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Eingesperrt im Leichenkeller

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Ich habe Platzangst, schon immer. In zu engen Behältnissen fühle ich mich unwohl und es kann ohne weiteres sein, dass eine innere Panik in mir aufsteigt.

Ich bekomme das zum Beispiel, wenn ich auf Kurz- und Mittelstreckenflügen in engen stuhloptimierten Flugzeugröhren sitzen muss, oder in diesem unmöglichen Einpersonenaufzug bei Dr. Brommelkamp. Wo das herkommt? Aus dem Kindergarten. Als kleiner Junge war ich wohl mal frech und habe nicht auf das gehört, was die Kindergartenfräuleins mir gesagt haben. Obwohl, wenn ich mich recht erinnere, haben wir nicht Fräulein gesagt, sondern Tante. Meine Kindergärtnerin war Tante Anne. Und ich war in Tante Anne verliebt und fest davon überzeugt, sie eines Tages zu heiraten.

Tante Anne wollte dann aber nicht auf den Eintritt der Geschlechtsreife meinerseits warten und hat einen Konditor geheiratet, der mit einem steifen Bein aus dem Krieg heimgekommen war. Weshalb sie das Hinkebein mir vorgezogen hat, hat mich noch lange in tiefe Enttäuschung gestürzt und beschäftigt. Das ging erst wieder weg, als ich meine Grundschullehrerin Frau Böhm heiraten wollte, oder meine Mitschülerin Beatrix Wrubel, die hatte so schöne Locken.
Außerdem finde ich Namen mit einem x drin sehr schön. Es ist nur der Hartnäckigkeit meiner Frau zu verdanken, dass unsere Kinder nicht Taxi und Metaxas heißen, oder so.

Nun, jedenfalls muß ich also als Kindergartenkind ungehörig gewesen sein, denn Tante Anne lieferte mich an Frau Haridon aus. Frau Haridon war die Kindergartenleiterin, noch nicht so lange an diesem Kindergarten, uns Kindern fast noch unbekannt und galt als ziemlich streng. Unter uns Kindern kursierten die wildesten Gerüchte, was diese unnahbare Frau mit „bösen“ Kindern macht. An den Haaren ziehen, hauen, anschreien… Üblich war damals noch das Ohrenziehen. Das wurde vor allem in der Schule noch praktiziert. Die Lehrer griffen das Ohr des Kindes und zogen es am Ohr vom Sitzplatz hoch. Manch einer ist am Ohr, quer durch die Schule, bis zum Zimmer des Direktors gezogen worden. Frau Haridon hatte aber nichts dergleichen mit mir vor. Wortlos schob sie mich in die Zimmerecke und öffnete dann die danebenliegende Tür, sodass ich durch die aufgeklappte Tür in der engen Ecke eingesperrt war. Dann stellte sie ihren Stuhl davor, setzte sich darauf und las wohl in einem Buch. Ich bin hinter der Tür fast durchgedreht. Der Platz wurde immer enger, je mehr ich mich hineinsteigerte. Die Luft schien knapper zu werden und es war, als drückte mir jemand mit beiden Händen die Kehle zu. Ich weiß nicht, wie lange ich da eingepfercht war, mir kam es wie viele Stunden vor. Immerhin habe ich seitdem Platzangst. Ich glaube, so etwas nennt man spontan wirksame pädagogische Arbeit.

