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Verstorbene fotografieren?

Von

Meinen ersten „echten“ Toten sah ich auf einem Foto im Nachlass meiner Großeltern. Ich war ungefähr 15 und schaut mit meinen Eltern eine große Kiste einzelner, unbeschrifteter Fotos durch. Meine Eltern rätselten an vielen Stellen: Wer könnte das  sein? Wo wurde das aufgenommen? Wann muss das gewesen sein? Vieles ließ sich nicht mehr herausfinden, manche Schätzchen waren aber auch darunter. Zum Beispiel das Foto meiner Uroma als Kleinkind, so eine uralte Schwarz-Weiß-Aufnahme im weißen Kleidchen. Und plötzlich hielt ich ein Bild in der Hand, in dem ein Mann in einem Sarg lag. In einem dunkelgrauen Anzug, umgeben von Blumen, mit einem Rosenkranz in der Hand. Ich war erschrocken, irritiert, auch ein bisschen empört. Die Erklärung meiner Mutter, dass das früher durchaus üblich gewesen sei, fand ich mehr als seltsam. Wer fotografiert denn bitte Tote? Trotzdem, fasziniert hat es mich schon irgendwie.

Ich weiß nicht, was aus dem Foto geworden ist, ich glaube, ich habe es in den späteren Jahren nicht mehr wiedergesehen. Aber es fiel mir wieder ein, als mein Vater im Sterben lag. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich so rasant, dass wir kaum mitkamen. Wenn ich am Vormittag ins Krankenhaus kam, sah er schon wieder ganz anders aus als am Nachmittag davor. Er sah schlecht aus, nicht mehr so richtig wie mein fröhlicher Vater. Ein oder zwei Tage vor seinem Tod dachte ich mir: So ähnlich wie jetzt wird er auch aussehen, wenn er tot ist. Ich dachte an das Foto zurück, in dem der alte unbekannte Mann im Sarg lag und fragte mich, ob ich ein solches Foto wohl auch machen könnte. Ich entschied mich dagegen. Es kam mir pietätlos vor, ich kann gar nicht so genau sagen, warum. Stattdessen fotografierte ich ihn, als er noch lebte. Um Erlaubnis fragen konnte ich auch da nicht mehr, aber es kam mir weniger wie ein Übergriff vor. Natürlich war und ist das Foto nur für mich und meine engste Familie gedacht.

Wir holten meinen Vater nach Hause, wenige Stunden vor seinem Tod. Als er gestorben war, behielten wir ihn noch eine Nacht zu Hause. Wieder dachte ich an das Foto von damals und wieder fand ich, man könne Verstorbene nicht fotografieren. Stattdessen machte ich ein Foto von seiner Katze, die sich auf dem Pflegebett neben den Beinen meines verstorbenen Vaters zusammengerollt hatte und schlief. Ein Bild, von dem ich wusste, dass ein kleines Stück meines toten Vaters darauf zu sehen war, was aber niemand anders bemerken würde.

Ich bin sehr froh, dass ich die beiden Bilder habe. Sie sind Erinnerungsstücke an eine sehr intensive, furchtbare und doch auch wertvolle Zeit mit meinem Vater. Im Nachhinein frage ich mich, warum es für mich nicht infrage kam, ihn als Toten zu fotografieren. Was hätte dagegen gesprochen? Dass man mit einem solchen Foto verantwortlich umgeht, das ist ja klar. Aber davon abgesehen? Wem hätte es geschadet? Vielleicht hätte es Freunden und Verwandten geholfen, die ihn nicht mehr sehen konnten. So etwas kann ja sehr hilfreich sein, um den Tod wirklich zu realisieren. Ich glaube, ich würde in Zukunft anders agieren. Ich würde ein Foto machen, sofern der*die Verstorbene „schön“ aussieht. Einfach als Erinnerung.

Wie seht ihr das? Ist es ein No-Go, Fotos von Verstorbenen zu machen oder spricht überhaupt nichts dagegen? Ich bin gespannt auf eure Meinung!


Birgit Oppermann 1. April 2021


17 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo Birgit,
    mein Vater starb vor fast 16 Jahren. Ich hatte damals Bilder gemacht, diese aber nie angeschaut und auch keinem gezeigt.
    Von meinem Schwiegervater (vor 8 Jahren) und meiner Tante (vor 3 Wochen) habe ich Bilder und diese auch schon angeschaut, zeigen will ich sie aber keinem.

    Früher, als man noch kein Smartphone hatte, hat man sich vielleicht auch eher überlegt ob eine Kamera mitnehmen soll.

    Ich selber bin froh dass ich die Bilder habe.

