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Wie oft kann ein Mensch eigentlich sterben?

Von
old

Hallo Herr Wilhelm,

ich lese Ihren Bestatterweblog schon seit vielen Jahren. Er hat mich stets gut unterhalten und auch schon einmal in einem konkreten Fall mit den notwendigen Informationen versorgt. Wir konnten die Bestattung meines Vaters ganz nach seinen Wünschen abwickeln und haben beim Bestatter dank Ihrer Hilfe auch jede Menge gespart. Dafür vielen Dank.

Jetzt möchte ich mich mit einer aktuellen Frage an Sie wenden. Ich bin Mitinhaber eines kleinen Startups in Mittelfranken. Wir pflegen eine flache Hierarchie und einen sehr lockeren Umgang mit unseren Mitarbeitern. Flexible Arbeitszeiten, Arbeitszeitkonten, wahlweise Homeoffice usw. sind bei uns ebenso selbstverständlich, wie eine Smoothie-Bar, vegane Angebote und die wöchentliche Quafeng-Massage am Arbeitsplatz.

Einer unserer Mitarbeiter ist vor sechs Wochen gekommen und wollte dringend mittags nach Hause, sein Vater läge im Sterben. Das hat uns betroffen gemacht und wir haben ihm sofort frei gegeben. Dann kam er aber eine Woche später und vorgestern wieder mit dieser Ausrede, dass sei Vater im Sterben liegen würde. Es würde uns leid tun, wenn wir den Mann entlassen müssten. So was kann doch aber nicht sein. Was meinen Sie?

Vielen Dank für Ihre Antwort.

Kleines Beispiel: Meine Mutter ist viele Wochen lang gestorben.

Sterben bezeichnet doch den Zeitraum des Übergangs vom Leben hin zum Tod. Fällt jemandem ein Meteorit auf den Schädel, ist er sofort gestorben und mithin dann auch tot.
Hat aber jemand eine schwere Erkrankung, die ihm langsam die Kräfte raubt, und verfügt er dabei auch noch über genügend Lebenswillen, und hat er auch noch ausreichend Kraft, so kann es durchaus sei, dass es immer wieder Phasen gibt, in denen dieser Mensch zu sterben scheint. Kraft und Lebenswillen überwiegen dann aber oft den Sterbeprozess und es kommt nicht zum Tod.

Ich berichtete hier schon einmal darüber und viele Leserinnen und Leser bestätigten das auch durch ihre Erfahrungen, dass Sterbende oft schlimm daliegen und jeder mit ihrem baldigen Ableben rechnet. Dann aber tritt auf einmal eine wundersame Besserung ein. Der Mensch ist klarer bei Sinnen, hat wieder Kraft und die Angehörigen schöpfen trügerische Hoffnung. Denn kurz darauf ist dieser Zauber der „kleinen Wiederauferstehung“ vorbei und der Mensch gleitet ins Jenseits.

Meine Erklärung dafür ist, dass der Körper den kraftraubenden Kampf gegen Krankheit und Tod aufgegeben hat. Der Tod ist einfach zu unausweichlich. Das gibt dann noch einmal letzte Reserven frei, die ein solches Aufleben ermöglichen.

Das kann aber auch in Wellen geschehen, wie ich oft beobachten konnte. Ein paar Mal sagt man der Familie, der Mensch werde die kommende Nacht oder den kommenden Tag nicht überleben, aber der Tod tritt nicht ein.

Was soll also Dein Angestellter machen? Sein Vater liegt im Sterben, der Arzt sagt, es gehe nun zu Ende, und der Mann möchte gerne die letzten Stunden bei dem Sterbenden sein. Es ist gut und vollkommen richtig, dass Ihr dem Mann freigebt.
Für ihn ist es gut, seinen Vater verabschieden zu können und seine Seele gehen zu sehen. Für den Verstorbenen ist es gut, sich im Familienkreis geborgen zu fühlen.

