Sonntag mit Leiche

Familie Sonntag kam an einem Sonntag.
Innerlich mußte ich damals wegen dieser Parallelität etwas schmunzeln, verkniff es mir aber, denn die drei Personen waren richtig fertig.
Gekommen waren Martha Sonntag und ihr Mann Herbert, beide so knapp über sechzig. Mit dabei war auch noch die etwa 35-jährige Juliane, ihre Tochter.

Ich bat die tränennassen Besucher in unser Kaminzimmer. Das ist jener Raum, den wir im Stil eines englisches Salons haben einrichten lassen, mit schönen dunkelgrünen Chesterfield-Sitzmöbeln und krummbeinigen Kommoden.
Seinen Namen hatte das Zimmer von einem großen offenen Kamin, der allerdings nicht angeschlossen war. Einige Scheite angekokelten Holzes gaukelten aber vor, daß man ihn jederzeit in Betrieb nehmen könnte.
Der dicke Teppich schluckte die Geräusche und der ganze Raum strömte Behaglichkeit und Geborgenheit aus. Dorthin ging ich mit Trauernden immer, wenn mir einer unserer nüchternen Beratungsräume zu kalt und büromäßig vorkam.

Als die Drei mit Kaffee und Mineralwasser versorgt waren, wollte ich mit dem Beratungsgespräch beginnen. Ich fange immer damit an, daß ich mich danach erkundige, wer denn verstorben ist.
Die Leute haben dann einen Einstieg und können viel erzählen. Ich unterbreche sie nicht, sondern ziehe aus dem dann zögerlich einsetzenden, aber danach stärker werdenden Redeschwall meine ersten Erkenntnisse.
Aber dazu kam es nicht.

Juliane zog ein Notebook aus der Tasche. „Strom? Haben Sie auch Strom?“

„Aber selbstverständlich, Sie können die Steckdose gleich hinter sich benutzen.“

„Jetzt hören Sie mal! Sie sehen doch wohl selbst, daß die mindestens Einmetersechzig entfernt ist. Eigentlich sollten Sie wissen, daß das durchschnittliche Netzkabel eines tragbaren Computers nicht so lang ist.“

Huch, was war denn in die gefahren?
Ich sagte nichts, blieb höflich und holte hinten von der Stehlampe ein Verlängerungskabel.

„Warum denn nicht gleich so? Meine Güte, meine Güte!“

Langsam wuchs in mir der Wunsch, der tief in mir wohnenden neandertaligen Seite einen Ausflug in die Jetztzeit zu erlauben.

Frau Sonntag begann von sich aus: „Unser Theo ist tot…“ Weiter kam sie nicht, sie wurde von Tränen geschüttelt.
Ihr Mann sprang für sie ein: „Theo ist unser Sohn, er war lange bettlägerig und ist heute Morgen an einer Lungenentzündung gestorben.“

„Papa, das interessiert den Mann nicht, und nebenbei gesagt, das geht ihn auch alles nichts an. Hier haben Sie die Papiere vom Arzt, was wird der ganze Spaß kosten?“, mischte sich Juliane ein.

„Aber Juliane!“, rief Frau Sonntag mit vorwurfsvoller und tränenbelegter Stimme.

„Ja, was willst Du denn, Mama? Wir sind hier ja nicht in einer Fernsehtalkshow, wo wir unsere privatesten Dinge vor wildfremden Leuten ausbreiten müssen. Was der Mann wissen muß ist folgendes:
Theo ist tot. Er liegt bei uns zu Hause. Die Todesursache können Sie ja hoffentlich selbst lesen: Lungenentzündung. Und wir wollen eine Einäscherung, ein kleine Urnengrab mit Steinplatte und das Übliche an Trauerfeier, aber ohne jedes Brimborium. Bitte verschonen Sie uns mit einem aufdringlichen Verkaufsgespräch. Ich habe im Netz schon einen Sarg ausgesucht, bitte schauen Sie mal!“

Mit diesen Worten drehte sie ihr Notebook um und zeigte mir einen aus Weiden geflochtenen Sarg einer Siegerländer Sargkünstlerin.

„Interessant“, sagte ich und deutete auf einen Lieferhinweis, der direkt unter dem Foto stand: ‚Lieferzeit 3-4 Wochen‘.
„Wir können uns bemühen, diesen Sarg zu besorgen, aber die lange Lieferzeit macht mir Kopfzerbrechen“, wandte ich deshalb ein.

