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Dominic -7-

Die Ereignisse der nächsten Wochen überstürzten sich.
Dominic wurde im selben Krankenhaus in die gereatrische REHA-Abteilung verlegt.
Dort bezog er ein wunderschönes Einzelzimmer mit zwei großen Eckfenstern, einem Schreibtisch und Besucherstühlen.
Die Mahlzeiten nahm er gemeinsam mit anderen älteren Herrschaften im großen Eßbereich der Station ein.
Das Personal kam mir besonders fürsorglich und „altentauglich“ vor. Ich hätte mich dort wohlgefühlt.

Dominic beorderte zunächst Kevin zu sich und übergab ihm eine lange Liste. Auf dieser waren Dutzende von Gegenständen verzeichnet, die Dominic für sein weiteres Wohlergehen im Krankenhaus unbedingt benötigte. Da Kevin nur ein Fahrrad besaß und das Krankenhaus am anderen Ende der Stadt lag, bedeutete das, dass Kevin diese Sachen in ungefähr 22 Touren mit der Straßenbahn zu Dominic karren konnte.

Im Laufe von vier oder fünf Tagen sammelten sich unter anderem folgende Gegenstände im kleinen Zimmer auf der REHA-Station:

  • Laptop mit 2 PC-Lautsprechern, externer Tastatur, Funkmaus
  • 3 Greifzangen zum Aufheben von Gegenständen
  • 2 Wandbilder mit Ansichten aus Prag und Frankreich
  • 2 Dreibeinhocker für Angler
  • 2 Papierkörbe
  • 3 Bademäntel
  • 4 Paar Hausschuhe
  • 12 Paar Norwegersocken
  • 1 Extra Kopfkissen
  • 2 Wolldecken
  • 2 Stangen Zigaretten
  • einige Schraubenzieher und Zangen
  • ein Garderobenständer aus Holz

Zu dieser Zeit schien Dominic mir absolut klar zu sein. Ich konnte keine cerebralen Ausfälle feststellen. Er artikulierte sinnreich und logisch.
Er abstrahierte und antizipierte völlig normal. Die REHA tat ihm sichtlich gut. Das war auf der Unfallchirurgie unmittelbar nach seinem Schulterbruch und der nachfolgenden OP anders gewesen.
Da hatte er auch schon mal auf dem Badezimmerspiegel Excel-Tabellen entdeckt und hob des öfteren mal die Füße, damit die Fische unter seinem Bett besser durchschwimmen konnten.

Wie gesagt, bei alten Menschen nach Knochenbrüchen und Narkose durchaus nichts Ungewöhnliches.
Aber das lag nun Wochen zurück und auch die Ärzte bestätigten mir, daß er psychisch und neurologisch absolut unauffällig sei.

Also muß man klipp und klar sagen, daß sein Verhalten auf der REHA-Station in keinster Weise mehr durch die Folgen des Unfalls geprägt war.
Das war einfach nur Dominic pur.
Die Reinemachefrau Frau Bolte mußte zweimal wöchentlich zum Rappotz antanzen, Kevin hatte täglich zu erscheinen und mich erwartete er eigentlich auch jeden Tag. Wobei ich ein wahrer Meister darin war, Dominics Wünschen immer nur soweit entgegen zu kommen, daß ich der Herr der Lage blieb.

Nach drei Tagen hatte er sich mit den anderen älteren Menschen im Essensbereich überworfen.

„Alles alte Idioten, die mich geistig nicht ansprechen!“, schimpfte er und nahm forthin seine Mahlzeiten allein auf seinem Zimmer ein.

Am vierten Tag rief man mich in Stationszimmer. Wie schon so oft hielt man mich für seinen Sohn. Kein Wunder, kamen doch seine wirklichen Kinder aufgrund der Entfernung nicht zu ihm. Drei Töchter leben in Frankreich und der Sohn ist im Auftrag einer französischen Firma in Südafrika.

„So geht das nicht weiter“, eröffnete die Ärztin das Gespräch. „Ihr Vater hat Frau Mbwabolu Ngarobum, die hier auf der Station aus praktischen Erwägungen nur Schwester Martinique heißt, schlimm beleidigt.“

„Was hat er denn gesagt?“

„Das wiederhole ich nicht.“

„So schlimm?“

„Ja, meine Erziehung verbietet es mir, zu wiederholen, daß Ihr Vater gesagt hat, Frau Ngarobum sei eine fette Negerschlampe, die im Kral wohl nur das Schwänzeblasen gelernt habe und von Krankenpflege nichts verstehe.“

Ich sprach Dominic darauf an. Er rollte nur mit den Augen und mit seiner tiefen, beruhigend klingenden Stimme und in sehr wohlgesetzten Worten erklärte er, die Frau verstehe ja so gut wie kein Wort Deutsch und habe ihn absolut mißverstanden. Das alles sei so gar nicht gesagt worden, er habe sie nur darauf aufmerksam gemacht, daß er die grünen Pillen nicht nehmen wolle, weil er bisher immer pinkfarbene bekommen habe. Das sei ja wohl leicht verständlich und er könne gar nicht verstehen, daß die arme Frau das so falsch interpretiert hatte. Ich solle doch bitte eben unten am Krankenhauskiosk einen dicken Blumenstrauß kaufen und der „Negerin“ schenken.

„Absoluter Quatsch“, schimpfte die Ärztin später, als ich den von Frau Ngarobum zertrampelten Blumenstrauß auflas und entsorgte. „Da gab es kein Mißverständnis. Frau Ngarobum spricht fließend Französisch und Ihr Vater ist ja Franzose. Wo bitte sollen die sich mißverstanden haben?“

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Peter Wilhelm22. März 2018

1 Kommentar von 139732.

  1. :(
    Ehrlich gesagt: solche Anfälle von Fremdenfeindlichkeit und Rassismus bei Leuten, die man bisher als sehr tolerant kannte sind gelegentlich Anzeichen einer Demenz, von dem öfter berichtet wird. Die Leute fallen gewissermaßen in die ihnen als Kinder vermittelten Vorurteile zurück und sagen dann ganz üble, gemeine, reaktionäre Dinge, die ihr „erwachsenes, bewußtes Selbst“ sich schämen würde auch nur zu denken… Ich weiß nicht, ob es hier der Fall ist, aber bei Menschen die sonst eher tolerante Ansichten haben, wäre das mein erster Wurf.

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