Manche Fragen klingen zunächst harmlos, entfalten aber bei näherem Hinsehen das Potenzial für Weltuntergangsstimmung, Stammtischdebatten und mathematische Abenteuer zugleich.
Das ist eine dieser Fragen, die im ersten Moment so klingen, als müsse man nur kurz den Taschenrechner anwerfen und könnte dann feierlich ein Datum in den Kalender schreiben. Irgendwo zwischen „letzter Deutscher“ und „bitte Licht ausmachen“.
Fangen wir mit dem an, was an der Beobachtung stimmt: In Deutschland sterben seit einigen Jahren tatsächlich mehr Menschen, als geboren werden. Im Jahr 2024 wurden 677.117 Kinder geboren. Gleichzeitig starben im selben Jahr etwas mehr als 1,0 Millionen Menschen. Das heißt: Rein aus Geburten und Sterbefällen ergibt sich ein Minus. Statistiker nennen das Geburtendefizit oder Sterbefallüberschuss. Das bedeutet: Es kommen weniger dazu, als gehen. Und das ist erstmal eine nüchterne Feststellung, keine Weltuntergangsirene.
Jetzt kommt der Teil, in dem man die Leserfrage bewusst vereinfacht ansehen muss: Wir tun so, als blieben Geburten und Sterbefälle jedes Jahr exakt gleich. Wir tun außerdem so, als gäbe es keine Zu- und Abwanderung. Wir tun schließlich so, als würde sich eine Bevölkerung wie ein Vorrat Mehl verhalten: oben kippt man pro Jahr so und so viel rein, unten rieselt so und so viel raus. So funktioniert Demografie nicht wirklich – aber für einen Überschlag reicht es, und für eine augenzwinkernden Antwort sowieso.
Nehmen wir also die groben Werte: 677.117 Geburten pro Jahr und „etwas mehr als“ 1,0 Millionen Sterbefälle. Dann liegt das jährliche Minus grob in der Größenordnung von rund 330.000 Menschen. Das ist keine exakte Zahl auf die Person, aber für die Richtung völlig ausreichend. Und nun die Frage: Wie lange dauert es, bis 83,5 Millionen Menschen wegschmelzen, wenn man jedes Jahr etwa 330.000 abzieht?
Rechnung: 83.500.000 geteilt durch 330.000 ergibt ungefähr 253. Das heißt: Wenn Deutschland jedes Jahr dauerhaft um rund 330.000 Menschen schrumpfen würde, und wenn das ohne jede Änderung über zweieinhalb Jahrhunderte so weiterliefe, dann wären wir rechnerisch nach rund 253 Jahren „bei Null“.
Starten wir gedanklich beim Jahr 2026, dann landen wir irgendwo um das Jahr 2279. Aller Wahrscheinlichkeit nach wäre es am 17. September 2279 um 14.45 Uhr soweit: Der letzte Deutsche würde den letzten Einkaufswagen zurückbringen, den letzten gelben Sack rausstellen und noch einmal „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ murmeln – und dann wäre Ruhe im Karton.
So, und jetzt die Spaßbremse, die trotzdem wichtig ist: Diese „Nullrechnung“ ist eine gute Pointe, aber keine echte Prognose. Erstens ändern sich Geburtenzahlen und Sterbezahlen laufend. Zweitens ist Deutschland ein Einwanderungsland, und Zu- oder Abwanderung kann das Geburtendefizit ausgleichen oder verstärken. Drittens ist die Formulierung „alle Deutschen“ statistisch eine Wundertüte. Meinst du alle Einwohner? Alle Staatsangehörigen? Alle, die „Mettbrötchen“ ohne Fremdscham bestellen? Je nachdem, was man unter „Deutsche“ versteht, verschiebt sich das Ergebnis gewaltig – oder die Frage löst sich gleich ganz auf.
Was aber bleibt, ist eine durchaus seriöse Kernaussage hinter der augenzwinkernden Rechnung: Wenn dauerhaft deutlich weniger Kinder geboren werden, als Menschen sterben, dann verändert das die Gesellschaft. Sie wird im Durchschnitt älter. Bestimmte Berufe fehlen. Gesundheitssystem, Pflege, Renten und Infrastruktur geraten unter Druck. Und genau deshalb ist das Thema so emotional: Es hat weniger mit „Aussterben“ zu tun als mit der Frage, wie ein Land organisiert ist, wenn seine Altersstruktur kippt.
Die kurze Antwort auf die Leserfrage lautet daher: Nein, Deutschland steht nicht „kurz vor dem Aus“. Aber wenn man die Dinge extrem vereinfacht und alles andere ignoriert, dann käme man rechnerisch auf einen Zeitpunkt irgendwo in der zweiten Hälfte des 23. Jahrhunderts. Die realistische Antwort ist: So kann man es nicht vorhersagen – und niemand muss heute schon den letzten Deutschen vorwarnen, er möge bitte den Haustürschlüssel im Briefkasten lassen.
Bildquellen:
- mettbrot_800x500: Peter Wilhelm KI
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