„Sehen Sie, schon geht es los! Kaum kommt mal ein aufgeklärter Kunde zu Ihnen, schon versuchen Sie, dem was anderes anzudrehen. Muß das eigentlich sein?“

Der Neandertaler begann zu diesem Zeitpunkt schon von innen am Zäpfchen zu kitzeln, ich schluckte ihn aber wieder hinunter.

„Nein, aber was sein muß ist folgendes: In unserem Krematorium sind nur Vollholzsärge zugelassen, und dieser Weidensarg gehört eindeutig nicht dazu. Den dürfen wir hier gar nicht einliefern.“

„Sag ich’s doch! Alles nur Kommerz. Aber gut, wenn dem so ist, dann ist es so. Was empfehlen Sie uns?“

Ich zeigte ihr im Katalog alle in Frage kommenden Einäscherungssärge, beginnend mit dem günstigsten für knapp 300 Euro.

„Juliane“, mahnte ihre Mutter, „Sei doch mal angenehm!“

„Angenehm? Warum soll ich angenehm sein? Immer dieses Wort! Seit meiner frühesten Kindheit heißt es immer nur ‚Juliane, sei doch mal angenehm!‘. Was soll das überhaupt sein, angenehm?“

Herr Sonntag seufzte und sagte dann mit hochgezogenen Augenbrauen: „Juliane, nur das angenehme Wort ist an den Menschen zu richten. Das unangenehme bleibe unausgesprochen. Bevor Du etwas sagst, prüfe immer, ob es wahr ist, Deinem Nächsten nützt und ob es ihm eine Information vermittelt. Wenn das alles nicht zutrifft, dann schlucke es herunter. Wenn es aber zutrifft, dann sprich es angenehm aus!“

Juliane hörte gar nicht hin, vermutlich hatte sie diese Aussage schon sehr oft zu hören bekommen.

Zu mir gewandt, meinte Juliane dann: „Den da, den nehmen wir, und deutete auf einen Mahagonisarg für 1.890 Euro. „Ich lasse mich nicht über den Tisch ziehen, wie Sie sehen.“

Innerlich schmunzelnd notierte ich mir die Bestellung für den doch recht teuren Sarg auf meinem Zettel. Meinetwegen.

Julianes Handy klingelte. Das heißt, es spielte in kindlicher Ding-Dong-Klimpermusik „Wer hat an der Uhr gedreht…“.
Ich muß ja immer grinsen, wenn ein Mensch, der sich kämpferisch und stark gibt, beispielsweise eine EMail-Adresse hat, die da lautet „littleprincess@dingeldong.com“ oder „praecox21@t-inlone.de“. Aber auch der singende Frosch, Schnappi das Krokodil oder Zeichentrickmelodien als Handyton sind für ein ernsthaftes Auftreten eher hinderlich.
Das kam wohl auch Juliane so vor, denn sie nahm das Gespräch gleich an, um den Melodienreigen abzuwürgen und ging mit zugehaltenem anderen Ohr nach draußen in die Halle.

Frau Sonntag hob ihre Schultern, ließ sie langsam sinken, seufzte und schnäuzte sich die Nase. „Unser Theo ist an einer Lungenentzündung gestorben. Er hatte ja dieses Schädel-Hirn-Trauma und lag schon 9 Jahre. Ist jetzt auf einmal ganz schnell gegangen. Am Mittwoch war Dr. Brunner noch da und alles war wie immer. Als er heute Morgen da war, um den Totenschein für Theo auszufüllen hat er gesagt, daß bettlägerige Menschen oft eine Lungenentzündung bekommen und daß es dann auch mal ganz schnell gehen kann. Daß es aber so schnell ging… Meine Güte!“
Sie begann wieder zu schluchzen und ihr Mann sprach für sie weiter: „Ich konnte ja nicht viel machen, ich bin ja immer noch am Konservatorium stark eingespannt. Aber was meine Frau die letzten Jahre geleistet hat, das ist bewundernswert. Theo konnte alles um ihn herum wahrnehmen, sich aber weder bewegen, noch darauf reagieren. Manchmal glaubten wir zu erkennen, daß er Reaktionen zeigte, aber bei näherer Untersuchung muß man einfach zu dem Schluß kommen, daß er nicht in der Lage war, sich irgendwie zu äußern.“

„Der hat jedes Wort verstanden!“, protestierte Frau Sonntag.

