Herr Bottwas ist 86 Jahre alt und wohnt in Schwerin. Anläßlich einer Bahnfahrt besuchte er eine Bahnhofsbuchhandlung und stieß dort auf einen meiner Ratgeber. Er kaufte sich das Buch BESTATTER – Abzocke und Fehler vermeiden.
Während der Zugfahrt schmökerte Herr Bottwas in dem Buch und fand auch viele wertvolle Tipps, und er entdeckte, dass in dem Ratgeber etliche Dinge behandelt werden, die für ihn besonders interessant sind. Wegen seines fortgeschrittenen Alters hatte er sich nämlich schon länger Gedanken um sein eigenes Ableben gemacht und begonnen, entsprechend Vorsorge zu treffen.
So weit, so gut.
So läuft das für gewöhnlich, wenn ein Mensch eines meiner Bücher kauft. Ich schreibe es und stelle damit mein Wissen, meinen Humor, meine erzählerischen Fähigkeiten dem Leser für den Preis von ein bis zwei Big Macs zur Verfügung. Am Ende profitieren beide davon: Der Leser durch die Lektüre, die Entspannung, den leserischen Lustgewinn oder eben das von mir vermittelte Wissen; und ich durch die paar Euro, die am Ende bei mir hängen bleiben. Heute nennt man das eine Win-Win-Situation.
Hier endet das Verhältnis Leser → Autor für gewöhnlich.
Manchmal möchten die Leserinnen und Leser aber mehr. Vielleicht möchten sie ein Autogramm haben, oder sie hätten gerne eine Widmung im Buch, oder sie möchten mich einfach ein bißchen näher kennenlernen.
Ein kleines bißchen Recherche im Netz genügt, und man kann ganz leicht Adresse, Mail und Telefonnummer herausfinden.
Das nutzen im Jahr so an die 200 Leute, um mit mir in Kontakt zu treten. In den meisten Fällen möchten die Menschen, dass ich ihnen Ratschläge gebe oder dabei helfe, zu viel bezahltes Geld zurückzubekommen. Dabei helfe ich gerne, und höre in den meisten Fällen nie wieder was von diesen Menschen. Diese Kontakte enden immer schnell, meist sogar ohne ein Wort des Dankes oder Abschieds.
Einige Menschen treten in einen mehr oder weniger kurzen Briefwechsel per Mail und wir tauschen uns über alles Mögliche aus. Ich bin da immer auch ganz offen und erzähle so alles, was mich gerade bewegt. Geheimnisse habe ich keine. Weshalb auch? Es ist schon so viel Scheiße über mich erzählt worden, da kommt es auf das bißchen echte Wahrheit auch nicht mehr drauf an.
Wie es wirklich ist, interessiert ja in den meisten Fällen sowieso nicht; viel interessanter ist doch stets das Skandalöse, Anrüchige und Spektakuläre.
Wie wenig man an Fakten interessiert ist, zeigt der Wikipedia-Eintrag über meine Person. Da stimmen viele Sachen überhaupt nicht. Mir wird aber immer wieder mal berichtet, dass dort ein selbsternannter Wichtigtuer eifersüchtig und neidisch über diesen Eintrag wacht und jede Korrektur zunichte macht, nur damit der böse Peter Wilhelm bloß nicht korrekt beschrieben wird. Jeder denkunfähige Schlurch, der mal nackt in einem TV-Container eine tätowierte Tussie mit Badeschaum übergossen hat, kann von seinen Fans in der deutschen Wikipedia mit hunderten Zeilen erfundener Vita beschrieben werden, ohne Belege und ohne Quellen.
Aber gut, ich echauffiere mich, das sollte ich auf ärztliches Anraten nicht tun.
Zurück zu Herrn Bottwas.
Herr Bottwas hat eine wunderschöne Handschrift. Weit ausladende Großbuchstaben und fast schon kalligrafische Kleinbuchstaben. Sehr schön, aber auch sehr schwer zu lesen.
Und in eben dieser Handschrift schreibt mir der 86-Jährige einen Brief aus Schwerin.
Ich müsste den Brief hier eigentlich abbilden, damit Ihr versteht, was ich meine. Aber ich versuche mal Teile des Briefes wiederzugeben, ohne daraus zu zitieren, nur damit Ihr einen Eindruck davon bekommt, wie das so klingt:
Werter Herr Wilhelm,
Buch gekauft, Sensation! Bin ganz hingerissen und beeindruckt.