30 Jahre später stehe ich im Keller eines Krankenhauses und bin dort mit 40 Leichen eingesperrt.

Wie es dazu kam, kann ich rasch erzählen. Um in diesen Leichenkeller zu kommen und als Bestatter dort einen Leichnam abholen zu können, hätte man einmal um den ganzen Krankenhauskomplex herumlaufen und dann durch das ganze Krankenhaus bis in den Keller laufen müssen. Weil das zu umständlich war, hatten alle Bestatter einen Schlüssel für einen kleinen Lastenaufzug bekommen. Man fuhr also mit dem Leichenwagen an diesem Aufzug vor, dann schloss der Kollege den Aufzug auf. Der andere Kollege stieg ein und der erste Mann bediente dann oben neben der Aufzugtür die Knöpfe. Im Inneren hatte der Aufzug nämlich kein Bedienfeld. War dann ein Mann unten, trat dieser laut hörbar gegen die Blechtür des Aufzugs, das war das Zeichen für den zweiten Mann, nun selbst einzusteigen. Er wurde dann von dem Mann im Keller runtergefahren. Man suchte dann nach Auftragszettel die abzuholende Leiche, trug sich im Leichenabholbuch ein, und dann ging die ganze Prozedur des Aufzugfahrers in umgekehrter Reihenfolge erneut vor sich. Einer fuhr alleine hoch und schickte den Aufzug dann wieder runter. Der Mann unten schiebt dann die Trage mit dem Leichnam in den Aufzug und drückt den Knopf zum Hochfahren; er selbst muss unten bleiben, denn für ihn ist kein Platz mehr im Aufzug. Hat der Mann oben den Leichnam aus dem Lift geholt, fährt er den Aufzug wieder nach unten und holt den Helfer von unten hoch.

An diesem Tag war ich mit Willi dort. Kaum hatten wir unseren Verstorbenen gefunden und auf die Fahrtrage umgeladen, da hörten wir von oben ein aufgeregtes Hupen und Schreien. Willi beschloss, schon mal hochzufahren, um nach dem rechten zu schauen. Später erfuhr ich, dass ein ungeschickter Wäschefahrer sich hinter unserem Bestattungswagen beim Ausparken so unglücklich festgefahren hatte, dass er nicht mehr vor oder zurück konnte. Willi musste also wegfahren, einmal um den ganzen Komplex fahren und dann wieder vor dem Aufzug einparken.

Zuerst habe ich mir nichts dabei gedacht, als Willi mir den Aufzug nicht sofort wieder herunterschickte. Willi war ohnehin nicht mehr der Jüngste und auch nicht der Schnellste. Außerdem war er Raucher und ich wusste nur zu genau, dass er sich jetzt als Erstes eine Zigarette anstecken und dann erst wieder ans Arbeiten denken würde.
Doch auch nach fünf Minuten war vom typischen Rumpeln, Scheppern und Klappern des kleinen Lastenaufzugs noch nichts zu hören. Nun gut, ich konnte ihn ja vom Keller aus herbeiholen. Aber als ich den Knopf drückte, geschah gar nichts. Mir war sofort klar, dass Willi oben die Tür noch aufstehen hatte und der Aufzug deshalb nicht fuhr. Aber selbst wenn ich ihn hätte runterfahren können, wäre mir nicht geholfen gewesen. Ich hätte die Fahrtrage mit dem Leichnam hineinschieben und den Aufzug nach oben schicken können, wäre aber immer noch unten im Keller gefangen, bis mir jemand das verflixte Ding wieder runterschicken und mich hochfahren würde. Im Aufzug gab es ja, wie schon gesagt, keine Knöpfe.

Ich stand im vorderen Raum, in dem die Bestatter die Verstorbenen umsargen konnten. Der Raum hatte drei Türen. Eine davon war die Aufzugtür, eine andere führte irgendwo in die Katakomben des Krankenhauses und war abgeschlossen, und die dritte Tür war eigentlich gar keine. Das war mehr so ein Flattervorhang aus dicken, durchsichtigen Gummistreifen, die die Kälte im dahinter liegenden Leichenkeller halten sollten.

Als Novemberkind bin ich Kälte von Geburt an gewöhnt. Ich benötige keine Heizung und leide wie ein Tier, wenn die Allerliebste im Winter das Wohnzimmer mal wieder tropisch macht. Bei uns im Wohnzimmer hängen dann dicke Tropfen Kondenswasser an der Decke und man könnte zweimal im Jahr Auberginen ernten. Wie in einem Pflanzenschauhaus für tropische Pflanzen läuft Feuchtigkeit träge an den Fensterscheiben herunter und gleiches tut mein Schweiß, nur an meinem Körper.