„Sag ich doch, Martha, mitbekommen hat er ganz sicher alles, aber er konnte eben nicht darauf reagieren.“ Und an mich gewandt meinte Herr Sonntag: „Wie meine Tochter schon sagte, es soll eine schöne Trauerfeier geben, denn es kommen alle seine ehemaligen Arbeitskollegen und seine Kameraden vom Sportverein. Dann möchten wir im engsten Kreis die Urne bestatten und das soll in einem kleinen Grab erfolgen. Kein großes Grab für uns alle. Meine Frau und ich möchten uns nämlich in ein bis zwei Jahren, wenn meine Pensionierung durch ist, ein Häuschen in der Toscana kaufen. Aber das dauert noch ein bis zwei Jahre, wie ich schon sagte.“

Frau Sonntag nickte: „Es ist ja auch wegen des Geldes. Sehen Sie, mein Mann ist ja künstlerischer Direktor an der hiesigen Musikschule, und er verdient sehr ordentlich. Aber die Pflege von Theo hat alles aufgefressen, die Ersparnisse und vom monatlichen Gehalt blieb uns nur das Notwendigste. Von der Kasse bekommt man ja nur einen sehr überschaubaren Betrag.“

Juliane kam wieder herein, klatschte kurz und laut in die Hände und rief: „Und, sind wir so weit? Können wir jetzt mal bitte die Termine absprechen? Ich muß am 13. nach Luzern und bin danach 14 Tage in Tokio. Das Ganze muß also spätestens am 12. abgewickelt sein. Klappt das?“

Ich schaute auf meinen Kalender, ja, da würde klappen. Das waren noch 9 Tage, das reichte dicke für die Einäscherung und die Organisation der Trauerfeier.

Am Nachmittag holten unsere Männer den Verstorbenen ab. Am Montag fand ich dann den Leichenschauschein und die Todesbescheinigung auf meinem Schreibtisch. Alle Papiere waren komplett.
Der Hausarzt Dr. Brunner hatte „natürliche Todesursache“ angekreuzt und die Lungenentzündung eingetragen.

Sandy druckte die Totenbriefe und Antonia setzte die Zeitungsanzeige. Die Trauerfeier sollte am 11. sein.
Pfarrer und Organist hatten zugesagt, was beim Pastor eine Besonderheit war, denn der 11. war ein Montag und montags haben die Pfarrer ja, wie die Friseurinnen, frei.
Aber Pastor Kälble nahm das nicht so genau, vor allem kannte er die Familie Sonntag und war in den Jahren immer mal wieder bei Theo gewesen.

Die Maschinerie unseres Bestattungshause lief wie geschmiert. Schon am Montagnachmittag war alles perfekt organisiert.

Fahrdienstleiter Manni und sein Kollege Arthur hatten Theo auch gleich ins Krematorium gebracht.

Am Mittwoch kam dann der Anruf von der Staatsanwaltschaft.
Es gäbe da ein Problem mit dem Verstorbenen Theo Sonntag, der Leichnam sei beschlagnahmt.

Mir fuhr der Schrecken in die Glieder. Wenn die Staatsanwaltschaft einen Leichnam beschlagnahmt, dann liegt das immer daran, daß es Anzeichen dafür gibt, daß der betroffene Mensch eben nicht eines natürlichen Todes gestorben ist.

Ein natürlicher Tod liegt zunächst einmal immer dann vor, wenn ein Mensch nicht durch Gewalt, einen Unfall oder Suizid verstorben ist.

Aber hier? Der Hausarzt hatte doch eine Lungenentzündung als Todesursache aufgeschrieben. Sollte da jemand nachgeholfen haben?
Nun, es wäre nicht das erste Mal, daß nachträglich noch entdeckt wurde, daß ein Verstorbener doch nicht friedlich eingeschlafen ist. Ein Erbe, die Belastung durch die Pflege, familiäre Probleme, eine Vernachlässigung der Pflege, alles das können Gründe dafür sein, daß Menschen letztlich durch das Verschulden ihrer Pflegeperson sterben.

Entdeckt wird so etwas in erster Linie bei der zweiten Leichenschau. Die findet ja im Krematorium statt. Dort schaut sich nämlich in den meisten Bundesländern ein Amtsarzt oder Rechtsmediziner alle Verstorbenen noch einmal an.
Denn anders als bei einer Erdbestattung ist bei der Totenasche später nichts mehr Brauchbares zum Exhumieren und Untersuchen mehr da.

