Letzte Worte

Herr Kollmeier war mal Oberstudienrat, ist lange verwitwet und ist in unserem Stadtteil zu lokaler Berühmtheit gelangt, weil er sich und unser Dorf in den 60er Jahren in einem kleinen Bildband feierte. Wenn ich schreibe „unser Dorf“ dann meine ich immer unseren Stadtteil einer mittleren Großstadt, der irgendwann in den 20er Jahren eingemeindet wurde, in dem aber immer noch Leute leben, die von der Großstadt nichts wissen wollen und auf die Selbständigkeit pochen.

Oberstudienrat Kollmeier ist aber auch noch aus einem anderen Grund bekannt, denn trotz seiner manchmal etwas schrulligen Art, hat er seine fünf Kinder, trotz des frühen Todes seiner Frau, alleine großgezogen und allen eine anständige Ausbildung ermöglicht.

Ob es an seinen Schrullen, an der Undankbarkeit der Kinder oder an beidem liegt, weiß ich nicht, jedenfalls war Kollmeier ziemlich verbittert, als er vor zweieinhalb Jahren bei uns eine Bestattungsvorsorge abschloss.

Keines seiner Kinder kümmerte sich um ihn und wenngleich sie regelmäßig zum Zwecke der innerfamiliären Geldabschöpfung vorstellig wurden, ließen sie den alten Mann doch ziemlich vereinsamen. Herr Kollmeier wurde gar nicht müde, über seine Kinder und Schwiegerkinder zu schimpfen, die ihn sogar an Heiligabend nur telefonisch kontaktierten: „Zehn Kinder und Schwiegerkinder, 16 Enkel und alle halten brav am zweiten Feiertag die Hand auf, was ich aber am Heiligen Abend mache, das interessiert keinen. Der Jutta habe ich eine Eigentumswohnung gekauft, dem Klaus habe ich das Haus in der Beethovenstraße überschrieben und Monikas Mann habe ich einen Bausparvertrag überschrieben. Wenn die was wollen, dann sind die da, dann ist der Alte gut genug.“

Seine Bestattungsvorsorge gestaltete Kollmeier entsprechend. Auf seinen etwas rundlichen Bauch klopfend sagte er: „Man sagt ja, das letzte Hemd habe keine Taschen. Aber den hier kann ich mitnehmen und das Geld was ich für meine Beerdigung ausgebe, das bekommen die Aasgeier auch nicht in die Finger.“

Er habe sein ganzes Leben vorgehabt, im Alter viel zu reisen, doch leider mache ihm da seine Gesundheit einen Strich durch die Rechnung, er sehe es aber auch nicht ein, daß „das ganze undankbare Pack“ sich über ein großes Erbe freuen könne. „Die haben ja schon alle genug bekommen und so vermögend bin ich ja nun auch wieder nicht, doch so über die Jahre ist schließlich einiges zusammengekommen und das hau‘ ich jetzt auf den Kopf.“

Ein großer Eichensarg in Truhenform, ein neuer Grabstein und eine Trauerfeier mit Chor und Streichquartett, das waren seine Wünsche. Als Trauerredner wollte er als Freidenker keinen Priester, sondern einen pensionierten Schauspieler von der Stadtbühne. Für den hatte Herr Kollmeier eine mehrseitige Trauerrede selbst entworfen und uns in einem verschlossenen Umschlag zu den Vorsorgeunterlagen gegeben.

