In der Kapelle

Aus einem Kommentar:

Was TOM nie geschrieben hat, fällt mir bei der Gelegenheit ein, ist die Arbeit eines Bestatters nach dem Transport in die Kapelle.

Das stimmt so nicht, viele Texte enthalten entsprechende Schilderungen. Aber ich will das gerne einmal genauer beschreiben.

Wenn der Verstorbene im Bestattungshaus eingebettet und hygienisch versorgt wurde, steht der Transport zum Krematorium oder zum Friedhof an. Besteht bei den Angehörigen der Wunsch nach einer Trauerfeier oder einer offenen Aufbahrung, so wird es der Friedhof oder entsprechende Einrichtungen des Bestatters sein, wo das stattfindet. In aller Regel ist es der Friedhof, weil nur die wenigsten Bestatter über entsprechende Räumlichkeiten verfügen.

Die Decke wird seitlich im den Verstorbenen herumgeschlagen und die Ecken des Kissens vorsichtig nach unten gedrückt. Denn jetzt muß der Sargdeckel aufgesetzt werden und man möchte verhindern, daß Zipfel der Innenausstattung an irgendeiner Stelle herausgucken.

Nach dem Aufsetzen des Deckels werden zumeist nur zwei der vier oder sechs Deckelschrauben fest zugedreht, als einfache Transportsicherung. Alle Schrauben dreht man eigentlich nur rein, wenn sicher ist, daß der Sarg zu bleiben soll.
Dann wird der Sarg mit einem Namensschild versehen, das Namen und Lebensdaten des Verstorbenen trägt und die Art und den Termin der Bestattung sowie den Namen des Bestattungsinstitutes.
Das soll Verwechslungen vermeiden und sicherstellen, daß die Friedhofsmitarbeiter auch wissen, welches Institut bei Problemen zu benachrichtigen ist. Dieser Zettel kann auch besondere Hinweise beinhalten, etwa die Anweisung der Angehörigen, den Sarg keinesfalls für Dritte zu öffnen, einen Hinweis auf Ansteckungsgefahr oder sonstige wichtige Hinweise.

Wir befestigen diese Zettel mit Klebefilm, früher nahm man Heftzwecken (für Uneingeweihte: Reißnägel, für Dippelschisser: Daumendrucksteckstifte, Besserwisser können ihre Bezeichnung in den Kommentaren kundtun)

Dann wird der Sarg in das Bestattungsfahrzeug geladen, wozu zumeist ein Mann ausreicht. Je nach Gewicht von Sarg und Verstorbenem kann das ein kräftiger Mann alleine, ansonsten macht man es zu zweit. Manchmal ist es auch erforderlich (Adenauer-Sarg aus schwerer Bleieiche und Verstorbener mit vier Zentnern), daß vier Männer anpacken müssen.

Es hängt nun ganz vom anzusteuernden Friedhof ab, ob ein Fahrer oder mehrere Leute von uns ausrücken müssen. Auf manchen Friedhöfen versteht es der Verwalter als seine selbstverständliche Aufgabe, beim Ausladen zu helfen, die entsprechende Kühl- oder Aufbahrungszelle zu öffnen und beim Umsetzen des Sarges auf ein Katafalk zu helfen. Er hilft auch beim Abnehmen des Deckels und trägt diesen an den auf diesem Friedhof üblichen Ort. Der Deckel wird manchmal nur hochkant an die Wand gestellt, manchmal kommt er auf ein Wandregal und manchmal wird er in einem Nebenraum zwischengelagert. Für solche Fälle haben wir ein zweites Namensschild auch am Deckel angebracht, sowie wir immer auch ein Schild für die Tür der jeweiligen Aufbahrungszelle haben.

Auf anderen Friedhöfen bleibt der Verwalter stur in seinem Büro, ruft allenfalls noch die Nummer der Zelle zu, oft genug muß man sich aber auch eine freie Zelle selbst suchen. Gerne versammeln sich auch alle Friedhofsmitarbeiter mit den Händen in den Hosentaschen und schauen zu, wie sich die Fahrer mit besonders schweren Truhen plagen müssen.