Tja, nun war Theo beschlagnahmt und eins war sicher, die Trauerfeier würde nicht zum gewünschten Zeitpunkt stattfinden können.
Nun kam eine Menge Arbeit auf uns zu.
Die Familie mußte verständigt werden, die Trauerfeier mußte neu angesetzt werden, die Totenbriefe mußten neu gedruckt und nochmals versandt werden und die Todesanzeige in der Zeitung mußte auch in einer berichtigten Form erscheinen.
Und Schuld an dem Ganzen hatte natürlich ganz allein der Bestatter.

„So etwas von Unfähigkeit habe ich ja noch nie erlebt“, fauchte Juliane mich am Telefon an. „Als der liebe Gott die Kompetenz verteilt hat, haben Sie wohl in der falschen Schlange gestanden, oder?“

Ich sprach mit Herrn und Frau Sonntag und auch nochmal mit Juliane. Anders als bei einem Verstorbenen im Sarg kann man ja eine Urne bequem unbegrenzt aufheben und die Trauerfeier dann an einem Termin durchführen, der allen Beteiligten genehm ist. „Wir können doch die Untersuchungen abwarten und die Trauerfeier dann durchführen, wenn Sie aus Tokio zurück sind“, schlug ich deshalb vor.

„Inkompetent!“, keifte Juliane und legte auf.

Ich rief bei Dr. Kugler an. Der hatte die zweite Leichenschau durchgeführt und die Polizei verständigt.

„Nein, um Himmels Willen, hier liegt kein Mord vor. Alles gut! Es geht um ganz was anderes. Denn auch ein Mensch, der nach sehr langer Bettlägerigkeit an einer Lungenentzündung verstorben ist, kann eines nicht natürlichen Todes gestorben sein.“

„Moment“, sagte ich, „wie geht das denn? Ich denke Lungenentzündung ist eine natürliche Todesursache?“

„Ja schon, aber man muß doch die Kausalkette berücksichtigen.“

„Wollen Sie sagen, daß die Familie des Verstorbenen absichtlich eine Lungenentzündung herbeigeführt hat?“

„Ach was, darum geht es gar nicht. Ein nicht natürlicher Tod liegt immer dann vor, wenn der Verstorbene durch Gewalteinwirkung eines Dritten, durch einen Suizid oder durch einen Unfall ums Leben gekommen ist.“

„Der regungslose Mann wird sich ja wohl kaum selbst umgebracht haben.“

„Nein, aber die Kausalkette ist wichtig. Schauen Sie, ich habe den Verstorbenen im Krematorium gesehen. Mir ist seine Spitzfußstellung aufgefallen. Das ist ein ganz typisches Merkmal, das wir oft sehen, wenn die Verstorbenen lange bettlägerig waren. Ja und dann sah ich, daß der Mann ja noch gar nicht so alt war. Das hat mich stutzig gemacht. Ich fragte mich, warum so ein junger Mann so lange liegt. Ich schaue mir in solchen Fällen ausgehend vom Tod rückwärts die einzelnen Ereignisse an. Ich bilde also eine Kausalkette.“

„Das interessiert mich, können Sie mir das erklären?“

„Aber natürlich. Also erster Fakt: Tod durch Lungenentzündung. Ich frage mich also, weshalb ist dieser Mensch an Lungenentzündung gestorben. Der somit nächste Punkt in meiner Kausalkette ist also: Der Mann hat 9 Jahre im Wachkoma gelegen, eine Lungenentzündung ist da eine erwartbare Folge. Also schaue ich nun weiter in die Vergangenheit, ich frage mich, weshalb liegt der Mann im Wachkoma. Dazu habe ich die Krankenakte eingesehen. Der Mann hatte ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten. Die Kausalkette ist also Hirntrauma, Wachkoma, Bettlägerigkeit, Lungenentzündung, Tod. Soweit klar?“

„Ja, klar. Aber wo kommt denn jetzt der Punkt mit der unnatürlichen Todesursache, die Sie annehmen, sonst wäre er ja nicht beschlagnahmt.“

„Dazu komme ich jetzt. Ich habe mich natürlich gefragt, warum hatte dieser Mann ein Schädel-Hirn-Trauma. Und darüber gibt die Patientenakte Auskunft. Er ist auf der Arbeit von einem Gerüst gestürzt.“

