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Warum manche Menschen alleine sterben

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Irma Röttinger ist verzweifelt. Seit Wochen war klar, dass ihr Mann Ulrich im Sterben lag. Sie hat sich aufopfernd um ihn gekümmert, kaum geschlafen und die Tage und Nächte immer in der Nähe ihres Mannes verbracht. Ihre Töchter und ihr Schwiegersohn haben sie unterstützt, wo es nur ging. Immer saß jemand am Bett und hat gewacht. Ulrich sollte nicht alleine sein müssen. Immer war er liebevoll umgeben von seiner Familie, die wirklich alles für ihn tat. Und doch ist das Schlimmste eingetreten, das Irma sich vorstellen konnte: Ulrich ist alleine gestorben.

Einsame Sitzbank

Bild von Bianca Mentil auf Pixabay

Sie hatte das Wohnzimmer, in dem das große Pflegebett stand, nur ganz kurz verlassen. Höchstens fünf Minuten, um kurz die Toilette aufzusuchen und sich einen Kaffee zu kochen. Die Türen standen offen, damit sie jederzeit hören konnte, wenn Ulrich etwas brauchte. Aber es war nichts zu hören, es schien alles in Ordnung zu sein. Und als Irma zurück ins Zimmer kam, war Ulrich tot. Einfach so, still und leise, hatte er sich in diesen kurzen Minuten auf den Weg gemacht. Für Irma ist das ein großes Versagen. Sie hatte sich vorgenommen, Ulrich auf keinen Fall alleine sterben zu lassen. Und jetzt ist es trotzdem passiert. Es dauert lange, bis ich ihr klar machen kann, dass sie nichts falsch gemacht hat.

Viele Menschen sterben lieber alleine

Das, was Irma erlebt, ist keine Seltenheit. Immer wieder berichten Zugehörige, Pflegekräfte oder Hospizbegleiter*innen, dass Menschen ausgerechnet in der kurzen Zeit gestorben sind, in der man nur mal kurz eine Zigarette geraucht, etwas gegessen oder ein Telefonat geführt hat. Und das, obwohl es gerade gar nicht danach aussah, als könne der Tod jeden Moment eintreten. Das passiert so häufig, dass es kein reiner Zufall sein kann. Es scheint so zu sein, dass manche Menschen lieber alleine sterben wollen. Vielleicht fällt es ihnen leichter, sich fallen zu lassen, wenn gerade niemand im Raum ist? Vielleicht ist das Sterben so intim, dass sie dabei lieber alleine sind? Vielleicht klammern sie sich noch ans Leben, solange es geht, wenn ihre Liebsten bei ihnen sitzen? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass dieser „Zufall“ immer wieder vorkommt.

Aufklärung vermeidet Schuldgefühle

Menschen, die Sterbende begleiten, sollten von diesem Phänomen wissen. Dann können sie besser damit umgehen, wenn der Moment des Todes während ihrer Abwesenheit eintritt. Man kann sogar noch ein Stück weitergehen und bewusst solche Momente schaffen. Immer mal für eine Viertelstunde nach draußen gehen, wenn das für den Sterbenden in Ordnung ist. Für die Begleitenden kann es eine große Entlastung sein, nicht in jeder Minute am Bett sitzen zu müssen, nur um den Moment nicht zu verpassen. Und für den Sterbenden ist es vielleicht genau das, was er braucht, um in Ruhe gehen zu können.

Sterben ist so individuell wie das Leben. Manche Menschen wollen jetzt gar nicht mehr alleine sein, aber viele brauchen gerade in den letzten Stunden oder Tagen eigentlich nicht mehr viel von den Lebenden. Dann kann es gut sein, auch mal für kurze Zeit liebevoll auf Abstand zu gehen.


Birgit Oppermann 24. Oktober 2020


10 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Ich vermute, ich hätte nichts dagegen, wenn mich mal jemand für ein paar Minuten besuchen käme, wenn ich im Sterben läge. Aber ich glaube, dass ich mich beim Sterben gestört fühlen würde, wenn unablässig jemand an meinem Bett säße. Ich würde alleine sein wollen, um mich aufs Sterben fokussieren zu können. Wahrscheinlich würde ich froh sein, wenn der Angehörige endlich mal aus dem Raum gehen und mich in Ruhe lassen würde.
    Im alltäglichen Leben wünsche ich mir auch nicht, dass rund um die Uhr jemand an meiner Seite ist. Da muss ich auch meine Ruhephasen für mich alleine haben.

