Geschichten

Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil

Susanne! Ach Mensch, was war ich damals verliebt in Susanne! Damals datete man sich noch nicht, sondern man ging miteinander, und One-Night-Stands gab es bei uns auch noch nicht, man tastete sich im wahrsten Sinne des Wortes heran.

Das schöne Mädchen hatte ich zu einer recht ungünstigen Zeit kennengelernt. Ich blubberte noch etwas unentschieden in der Berufsfindung herum, während sie schon eine Festanstellung bei einer Krankenkasse hatte. Außerdem machte sich der unterschiedliche Entwicklungs- und Vernunftzustand zwischen Jungen und Mädchen ziemlich bemerkbar. Mit anderen Worten: Ich war noch zu unreif für sie, und deshalb ging die Beziehung auch nach nur drei oder vier Monaten in die Brüche.

Ich habe dann mal gehört, Susanne sei mit einem griechischen Olivenbauern in seine Heimat gezogen, aber das stimmte nicht. Viel später erfuhr ich nämlich, dass sie den Sohn eines bekannten Autohändlers in unserer Stadt geheiratet hatte und in sehr guten Verhältnissen lebte.

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Und genau dieser Sohn stand eines Tages bei mir im Bestattungshaus, um seinen Vater, den Chef des Autohandels Oberländer, bestatten zu lassen. Ob er von meiner ehemaligen, kurzen Beziehung zu seiner heutigen Frau wusste, weiß ich nicht. Sein Verhalten könnte aber darauf schließen lassen, dass er es wohl wusste, und mir deshalb durch großspuriges Auftreten eins auswischen wollte.

„Bitte seien Sie nicht albern! Dieses ständige Erwähnen der Preise ist lästig und stellt uns in eine Reihe mit den Leuten, die sich eine anständige Beerdigung nicht leisten können.“

„Ich möchte nur, dass alles transparent ist und es hinterher für niemanden eine böse Überraschung gibt.“

„Mein Großvater hat 1948 ganz von vorne angefangen. Erst nur Fahrräder verkauft und Nähmaschinen repariert, und dann in den Wirtschaftswunderjahren mit dem Handel von Mopeds angefangen. Mein Vater hat das Unternehmen dann mit Autos groß gemacht und heute haben wir das größte Autohaus in der Region. Meinen Sie wirklich, ich müsste auf den Cent schauen?“

„Na gut, dann suchen Sie bitte weiter aus, was Sie haben möchten. Wir haben jetzt schon einiges ausgewählt, jetzt fehlt noch der Sarg.“

„Was haben Sie denn da im Angebot? Das, was hier steht, kommt alles nicht infrage. Das ist mir alles zu schmalbrüstig. Ich möchte etwas Größeres, mehr so wuchtig und vor allem dunkel.“

Ich schrieb schon mal über den Adenauer-Sarg. Jenes pompöse, üppig geschnitzte Teil aus dunkler Eiche, aus dem man heutzutage 24 moderne Wohnwände zimmern könnte. Den hat man als Bestatter nicht unbedingt zum Verkaufen, sondern zum Vorzeigen. Mit 12.000 Euro ist er absichtlich so hoch bepreist, dass ihn kein Normalsterblicher haben will. Statt Griffen hat der Sarg zwei lange Tragestangen aus Messing. Die Sargfüße sind im Stil von dicken Löwenpranken gestaltet, und die beiden Seiten ziert eine üppige Schnitzung des letzten Abendmahls von Leonardo da Vinci. Weshalb der Sargdesigner beschlossen hat, auf dem Deckel den Kölner Dom einzumeißeln, und das fast in Originalgröße, weiß kein Mensch.

Ich nehme an, da wollte die Sargfabrik einfach zeigen, was sie alles kann. Mein Fahrdienstleiter Manni hatte aber schon vor Jahren angekündigt, den doppelten Lohn für sich und seine Männer zu verlangen, wenn es um das Tragen dieses Geschosses gehen würde. Ursprünglich hatte mein Pietätwarenhändler mal 4.000 Euro dafür haben wollen, ich hatte aber beobachtet, dass der Preis im Verlaufe der Zeit immer weiter sank, weil ihn einfach keiner haben wollte. Als der Prügel nur noch 1.999 Euro kostete, habe ich ihn gekauft.

Herr Oberländer steht wenig später mit mir im Lager, wo Manni die Staubschutzdecke vom ausgelagerten Adenauer zieht.