    LG Linchen

  2. Mein Vater ist vor fünf Jahren gestorben. Er sah schön und erlöst aus. Mir ist der Gedanke damals schlicht nicht gekommen, vermutlich weil ich sonst im Alltag auch kaum fotografiere.

  3. Also ich finde da nicht schlimmes bei. Das kann jeder halten wie er mag, so lange es eben keinen anderen verletzt. Also wenn der verstorbene oder nahe Angehörige das nicht wollen, dann eben nicht.

    Mir bedeutet sowas ehrlich gesagt nichts… auch beim Thema Beerdigung ist es eher eine lästige Pflicht. Für mich ist der Mensch fort… das was man da verabschiedet, die letzte Ehre erweist, oder schlicht vergräbt, hat in meinen Gedanken nichts mehr mit dem Menschen zu tun den ich kannte. Ich denke gerne an die Menschen die nicht mehr da sind, aber Gräber besuchen empfinde ich irgendwie immer als falsch, wenn ich davor stehe schaffe ich es nicht den Bezug herzustellen das hier derjenige seine letzte Ruhe gefunden hat.

    Vielleicht liegt es auch daran das mein erster Verlust zu Grundschulzeiten war, und ich mich ziemlich alleine gefühlt habe mit meiner Trauer… ich durfte/sollte/wollte (weiß es nicht mehr genau), auch nicht mit zur Beerdigung… Ich hab das einfach mit mir selbst in meinem stillen Kämmerlein ausgemacht, und so mache ich es auch heute noch.

  4. Manche Leute halten es anders…

    Ich habe ja schon ein Problem damit, wenn eine Todesanzeige oder eine Trauerkarte die betreffende Person noch als lebendigen Mensch zeigt. Nach der Trauerphase möchte ich wieder Fotos der verstorbenen Person angucken, oder jemandem zeigen. Ich kann besser Abschied nehmen, wenn ich mich an tatsächliche Begegnungen erinnere, und keine Fotos anschaue.

    Bei meinem verstorbenen Opa habe ich ein Notizbuch geöffnet, und ihn gezeichnet. Ihn zu fotografieren hätte ich mir niemals erlaubt.

  5. hallo, genau auf den tag vor 3 jahren ist meine mama gestorben. ich hätte sie gern auf dem totenbett fotografiert hab mich aber nicht getraut. erst bei der abschiednahme in der trauerhalle habe ich ein bild gemacht und bin heute froh dieses bild zu haben!

  6. Meine Schwester und ich waren nur zehn Monate auseinander im Alter, und geboren zu einer Zeit, in der man sich jedes Bild noch gründlich überlegt hat, weil man nicht vorher sehen konnte, ob es was geworden war, und man hatte ja maximal 36 Aufnahmen pro Film. Trotzdem gibt es recht viele Fotos von uns, weil mein Vater begeisterter Hobbyfilmer war; und diese Fotos haben auch noch den Weg in ein, nein, zwei Fotoalben gefunden – eines über meine Schwester und eines über mich. Aber obwohl es fast unüblich viele Fotos von uns beiden gibt, ist meine Schwester auf vielen dieser Bilder schlecht zu sehen – mit Händen vor dem Gesicht, halb abgewandt im Profil, von Personen im Vordergrund verdeckt, überall hin schauend, nur nicht in die Kamera. Wie es halt für kleine Kinder typisch ist.

    Das Fotoalbum meiner Schwester endet mit ihrer Aufbahrung in unserem Wohnzimmer. Ein kleines Mädchen in einem blauen Samtkleidchen, mit gefalteten Händen in einem weissen Kindersarg. Es sind tatsächlich die letzten Bilder, auf denen ihr Gesicht wirklich zu sehen ist. Und es sind mir sehr wichtige Fotos, denn wie es damals üblich war, durfte ich kleines Kind weder an der Aufbahrung noch an der Beerdigung teilnehmen. Und so sind die letzten Bilder, die ich von meiner Schwester im Kopf habe, die Momente, in denen sie im kalten Wasser um ihr Leben kämpft.
    Ich hätte sicherlich lieber ein schönes Portraitfoto von ihr, etwas, was man sich irgendwo auch hinhängen kann. Aber ich bin sehr froh, dass es diese Fotos gibt.

    • Liebe(?) Salat,

      ich habe Dein Post mindestens fünfmal gelesen. Gäbe es doch etwas, was man Dir schreiben könnte, ohne Unsinn zu reden. Ich denke an Dich.

      Mel.

  7. Meine Mama ist nun vor zwei Wochen verstorben.

    Während ihrer Krankheitsphase fing ich an Fotos zu machen. Dort in der Hoffnung ihr von ihrem Wachkoma und den Veränderungen an ihr später erzählen und auch zeigen zu können, wenn sie den Bedarf gehabt hätte.