Kälte macht mir also normalerweise nichts aus. Doch diese fiese Leichenkellerkälte, die begann langsam bis auf meine Knochen vorzudringen und mehrmals schon hatte ich einen Schauder, der mir gänsehautmachend über den Rücken gekrochen war. Außerdem roch es nach Chemie, kalten Toten und irgendwie nach Exkrementen. Normalerweise waren wir nur fünf bis zehn Minuten da unten, diesmal dauerte es aber bestimmt schon über 20 Minuten. Ich konnte ja nicht ahnen, dass Willi an der Schranke in einen heftigen Streit mit einem Taxifahrer geraten war, den dann der tumbe Hausmeister im herrschergewaltverleihenden grauen Kittel amtlich schlichten musste. Und da der Hausmeister den hiesigen Kurpfälzer Dialekt in voller Breite sprach, der Taxifahrer aus Sachsen kam und Willi aus Norddeutschland, ergaben sich einige Missverständnisse, deren Aufklärung eben ihre Zeit in Anspruch nahm.

Währenddessen malte ich mir aus, wie es wohl wäre, würde man mich Jahre später skelettiert da unten finden.

Zu allem Unglück begann auch noch eine der Leuchtstoffröhren in dem kleinen Raum einen epileptischen Anfall zu bekommen. Sie flackerte eine stroboskopische Lichtkakophonie in den Raum und mit einem lauten Knall verabschiedete sich ihre bis dahin einwandfrei illuminierende Schwester nebenan.
Im Leichenkeller selbst war das Licht an einen Bewegungsmelder angeschlossen. Ich musste dort also zwangsläufig auf und ab gehen, damit das Licht anblieb.

Man kann sich gar nicht vorstellen, was einem das Gehirn in solchen Momenten für Streiche spielt. Von irgendwoher bildete ich mir ein, orientalische Musik zu hören und ich war mir auch nicht mehr ganz sicher, ob sich die eine oder andere Leiche unter ihrem Tuch nicht doch ein bisschen bewegt hatte.
Natürlich wusste mein Gehirn, dass diese Bewegungen nur ein leichtes Wehen der Bettlaken vom Kühlventilator waren, aber es entschied sich, Angst zu haben.

Ich, fast zwei Meter groß, an die zwei Zentner schwer, militärisch ausgebildet, mit dicken Oberarmen vom Särgeschleppen, ich hatte tatsächlich Angst, die recht schnell in eine Art unkontrollierbare Panik umschlug. Da war es wieder das Gefühl, als ob mir jemand den Hals zudrückt, als ob die Luft immer knapper werden würde und als ob der Raum immer enger würde.
Da kannst Du mit dem Fuß aufstampfen, da kannst Du an Deine Ratio appellieren, soviel Du willst, da hilft alles nix.

Ich ging vom Leichenkeller in den kleinen Flackerraum zurück, als mich von hinten jemand anfasste.

Ich fuhr herum und in der immer abgeschlossenen Tür stand ein kleiner, dunkelhaariger Mann, der Walkmann-Kopfhörer um den Hals hängen hatte, aus denen orientalische Musik klang. „Was Du mache‘? Hier nix für Leute!“, sagte er und wollte mich mit seinem Schrubber aus dem Raum schieben. Das musste er aber gar nicht. In mir steckt ja, das sagt meine Frau auch immer, genetisch gesehen auch ein bisschen ein Windhund…. So schnell sah man mich danach nie wieder laufen. Durch den Kellergang, bis zur Treppe, die Stufen hoch und in die Eingangshalle des Krankenhauses.

„Sind Sie Patient oder Besucher?“, fragte mich eine Nonne: „Sie sind ja ganz aufgelöst!“


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Hier veröffentlicht der Publizist Peter Wilhelm Informationen und Geschichten rund um den Bestatterberuf.
Mehr über den an Allerheiligen geborenen Autor finden Sie u.a. hier und hier.
Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Texte rein zur Unterhaltung. Keine Rechts-, Steuer- oder Medizinberatung!


    



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Peter Wilhelm 17. Februar 2022

14 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Eine herrliche gute Nacht Geschichte, hoffentlich habe ich mir durchs Lesen jetzt keine Alpträume eingehandelt. Wenn ich lese bin ich immer, oder zumindest meistens direkt dabei und deshalb ist mir gerade kalt, obwohl es hier mehr, oder eher weniger warm ist.