Am Samstag ist Herr Kollmeier in seinem Haus verstorben und heute früh gefunden worden. Die Vorbereitungen für seine Beerdigung laufen auf Hochtouren und schon am Donnerstag wird der Termin sein. Den ganzen Morgen rufen seine Kinder jetzt schon hier an und wollen jeder gerne einen anderen Termin. Der eine hätte lieber den Freitag, die andere am Liebsten den Montag und ich kann immer nur antworten, daß wir uns exakt an die Anweisungen des Verstorbenen halten. Der hatte nämlich gesagt: „Und die Beerdigung soll so schnell wie möglich und zwar um 11 Uhr sein, wenn die Beerdigung nämlich gegen Mittag vorbei ist, müssen die sich noch um ein schönes Mittagessen kümmern. Jeder wird was anderes wollen, aber die sollen zu meiner Beerdigung kommen, wenn die stattfindet, und es soll nicht so sein, daß meine Beerdigung stattfindet, wenn die Zeit haben, um zu kommen.“

Heute Nachmittag kommt der ehemalige Schauspieler, um die Rede abzuholen, damit er sie einstudieren kann. Ich bin ja mal gespannt.

Fehler durch Lektorin Anya bereinigt.

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  • Veröffentlicht am: 14. Juli 2008
  • 25 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Allgemein

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!

Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

25 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. Es ist schon sehr traurig, wie Kinder mit ihren Eltern im Alter umgehen können. Natürlich kommt es auch drauf an, warum die Kinder so sind, aber es klingt jedenfalls so, als wäre der alte Mann ziemlich einsam gewesen und nun verbittert gestorben.

  2. Also, ich kenn da eine die jammert jeden Tag davon das sich ihre Kinder und Enkel nicht mehr bei ihr blicken lassen ausser zu Feiertagen und Geburtstagen. Das sie daran aber selbst schuld ist, erwähnt sie lieber nicht.

    Was ich damit sagen will. Es gibt immer zwei Seiten. Wir kennen hier nur eine davon. ;)

  3. also sympathisch ist mir der verstorbene ja schon, eine gerechte ansicht und dann sein letzter wille mit dem termin und dem drumherum. so soll’s sein, vielleicht denkt irgendwann einmal eines der kinder nach, was da schief gelaufen ist.

    er mag zwar schrullig gewesen sein, aber nicht verkehrt.

    -aki

  4. … man sollte nicht urteilen bevor man nicht alle Facetten der Geschichte kennt. Aber zumindest eine gewisse Verpflichtung sollte man schon spüren, sich um seine Familie im Alter zu kümmern. Oder: wenn man keinen Kontakt will, dann aber auch kein Geld.
    Bin sehr gespannt auf die Rede – der wird wohl mit einigem abrechnen ;-)

  5. Ich fände es witzig wenn der gute Mann noch eine „Zweit“-Familie gehabt hätte und die nun erbt, wenn es denn da noch was zu erben gibt. Vielleicht hat der Gute sich ja schon vorher von seinem Geld durch spenden oder im Shopping Wahn getrennt ;-)

  6. Hehe.
    Da fällt mir diese schöne Geschichte zu ein:
    http://orchestermusiker.blog.de/2008/05/28/seebestattung-die-funftausendunderste-te-4239788

  7. Shoppen, Spenden … pfff .. ich wüsst wofür ich Geld ausgebe, wenn ich ein einsamer Witwer wäre mit undankbaren Kindern. Östliche Nachbarländer haben da eine gute Auswahl (habe ich gehört) :D

  8. Rupert, ich überlasse die Definition von „Spenden“ und „Shoppen“ ganz dem einzelnen Leser ;-)

  9. Es gibt immer mehr als eine Wahrheit. Und oftmals sind nicht die Alten verbittert, weil die Kinder undankbar sind. Sondern die Kinder wenden sich ab, weil man den Alten eh nichts recht machen kann. Und ob das „Geldabschöpfen“ stimmt, weiss man auch nicht. Ich hab das Beste Beispiel in meiner Familie

  10. Nicht sehr schön, wie die Leute nach dem Tod statt zu Trauern lieber einander wie wilde Tiere die Augen auskratzen und das Fell über die Ohren ziehen. :( Ich glaube, es stirbt sich auch nicht sonderlich gut, wenn man schon ahnt, dass es so kommt. So etwas hat sehr wenig von „in Frieden ruhen“.