Im täglichen Geschäft fällt das nicht ins Gewicht, bei der Zumessung der weihnachtlichen Gaben für die Friedhofsleute schon.

Ist der Sarg dann in der Aufbahrungszelle, werden Kissen und Decke wieder gerichtet. Das Kissen wird wieder „breit gemacht“, die Decke ausgebreitet. Oft unterstützen wir, vor allem bei dünnen Decken, das glatte Aussehen durch das Unterlegen einer geeigneten Pappe. Dann wird nach dem Verstorbenen geschaut. Hat er seine Lage durch den Transport geändert? Muß eventuell nachgeschminkt oder gekämmt werden? Sind die Hände noch gefaltet? Wo nötig wird nachgearbeitet.
Blumen oder Rosenkränze, Kruzifixe oder persönliche Sargbeigaben werden angebracht.

Als Nächstes folgt die Inspektion des Sarges. Hat er möglicherweise durch den Transport gelitten, gibt es Kratzer oder Dellen?
Auch solche Dinge werden ausgemerzt, die Fahrer haben die erforderlichen Sachen, wie Lackstifte, Holzspachtel, Nägel, Ersatz-Sargfüße usw. dabei.

Wenn alles in Ordnung ist, kann die Tür der Zelle geschlossen werden und der Verstorbene ist bereit dafür, von den Angehörigen besucht zu werden.

In den Tagen bis zur Aufbahrung kann es erforderlich sein, daß unsere Mitarbeiter noch mehrmals zum Verstorbenen fahren müssen. Entweder wissen wir das aus Erfahrung schon von vornherein oder – wenn es ein Netter ist – der Friedhofsverwalter gibt uns nach seinem täglichen Rundgang Bescheid oder aber die Angehörigen melden sich.
Die Verstorbenen verändern sich, der Verfall ist manchmal mehr oder weniger deutlich zu sehen. Es sind dann weitere kosmetische Arbeiten notwendig, oft auch Maßnahmen zur Geruchsunterbindung.
Haare, Nägel und Bartstoppeln wachsen, entgegen vieler Gerüchte, nicht nach dem Tod weiter. Aber Haut- und Unterhautfettgewebe verändern sich, sodaß insbesondere Bartstoppeln, die vorher noch in der Haut verborgen waren, deutlich heraustreten können. Einen länger verstorbenen Menschen zu rasieren ist eine Kunst. Die Haut ist weder geschmeidig noch gut zu straffen, alles muß vorsichtig und gekonnt geschehen, sonst kommt es zu postmortalen Hautreaktionen, die nur schwer zu überschminken sind.
Die Fingernägel verfärben sich oft dunkel bis lilablau, was mit Veränderungen des drunterliegenden Nagelbetts zusammenhängt. Man muß dann matt lackieren, pudern usw.
Oft verändern sich auch die Augen. Sie scheinen regelrecht in sich zusammenzufallen, hier muß ebenfalls entsprechend entgegengewirkt werden. Augenkappen und Mundfüller sind Artikel des Pietätwarenhandels, die dem Bestatter hier zur Verfügung stehen. Aus dünnem Kunststoff extra für diesen Zweck gefertigt und auf die Belange des Bestatters abgestimmt, dienen sie dazu, in den Mund und unter die Lider eingesetzt zu werden, um einen nicht gar so „erschröcklichen“ Eindruck zu vermeiden.

