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Zwischen Tür und Angel

Manchmal passieren Fehler, zu denen wir gar nichts können. In diesem Fall hat die Standesbeamtin Mist gebaut, aber wir durften das ausbaden. Die Beerdigung einer älteren Frau war ohne besondere Vorkommnisse über die Bühne gegangen und die Familie hatte sich sehr zufrieden gezeigt und ihre Rechnung gleich am nächsten Tag bezahlt. So weit, so gut…

Heute Morgen steht der Sohn, selbst schon etwas älter, bei uns im Büro und regt sich so auf, daß er einen hochroten Kopf bekommt und wir Angst haben, daß er der Nächste sein könnte, der von uns behandelt werden muss. Praktisch wär’s, ich habe gerade wieder einen Platz in der Kühlung frei…

„Das ist ein Schlamperladen hier, ein Schluderladen, wir sind beleidigt und verärgert, sehr verärgert!“

Was denn passiert sei, fragt eine Mitarbeiterin und er fuchtelt mit den Sterbeurkunden herum: „Meine Mutter ist anständig geboren worden!“

Schließlich gelingt es jemandem, ihm eine der Sterbeurkunden abzuluchsen und auf den ersten Blick ist alles in Ordnung. Deshalb wollen wir wissen, wo denn genau das Problem liege. Vielleicht ist ja irgendein Datum falsch oder so.

„Nicht ‚auf dem‘ sondern ‚in‘ muss das heißen!“

Tja und dann stellt sich heraus, daß die gute Frau in einem Ortsteil von Isny im Allgäu geboren worden war, der damals „Spitalhof“ hieß. Und da macht es natürlich einen Unterschied, ob da in den Sterbeurkunden steht „auf dem Spitalhof“ oder „in Spitalhof“.

Es ist dann doch möglich, den tobenden Mann etwas zu besänftigen und heute noch gehen die Sterbeurkunden zur Korrektur ans Standesamt zurück. Wer aber meint, das sei jetzt eine einfache Sache, der hat sich getäuscht. Man könnte ja glauben, die Standesbeamtin vernichtet die falschen Urkunden und druckt eben mal neue aus. Aber leider geht das in Deutschland nicht so einfach. Sie wird bei Amtsgericht eine Änderung beantragen müssen, sich quasi dort selbst anzeigen, den Fehler begründen und dann eine gerichtliche Änderung der Urkunden herbeiführen müssen.

Namen

Sie war schon 98 Jahre alt und wenn so jemand stirbt, dann wurmt es mich immer, daß er die 100 nicht doch noch geschafft hat. Einfach so, wegen der Zahl. Aber das ist nicht der Grund, warum mir diese Verstorbene noch lange in Erinnerung bleiben wird. Bei der Durchsicht des Stammbuches sehe ich ihren Geburtsnamen und da steht: Magdalena G., geborene Zimtbrösel.
Das finde ich sehr lustig.

Vor Jahren hatten wir mal einen, der hieß Pubarcz und die Leute der Familie sprachen das tatsächlich wie Puparsch aus. Es gibt Namen, die ich nicht gerne tragen würde. Auch die Familie Kakczmira hatte da so ihre Probleme. Sie sprachen es wie Kaß-Mirah aus, aber der Pfarrer sagte während der gesamten Trauerfeier immer Emil Kackschmierer.
Mein Schwiegervater, längst verstorben, hat vor Jahrzehnten mal einen Herrn Popolecki beerdigt. Man weiß heute nicht mehr, wie das ausgesprochen wurde, aber immerhin hat sich dieser Name in unserem Haus seit Generationen in überlieferten Geschichten ebenso erhalten wie Frau Popel und der Metzgermeister Rinderfeind.

Nur mal so nebenbei bemerkt.

Zirkus, Zirkus 4

Jetzt hat die Sache ja durch die Abreise des Zirkus eine unerwartete Wendung genommen. Die Gemeindeverwaltung des Ortes wo der Zirkus gastierte zeigte sich einerseits wenig erstaunt darüber, daß der Zirkus quasi bei Nacht und Nebel weitergezogen ist und andererseits sehr erleichtert. Vor ein paar Jahren habe ein Zirkus mal wegen Geldmangels die Weiterreise nicht bewerkstelligen können, so erzählte mir der Beamte der Gemeindeverwaltung, und dann habe der den ganzen Winter über dort in ärgster Not gehaust und in der Gemeinde gebettelt.

Unsere Stadtverwaltung wollte den Fall gleich an sich ziehen und die hätten beinahe den Verstorbenen einfach abgeholt, weil sie auf dem Standpunkt stehen, für die eingegangenen 1.200 Euro sei keine würdige Bestattung möglich. Deshalb müsse das jetzt die Behörde übernehmen und mit einem Zuschuss der Sozialstellen ein „Sozialbegräbnis“ durchführen. Hätte ich ja auch machen lassen können, aber die Zirkusleute haben uns beauftragt, also machen wir das auch. Der Verstorbene bekommt jetzt einen einfachen Sarg und wird im verschlossenen Sarg in die Trauerhalle gestellt. Wie bestellt und bezahlt spielen wir ihm das Stück „Circus Renz“ und die Salto-Mortale-Melodie. Danach wird er von einem Subunternehmer zur Einäscherung abgeholt und in Rheinland-Pfalz anonym beigesetzt.

Eigentlich schade, ich hatte mir das so schön vorgestellt, die Trauerfeier in der Manege. Der Pfarrer, der da kommen wollte, will aber mal mit den Zirkusleuten sprechen, wenn die mal wieder seinen Weg kreuzen und mir dann Bescheid geben. Mal sehen, ob da was daraus wird.

Es ist kalt

Vorhin geht meine Frau, die seit gestern Abend wieder da ist, nochmal an den Briefkasten, um das Werbeblättchen zu holen und bringt mir einen Briefumschlag mit. Außerdem sagt sie: „Du, da unten sitzt einer auf der Treppe.“

Also bin ich raus, um den Mann von unserer Treppe zu verscheuchen. Wie meine Frau mir sagte, habe der ’ne Pulle‘ dabei. Daß da bei uns jemand sitzt und was trinkt, das passt mir nicht, das ist kein gutes Bild. Während meine Frau den Seitenweg genommen hat, gehe ich durch den Haupteingang und schalte beim Rausgehen die Beleuchtung ein. Im Kopf notiere ich, daß ich die Zeitschaltuhr umstellen muss, es wird jetzt früher dunkel.
Im aufflammenden Licht sehe ich, daß das Manfred ist. Er wirft mir einen Blick über die Schulter zu, hebt eine volle Cognacflasche hoch und sagt: „Wollte ich zurückbringen, hab mich aber nicht zu klingeln getraut.“

Mit Manfred hatte ich Cognac getrunken, als er bei mir ein Kreuz für den Straßenrand abgeholt hat, weil sein 15jähriger bei einem Unfall ums Leben gekommen ist.

Ich setze mich zu ihm, klopfe eine Marlboro (dies ist kein von Marlboro bestellter und finanzierter Artikel, auch nicht von trigema und nicht von trigami) aus der Packung und geb ihm die. Feuer hat er selbst und dann sitzen wir da auf der Treppe und schweigen.
Es vergehen bestimmt 15 Minuten, dann sagt er: „Is kalt, geh’n wer rein?“

Hoffentlich will der jetzt nicht schon wieder mit mir Cognac trinken, ich habe in letzter Zeit immer so lange damit zu kämpfen, wenn ich mal saufe. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, daß der Cognac nur ein Vorwand wäre. Was wird er wollen?
Ich kann es mir fast denken, denn kaum sind wir in der Halle, da sagt er: „Habt ihr ihn schon geholt?“

Ja, haben wir. Am späten Nachmittag ist der Junge von Manfred von unseren Männern aus der Pathologie geholt worden. Der sähe nicht schlimm aus, haben sie mir gesagt. Also sage ich zu Manfred, daß sein Sohn unten ist.

„Ich wollte nur mal gucken, wie er so untergebracht ist.“

Wir fahren mit dem Aufzug runter und ich zeige Manfred die unteren Räume, das Sarglager und dann setze ich ihn auf einen Ballen mit Hobelspänen, wo er warten soll, während ich ins Kühlhaus gehe. Er muß ja die anderen Toten nicht auch noch sehen und außerdem will ich erst mal schauen, wie sein Sohn aussieht.
Da liegt er, „Sven B.“ steht auf dem Zettel an der Trage. Ich klappe die Seitenteile runter und bin erstaunt. Da liegt der Junge mit strohblondem Haar und ist, so wie man das auf den ersten Blick sehen kann, vollkommen intakt. Wenigstens hat er keine Kopf- oder Gesichtsverletzungen.

Mit dem Fuß ziehe ich einen Rollwagen her, ziehe die Trage auf das Rollgestell und fahre Sven hinaus. Langsam erhebt sich Manfred, kommt näher, bleibt einen guten Meter entfernt kurz stehen und dann kommt er heran. So ein versteinertes Gesicht habe ich noch nie gesehen, ehrlich nicht. Manfred schaut mich fragend an, ich weiß nicht genau, was er will, aber ich nicke. Da nimmt er die Hand seines Sohnes, streichelt sie, schließt die Augen und atmet tief durch.

„Kalt“, sagt er und ich nicke wieder. „Muss wohl so sein“, sagt Manfred und wieder nicke ich. Was soll ich auch sagen?

„Soll ich Sachen bringen, zum Anziehen meine ich?“

„Ja, mach das.“

„Wie issen das, wer zieht den den an?“

„Unsere Männer.“

„Ich mein, das ist zehn Jahre her.“

„Was ist zehn Jahre her.“

„Na, dass ich Sven angezogen hab.“

„Willst du mithelfen, wenn er angezogen wird?“

Manfred schaut mich aus großen Augen an und nickt heftig, während er wohl Tränen hinunterschluckt.

„Kein Problem“, sage ich, „komm einfach morgen vorbei.“

„Ist so kalt, haste nicht ’ne Decke für ihn?“

Ich deute auf das Regal mit den ganzen Decken und Kissen und Manfred drückt und knetet sie fast alle, bis er die dickste gefunden hat.
Das ist aber ausgerechnet eine, die sich nie verkaufen ließ, mit komischen rosa Maiglöckchen drauf. „Die ist doch nicht schön“, sage ich.

„Is egal, die ist warm!“ sagt er.

Gemeinsam legen wir die dicke Maiglöckchendecke auf den Jungen, Manfred zögert, dann streicht er mit einem Finger über die rechte Hand seines Sohnes und nickt. Dann schieben wir Sven gemeinsam in den Kühlraum und fahren dann mit dem Aufzug nach oben. Manfred schweigt. Oben sagt er mir dann, daß er und seine Frau ihren Sohn noch einmal sehen wollen, aber sonst keiner.

„Jau, machen wir so“, sage ich und dann geht er die vordere Treppe wieder runter, winkt kurz über die Schulter und schlurft die Straße runter.

Ist wirklich kalt.

Zirkus, Zirkus 3

Heute Nachmittag war ja wunderschönes Wetter und auf dem Weg von einem Kunden kam ich durch ein Dorf, in dem Kirchweih bzw. Kirmes gefeiert wird. Da hatte man ein Karussell, eine Losbude und ein paar Freßstände. Der Duft von frisch gebratener Bratwurst stieg mir in die Nase und da kam mir der Gedanke, daß ich vielleicht zwei von diesen Würstchen vertilgen könnte, ohne daß meine Frau etwas davon erfahren würde.

Während ich da saß und langsam etwas aß, finden die Leute vom Kettenkarussell schon an abzubauen. Montags ist ja traditionell oft der letzte Tag solcher Volksfeste. So einen Abbau habe ich auch noch nicht gesehen und blieb dann noch bei einer Tasse Kaffee sitzen, um denen zuzuschauen, wie sie das Riesending in Teile zerlegten und in ihren Laster packten.

So ähnlich muß das beim Zirkus auch sein, kam mir in den Sinn. Und während ich so darüber nachdachte, beschloss ich, auf meinem weiteren Rückweg noch mal bei dem Zirkus vorbeizufahren, von dem wir einen verstorbenen Tierpfleger im Kühlraum liegen haben. Das sind bloß zwei Kilometer Umweg, also hin.

Ich weiß nicht, was mich dazu brachte, dort ohne Grund mal hinzufahren, vielleicht war es eine Vorahnung und genau die sollte sich erfüllen. Als ich an die Festwiese komme, sehe ich, daß da außer braungetretenem Gras, etwas Sägemehl und zwei vergessenen Strohballen nichts mehr ist.
Der Zirkus ist abgereist, na Klasse!

Auf der Gemeindeverwaltung war auch niemand mehr, da muss ich morgen gleich mal anrufen. Wenn ich die Plakate richtig in Erinnerung habe, wollten die eigentlich bis zum 14.10. hier gastieren.