  11. @tshalina: Wenn man eins definitiv sagen kann, dann dass ihm das jetzt relativ egal sein wird, was war ;)

  12. Zum Streiten gehören immer zwei. Ich denke aber, dass es dem Mann eine Genugtuung im Vorfeld war, dass er mit dem Termin seine Kinder ärgern kann/konnte.

    Mein Papa hat 5 Geschwister, seine Mutter lebt bei ihm im Haus. Er kann sich vierteilen, es ist nie Recht. Seine Mutter meckert und seine Geschwister (die sich einmal im Monat blicken lassen) wissen und können sowieso alles besser. Dass mein Vater im Laufe der Jahre verbittert ist ihm nicht zu verübeln

  13. nunja tippe mal auf falsche erziehung, verwöhnte kinder die alles bekommen haben was sie wollten, als sie dann ihr eigenes geld verdienten waren sie nicht mehr auf den alten angewiesen ausser mal ab und zu eine kleines extra einkommen..

  14. Einerseits ist es in gewisser Weise verständlich, wenn der Herr posthum mit seiner Familie abrechnen will. Ich bin mal auf die Trauerrede gespannt…

    Auf der anderen Seite frage ich mich allerdings, warum er den Kindern ein Haus und einen Bausparvertrag überschrieben hat sowie eine weitere Wohnung für seine Tochter gekauft hat. Das passt irgendwie nicht so ganz ins Bild. Wenn drei Leute da nacheinander aufkreuzen und eine Menge Kohle in den Rachen geworfen haben wollen, sollte doch irgendwann mal Schluss sein. Meine Eltern würden jedenfalls nicht daran denken, mir einfach so das Haus zu überschreiben.

  15. Es gibt auch Kinder, meißt die Eingeheirateten, für die gelten folgende §§ ohne wenn und aber:
    Die Alten haben sich in ihren Wünschen den Jungen gegenüber zurückzuhalten. Ablehnungen sind stillschweigend ohne Rückfrage nach dem Wieso zu respektieren. Andere Auffassung das Etikett: Einmischung! Die Jungen kommen zum abkassieren, denn wozu braucht der Alte seinen Haufen Rente. Wenn es ihm nicht reicht, kann er ja sein großes altes Auto verkaufen. Sowieso besser wenn er den Bus nimmt. An Geburts-und hohen Feiertagen sowie Taufen ist man hochwillkommen. Scheine fürs „Sparbuch“ bereithalten.
    Nur Heiligabend nicht, das ist OK, denn das ist der Familie der Kinder selbst vorbehalten. Da stört man nicht.
    Einmal erfuhr ich von meinem Sohn wörtlich:“Wir bauen jetzt, es wird erwartet, dass Du hilfst. Ihre Familie hilft auch und gibt Geld.“ Also hilft man bis zur Leistungsgrenze.
    Und jetzt? Mal zwischendurch regelmäßig hereinschauen und mit den Kindern spielen (auch um die Mutter zu entlasten?) ist ausdrücklich nicht erwünscht. Sie mag das nicht. Beste Antwort seither:“Ich mag keinen Großvater, der regelmäßig auftaucht. Nicht mal mein Vater bekommt die Kinder.“
    Meine Frau hörte vor einigen Tagen im Laden zwei Weibern beim Tratschen über einen Witwer zu:“ Das Haus braucht der doch gar nicht mehr, das kann er ruhig an die Kinder abtreten, die brauchen das nötiger. Was will er denn damit?“

    Glaubt etwa jemand, dass die Kinder später für das Pflegeheim aufkommen? Bei denen ist erstens nichts zu holen, und zweitens ist es eine Unverschämtheit vom dem Alten, ihnen das Sozialamt auf den Hals zu hetzen.
    Jetzt ist erst mal genug, sonst komm ich noch in Stimmung.