Der Autohändler ist begeistert. „Ich wusste, dass ich mich auf Sie verlassen kann. Das ist genau das, was für meinen Vater angemessen ist. 1948 hat der Opa ja ganz klein angefangen und gefundene Nägel wieder geradegekloppt. Mein Vater hat dann die Autovertretung hinzugenommen, und heute haben wir das größte Autohaus in der Region.“

„Ich weiß, ich habe vor 12 Jahren bei Ihrem Vater mal einen Gebrauchten gekauft.“

„Wenn Sie wieder mal ein Auto benötigen, kommen Sie einfach vorbei, ich mach dann was am Preis für Sie.“

Ich bin gewillt, Herrn Oberländer natürlich nicht den vollen Preis zu berechnen. Das immer noch am Sarg hängende Preisschild diente ja, wie gesagt, eher zur Abschreckung. Aber dann meinte er: „Wissen Sie, unsereins hat ja gewisse Ansprüche. Leute, wie Sie werden das nicht verstehen, aber wenn man erst einmal in der ersten Klasse des Lebens angekommen ist, will man ungern wieder Holzklasse fahren.“

Der Autohausbesitzer wendet sich Manni zu, der die Staubschutzdecke wieder über den Sarg zieht. „Hier, mein Guter“, sagt er mit gönnerhaftem Unterton, und drückt Manni einen 20-Euro-Schein in die Hand: „Sie sehen aus, als ob Sie auch mal eine warme Mahlzeit vertragen könnten.“

Danach drückt mir der Mittvierziger seine Visitenkarte in die Hand. Eine schwarze Lackvisitenkarte mit goldener Schreibschrift. Mein erster Gedanke ist, dass das besser zum Betreiber einer Stripteasebar passen würde. Zu einer Bar hätte auch die fette, goldene und mit unzähligen Brillianten verzierte Rolex an seinem Handgelenk gepasst. Das Gold sieht etwas zu hellgelb aus, denke ich gerade, da sagt der Fatzke: „Aber, Sie wissen ja, mein Großvater hat 1948 das Autohaus Oberländer gegründet, mein Vater hat es groß gemacht, und wir stammen aus ganz kleinen Verhältnissen. Ich habe mir immer ein Herz für die Schwachen der Gesellschaft bewahrt. Wenn Sie auch mal reinschnuppern möchten, genügt ein Wort, dann stelle ich Ihnen einen Lamborghini vor die Tür. Oder wollen Sie lieber einen Bentley? Sie müssen es nur sagen, dann dürfen Sie gerne mal ein Stündchen damit herumfahren.“

Das ist der Moment, an dem ich beschließe, dass der Pinsel mir den vollen Preis für den Adenauer bezahlen muss.

Ich sage zu ihm: „Herr Oberländer, wie soll denn die Trauerfeier organisiert werden…“

„Da müssen Sie sich um nichts kümmern, das macht alles Kenny.“

„Und wer bitte ist Kenny?“

„Sie kennen Kenny nicht?“

„Nicht, dass ich wüsste.“

„Kenny ist Coiffeur.“

„Ein Friseur? Und was soll der bei der Bestattung machen, den Toten frisieren?“

„Na, das müssten Sie dann schon übernehmen. Nein, Kenny ist in der Szene gut vernetzt und betätigt sich auch als Hochzeitsplaner.“

„Und Sie meinen, ein Hochzeitsplaner könne auch die Organisation einer Trauerfeier übernehmen?“

„Der hat die Konfirmation von Professor Weißglücks Tochter organisiert, ein Fest, von dem noch heute im ganzen Golf-Club gesprochen wird.“

„Aha.“

„Und die Abschiednahme von den Behringers.“

„Also hat er bei den Behringers schon mal eine Trauerfeier organisiert?“

„Nein, die sind auf Kreuzfahrt gegangen.“

„Eine Trauerfeier ist etwas ganz Spezielles, da muss man viele Dinge berücksichtigen, die dem Normalbürger verborgen bleiben und an die man üblicherweise gar nicht denkt. Was halten Sie davon, wenn wir das übernehmen, und Ihren Kenny mit einbeziehen?“

„Kommt gar nicht infrage! Kenny macht das, Punkt.“

Er hält mir sein Smartphone vor die Nase und ich schaue ihn fragend an. Dann klärt mich der Mann auf, dass er ‚bumpen‘ möchte. