Verbandsbestatter

Es gibt doch Bestatter, die ein Verbandsabzeichen, so ein dreiteiliges Kapellenfenster mit einem Sarg, im Fenster oder auf der Leuchtreklame haben. Mein Onkel hat mir gesagt man solle nur zu einem solchen Bestatter gehen. Mein Vater sagt aber das sei völlig egal, schwarze Schafe und sehr gute Bestatter gäbe es in diesem Verband und auch außerhalb. Was stimmt denn nun?

Das ist eine schwierige Frage. Schwierig deshalb, weil man sie nicht in drei Sätzen beantworten kann, ohne sich die Finger und die Zunge zu verbrennen.

Ich versuche es aber trotzdem mal:

Wie in vielen anderen Berufen auch, gibt es Verbände, in denen sich die Bestatter organisieren. Der von Dir durch das Verbandsabzeichen geschilderte Verband ist nur einer von mehreren, wohl aber, wenn ich nicht irre, der älteste und mitgliederstärkste.

Die Aufgabe dieses Verbandes unterscheidet sich nicht wesentlich von der anderer Berufsverbände anderer Branchen auch. Man hat einen verbandsinternen Qualitätsstandard, wacht in gewissem Umfang über die Einhaltung dieses Standards und der übrigen Verbandsrichtlinien und gewährt seinen Mitgliedern einen bestimmten Schutz und Beratung.

Überdies verstehen sich große Verbände gerne auch mal als Sprachrohr der gesamten Branche und setzen sich auch für weitreichende Ziele ein, die die gesamte Branche betreffen können, ob die Betroffenen nun Mitglieder dieses Verbandes sind oder nicht.

Der Kunde eines Bestatters erwartet in erster Linie, daß der Bestatter eine gute Arbeit zu einem angemessenen Preis erbringt. Das aber kann jeder Bestatter leisten, ob er nun Mitglied in irgendeinem Verband ist oder nicht.

Ich kann auch, rein gefühlt, nicht sagen, daß es nun auf Seiten der Verbandsbestatter weniger schwarze Schafe gibt, als sonstwo in der Branche. Die Zahl derer, die sich unkorrekt verhalten, ist ohnehin deutlich kleiner, als man es gemeinhin annimmt. Wenn ein Verband aber so viele Mitglieder hat, dann würde es mit dem Teufel zugehen, gäbe es nicht auch in diesen Reihen einige, die über das Ziel hinausschießen.

Einen wirklichen Vorteil für den Kunden kann ich also durch die Mitgliedschaft, in welchem Verband auch immer, nicht erkennen.

Man könnte den Eindruck gewinnen, als haben sich die Mitglieder eines Verbandes zur Einhaltung besonders kundenfreundlicher Regelungen verpflichtet. Ich persönlich glaube aber, daß jeder der sich selbständig macht, alleine durch das Abholen des Gewerbescheins so vielen Gesetzen und Richtlinien unterwirft, daß ein ausreichender Kundenschutz und eine behördliche Kontrolle gegeben ist. Eines Verbandes bedarf es zur Kontrolle eigentlich nicht, meine ich.

Es hilft dem Kunden, im Falle eines Verstoßes des Bestatters gegen geltendes Recht, ja auch nichts, wenn dieser dann auch noch durch einen Verband sanktioniert wird. Der Kunde wird sein Recht haben wollen und das kann er letztlich nicht durch einen Verband, sondern wahrscheinlich sowieso nur vor Gericht oder mit anwaltlicher Hilfe durchsetzen können.

Es ist aber nun mal so, daß Verbände und Vereine, wenn sie dann nur lange genug existieren und viele Mitglieder haben, gerne auch in den Medien und in der öffentlichen Wahrnehmung als einzige und oberste Instanz dargestellt und wahrgenommen werden.
Das ist beim ADAC als Sprachrohr „aller Autofahrer“ und bei den Gewerkschaften als Sachwalter „aller Arbeiter“ und bei dem VDH als „einzig wahrer“ Hundeverband nicht viel anders.

Da kann es dann schon einmal vorkommen, daß sich Moderatoren gewisser Ratgebersendungen zu der Behauptung hinreißen lassen, man solle auf das Gütesiegel irgendeines dieser Vereine achten, dann sei man auf der sicheren Seite.
Ich persönlich finde aber, daß ADAC-Mitglieder nicht grundsätzlich besser fahren, VDH-Hunde nicht grundsätzlich weniger beißen und Verbandsbestatter auch nicht unbedingt die bessere Arbeit leisten.

