Geschichten

Der Automat

Automat

Das Internet ist Segen und Fluch zugleich. Nie zuvor konnten sich Menschen so schnell und so umfassend informieren. Nie war Wissen so leicht verfügbar. Und: Nie zuvor konnten sich Menschen so schnell und umfassend mit Blödsinn versorgen. Nie war dummes Zeug so leicht verfügbar.

Es ist der Enkelsohn, der dieses Mal Schwierigkeiten mit dem Denken hat. „Wir haben uns vorher im Netz schlau gemacht, wir wissen schon über alles Bescheid!“, verkündet er und ich sehe, dass er nur sich selbst meint, denn die 92-jährige Großmutter, die er begleitet, hat ganz bestimmt nicht „im Netz geschaut und Herrn Google gefragt“.

Wo denn das Cafè Bäumler bitte schön seinen Aufschnitt herbeziehe, will er wissen. „Wenn Sie das schon für den Leichenschmaus empfehlen, müssen Sie auch sagen können, wo das Zeug herstammt.“
Ich zucke mit den Schultern und schüttele langsam den Kopf.
Er tippt mit dem Zeigefinger auf meinen Schreibblock: „Na los, aufschreiben. Finden Sie das heraus!“

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Er habe gelesen, dass Bestatter bis zu 1.000 Euro dafür verlangen, dass vier Sargträger den Sarg zum Grab tragen. Das wollen deshalb seine Cousins und er selbst machen. „Das können Sie gleich streichen, dafür geben wir kein unnötiges Geld aus.“

Ich erkläre ihm, dass das bei uns in der Stadt von der Friedhofsverwaltung erledigt wird. Die stellt die Sargträger, und die Kosten dafür sind in der Friedhofsgebühr enthalten. Man kann das nicht einfach so abbestellen, aber wenn, dann würde das sicherlich keine 1.000 Euro ausmachen, sondern vielleicht 180 oder so.

„Das ist ja der Hammer! So wird man vom Staat abgezockt! Ich habe aber schon gesehen, dass Bundeswehrsoldaten hier auf dem Friedhof einen Kameraden im Sarg getragen haben. Was sagen Sie jtzt?“

„Das ist richtig. Auch die Feuerwehr und die Polizei macht das manchmal so. Erst vor einigen Wochen hat sogar ein Karnevalsverein die Sargträger selbst gestellt. Aber, was Sie beobachtet haben, ist das Hochnehmen des Sarges in der Trauerhalle und das Tragen des Sarges zum Sargwagen vor der Halle. Denn der Sarg wird auf diesem fahrbaren Untersatz zum Grab gefahren und dort dann von den städtischen Sargträgern ins Grab abgelassen. Das ist nämlich nicht so ohne und die Versicherung lässt gar nicht zu, dass das Fremde machen.“

„Nee, nee, nee, das können Sie mir nicht erzählen. Ich habe mir Videos im Netz angeschaut und da sieht man, dass der Sarg nur auf so grüne Gurte gestellt wird und vollelektrisch von alleine in die Grube fährt. Das kriegen wir wohl auch noch hin.“

„So einen Sargabsenkungsautomaten gibt es hier auf den Friedhöfen aber nicht.“

„Und Sie als Unternehmen haben so eine Selbstverständlichkeit auch nicht?“

„Nö, brauchen wir ja nicht, denn wie gesagt wird das von den städtischen Sargträgern erledigt.“

„Und wenn Sie jetzt so einen Apparat kaufen würden?“

„So ein Sargabsenker kostet einige tausend Euro und das ist viel Geld für einen Artikel, den wir nicht benötigen.“

„Ist ihr Unternehmen so umsatzschwach, dass Sie sich das nicht leisten können?“

Unterm Tisch balle ich kurz eine Faust, überm Tisch lächele ich. „Wie gesagt, gibt es nicht, haben wir nicht, benötigen wir nicht.“

„Wo kann man die denn kaufen? Wollen Sie sich nicht doch mal informieren?“

„Nein, wir haben keinen solchen Automaten und wir schaffen auch keinen an.“

„Wir möchten aber die 1.000 Euro sparen.“

„Erstens kostet das keine 1.000 Euro und zweitens müssten Sie da mal mit der Friedhofsverwaltung selbst sprechen. Wir melden den Sterbefall nur dort an. Sie sind der Auftraggeber und der Vertragspartner der Verwaltung.“

„Wo kauft man denn so einen Absenkungsautomaten? Sie müssen doch einen Lieferanten für so etwas haben.“

„Ich kenne auch einen Lieferanten für Holzbeine, ich schaffe mir aber trotzdem keins an.“

„Wollen Sie mich verarschen?“

„Es gibt keinen Automaten.“

„Hab ich aber auf Video gesehen!“

„Es gibt HIER keinen.“

„Warum nicht?“

„Hab ich Ihnen schon erklärt.“ Und dann wende ich mich an die 92-Jährige und frage: „Und, Frau Gießer, was meinen Sie dazu?“

„Ich hab schon Angst vor dem Bankautomat und schicke immer Schwester Christel vom Pflegedienst, damit sie mir Geld holt.“

„Was, Oma? Wie kannst Du einer wildfremden Person Deine Bankkarte geben?“

Der Sargabsenker und der Aufschnitt im Café sind mit einem Mal vergessen. Der Enkel hat nur noch ein Thema: Weshalb er die Bankkarte von der Oma nie kriegt und die wildfremde Pflegeschwester doch.

Bildquellen:

  • automat_800x500: Peter Wilhelm KI

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(©si)