    Au man, im Keller liegen Leichen kalt, ich leg‘ mich hin zur Nacht nun bald und hoff‘ ich träum was Schönes halt. 😉 😉

  2. Eine sehr schöne Geschichte, Danke dafür. 🙂

    Für das Protokoll … es nennt sich Raumangst, nicht Platzangst. 😉

    • Oder auch Klaustrophobie. Ein Freund von mir hat das. Betritt keinen Aufzug. Problem: Wenn ich so ab vier Stockwerken sage, „Ich fahr‘ dann schon mal vor“, findet er das unfair. Auf einen Kirchturm (gleichzeitig Aussichtsturm) brachte ich ihn auch nicht rauf. Die Treppe war zu schmal. Oder es lockte die nächste Kneipe. In Tschechien gibt’s ja bekanntlich gutes Bier.

  3. Kann ich nachvollziehen. Würde mir genau so gehen. Bei meinem letzten Besuch vor vielen Jahren auf dem Völkerschlachtdenkmal in Leipzig musste ich umkehren, weil es oben sehr eng wird. Fahre auch nie freiwillig mit dem Fahrstuhl, laufe lieber viele Treppen hoch.

    • 100 %iger Treffer.
      Als ich in Leipzig zu einer Buchlesung eingeladen war, durften wir am nächsten Tag noch in Begleitung die Stadt besichtigen. U.a. führte uns der Weg zum Völkerschlachtdenkmal.
      Wir kaufen uns alle Eintrittskarten und fahren hoch. Oben sehe ich die schmale Empore und wie sich die Menschen da drängen, und schon war ich wieder im Aufzug und bin runtergefahren.

      Habe dann die Zeit im Museumsshop zugebracht.

      • Oje. Nun, meine Partnerin bekam Zustände, weil sie dachte, sie bleibe stecken. Und ich konnte gar nicht, weil krank. Aber da wäre mir zwar wohl nicht eng, aber schwindlig geworden. Höhe udn gedrängel kann ich gar nicht ab.

      • Kennst du zufällig den „Aufzug“ im Stephansdom zu Wien, mit dem man hoch zur „Pummerin“ fahren kann? Ein runder Alptraum mit kackbrauner Kunstlederverbrämung innen – und gerne nach dem Motto „ja, kommen’S nur herein, das passt schon noch“…

        • Ich war erst einmal in Wien und fand es wunderbar. Aber den Stephansdom habe ich nur von außen gesehen.

          Früher einmal ging es mir nicht so, wie im Artikel beschrieben. Ich bin überall reingekrochen und kein Turm war mir hoch genug. Die Raumangst kam nur ganz selten auf.

          Ich habe das damals höchste Gebäude der Welt, den CN-Tower in Toronto besucht. Ein schöner großer Aufzug fährt die Leute nach oben. Wundervolle Aussicht!
          Aber man kann noch etwas draufzahlen und mit einem wesentlich kleineren Aufzug noch ein Stück höher in die Turmkugel hochfahren. Dort gibt es Stellen, wo einen nur stabiler Maschendraht oder ein Maschengitter von der Außenwelt trennt. Ein Nervenkitzel ohne Gleichen.

          Heute wird es mir schon schwindelig, wenn ich auf einen Stuhl steige.

          Es gibt da aber einen Zusammenhang mit dem Alter. Im Innenohr befindet sich das Gleichgewichtsorgan. Feine Sinneshärchen in Flüssigkeit stellen fest, in welcher Lage wir uns befinden. Dort gibt es auch „Steinchen“, die dabei mithelfen. Aber dort bilden sich vorwiegend bei Männern ab dem 40. Lebensjahr kristalline Strukturen, die den Gleichgewichtssinn stören können, bis hin zu anfallsartigen Ausfällen.

  4. Schön zu sehen dass es noch mehr so „Schisser“ gibt!

    Das soll ein Späßle sein!
    Mir kommt leider viel bekannt vor!

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