„Ja und? Das ist 9 Jahre her.“

„Mag ja alles sein. Aber damit ist die Kausalkette doch ganz einfach: Sturz vom Gerüst, Hirntrauma, Bettlägerigkeit, Wachkoma, Lungenentzündung, Tod. Am Anfang dieser Kausalkette steht also ein Unfall. Und wenn ein Mensch durch einen Unfall stirb, dann ist das eben kein natürlicher Tod. Dabei spielen die zeitlichen Abstände überhaupt keine Rolle. Er hätte nicht im Koma gelegen und wäre auch als gesunder 40jähriger nicht an einer Lungenentzündung gestorben, wenn er nicht am Anfang des Dilemmas diesen Unfall gehabt hätte.“

So hatte ich das noch garnicht gesehen. Tagtäglich hatten wir es doch mit Verstorbenen zu tun, und immer hatte nur der kurze Zeitraum vor dem Tod bei der Beurteilung der Todesursache eine Rolle gespielt. Daß sich da ein Rechtsmediziner so hineinkniet, hatte ich noch nicht erlebt.
Aber trotzdem, der Verstorbene war jetzt beschlagnahmt und das brachte alles durcheinander. Das sagte ich auch zu Dr. Kugler.

Er lachte kurz auf: „Ja, das verstehe ich doch. Ich kann auch gut verstehen, daß Ihre Kunden jetzt ungehalten sind. Schieben Sie die Schuld einfach auf mich.“

„Das habe ich sowieso gemacht.“

„Wie lachte er und sagte dann: „Meinetwegen. Damit kann ich leben. Aber ich denke, daß die Untersuchungen schon morgen abgeschlossen sind. Der Staatsanwalt wird wohl keine Leichenöffnung anordnen lassen.“

„Nicht?“

„Nein, wir haben ja keinerlei Anhaltspunkte für das Mitwirken eines Dritten. Nur, wenn ich feststelle, daß ein Tod eine nicht natürliche Ursache hatte, dann sind mir die Hände gebunden, ich muß die Polizei verständigen. Damit kommt der Fall zum Staatsanwalt, der Leichnam wird beschlagnahmt und die Mühlen der Justiz mahlen.“

„Und wie geht es jetzt weiter?“

„Gut, das entscheidet letztlich die Staatsanwaltschaft. Aber bis jetzt sind die immer noch meinen Empfehlungen gefolgt. Zumindest diese Staatsanwaltschaft hier. Ich kenne da andere Gerichtsbezirke, da glänzt die Staatsanwaltschaft eher durch Wegschauen, Ignorieren und Nichtstun. Ich sage es Ihnen, wenn ich einen Mord vertuschen wollte, ich wüßte genau, wie und vor allem wo ich es machen würde. Da käme kein Mensch drauf.“

„Ja, aber wie geht’s jetzt weiter?“

„Tja, ich würde annehmen wollen, daß der Staatsanwalt spätestens morgen seinen Stempel unter die Freigabe haut. Ich erstelle ein neues Leichenschaupapier, das die eben besprochene Kausalkette wiedergibt.“

„Mal ganz ernsthaft gefragt, Herr Dr. Kugler, was hat das Ganze jetzt gebracht? Ich habe große Achtung vor Ihrer sorgfältigen Arbeit, aber es ändert sich doch jetzt überhaupt nichts, außer daß die Trauerfeierlichkeiten verschoben werden mußten und daß auf irgendeinem Formular das Kreuz an einer anderen Stelle ist.“

„So einfach ist das nicht. Gemäß meinen Feststellungen ist ja die Lungenentzündung eine Spätfolge des Unfalls vor 9 Jahren gewesen. Diese ist zwar spät eingetreten und war zunächst nicht mit dem Unfall in Verbindung gebracht worden. Jedoch kann -auch nach langer Zeit- es durchaus für die Familie des Verstorbenen von Interesse sein, sofern sich daraus nun nicht unerhebliche Forderungen an die Unfallversicherung herleiten lassen. Somit kann es sein, daß nun die damals und immer noch zuständige Unfallversicherung eine hohe Summe für Berufsunfähigkeit, Pflege und letztlich auch für die Bestattungskosten übernehmen muß.“

Es kam so, wie der Rechtsmediziner es angedeutet hatte. Der Staatsanwalt gab die Leiche von Theo schon am nächsten Tag frei, die Einäscherung erfolgte rasch. Somit hätte sogar der ursprünglich geplante Termin eingehalten werden können.
Aber nach einigem Theater mit der rotzigen Juliane, war der neue Termin nun nach ihrer Rückkehr aus Japan angesetzt worden.

