Maschendrahtzaun

Man macht ja schon einiges für die Leute, aber nicht alles muß man wirklich mitmachen.

Gegen 15 Uhr klingelt es an der Tür und ich gehe hinunter. Draußen steht Frau Möchtentrath, ehemalige und immer noch unverheiratete Kindergärtnerin aus unserem Stadtteil. Von den Kindern wurde sie immer Frau Maschendraht gerufen, was inzwischen aber nachgelassen hat, denn Frau Möchtentrath ist schon so lange im Ruhestand, daß alle Kinder, die sie kannten, mittlerweile längst erwachsen sind.

Ich hatte mal gehört, daß sich die alte Pädagogin auf ihre alten Tage der Esoterik zugewandt habe und darf nun erleben, daß sie mit einer toten Straßentaube in der Hand Einlass begehrt und gerne möchte, daß ich die bestatte.

„Sie machen so was doch!“

„Aber doch keine Tauben.“

„Tauben sind Mitgeschöpfe, an denen man nicht achtlos vorübergeht!“

„Wo haben Sie das Tier denn her?“

„Das lag da vorne am Zaun.“

„Sie können es hier bei mir in die Mülltonne werfen.“

„Um Himmels Willen! Das kann man doch nicht machen.“

„Und warum nicht?“

„Weil das ein wertvolles Mitgeschöpf ist, das unsere Aufmerksamkeit ebenso verdient hat, wie jedes andere Geschöpf auch.“

„Tja, und was haben Sie sich vorgestellt, was ich da machen soll?“

„Ja haben Sie denn nicht so kleine Särge?“

„Und dann?“

„Beerdigen, auf einem Tierfriedhof.“

„Und wer soll das bezahlen?“

„Keine Ahnung, ich jedenfalls nicht.“

„Ich auch nicht.“

„Das ist ja ein Ding!“

„Ja, nicht wahr?“

„Was soll ich denn jetzt machen?“

„In die Mülltonne werfen.“

„Mach ich aber nicht! Ich geh‘ jetzt auf die Polizei, mal sehen was die dazu sagen. Irgendwas müssen die ja machen.“

„Machen Sie das! Das ist eine sehr gute Idee!“

Mich würd‘ ja jetzt nur interessieren, was die Polizei zu Frau Möchtentrath sagt.

Fehler durch Lektorin Anya bereinigt.

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  • Veröffentlicht am: 22. Juni 2008
  • 26 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Allgemein

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!

Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

26 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. Lol, die werden die wahrscheinlich erstmal über Nacht einbehalten, damit sich sich ausnüchtern kann.

  2. Ih bäh! Da schüttelt es mich. Tauben nennt man nicht umsonst die Ratten der Lüfte, bei den ganzen Parasiten, die das Viech gehabt haben muss, juckt es mich schon beim Lesen.
    Hat die gute Dame denn keinen Garten, in dem sie das „Mitgeschöpf“ begraben kann?
    Ob die gute Frau dann auch Käfer begräbt? Und haut die dann auch keine Mücken tot, wenn diese sie stechen? Das sind ja alles Mitgeschöpfe. Und was ist mit den ganzen Bakterien, die in ihrem Verdauungssystem leben, das sind doch auch Mitgeschöpfe, wenn da mal einer stirbt, nicht auszudenken!

  3. ja, tom. du bist jetzt für die standesgemäße beseitigung sämtlicher toter viecher auf der straße zuständig. weil ICH bezahl das sicher nicht…

  4. Die sagt: „Geben Sie her, wir kümmern uns selbstverständlich darum“. Die gute Frau wird glücklich nach Hause gehen und der Polizist wirft die Taube in die Mülltonne ;-)

  5. Oh man , die Dame ist aber arg tief in ihre eigene Welt ab getaucht.

  6. Wenn es eine Polizei in Baden-Württemberg ist und die Geschichte 2-3 Jahre alt ist, weiss ich sehr genau, was darauf folgt. Die Taube kommt in einen grossen Sack mit anderen toten Flattertieren, die panisch überall die Geflügelpest vermutende Menschen abgegeben haben und wird gekühlt. Nach einigen Tagen wird der Sack an ein Amt geschickt, das für Tiergesundheit zuständig ist (z.B. das CVUA in S), wo die Tiere aufwändig untersucht werden. In der Regel stellt sich dann heraus, das sie irgendwo angeflogen sind, mit einem Luftgewehr abgeschossen oder durch Salmonellen dahingerafft wurden.