    Leider hat sie es nicht geschafft. Als ich im Bestattungshaus zur Abschiednahme am offenen Sarg war, dies war mein erstes Mal einen verstorbenen Menschen zu sehen, hatte ich plötzlich dieses innige Bedürfnis diese Ruhe und Gelassenheit, ihren doch viel entspannteren Anblick als Abschluss für mich selber fest zuhalten um besser reflektieren und begreifen zu können was in den letzten etwas über 2,5 Monaten passiert war.

  8. Ich war Leser der ersten Stunde des Blogs und aktiv. Mein Vater starb zur Tagesschau, meine Brüder waren da, ich sollte besser am Morgen kommen um Muttchen mit den Abholern zu unterstützen. Das hatte ich damals an anderer Stelle im Web alles beschrieben… Ich habe meinen toten Vater fotografiert, wie ihn die Pflegerin, die 5 Minuten nach seinem Tod kam hingelegt hatte. Auffällig die Mullbinde um den Kopf, damit der Unterkiefer nicht absackt. Die Abholer haben ihn dann etwas gewaschen, in seinen besten Anzug eingekleidet, gekämmt und in einen ausgestatteten Transportsarg gelegt. Davon habe ich zwei Fotos.
    Meine Brüder wollten diese Fotos nie sehen, meine Mutter schon, die Abzüge hat sie dann allerdings in einen Briefumschlag getan und den zugeklebt, beschriftet.

    Als sie dann Jahre später selber mit 86 starb, war ich etwas mutiger. Sie lag da, wie auch ich schlafe, ganz entspannt. Mich hat damals mehr interessiert, den Zustand der Wohnung in ihrer Residenz zu dokumentieren: Chips-Brösel vor dem Sofa, Brille und Hörgeräte wie immer, Restsuppe für den nächsten Tag auf dem Herd, der letzte Einkaufsbon von Edeka usw.

    Die letzten Fotos von ihrem Leichnam habe ich bei den Bestatterinnen angefordert. Im Sarg. Da die Künstler keinerlei Fotos hatten, sah meine Mutter sehr fremd aus. Auch diese Fotos will niemand sehen.

    Nun bin ich dran. Die Fotos wollte noch nicht mal ich sehen, obwohl ich durch rechtsmedizinische Übungen einiges gewohnt war. Jedenfalls hat es mir damals geholfen diese Fotos zu machen und damit die Situation zu normalisieren.

    • >>Nun bin ich dran. Die Fotos wollte noch nicht mal ich sehen…<<
      Wie meinst du das??? Ist das Ironie? Geht es dir gut?

      • Ich hoffe, dass A.W. meint, der bislang letzte seiner Familienlinie zu sein.

        Ansonsten schließe ich mir Dir, Leo an.

  9. Moin, mein Onkel verstarb vor gut 1,5 Jahren plötzlich in einer Herzklinik weiter weg. Seine Geschwister wollten ihn nicht mehr sehen, nicht mehr aufbahren lassen und sollte dort verbrannt und seine Urne dann hier her überführt werden. Mir blieb so leider gar keine Möglichkeit mich direkt bei ihm zu verabschieden. Auf meinen Wunsch hin hat der dortige Bestatter ein paar Fotos von ihm für mich gemacht und ich bin sehr froh darüber. Ohne diese hätte ich seinen Tod nur schlecht verarbeiten können. Ich finde nichts verwerfliches daran einen Verstorbenen zu fotografieren. Für mich gehört es zum Verarbeitungsprozess, um es greifbarer zu machen. Und auch heute schaue ich mir die Bilder an und bin froh dass ich sie habe. Denn auch nach 1,5 Jahren muss ich es mir manchmal wieder begreiflich machen was passiert ist.
    Liebe Grüße

  10. Meine Mutter hatte Krebs und die letzte Zeit mit ihr war nicht schön anzusehen. Als sie dann aufgebahrt war, sah sie wieder viel mehr wie sie selbst aus – und auch viel friedlicher. Ich habe sie nicht fotografiert, aber ich war mit meinen Kindern zum Bestatter, damit sie sie auch noch einmal so sehen konnten.
    Ich hätte es auch nicht schlimm gefunden, sie so noch einmal zu fotografieren. Hätten wir nicht alle Gelegenheit gehabt, sie noch einmal zu sehen, hätte ich es vielleicht auch getan.

  11. Zum genauen Zeitpunkt, wo die verstorbene Person entspannt aussieht, kann es gut sein, ein Foto zu machen. Damit kann man sich eventuell besser auf die Trauer- und Gedächtnisarbeit vorbereiten.

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