Es war eine sehr schöne Trauerfeier. Das Ehepaar Sonntag war sehr zufrieden und bedankte sich ganz liebevoll bei uns. Juliane fand die Rosen ein wenig zu „spröde in der Farbe“ und fand die sehr schöne Trauerpredigt etwas „dünn vom Volumen her“.

Leider habe ich nie erfahren, wieviel Geld das Ehepaar Sonntag von der Unfallversicherung erhalten hat. Aber ein Jahr später erzählte mir die Gemüsefrau, daß die beiden ihren Wunsch, in die Toscana zu ziehen, vorzeitig verwirklichen konnten.
„Die haben ja einen Haufen Geld von der Versicherung bekommen, jetzt sind die nach Toscana gezogen. Wenn Sie mich fragen, für mich wäre das nix, da mit den ganzen Spaniern.“

„Die Toscana liegt aber in Italien.“

„Ach was, hat sich das geändert?“

PDF erzeugen
Peter Wilhelm26. Oktober 2017

12 Kommentare von 138942.

  1. Eine sehr schöne und heutzutage äusserst wichtige Weisheit vom alten Herrn Sommer:

    „Bevor Du etwas sagst, prüfe immer, ob es wahr ist, Deinem Nächsten nützt und ob es ihm eine Information vermittelt. Wenn das alles nicht zutrifft, dann schlucke es herunter. Wenn es aber zutrifft, dann sprich es angenehm aus!“

    :-)

    • @maobe:
      Wo kämen wir denn da hin? Dann gäbe es ja keine peinlichen Talkshows, „Reality TV“ Shows und sonstige Arbeitslosenuntätighalte- und „wir können uns wohlig fühlen, es gibt Leute, denen geht es noch dreckiger als uns“-Sendungen mehr… Das geht nun wirklich nicht… Und ein angenehmes Zusammenleben? Mit ALLEN? Sogar mit dem Nachbarn? Sogar mit den seltsamen Leuten, die komische Sprachen sprechen (Bayern und so)? NIEMALS!
      Krieg dem Wohlverhalten ;)

  2. Aber wann hat die Familie ihren Nachnamen von Sonntag in Sommer geändert? Alles im Kaminzimmer? Das hat mich echt durcheinandergebracht.

  3. Die Rechtschreib-Rückmeldung gibt es nicht mehr?
    Bitte aus den „Tränen-Nasen“ „tränennassen“ machen…. :-)

    • @amy: Gibt es schon noch, aber ich such auchjedesmal…:

      25. Oktober 2017 – 6 Kommentare – Lesezeit ca.: 15 Minuten – Kategorie: GeschichtenTippfehler melden

  4. Angenommen, es wäre ein Krimi und nicht echt (kann ja passiert sein!) ich hätte das umgeschrieben,dass da eine gewisse Person schuldig gewesen ist am Tode..Aber dies nur nebenbei.

    • @mesie: Ist aber nunmal kein Krimi, sondern wahres Leben.
      Denkbar wäre natürlich, daß der Unfall von damals einen Verursache hatte. Dann könnte es sein, daß der evtl. auch noch zur Verantwortung gezogen wurde. Aber das weiß ich nicht.

  5. Das ist ja eine durchaus bemerkenswerte Information, dass eine Versicherung ggf. auch Spätfolgen abfangen muss, wie Pflege etc. Natürlich wünscht man niemandem einen solchen Unfall und dessen Folgen, aber wenn es denn mal so kommt, hilft das schon.

  6. Als Bestatter oder Mitarbeiter eines solchen muss man sehr gute Nehmer Qualitäten haben. Tolle Geschichte aus dem prallen Leben!!

Schreibe einen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


Bitte beachte die Nutzungsbedingungen des Bestatterweblogs!

Du bist ein Troll? Fein! Dir kann geholfen werden. Klicke hier!

Dein Kommentar ist nicht erschienen? Dann klicke bitte hier für weitere Informationen!

Diese Smileys kannst Du nutzen, und das bedeuten die Zeichen oben in der Textbox.