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Dominic -6-

Ganz zu Anfang dieser Geschichte berichtete ich von Dominics Sturz. In der ersten Woche war er in der Unfallchirurgie des Krankenhauses untergebracht.
Gut untergebracht, wie ich finde.
Ein schönes Zweibettzimmer, ein netter Zimmergenosse und ein durchaus leckeres und abwechslungsreiches Essen.

Ich führte es auf seine unfallbedingte Verwirrung zurück, dass Dominic mit alledem nicht zufrieden war.
Die Aussicht aus dem Fenster mißfiel ihm, weil er weder Berge, noch das Meer und auch keine Wälder sehen konnte. Ihm diesen Wunsch zu erfüllen, hätte eine deutliche Verschiebung der gesamten Stadt auf der Landkarte erforderlich gemacht.

Sein Zimmernachbar, ein gut Deutsch sprechender Bulgare mit türkischen Wurzeln, befand sich im Grunde nur auf der Flucht vor Dominic. Denn einerseits beschimpfte er ihn als Idioten und Kanacken, und andererseits erwartete er, dass der jüngere Mann ihm so an die 124 mal pro Tag irgendetwas anreichte, aufhob oder besorgte.

Vom wirklich guten Essen nahm Dominic nur wenige Bissen und schob es dann verächtlich weg. Stattdessen ernährte er sich von dem, was Kevin ihm brachte. Ahornsirup, Eis, Marmelade und Salzgurken.
Und Kevin musste Dominic viel bringen. Schon nach 7 Tagen sah das Krankenzimmer aus, wie Dominics Büro. Der Laptop, die Zusatztastatur, die Maus, ein Locher, ein Hefter und Schreibmaterial waren auf dem winzigen Klapptisch an seinem Bett aufgebaut.

„Die Ablage wächst mir sonst über den Kopf!“, war Dominics Argument.

Was kann ein 80-jähriger schon an Ablage haben, die viele Stunden des Tages bearbeitet werden will?

Dominic war kein Patient, er war der selbsternannte Herrscher über dieses Krankenzimmer.
So hatte ich ihn noch nicht erlebt. Mürrisch, herrisch, beleidigend.

Eine Ärztin mit polnischem Namen, aber einwandfreiem Deutsch bekam von ihm zu hören: „Wissen Sie was? Sie sollten sich der Mühe unterziehen und erst einmal richtig Deutsch lernen. Deutsch ist die Sprache Hölderlins und Goethes. Es lohnt sich wirklich, diese schöne Sprache zu erlernen. Das habe ich auch getan und mir hat es nicht geschadet.“

Schon am nächsten Tag wurde er auf eine andere Station verlegt. Neben der Ärztin hatten sich auch einige Schwestern (12 von 12) über ihn beschwert.
Ein schwieriger Patient.

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Peter Wilhelm19. März 2018

6 Kommentare von 139732.

  1. Ein schwieriger Patient, das ist richtig. Aber wissen wir, wie wir uns in dem Alter verhalten?

    • @Josef:
      Mein Ausbilder (hab 1982 mit der Lehre angefangen) hat gesagt, daß der Altersstarrsinn mit Mitte 30 anfängt…..

  2. Ich vermute mal, ich könnte mich entweder ebenso schweigsam verhalten wie einst, als eine Krankenschwester in der 1.Nacht nachschaute, ob ich noch leben würde. Ich hatte nach Geburt meines Sohnes gepennt,keinen Bedarf gehabt, nach Hilfe zu klingeln. Oder: ich wäre ebenso unleidlich wie dieser Zeit“genosse“ oder auch ganz anders, ja, zum Glück weiß ich das jetzt noch nicht.Vielleicht bereitet es mir ja geradezu Freude, Krankenpfleger oder Krankenschwester durch die Gegend zu scheuchen?

  3. Dominic war kein Patient, er war der selbsternannte Herrscher über dieses Krankenzimmer.

    *** schön ***
    „Arbeit dehnt sich in genau dem Maß aus, wie Zeit für ihre Erledigung zur Verfügung steht.“ – eines der Parkinsonsche Gesetze.
    Die Exceltabellen müssen auf den neuesten Stand gebracht und dann auch abgelegt werden. Ich habe auch so eine Freundin, sie liebt Tabellen und macht sich das Leben schwer. :head:

  4. Wurde mal überlegt, ein CT oder besser MRT vom Schädel zu machen?
    Oder ein Psychologe herangezogen?

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