Menschen

Scientology

Das Kaninchen hat Hunger. Hätte ich von meinem Bürofenster nicht so einen guten Blick auf den Kaninchenstall und würde ich mich nicht ab und zu um das Viecherl kümmern und würde ich es nicht füttern und tränken und würde ich meine Tochter nicht immer wieder treten, der arme Löffelkasper wäre schon längst in den Kaninchenhimmel aufgefahren.

Der Rammler bekommt getrocknetes Heu und so’n Zeug, also im Prinzip das, was eingefleischte Vegetarier (1) auch so essen. Dieses Bergwiesenheu gibt es praktisch in kleine handliche Ballen gepresst und auch lose, locker, unhandlich im großen Sack. Meine Tochter meckert immer, wenn ich aus rein praktischen Erwägungen die gepressten Heuballen mitbringe, da gehe das Heu so schwer ab und sie mit ihren ach so armen, zarten und nahezu kraftlosen Fingerchen könne dann da gar kein Gras abmachen. Man muß wissen, daß die kleine Pestbeule in der Lage war, meinen CD-Player mit bloßen Händen zu zerquetschen, wie dereinst der Seewolf die Kartoffel.

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Gut, also nehme ich die Zwergnatter mit zum Einkaufen, soll sie doch selbst das geeignete Hasenfutter für ihren „Merlin“ aussuchen und den dann möglicherweise riesengroßen Sack mit lockerem Bergheu selbst ins Auto schleppen.

Im Zooladen stehen wir vor dem Regal mit den diversen Nagerutensilien. Es gibt sogar Nagerwasser aus den Pyrenäen, mit einem Wirkstoff der gegen das Völlegefühl wirken soll. Ich sage: „Da könnte man dem Hasen ja Actim… oder Activi. geben“, doch meine Kleine ist entsetzt. Sowas käme ihr niemals ins Haus, ob ich denn nicht wüßte, daß das ganze probiotische Zeug Scheiße sei.

Ich tadele das vorlaute Blag, denn solche Worte nimmt man, wenigstens in der Öffentlichkeit, nicht in den Mund.

„Ja aber, Papa, das stimmt doch. Ich habe Quarks und Co. mit dem Yogi Wasnichtwar gesehen und der hat mal erklärt, daß die probiotischen Bakterien, die jetzt überall im Joghurt und so drinne sind, aus Schweinekacke gemacht werden. Also eigentlich aus Mäusekacke, die von Schweinen nochmal durchgepupst wird und dann sind in der Schweinekacke diese Bakterien drin, die bei dünnen dummen Frauen den Blähbauch wegmachen. Nee, Papa, da bleib ich lieber wie ich bin. …und sowas kriegt mein Merlin auch nicht.“

Gut, also kaufen wir keine Joghurtdrops für Nager und auch nicht das Pyrenäenwasser, sondern stehen vor dem Regal mit dem Heu. Die Kleine greift sich eine Schachtel mit kleinen grünen Kringeln. Die mag Merlin auch gerne, aber da gibt es welche, die nur aus Gras bestehen und welche, die auch noch ganz viel Zucker enthalten. Meine Tochter kauft immer nur die ganz aus Gras. Kaum hat sie die entsprechende Schachtel in der Hand, nähert sich von hinten das menschgewordene Fremdschämen und Rückwärtsessen, die lebende Kotzbeule Frau Birnbaumer-Nüsselschweif!

Sie nickt uns nur flüchtig zu, zieht dann ihren Neffen Sebastian an der Kapuze zu sich herüber und sagt so daß wir es hören können: „So Sebastian, das Zeug da, diese Kringel, die kaufen wir nicht. Die kommen aus einer ganz bösen Fabrik, wo nur geldgierige Menschen arbeiten. Das darf man nicht unterstützen, deshalb kaufen wir immer hier unten diese Beutel mit dem netten Bauern drauf, die haben das Ökosiegel.“

Okay, ich finde ja die Frau allein schon hormontechnisch ziemlich eklig, aber wenn ich was gar nicht haben kann, dann sind das zwei Sorten von Kunden, die sich mit mir in einem Laden befinden.
Zum einen sind das die Sichtzwerge. Ich bin ja ziemlich groß und wenn ich mir Produkte ansehen möchte, die ziemlich weit unten in der so genannten Bückzone liegen, dann habe ich zwei Alternativen. Entweder lege ich mich auf dem Bauche schaukelnd auf den Boden oder ich trete zwei Schritte zurück und schaue von oben schräg hinunter. Man kann sich leicht vorstellen, daß ich das Bauchschaukeln aus Peinlichkeitsgründen meistens lasse und stattdessen immer einen Schritt zurücktrete.