Alle diese Maßnahmen müssen durchgeführt werden, ohne daß die bereits angelegte Kleidung oder Sarginnenausstattung Schaden nimmt.
Blumenschmuck im/am offenen Sarg muß eventuell mehrmals gewechselt werden, wobei Fingerspitzengefühl notwendig ist.
Stammt der kleine Strauß in den Händen eventuell von der Witwe und soll unbedingt, auch verwelkt, dort bleiben? …

So verbleibt der Verstorbene bis zum Tag der Trauerfeier oder bis zu dem Zeitpunkt an dem der Deckel geschlossen wird.
Manchmal ist der Verfall in der Aufbahrungszelle so deutlich und unter den örtlichen Gegebenheiten auch unaufhaltbar, daß man eine Aufbahrung auch vorzeitig beenden muß. Andere Male wurde mit den Angehörigen vereinbart, daß sie nach der Überführung zum Friedhof noch einmal „Schauen gehen“ und dann der Sarg geschlossen wird, um Gaffer fernzuhalten.
Es kommt auch vor, daß nur der engste Familienkreis an ein, zwei Tagen Schauen geht und dann der Sarg zugemacht wird, weil nicht alle Trauergäste am Beerdigungstag gucken sollen.

Manchmal ist mehr zu tun, manchmal weniger. Das kommt immer auf den Einzelfall an. Wichtig ist, daß man kontrolliert bzw. daß der Friedhofswärter mitspielt.
Was gar nicht sein kann, ist die oft geübte Verfahrensweise vieler Bestatter, den Verstorbenen zum Friedhof zu bringen und sich dann gar nicht mehr zu kümmern. Das führt dann oft zu Irritationen bei den Angehörigen.

Fehler durch Lektorin Anya bereinigt.

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  • Veröffentlicht am: 29. Juli 2008
  • 9 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Allgemein

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!

Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

9 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. Weihnachtliche Gaben für die Firedhofsmitarbeiter?
    Naa – wenn das mal keine „Vorteilsgewährung“ deinerseits ist – die Leute sind schwer dahinter her, sowas zu unterbinden ;-)

  2. Ich kenne das mit dem „nochmal schauen“ vom Tod meines Opas.

    Kurz zum Ablauf.
    Abholung aus dem Pflegeheim und Aufbahrung auf dem Friedhof. Nach ein paar Tagen dann Trauerfeier am geschlossenem Sarg und überführung ins Krematorium.

    Bei dem damaligem Bestatter war es so, das meine Oma so oft sie wollte „nochmal schauen“ konnte. Dazu brauchte sie Tagsüber nur den Bestatter anrufen, der hat sie dann abgeholt und ist mit ihr dort hin gefahren.

    Also, Service top. Ob das damals als „Extra“ abgerechnet wurde, weiss ich leider nicht. Ich denke aber mal das das logischerweise schon irgendwo mit eingerechnet wurde.

  3. Mein morgens gegen 4 Uhr im Klinikum verstorbener Vater wurde etwas mehr als 12 Stunden später von Bestattungsmitarbeitern zum Friedhof eines kleinen Dörfchens in Bayern gebracht, um im dortigen ‚Leichenschauhaus‘ (nicht offen) aufgebahrt zu werden. Da meine Mutter bei unserem Vormittagstermin im Beerdigungsinstitut vergessen hatte, einen Rosenkranz für den Verstorbenen mitzubringen, sollte der Sarg nochmals geöffnet und ich diese Beigabe nachträglich um die Hände des Toten legen. Nachdem ich meinen Vater vom frühen Morgen noch in eingermaßen ‚gutem Zustand‘ in Erinnerung hatte, erschraken mein Frau und ich doch etwas, als der Sarg geöffnet wurde: das Gesicht meines Vaters hatte sich (statt blass) ganz dunkel verfärbt, die Hände waren aber immer noch vergleichsweise hellblass.
    @Tom: Woher kommt das und wie wird das u.U. vermieden, wenn offen aufgebahrt wird?

  4. Dass es tatsächlich Gaffer gibt, die sich Verstorbene nochmal „ansehen“ wollen, ohne irgendeine Beziehung zu ihnen gehabt zu haben, wundert mich irgendwie sehr. Ich kann mir das kaum vorstellen und generell scheint es zumindest hier recht unüblich zu sein, eine offene Aufbarung zu machen, denn als ich nach dem Versterben meines Großvaters den Wunsch äußerte, ihn noch einmal besuchen zu wollen, haben mich fast ausnahmslos (außer meinem Onkel, der mich schließlich begleitete) alle mit einem Blick á la „Oh Gott ist die wahnsinnig geworden??“ angeguckt und wollten mir davon abraten.