  16. Ach, was ich noch sagen wollte: Auf die Fortsetzung dieses Cliffhangers bin ich gespannt, und auf die Grabrede erst.
    Jedenfalls wenn oben beschriebene Madame auf meiner Beerdigung auftaucht und die Stimmung versaut, dann komm ich raus und scheuch sie persönlich (bzw. mein Stellvertreter). Ich kann Herrn Kollmeier vieles nachempfinden. Zum Glück haben wir noch mehr Kinder und Enkel, die solche Probleme nicht haben.

  17. Ist den jetzt eigentlich schon irgendwie raus, wo der Undertaker logiert? :-)

  18. Gut, diese Geschichte klingt nicht schön. Nun muss sich der alte Herr Gott sei Dank nicht mehr ärgern und grämen. Die Frage, die sich mir jedoch immer beim Lesen solcher „Familienschicksale“ stellt: Warum verhalten sich die Kinder so? Ist es vielleicht auch Ausdruck dessen, was sie selbst an Gefühlen/Wärme/Liebe in ihrer Kindheit mitbekommen haben – oder eben nicht mitbekommen haben? Es gibt bei uns ein altes Sprichwort: Wia ma´s zügelt, so hat ma´s (wie man sie erzieht, so hat man sie zu ertragen). Eine glückliche Kindheit ist noch lange nicht gleichbedeutend mit: wir hatten immer genug zu essen, ein warmes Dach über dem Kopf, und eine gute Ausbildung hat der Vater auch jedem ermöglicht. Ja, der alte Herr Oberstudienrat hat vermutlich sein bestmögliches getan, und den Grundstock, den er für seinen Kinder da gelegt hat, sollte (vermutlich) auch zur Dankbarkeit „anregen“. Wenn es einem Kind aber an Emotionalität, an Wärme fehlt, wenn statt einer Umarmung „nur“ ein zusätzlicher Teller Suppe auf den Tisch gestellt wird – dann fehlt meines Erachtens das wichtigste.

  19. Wie asaaki schon sagte: „also sympathisch ist mir der verstorbene ja schon, eine gerechte ansicht und dann sein letzter wille mit dem termin und dem drumherum. so soll’s sein…“

    Ich finde es aber auch gut, dass Sie sich als Bestattungsunternehmen an die Wünsche der Verstorbenen halten. Denn eigentlich gibt es ja niemanden mehr, der das überprüfen könnte…

    Sehr gute Einstellung!

    Jens

  20. Versteh den Mann nicht. Anstatt so eine große Beerdigung zu finanzieren würde ich mein Geld noch zu Lebzeiten verprassen. Am besten noch so dass nicht mal Geld für die Beerdigung da ist und die Kinder zahlen müssen…

  21. @cagrüne. Es ist sein Fest. Seine Gäste. Er war sehr bekannt.
    Wenn die Jungen das regeln, kommen die vielleicht noch auf die Idee eine Geheimveranstaltung im engsten Familienkreis zu machen, um ihn still und heimlich zu verscharren (da ist das böse Wort wieder – holt Seife -), weils billiger ist und das Erbe nicht so sehr schmälert. Als Begründung wird dann erzählt: „Er hat das immer so gewollt.“

  22. Es ist schon schade , wie manche Familien mit ihren älteren Mitgliedern umgehen.

    Ich finde es gut, das dieses Mann seine Konsequenzen gezogen hat und alles selbst festlegt, bevor er billigst möglich verscharrt wird um ja ein grosses Erbe zu sichern.

  23. ..ich hab da ´ne Tante, mit der hatten wir nie viel zu tun, Differenzen und eigentlich nur Missverständnisse („Ich dachte, du hättest..“, etc.) unter Schwägerinnen.
    Jetzt ist sie alt, die Tochter in Amerika, und meine Nichten und ich wechseln uns jetzt bei „Tantchen aufmuntern“ und einkaufen ab; auch die obigen Missverständnisse und Differenzen sind dadurch aus der Welt geschafft worden.

    Also: ein „Neuanfang“ kann VOR der Beerdigung immer gemacht werden, von jeder der Seiten.

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