Tue ich das, ruft das unweigerlich, als sei es ein Naturgesetz oder ein streng vorgeschriebenes religiöses Ritual, irgendeinen kleinerer Menschen auf den Plan, der sich fröhlich zwischen mich und das Regal stellt und mir die Sicht nimmt. Nach diversen Nachmittagen auf diversen Polizeirevieren habe ich inzwischen Abstand davon genommen, diese Zwerge einfach hochzunehmen und hilflos zappelnd ganz oben aufs Regal zu setzen. Ein gewisser kleiner schwarzhaariger Gnom könnte, wenn ich mich nicht irre, noch heute in der Metro beim Einweggeschirr im Hochregal sein Dasein fristen…

Mittlerweile bin ich dazu übergegangen, diese rücksichtslosen Sichtversperrer einfach mit einem kurzen Stupser vorwärts ins Regal zu schubsen und dann ganz unschuldig „oooh, das tut mir aber leid“, zu sagen.

Die zweite Sorte Kunden, die ich nicht gebrauchen kann, das sind die, die in meinem Beisein, irgendeinem noch Blöderen erklären müssen, warum ausgerechnet das, was ich gerade kaufen will oder in den Händen halte, ganz was Böses, Fieses oder Schlechtes ist. Da stehe ich im Männerladen und will mit eine piepsende Blinkkiste kaufen, die man zwar für nix gebrauchen kann, an der aber mein Herz hängen würde und auf die ich mich schon lange freue und für die ich auch mehrere Monate gespart habe. Also nun ist der Tag gekommen, da ich es endlich freudestrahlend in den Händen halte und dann kommt so eine Passivhaus-Bewohnerin und erklärt ihrem Musiklehrer-Ehemann, daß nur ganz dumme Menschen so etwas kaufen, weil ausgerechnet bei diesem Artikel die Umverpackung jede Menge Stereoropur (sic!) enthalte. Nebenan gäbe es so etwas Ähnliches, zwar fünfzig Euro teurer, aber dafür in einer Verpackung in der innen kein pures Stereo, sondern gepresste Pappe wie bei der Eierschachtel ist. Nur Dumme kaufen sowas noch, wie dieser dicke Mann da!

Bei mir fängt eine Eruption immer mit einem bärigen Grunzen, ganz tief unten im Brustkorb an und als ich an jenem Tag anfing zu eruptieren, zog mich meine Frau einfach vom Regal weg. Ich glaube sonst wäre an diesem Tag irgendwo ein Passivhaus frei geworden…

Gut, die Birnbaumer-Nüsselschweif findet also, daß wir Sachen aus einer ganz bösen Fabrik kaufen. Ich gucke mir die Schachtel näher an und da steht nichts anderes als „Tierfutterfabrik Familie O. GmbH“, ich finde da nichts Außergewöhnliches dabei und daß die Familie O. mit ihrem Tierfutter was verdienen will, ja das liegt doch in der Natur des kaufmännischen Handelns. Doch die Birnbaumer-Nüsselbrei erklärt ihrem leicht grenzdebilen Neffen sogleich weiter: „Die sind nämlich bei Scientology!“

Ach Herrje, Herrjemine…
Unsere Freundin Penny kauft nichts mehr bei Tupper, weil sie meint, die seien bei Scientology, Frank kauft nicht mehr bei Partylight, weil er meint die hätten was mit Scientology zu tun und Erika meint Lidl, Penny und miminal seien in den Händen dieser gefährlichen Kirchenorganisation.

Ich kaufe die Graskringel trotzdem! So!