Morgen kommt da Einiges auf mich zu. Zuerst muß ich klären, wie es jetzt weitergeht. Einen unterschriebenen Auftrag habe ich ja, aber bezahlt haben die Zirkusleute nichts. Außer den Leichenschaupapieren und dem Ausweis des Mannes habe ich auch keine weiteren Papiere, aber da sind wir sowieso dran und wie es aussieht, werden wir das morgen geregelt bekommen.

Ist doch wirklich wahr, jeden Tag hat man irgendeinen anderen Ärger.
Da sage nochmal einer, der Bestatterberuf sei düster und langweilig.

Duft

Gegen Werbung habe ich ja im Grunde nichts. Wir machen ja auch Werbung und Klappern gehört ja bekanntlich zum Uhrwerk Handwerk. Aber manche Werbemaschen sind schon lästig oder passen so ganz und gar nicht zu unserem Gewerbe.

Eine Masche, die in den letzten Monaten ganz besonders beliebt ist, besteht darin, daß freundliche Leute irgendwelche Koffer oder Kollektionen bei uns im Büro lassen. „Ich lasse Ihnen das einfach mal da, schauen Sie es sich an und wenn sie etwas haben wollen, einfach auf der Liste abhaken, Preis steht daneben. Ich komme in zwei Tagen wieder und hole den Rest wieder ab und kassiere.“

Auf diese Weise ist schon mal eine Riesenkiste mit allerlei Bastelkram bei uns gelandet, dann war mal jemand mit Kinderbüchern da und schließlich auch einer mit einem Koffer voller Parfüm und Rasierwasser usw. Man kennt doch diese Duftwässer, die so riechen sollen wie was anderes, die auch so ähnlich heißen wie was anderes, aber nicht das andere sind, obwohl der Verkäufer ja keinen Hehl daraus macht, daß das sowieso alles aus der selben Fabrik komme…

So, und dieser Koffer mit den Rasierwässern und Parfüms steht jetzt schon ein halbes Jahr bei uns im Büro. Zwei Mitarbeiter haben sich je eine Flasche rausgenommen und auch bav auf der Liste abgehakt, aber der Verkäufer ist nie wiedergekommen. Auf dem Abhakzettel steht nur „Impressario Dienstleistungen“ und auf den Verpackungen der Produkte nur „Fragrance International, New York, London, Paris, Mailand“. Keine Spur von einer Adresse oder so.

Dürfen wir den Quatsch jetzt behalten? Aufs Fundbüro müssen wir das ja wohl kaum bringen, weil wir es ja nicht gefunden haben.

Der erste beste Erstbeste

Den Kunden führe ich in den Ausstellungsraum und bitte ihn, sich doch einmal in Ruhe umzuschauen. So lasse ich die Leute, wenn sie gefasst genug sind, dann vier bis fünf Minuten alleine, um die Unterlagen schon mal rüber ins Büro zu geben. Dort machen die Mitarbeiter dann die nötigen Kopien und Ausdrucke und meistens klappt es, daß wenn ich mit dem Kunden ins Beratungszimmer zurückkomme, die Kundenmappe schon fertig daliegt.

Dieser Kunde lässt mich aber nicht gehen, sondern sagt: „Ich will den erstbesten Sarg.“

Den erstbesten wird er sicher nicht wollen, sondern den ersten und besten und ich freue mich, denn des Kunden Wille geschehe und fülle meinen Beutel der ewigen Habgier. „Sie haben die freie Auswahl“, sage ich und mache eine Handbewegung so über unser Sortiment hinweg.

Er tritt einen Schritt zurück und sicher wird er jetzt zielgerichtet die dunkelbraune Truhe nehmen, die ist besonders teuer und sicher für ihn das Erste und Beste. Stattdessen legt er den Finger an den Mund, so wie das die Moderatoren von diesen Gewinnspielsendern immer machen, wenn sie uns wieder mal vorlügen, daß kein einziger Anrufer eine Obstsorte mit ‚B‘ kennt und wo der erste Anrufer, der durchkommt, dann ‚Bambelmuse‘ oder ‚Bockwurst‘ sagt.
So steht er da, mit den ausgestreckten Finger vor den Lippen, geht noch einen Schritt zurück und deutet dann auf den hellgrauen Eschensarg in der Mitte. Und ich wette, der hat leise abgezählt. Irgendwas wie „Ene, mene miste, das ist meine Kiste“ oder so. Ich wette!