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Ereminus Lohdenhos III

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Wenden wir unsere Aufmerksamkeit wieder dem Ehepaar Lohdenhos zu. Ereminus liegt bei uns in einer Aufbahrungszelle und sieht wunderschön aus. Fast schöner als zu Lebzeiten.
Franziska Lohdenhos kam gestern Nachmittag um ihn zu besuchen, brachte ein kleines Sträußchen Blumen mit und eine Plastiktüte von Feinkost Albrecht, in der sich die Stimmgabel befand, die noch als Sargbeigabe fehlte; den weißen Schal hatten wir Ereminus schon umgelegt.
Beim Friedhofsamt hatte man gar nicht groß gefragt und so wurde unsere Anmeldung für Herrmann ‚Ereminus‘ Lohdenhos auch mit dem selbstgewählten Künstlernamen akzeptiert. So steht es jetzt auch auf den Unterlagen. Nur in der Sterbeurkunde wird Herr Lohdenhos auf seinen Ereminus verzichten müssen, da geht es immer ganz amtlich und korrekt zu. Damit sind wir aber auch gleich wieder beim Thema, zur Erlangung der Sterbeurkunden benötigen wir die Heiratspapiere des Ehepaares Lohdenhos und genau die will oder kann die Ehefrau nicht beibringen.

Nachdem sie ihren Mann ausgiebig besucht, beweint und beblumt hatte, bitte ich Franziska Lohdenhos noch einmal kurz zu mir ins Büro und frage sie nach diesen Papieren.
Ja ob das denn nicht so ginge, das wäre ihr jetzt alles so unangenehm und ihr sei das jetzt alles zuviel…

„Frau Lohdenhos, Sie müssen mir nur sagen, daß Sie das Stammbuch oder die Heiratsurkunde nicht mehr finden und dann rufe ich beim Standesamt an, die können sich den Eintrag auch aus dem Archiv ziehen.“

„So einfach ist das nicht“, sagt sie und wird ganz leise und wiederholt: „So einfach ist das nicht….“

Was mag sein? War das Ehepaar Lohdenhos nicht verheiratet? Hat man in wilder Ehe gelebt? Das wäre doch jetzt kein Problem, ich muß es halt nur wissen. Deshalb bohre ich nach: „Beim Amt ist ja sowieso jede Eheschließung verzeichnet.“

Kleinlaut flüstert sie: „Unsere nicht.“

Aha! Die waren also gar nicht verheiratet. Okay, aber das ist doch gar nicht so schlimm. Eine Rente hat sie, so hatte mir Frau Lohdenhos erzählt, sowieso nicht zu erwarten, ihr Mann hat nie „geklebt“.

„Das ist doch gar nicht so schlimm, Frau Lohdenhos. Das muß ich doch einfach nur wissen und melde dann den Sterbefall so an, ihr Mann ist dann amtlich eben ledig. Letztlich muß das niemand wissen und es geht ja auch niemanden etwas an.“

„Meinen Sie wirklich, daß das geht, so ganz ohne Aufsehen?“

„Aber sicher. Ich müßte jetzt nur ihren richtigen Nachnamen wissen. Wenn Sie nicht verheiratet waren, dürften Sie ja eigentlich einen anderen Nachnamen haben, nicht wahr?“

„Ich sagt Ihnen ja, ganz so einfach ist das nicht.“

„Ja aber Sie werden doch einen Nachnamen haben. Wollen Sie mir den nicht sagen?“

„Doch: Lohdenhos.“

„Ja, das weiß ich ja, das war der Nachname Ihres Mannes, aber da sie nicht verheiratet waren, haben Sie den Namen ja nur angenommen, heißen aber doch in Wirklichkeit anders.“

„Nein, ich habe immer schon Lohdenhos geheißen.“

Ich schaue sie verwirrt an. Versteht sie mich nicht oder was? Sie atmet tief durch und sagt: „Ereminus war mein Bruder.“


Peter Wilhelm 28. Mai 2012

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