Aber ich schwöre mir, der Rüsselbaumer-Birnenstein das heimzuzahlen und als wir auf den Parkplatz von „Ron L. Hubbard’s Tierparadies“ hinausgehen, sehe ich daß die Birnbaumer ihren viel zu großen Neffen in einen viel zu kleinen Fahrradanhänger gestopft hat und zum real-Markt rüberradelt. Ich packe meine lauffaule Tochter, den Riesensack Bergheu und die Scientlogenkringel hinten ins Auto und lasse mich von 145 PS an der Birnbaumer vorbei ebenfalls zum real bequemisieren.

„Papa, was machen wir jetzt hier?“ will meine Tochter wissen und ich nicke nur in Richtung der jetzt ebenfalls eintreffenden dicken Radlerin und sage: „Die dicke Frau da ärgern.“

„Au fein, da mach ich mit.“

Im real-Markt schieben wir unseren Wagen immer genau fünf bis zehn Meter hinter der Rüsselschwein und ihrem Neffen her. Sobald sie bei irgendeinem Produkt stehenbleibt, sind meine Kleine und ich zur Stelle und schon legen wir los!

„Ih!“ sage ich, als die Birnbaumer ungeschälten Ökoreis in den Wagen packen will: „Diesen Reis, den kaufen wir aber nicht, das kommt die Tüte wo der drin ist aus einem afrikanischen Land wo die armen Neger von einem Diktator ausgeblutet werden.“ Meine Kleine nickt ganz heftig, verzieht angewidert ihr Gesicht und die Birnbaumer zuckt bei der Nennung von Afrika, arm, Neger, Diktator und ausgeblutet jedesmal zusammen wie unter einem Peitschenhieb.

Wir ziehen weiter und aus dem Augenwinkel sehe ich, daß sie eine andere Reissorte kauft.

Beim Blattsalat: „Au, au, au, der wird von Zeugen Jehovas angebaut, das ist ja vollkommen unmöglich, sowas zu kaufen.“

Beim Brot: „Die Fabrik erlaubt keinen Betriebsrat und die Leute verdienen nur vierfuffzich die Stunde.“

Und beim Quark kommt meine Kleine dann ins Spiel und bringt das Einzige was sie kennt: „Papa, das kaufen wir aber nicht, in dem Quark ist Schweinekacke drinne.“

Am Ende hat die Birnbaumer ihren Wagen voll mit Produkten, die sie eigentlich so nicht kaufen wollte. Durch meine Einflüsterungen ist aber ihr Empfinden für politische Korrektheit so ins Wanken gekommen, daß sie tatsächlich nur Zeug gekauft hat, das sie eigentlich nicht wollte. Ja und dann, dann macht sie den entscheidenden taktischen Fehler. Einen Fehler, den man, wenn der Zwerge-ins-Regal-Stoßer mit einem im selben Laden ist, niemals machen darf! Sie lässt tatsächlich ihren Einkaufswagen unbeaufsichtigt!

Wir haben unser böses Treiben schnell erledigt, beeilen uns und warten außerhalb der Kassenzone auf das was da kommen wird.

„Kondome? Ich habe doch keine Kondome gekauft! Das Gleitmittel gehört mir auch nicht und ich brauche aus das Zeug gegen Damenbart nicht. Das muß mir jemand in den Wagen gelegt haben. Warum führt ein anständiger Laden so etwas überhaupt. Ach Igitt, was ist das denn? Da sind ja quecksilberhaltige Batterien in meinem Wagen und hallo, den Payboy habe ich mir auch nicht aus den Zeiutungsregal genommen. Sowas aber auch! Ich will diese Stringtangas nicht, hlren Sie endlich auf, das alles zu tippen, Sebastian jetzt lass das doch mal im Wagen und leg nicht alles aufs Band! Meine Güte, was soll ich mit dem ganzen Zeug, ich brauche keinen Abführtee, lassen Sie das doch mal liegen, meine Güte, da sind ja noch mehr Kondome und was soll ich mit dem schwarzen Hundehalsband und dieser Reitgerte?“

Meine Kleine und ich klatschen unsere Handflächen gegeneinander und fahren nach Hause, der Hase hat Hunger.

(1) Ich liebe diese Wortkombination „eingefleischte Vegetarier“

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