  7. Wenn der Polizeibeamte nur halbwegs mitdenkt, schickt er die Alte samt Taube wieder weg. Nimmt er den Vogel nämlich entgegen, kann er damit rechnen, dass die gute Frau ihm in der Folge täglich irgendwelche halbverwesten Kadaver anschleppt. Würg.

    @ Schaufeldebatte: Das kann ja wohl nicht ernst gemeint sein, dass ein Bestatter für solche Fälle Gratis-Schaufeln austeilt. Die Frau ist sichtlich so eingestellt, dass jeder außer sie selbst sich für das Wohl der Mitgeschöpfe zu kümmern habe. Die will keine Tierbestattung zahlen, wird sie wohl auch nicht selbst buddeln, sondern das vom Bestatter verlangen.

  8. Wenn du die nächsten Tage vermehr kontrolliert wirst weißt du, dass die gute Frau deutlich darauf hingewiesen hat, dass du sie zur Polizei geschickt hast. ;-)

  9. Naja, Mülltonne finde ich auch irgendwie würdelos. Ich weiß ja nicht, wo du wohnst Tom, aber du hättest der guten Frau ja ruhig eine Schaufel in die Hand drücken können, damit sie das Vieh kurz auf irgendeinem Acker/Wiese/Grünstreifen begraben kann.

  10. Ja, wenn Tom das machen würde, könnte er mal eben 200 Schaufeln auf Vorrat lagern, ebenso noch ein paar Dutzend kleine Leinensäcke für Tierleichen aller Art und kleine Grabkreuze…

  11. @Matze

    Dass jemand ein Tier bestattet haben will, wird ja wohl nicht alltäglich sein.
    Wozu also 200 Schaufeln in diesem einen konkreten Fall?

  12. Also je nachdem welch Übereifriger Frischbeamter das Tier annimmt, wird dort die Feuerwehr gerufen, denn die machen alles das was sonst keiner macht. Und je nach Feuerwehr, kommen die dann mit leichtem Bioschutzanzug, wie er auch bei Infektiösen Menschen getragen wird, tüten den Vogel ein, und stecken den dann in ein Sammelbehältnis, wo alle anderen gefundenen Toten Geflügel gesammelt werden, da sie ja die Vogelgrippe haben könnten, selbst wenn jeder noch so Blinde vollpfosten erkennen kann, dass die Tiere zu 95% am Pirelli Syndrom verstorben sind.

    ;-) Mach Dir doch aus Spaß nenn kleinen Katalog, da schreibst Du dann die Preise für Tierbestattungen rein, und ganz unten, entsorgung in Mülltonne: Kostenlos :)

  13. Vielleicht kommt ja der Auftrag über die Polizei wieder rein, wenn der Undertaker diese Woche für Polizeiaufträge zuständig ist und nun die Leiche auf dem Revier abholen darf. Dann ist auch die Frage der Kostenübernahme prinzipiell geklärt. :-)

    Leute gibts… Aber evtl. wäre es wirklich nicht verkehrt gewesen, ein würdiges Gesicht aufzusetzen, das Täubchen in Obhut zu nehmen und in Abwesenheit der Dame eigenhändig in der Tonne zu versenken. Womöglich wäre sie (die Dame, nicht die Taube) später mal mit dem Auftrag für den toten Opa oder so wiedergekommen. Jetzt marschiert sie garantiert zu Eichenlaubs, hehe.

