenen viel Arbeit zu haben, kann vielerlei bedeuten.
Der Verstorbene muss ja umgekleidet und gesäubert werden, sein Gesicht soll friedlich aussehen.
Alles das kann manchmal recht schnell gemacht werden, manchmal stehen aber einer einfach Erledigung gewisse Dinge entgegen, die dann mehr Arbeit bedeuten.
Was der Bestatter da nun konkret gemeint hat, kann ich nicht wissen.

Aber es bedeutet ganz sicher nicht, dass mit dem Gesicht Ihres verstorbenen Mannes irgendetwas Aufwendiges oder gar Schlimmes gemacht wurde.
Vielleicht war es auch die Leichenstarre, die das Gesicht in einer ungünstigen Haltung zeigte. Diese Leichenstarre läßt aber wieder nach.

Rasieren, Waschen, Schminken und den Mund etwas in Form bringen, das sind bestattertypische Tätigkeiten, die ganz normal sind und bei denen mit dem Verstorbenen gar nichts Großartiges angestellt wird.

In unserem Kulturkreis ist es üblich, dass die Verstorbenen wie Schlafende im Sarg präsentiert werden.
Da die Verstorbenen, wie oben beschrieben, sowieso nach dem Nachlassen der Leichenstarre wie Schlafende aussehen, ist der Weg zum vorzeigbaren Zustand üblicherweise nicht sehr weit.

Ich denke, Sie müssen sich da wirklich keine Gedanken mehr machen. Der Bestatter hat ziemlich sicher überhaupt nicht viel mit dem Gesicht Ihres Mannes angestellt.
Höchstwahrscheinlich war es die Leichenstarre, die dann nachher nachgelassen hat.

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Peter Wilhelm7. März 2019

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