Selbst wenn das nun zehnmal passiert, dass es zu Ende zu gehen scheint, würde ich dem Mann immer wieder freigeben und zwar mit Bezahlung. Im Sterben nicht allein gelassen zu werden, hat jeder Mensch verdient. Und jeder der einen anderen beim Sterben begleitet, tut einen bedeutungsvollen Dienst, der mit Gold nicht aufzuwiegen ist.


BILDQUELLEN

  • aaltermensch-pixabay: pixabay/crop

Veröffentlicht von

Hier veröffentlicht der Publizist Peter Wilhelm Informationen und Geschichten rund um den Bestatterberuf.
Mehr über den an Allerheiligen geborenen Autor finden Sie u.a. hier und hier.
Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Texte rein zur Unterhaltung. Keine Rechts-, Steuer- oder Medizinberatung!


    



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Peter Wilhelm 9. Mai 2022

7 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Sehr gute Antwort. Ich arbeite im Altenheim und kann das nur so bestätigen was unser Peter rät. Man steckt nicht drin im Menschen. Der Sterbeprozess dauert manchmal tatsächlich durchgehend drei Wochen.
    Und bei manchen ist es tatsächlich so, daß es ihnen immer wieder so schlecht geht und wir Pflege und der Arzt denken, es geht zuende, der Mensch bekrabbelt sich aber wieder. Und das kann mehrmals so gehen und man muß es jedes mal ernst nehmen, damit der Mensch auch die nötige Begleitung bekommt, wenn es denn dann tatsächlich zu Ende geht. Ich sage also auch, gib ihm frei und glaube ihm. Toller Sohn, weil er dabei sein möchte♥️.

  2. Es war für mich ein großes Problem als mein Vater unheilbar krank wurde. Problem deshalb weil man sich vorher schon viele Gedanken macht und einfach nicht weiß was wann kommen wird….Man weiß ja nicht wie lange es noch gut geht. Ich hatte damals einen einzigen Kollegen mit dem ich mich absprechen mußte. Er hätte mich auf jeden Fall vertreten, aber was wäre gewesen wenn er sich einen Urlaub gebucht hätte? ?
    Ich konnte dann frei nehmen als mein Vater starb und ich werde meinem Kollegen auch ewig dankbar sein dass ich frei machen durfte.

  3. Schon allein, dass das absolut berechtigte Anliegen des Mitarbeiters pauschal als „Ausrede“ bezeichnet wird lässt SEHR tief blicken. In so einem Betrieb würde ich nicht arbeiten wollen – Quafeng-Massage hin oder her… Wie kann ein erwachsener Mensch so unsensibel sein?
    Aber der Fall zeigt auch mal wieder, dass es bei dem ganzen Smoothie-Bar-Firlefanz nicht wirklich um das Wohl der Mitarbeitenden geht, sondern nur darum, dass die Leute noch mehr Zeit in der Arbeit verbringen.

  4. „jeder der einen anderen beim Sterben begleitet, tut einen bedeutungsvollen Dienst, der mit Gold nicht aufzuwiegen ist.“

    ah – danke, Peter Wilhelm. daß das, was ich gemacht habe, ich bisher für „ganz normal“ hielt, ein bedeutungsvoller Dienst ist.

    – meinen Opa
    – meinen Vater
    – meine Mutter
    – meinen Bruder
    – den besten Freund, den ich im Leben jemals hatte

    habe ich ins Sterben begleitet.

    auf fränkisch: „Des g’hört sich doch a so – odder?“

    ganz zu schweigen von den vielen Toten, denen ich auf ihrem „letzten Weg“ vorausgegangen bin. Als Der Kreuzträger Vom Dienst. in der sicheren und gewissen Hoffnung auf eine FRÖHLICHE Auferstehung.

    (ich habe somit ca. 1.500 Begräbnisse hinter mir – die privaten nicht mitgerechnet)

    Petrus 🙂

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