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Digitale Trauer – ein kleines, aber wunderschönes Beispiel

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Der Umgang mit Trauer kann viele Gesichter haben. Es ist gut, wenn Trauer sichtbar werden darf und von einer Gemeinschaft getragen wird. Selbst wenn diese Gemeinschaft nur virtuell besteht. Ein sehr schönes Beispiel dafür habe ich vor einer Weile bei DagiLP gesehen. Er ist YouTuber und seine Videos drehen sich rund um Harry Potter und um das Spiel Minecraft. Dort baut er vor laufender Kamera die Zauberwelt von Harry Potter nach und macht nebenbei jede Menge Blödsinn. Seine Fangemeinde (wahrscheinlich in erster Linie bestehend aus Teenager-Mädchen und -Jungs) heißt DA: „Dagis Armee“, angelehnt an „Dumbledores Armee“ aus Harry Potter. Und in der DA war ein junges Mädchen gestorben, mit nur 17 Jahren. In einem Livestream hat Dagi eine wunderschöne kleine Trauerzeremonie für sie abgehalten, und das ging so:

Viele Spieler, die gerade auf dem Server aktiv waren, haben ihre Avatare (also die Spielfiguren) versammelt und Dagi hat einen neuen Charakter für das Spiel erstellt. Einen NPC, also einen Charakter, der vom Computer gesteuert wird. Dieser NPC war Larissa gewidmet, dem verstorbenen Mädchen. Sie wurde als Geist dargestellt, der nun in der Spielwelt herumschwebt und dem man dort begegnen kann. Klickt man Larissas Figur an, liest man den Satz „Wir sehen uns im nächst größeren Abenteuer!“

Dann gab es eine Schweigeminute. Die Spielfiguren senkten die Köpfe und im Chat wurden Zauberstäbe gepostet, als Zeichen des Respekts. Dagi sagte noch ein paar Worte und versprach, dass Larissas Figur in seiner Spielwelt bleiben wird, solange sie existiert. Das bedeutet: Man wird hin und wieder in seinen Videos die Figur sehen und wer auf seinem Server spielt, wird ihr auch begegnen können. Ein kleines, virtuelles Denkmal für ein junges Mädchen. Ist das nicht wunderschön? Mir liefen jedenfalls die Tränen, als ich das gesehen habe, und ich war sehr bewegt von der Ernsthaftigkeit und der Demut, die ich spüren konnte.

Und wisst ihr, woran ich dann dachte? Daran, dass ich immer wieder höre, wie abfällig manche Erwachsenen über Jugendliche sprechen. Dass sie ja nur noch vor dem Smartphone sitzen würden und gar keine echten Kontakte mehr hätten. Dass sie YouTubern und Instagramern blind hinterherrennen würden und nicht mehr selbst denken könnten. Und all dieser Mist, der einfach nicht stimmt und ein so abwertendes Bild der nächsten Generation zeichnet, dass ich gar nicht weiß, wo ich mit dem Widersprechen anfangen soll.

Das jedenfalls, lieber DagiLP, war ganz groß. Ich bin sicher, dass es für viele Zuschauer*innen sehr hilfreich war. Für die Angehörigen und Freund*innen von Larissa ganz sicher. Aber auch für alle anderen, die auf diese Weise einen wertschätzenden Umgang mit dem Tod erlebt haben, der trotzdem zu ihrer eigenen Kultur passt.

Von so was brauchen wir mehr! Mehr neue Formen der Trauer, sowohl in der digitalen wie auch in der nicht-digitalen Welt. Damit jede*r eigene Wege zum Trauern finden kann. Und damit Verstorbene auf ganz unterschiedliche Weise in Erinnerung bleiben können, nicht nur bei ihren engsten Zugehörigen.

Birgit Oppermann 28. September 2020


3 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Vielen Dank für diesen Beitrag! Ich habe mich sehr darüber gefreut. Schon als Jugendliche war ich immer sehr traurig und – ja, auch empört, wenn von meiner Generation und meiner Altersklasse abfällig verallgemeinernd gesprochen wurde. Und das war deutlich vor dem Zeitalter der Smartphones.

    Und heute ärgere ich mich immer noch darüber. Es gibt so viele ganz wunderbare und kluge Kinder und Jugendliche, die sich mit Ernst, Intelligenz und Engagement um kleine und große gesellschaftliche Belange kümmern und auch um sich selbst und ihre Freunde. Vielleicht anders als früher, aber nicht weniger wertvoll!

    Natürlich gibt es auch die Faulen, die Dämlichen, die Brutalen, die Nichtsnutze… Wie in jeder anderen Generation auch.

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