    Für mich war das inzwischen ganz normal, wohl fast ausnahmslos durch die Lektüre dieses Weblogs, da das Thema hier verständlicherweise mit keinem Tabu belegt ist. Herzlichen Dank dafür, übrigens! Ich hab eine offene Aufbahrung irgendwie schon für selbstverständlich gehalten und die ablehnende Haltung (eher warnende, beschützende; meine Familie fürchtete, dass ich dadurch Schaden nehmen würde) meiner Familie hat mich sehr überrascht. Hätte ich das Weblog damals noch nicht gekannt, hätte ich vermutlich ähnlich reagiert und es fast unnatürlich gefunden, hätte aber dann den unerfüllten Wunsch mit mir herumgetragen, vernünftig auf Wiedersehen zu sagen.

  5. >Was TOM nie geschrieben hat,
    was GM vorher nie gelesen hat.
    TOM, ich nehme meinen Satz zurück, und danke Dir für Deine weitreichende Erklärung.

    Ich denke mal. das das SAtreben wie eine geburt ist, jedesmal etwas außergewöhnliches. Jeder Trauerfall, jede Geburt hat ihre eigene Geschichte.

    Meine großmutter war gegen 20:00 Uhr verstorben, am nächsten Tag kam der Bestatter zu dem kleinen Friedhof. Der dortige Gemeindearbeiter ist Chef über alles.
    Gräber werden dort noch in Handarbeit ausgehoben.
    Mir erzählte er einmal versonnen, dass das unter den Witwen ein regelrecher Wettkampf sei, wer das schönste Grab pflegte.
    Weil ich meine Großmutter über Monate nicht gesehen hatte, äußerte ich diesen Wunsch nach der Öffnung der Truhe. Zwei, oder drei Flügelmuttern hatte ich schon lose, als der Mann mich höflich bat, bitte doch einmal rauszugehen.

    Anschließend wurde nach meiner „Wunscherfüllung“ die Truhe wieder fest verschlossen.
    Wie Schneewittchen lag meine Oma da. Blass, wie immer, die Augen geschlossen.

    Abgeschlossen wurde die Winzkapelle nicht. Dort kommt nichts weg. Am Tag darauf war die Beerdigung.
    ———

    Nach der Beerdigung fragte mich der Gemeindearbeiter nach meiner Großtante. Sie wäre weg…. Eine Urne, die sich in dem kleinen Ort verlaufen hatte…
    Erst nach dem Tode meines Onkels fanden wir beim Ausräumen des Gartenhauses neben, oder zwischen den Pokalen, etwas komisches. Die Großtante war wieder da, hatte über 10 Jahre alle Feste und Jahreszeiten verweilt. ….
    ———
    Dort gehen die Uhren etwas anders. Der Gemeindearbeiter legt schon mal selbst Hand an, wenn ein Grab etwas Pflege, etc., nötig hat.
    Eine rauhe Gegend – aber herzliche Menschen.

  6. >>Wie Schneewittchen lag meine Oma da. Blass, wie immer, die Augen geschlossen.>>

    Tatsächlich kam mir genau die Assoziation vom „Schneewittchen“ als wir uns damals von meiner Großmutter
    verabschiedeten. Ein Eindruck der durch die gesamte Leichenaustattung entstanden sein mag,
    Decke, Kissen, Talar komplett in Weiß, alles mit Spitze dekoriert.
    Auf ihren Wangen war Rouge aufgelegt.

  7. Ach deshalb muß der Fahrer so eilig zum Friedhof heizen, dass der Sarg durch den Laderaum kullert.
    Er braucht ja für die Reparaturen der entstandenen Schäden noch Zeit, sonst wird er nicht fertig bis zur Bestattung.

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