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Vom Tod und von Facebook

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Ich habe letztes Jahr meinen gerade volljährigen Sohn verloren. Und ich muss sagen, Facebook hilft mir beim Verarbeiten. Ich kenne sein Facebook-Passwort und habe aber ein halbes Jahr etwa gebraucht, bis ich mich bei Facebook angemeldet habe, weil ich nicht wusste, was dort an Kommentaren eventuell auf mich zukommt. Seine Freundin hatte seinen Account dort deaktiviert. Also konnte ich seine Seite dort gar nicht sehen.und musste mich doch in seinen Account einloggen. Dabei habe ich die Seite versehentlich wieder aktiviert. Um niemanden zu erschrecken, gab ich mich auch sofort zu erkennen, weil ja auch sofort Reaktionen seiner Freunde kamen.

Es rührte mich zutiefst, dass sich etliche bedankten, dass ich seine Seite wieder geöffnet hatte. dass er auf diese Art doch wieder ein bisschen bei ihnen war. Und ich muss sagen, es hilft sehr zu sehen, dass ich mit meiner Trauer nicht alleine bin, sondern dass seine Freunde immer noch an ihn denken und dort Grüße oder Kommentare… sehr persönliche Kommentare…. hinterlassen, ohne dass ein Zwang wie Tod, Beerdigung/Trauerfeier/Todestag dahinter steckt, wo man anstandshalber reagieren müsste. Die Lücke, die mein Sohn hinterlässt, ist größer, als ich mir jemals vorstellen konnte. Ich trauere nicht allein, das wurde mir ganz deutlich bewusst.
Auch dass ich dieses Weblog schon seit Jahren lese, hat mir bei der Abwicklung der Trauerfeier und Beisetzung in einem Ruheforst sehr geholfen. Da auch der Pfarrer meinen Wünschen zustimmte, war die Trauerfeier und Beisetzung sehr persönlich auf meinen Jungen abgestimmt. Ich weiß nicht, ob ich das alles so hätte durchsetzen können, wenn ich dieses Weblog nicht gekannt hätte.

Peter Wilhelm 16. August 2012


11 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Wow, da bekam ich gerade echt Gänsehaut.
    Die Profile meiner verstorbenen Freunde wurden bisher alle gelöscht, sehr zum Leid des Bekanntenkreises. Ich finds schade. Diese Medien regieren uns, teilweise ist es die einzige Möglichkeit, uns mitzuteilen, wir können schließlich nicht überall gleichzeitig sein.

  2. Hier ein sehr interessanter Artikel über Internet-Communities und ihre Verstorbenen:
    Rosenkranz-Portal „Verstorbene im Internet“

  3. *schnief* Glückwunsch, Tom! Gratulation zu solch einer tollen Arbeit, wenn es auch wirklich hilft

  4. Schön wie sich die Frau ausgedrückt hat und schön, dass Du es einfach so unkommentiert präsentierst. Es ist alles gesagt. Danke!

  5. Die Freunde des Verstorbenen sind sicher sehr froh, dass der Account auch weiterhin besteht. Meine Freundin ist auch tot, aber ihr Bruder betreibt ihren Account in einer Community weiter und das hilft mir sehr! So kann ich weiter alle Erinnerungen mit ihr teilen! Ich komm leider nicht so einfach zu ihrem Grab, da sie ein Stück entfernt schläft :'(

  6. Da krieg ich auch Gänsehaut, wenn ich an sowas denke. Jemanden zuverlieren ist unermesslich schwer, gut wenn mann dann etwas hat, wo man sich gegeseitig beistehen kann.

  7. Hey.
    Ich sehe es mal ganz krass anders.
    Denn, nimmt man so wirklich Abschied wenn man nach wie vor alle Erinnerungen bei Facebook veröffentlicht?
    Wird man nicht eher jedes mal beim Durchschauen der Freundesliste schmerzvoll an den Tod erinnert?
    Ich finde es besser wenn man den Leuten dort eine gewisse Zeit lässt, dann die Seite aber sperrt oder zumindest nicht mehr beschreibbar macht und alle Freundschaften löscht.
    Denn „damals“ ging man in der ersten Zeit auch oft auf dem Friedhof, weinte und klagte sein Leid.
    Aber irgendwann kam der Alltag immer mehr zurück, die Besuche auf dem Friedhof wurden weniger und man begann wieder zu leben.
    Gerade dieser Schritt der Verarbeitung ist massiv wichtig, man kann nicht in alle Ewigkeit nur trauern….
    Das hätte der Tote sicher auch nicht gewollt.
    Und da der Tote eben tot ist kommt er auch nicht mehr zum wöchentlichen Stammtisch in der Kneipe.
    Auch da wird er erst fehlen, aber es werden sich alle dran gewöhnen und lernen damit umzugehen.
    Und selbst da wird keiner einen Monolog mit einem leeren Stuhl führen….

    Also: Trauer ja, auch digital. Aber es muss endlich sein ! Und das heißt Deaktivieren der Schreibzugriffe und Löschen aller Freundschaften. Der Mensch lebt in unserem Herzen, Erinnerungen und Gedanken weiter und nicht im Gesichtsbuch.

    Gruß

    • Wenn eine Mutter ihren Sohn verlierrt, ist das lebenslänglich.
      Da kann/will man nicht „irgendwann“ wieder leben.
      Mit „Freundschaften“ kann man sich super noch austauschen… nicht einfach löschen, stelle ich mir schlimm vor.

      Niemand sollte seine eigenen Kinder zu Grabe tragen müssen.

    • Man kann so sehr wohl Abschied nehmen.
      Ein Mädchen aus meinem Bekanntenkreis ist mit 17 Jahren verstorben, vor vier Jahren. Noch heute schreiben ihre Freunde ihr an ihre Pinnwand, gratulieren ihr jedes Jahr zum Geburtstag und haben sogar das Abitur „mit ihr gefeiert“. Sie hätte eben dazu gehört und für ihre Freunde ist dies selbstverständlich. Mittlerweile trauert man nicht nur noch auf ihrer Seite, sondern teilt ihr auch fröhliche Nachrichten mit, ihre Freunde sind so zufrieden.
      Wenn man sich ihre Seite vom Tag ihres Todes an bis heute durchliest, kommen einem erst die Tränen,, doch man verlässt ihre Seite mit einem Lächeln.
      Ich finde das sehr schön. Warum die Seite und somit Bilder und Erinnerungen löschen, wenn sie zu dem verstorbenen Menschen gehören?

      • @Lischen
        ich verstehe dich sehr gut. Habe auch 2-3 Jahre immer mal wieder Mails an einen Freund geschrieben, der gestorben ist. Das hat mir immer geholfen, meine Gefühle wieder in den Griff zu bekommen.

        Ich denke heute kaum noch an ihn, war schon seit Jahren nicht mehr auf dem Friedhof.
        Ich finde es schön, wenn man anlaufpunkte hat, ob Friedhof oder Facebook.

        Auch die Verarbeitung der Trauer kann sehr unterschiedlich sein.
        Früher stellte man die Fotos der verstorbenen auf den Schrank und so waren die Lieben immer im Wohnzimmer mit dabei. Das bedeutete aber nicht, das man sein Leben vor lauter Trauer nicht mehr lebt.
        Ich bin auch jemand der sehr viel in die Vergangenheit blickt, aber die Zukunft liegt vor uns und nicht hinter uns.

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