So eine Verbandsmitgliedschaft ist in aller Regel durch einen Antrag, dessen Überprüfung und Annahme und vor allem durch die regelmäßige Zahlung einer mehr oder weniger hohen Mitgliedsgebühr begründet. Selbst wenn der Verband eine gewisse Form der einmaligen oder regelmäßigen Kontrolle ausübt, bezweifle ich, daß bei großen Verbänden mit sehr vielen Mitgliedern, eine durchgehende Kontrolle überhaupt möglich ist.

Es stellt sich in dem Zusammenhang aber die durchaus berechtigte Frage, die mir auch schon ein Kunde stellte, ob die Zahlung von manchmal doch recht hohen Verbandsgebühren, nicht sogar zu einer Verteuerung der Waren und Dienstleistungen führen kann.

Also kann ich als Fazit nicht sagen, daß durch die Mitgliedschaft in welchem Verband auch immer tatsächlich Vorteile für den Kunden herausspringen.

Wohl aber kann man sagen, daß sich die Bestatterverbände um eine gute Ausbildung und Information ihrer Mitglieder bemühen, was aber nicht heißen muß, daß auch alle Mitglieder gut informiert und ausgebildet sind.

Der Beruf des Bestatters ist so vielschichtig und erfordert so viel Liebe zum Beruf, daß man manches sicher erlernen und abprüfen kann, die eigentliche Eignung für diesen Beruf liegt aber auf einer Ebene, die man mit keiner Prüfung testen kann und die kein Abzeichen, von wem auch immer, besiegeln kann.

Fehler durch Lektorin Anya bereinigt.

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  • Veröffentlicht am: 19. Mai 2008
  • 5 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Allgemein

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!

Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

5 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. Ich bin einer von den guten mit dem Kirchenfenster ;-)

    Nötig ist so eine Mitgliedschaft sicher nicht, aber vor Zeiten des Internets war das eine der wenigen Quellen wo man schnell mal Informationen, Hilfe oder Kontaktadressen bekam.

    Die reinen Mitgliedsgebühren sind nicht so hoch dass es wirklich weh täte. Auf meine Kunden umgerechnet macht das dann ca. 1,50 Euro aus, also weitaus weniger als z.B. die Erhöhung der Mehrwertsteuer oder nur die steigenden Benzin und Energiepreise der letzten Jahre.

    Derzeit läuft allerdings eine Qualitätsoffensive, die in einer Zertifizierung nach Din xy enden soll. Was ich davon bisher gesehen habe sieht leider nach Aktenonanie aus – für Großbetriebe vielleicht sinnvoll, ob ich als Bonsai aber wirklich jeden Handschlag dokumentieren und archivieren möchte, steht auf einem anderen Blatt.

  2. Wenn sie alle bei dem selben Verband wären, dann wären sie ja alle Vereinskameraden, und dufte Kumpel.
    Bei gemeinsanen Grillfesten und Fortbildungen lernt man sich näher kennen. Das verbindet. Das Konkurrenzdenken weicht einem gesunden Miteinander.
    Gemeinsam ist man stark, wenn man bei Behörden etwas erreichen will, was allen nutzt. Eine örtliche Gruppe kann nur auf dem Rathaus vorstellig werden. Ein Verband oder eine Gruppe von Verbänden kann im Namen der Mitglieder auf Landes- oder Bundesebene auftreten.
    In Fachzeitschriften erfährt man Neues und kann seine Mitarbeiter darauf aufmerksam machen.

  3. Danke Stefan!!!
    So ein Wort suche ich schon lange:

    Aktenonanie

  4. Wir als Bestatter sind auch nicht in einem Verband und machen unsere Arbeit trotzdem sehr gut. Bei uns in der Stadt ist es sogar so, dass die Bestatter, die ein Verbandabzeichen haben, definitiv nicht die besseren sind. Ganz im Gegenteil sogar. Wenn man sich die Särge im Krematorium anschaut, fragt man sich manchmal wirklich ob sowas pietätvoll ist. Egal, auf alle Fälle sich nicht immer von einem Verbandsabzeichen täuschen bzw. beeinflussen lassen.

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