  14. Was mich am Kommentarlesen immer nervt ist, dass es vielen Leuten scheinbar am Lese-Text-Verständnis mangelt.
    Wer hat denn von Gratis-Schaufeln gesprochen?

  15. Chaoshexchen Du bist mir zuvorgekommen. Manchmal kann etwas Opportunismus auch von Vorteil sein. Zumal die Dame ja auch schon älter ist. Vielleicht war das aber auch ein Bestattertest von ihr, bei dem Tom nun durchgefallen ist.

  16. Die Mülltonnenbestattung hat sie wahrscheinlich abgelehnt, weil sie ein Einzelgrab für die Taube wollte. Und nicht ein Gemeinschaftsgrab mit deinem halben Hähnchen vom Mittag…

  17. @Hoschi:

    Aber nicht doch. Die Überreste des halben Hähnchens werden standesgemäß im Blumentopf beerdigt, siehe [url=“http://www.bestatterweblog.de/archives/Olaf-hat-Hunger/498″]hier[/url] ;)

  18. So was Herzloses! Ich bin schockiert, empört und auch ein wenig traurig!

    Das Mindeste, was wir erwarten könnten, wäre ein Gemeinschaftsritual bei Vollmond, bei dem Tom mit Frau Maschendraht und einem bestellten Hohen Priester (Säufer bevorzugt) im wallenden Hemde um ein Lagerfeuer tanzt, dem er die Taube unter Abmurmeln esoterischer Verse feierlich übergibt. Wenn er dann die Geister aller verblichenen Mitgeschöpfe einzeln angerufen hat, hüpfen Tom und Frau Maschendraht unter lauten Ommm!-Rufen barfuß durch die versterbende Glut. OK, das mit der Glut lassen wir vielleicht, sonst muss ich Euch noch Brandsalbe schicken, und ICH bezahl die nicht! ;-)

  19. Das mit den Tierbestattungen ist nicht annähernd so einfach, wie sich das der Großteil der Kommentatoren hier auszumalten scheint.

    Ich glaub, das war ungefähr so:

    Kleine Tiere, bis Meerschwein/Kaninchen-größe dürfen im *eigenen* Garten begraben werden, sofern er nicht im Wasserschutzgebiet liegt.

    Sehr kleine Tiere dürfen auch ausnahmsweise in die Mülltonne, so richtig explizit erlaubt ist das imho aber auch nicht wirklich.

    Das Vergraben von Tieren am Waldrand oder sonstwo ist per Definition verboten.

    Grundsätzlich sollen Tierkadaver in die Tierkörperbeseitigung, die schön Geld kostet, oder eben zum Tierbestatter – der sicherlich preislich noch ein klein wenig drüber liegt, das Tier in 90% der Fälle sicherlich aber auch nur zur Tierkörperbeseitigung bringt…

  20. @ Ines, zur Ergänzung: Fische und Schnecken dürfen auch nicht per Rohrpost zum tiefsten Ort der Stadt entsorgt werden, wegen der Ratten.

  21. @IngoH: „Halb und halb“ gibt´s nicht nur als Hack, sondern auch als Bestattungsvariante.

    @Mac Kaber:
    Verdaut ist es allerdings erlaubt.

  22. „…auf ihre alten Tage der Esoterik zugewandt habe…“

    Ich finde deine Ansichten zum Thema Esoterik immer wieder lustig. Du scheinst immer nur auf die wirklich abgedrehten Leute zu treffen. Die ganz normalen, mit beiden Füßen auf der Erde stehenden Leute, die sich mit esoterischen Themen oder alternativen Heilweisen beschäftigen, fallen dir entweder nicht auf oder sie laufen dir nie über den Weg.

    Jedenfalls verstehe ich, warum du mein Berufsblog aus meiner Reikipraxis nicht in deine Blogroll aufnehmen wolltest :D

  23. Ich stell mir da irgendwie gerade gurrende Angehörige am Grab vor…

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