Großes Werk in Arbeit. Umfangreicher Bericht folgt.
Wesentliche Handlung erforderlich, aber mit anteiliger Wehleistung und Geduld.
Meine Grüße sind Ihnen sicher und ich rufe Ihnen frohgemut zu: GLÜCK AUF WERTER HERR!
So in dem Stil geht es über eine ganze Seite.
Die Allerliebste, handschriftengestählt durch 40 Jahre an der Bürgerfront im öffentlichen Dienst, hilft mir beim Entziffern.
Mir beim Verstehen der verquasten Botschaft zu helfen, dazu ist auch sie nicht in der Lage, obwohl ihr Verstand, was Schnelligkeit und Blitzgedanken anbetrifft, meinem weit überlegen ist.
Es vergehen zwei, drei Wochen, da erreicht mich eine Postkarte aus Schwerin.
Bestatter – Ungemach! Bestatter – Hammerbericht!
Ihnen ergeht die Mitteilung: Mittwoch, weil Dienstag war es schon zu spät.
usw.
Weitere vierzehn Tage später trifft ein großer, schwerer, brauner Umschlag von Herrn Bottwas hier ein. Er enthält eine schwarze Handakte mit geschätzten 150 Seiten.
Es handelt sich um handgeschriebene Anmerkungen, Fotos aus der Vergangenheit, Rechnungen von Bestattern, Preislisten von Beerdigungsinstituten und die kompletten Gebührensatzungen irgendwelcher Friedhöfe in Vocklenburg-Meerpommern.
150 Seiten, die ich offenbar durcharbeiten soll.
Ich sach es ma‘ so: Wenn jemand was von mir will, sollte er mir tunlichst auch sagen, was!
Ich bin nicht im Besitz der berühmten Wahrsagerkugel, ich kann nicht übers Wasser gehen und ich habe auch keine Wünschelrute.
Was will dieser Mann von mir? Was soll ich für ihn tun?
Er erinnert mich ein wenig an die liebe Kräuterhexe, die mir vor fünf, sechs Jahren mal ein großes Paket mit ganz tollen, selbstgemachten Produkten geschickt hat. Kräutertinkturen zum Einnehmen, Kräuteröle zum Einreiben, Säfte zum Trinken, Öle zum Baden, Pasten für aufs Brot, Cremes gegen Warzen und Salbe gegen Fußpilz.
Alles aus Kräutern, Wurzeln und Harzen, die diese ostdeutsche Frau selbst gesammelt und verarbeitet hat.
Ich habe mich über dieses unverhoffte und auch noch riesige Paket mit all den vielen Sachen sehr gefreut. Die Allerliebste, meine Tochter und ich haben an allen Sachen gerochen und die vielen Flaschen und Tiegel betrachtet.
Das war’s dann aber auch. Denn bei all diesen verschiedenen Erzeugnissen für die unterschiedlichsten Anwendungszwecke wäre es doch eigentlich ganz sinnvoll gewesen, die Flaschen und Tiegel zu beschriften.
So hatten wir aber nur ein eng beschriebenes Blatt, das auflistete, was man uns alles geschickt hatte, verbunden mit dem Hinweis, das eine oder andere auf gar keinen Fall zu essen oder zu trinken, weil da auch ganz giftige Waldfrüchte verarbeitet worden seien.
Nur, wenn man nicht weiß, ob in einer Flasche nun Saft oder Fußpilzgift enthalten ist, dann wird die Sache apokryph.
Input heißt das deutsche Zauberwort! INPUT oder noch deutlicher: I N P U T.
Sach mich, watt datt is!
Jetzt habe ich also Herrn Bottwas‘ Handakte hier liegen. Sie enthält vermutlich Informationen über Vorgänge rund um eine bereits erfolgte Beerdigung oder aber seine eigenen Vorkehrungen für den Ernstfall. Genau weiß man das nicht.
Ich soll das alles lesen, was mich eine Woche kosten würde. Dann soll ich damit ja offenbar auch irgendetwas machen. Am Rand stehen oft Hinweise wie: „Da brauchen Sie gar nicht anrufen, UNFREUNDLICH!“ oder „Hier lohnt es sich nachzufassen, Betrüger!“
Nee, ich rufe niemanden an, ich fasse nirgendwo nach, ich hab‘ auf sowas keinen Bock.
Wie siehst Du das? Würde mich mal interessieren.