  2. ich habe beide Versionen erlebt, Menschen, die alleine verstorben sind, wo die An/Zugehörigen grade mal Luft schnappen waren und solche, die noch auf jemand gewartet haben, oft jemand bestimmten…erst dann konnten sie loslassen.

  3. Ich glaube, dass wir mit dem Tod eine andere Welt betreten, und dass Sterbende zwischen unserer sichtbaren Welt und dieser anderen Welt schon hin- und hergehen, bevor sie endgültig in die andere Welt hinüberwechseln. Wahrscheinlich fällt es vielen Sterbenden leichter, unsere Welt zu verlassen, wenn sie alleine sind.

  4. Vielen Dank für diesen Text! Er nimmt mir eine große Last von den Schultern. Ich habe genau diese Situation beim Tod meines Vaters erlebt und mir seitdem auch Vorwürfe gemacht. Nun bin ich (etwas) erleichtert. Nochmals Dank!

      • Beide Elternteile haben mich weggeschickt. Als ich meine Mutter in der Klinik besuchte, sagte sie:“Ich schaffe das nicht mehr.“ Nach einer Weile:“Geh man jetzt lieber. Danke für alles.“ Ich habe lange auf dem Parkplatz vor der Klinik gesessen und mochte nicht nach Hause fahren. Aber ich habe gespürt, dass ich nicht noch einmal zurückgehen darf. Meine Mutter starb genau in dem Moment, als ich meine Wohnung betrat. Ich habe lange Zeit gegrübelt, ob ich mich richtig verhalten habe. Es ist tröstlich zu lesen, dass Sterbende manchmal lieber allein sein möchten, um loslassen zu können.

  5. Wahrscheinlich spielt hier auch die „romantische“ filmische Darstellung sterbender Menschen im Arm des/der Liebsten mit hinein; unterbewußt natürlich, aber man hat es schon oft gesehen und die Sterbenden sind fast immer dankbar und erleichtert.
    Ich selber kenne auch die Variante mit warten bis man alleine ist…

  6. Meine Mutter ist damals in den Armen meines Vaters gestorben. Er wurde gerade noch rechtzeitig wach. Er selber ist alleine gegangen, nachdem ich mich am Abend vorher noch von ihm verabschieden konnte (mit allem was dazu gehört).

  7. Mein Vater starb allein.

    Für mich war das in Ordnung, aber ich haderte. Hätte ich dabei sein sollen? Mit mehreren Jahren Abstand ist es für mich nun völlig in Ordnung.

    Ich kann mir nämlich vorstellen, dass es Menschen gibt, die diesen Prozess des Gehens als letzte Entscheidung ihres Lebens betrachten. Vielleicht möchte man dies bewußt tun. Nicht abgelenkt sein. Den eigenen Frieden machen. Letzte Gedanken, sich darauf konzentrieren, es sich eben noch einmal bewußt machen: das ist es jetzt, ich gehe.

    Als sein Pflegeteam mich anrief, es wäre wohl bald soweit, entschloss ich mich, die ganze Familie einzuladen, Abschied zu nehmen. Alle kamen. Und einzeln traten sie an sein Bett, verabschiedeten sich, sprachen letzte Worte. Es fühlte sich gut an – trotz des Schmerzes des Abschieds. Das sagte mir auch die Pflegerin, die am Ende den engsten Kontakt mit ihm hatte. Dann ging es ganz schnell.

    Ich war der letzte, der ihn lebend sah. Am Abend vor seinem Tod besuchte ich ihn noch einmal, drückte seine Hand sehr fest und sprach mit ihm. Er antwortete nicht, sah mich nur an.

    Er war immer ein entschiedener Mensch. Wollte Einfluss nehmen. Autonom bleiben. Verantwortlich sein für das, was geschieht. Das Heft in der Hand behalten, die Kontrolle, die Macht. Darum glaube ich, war es gut für ihn, diese Entscheidung allein zu treffen. Darin wollte ich ihn nicht stören.

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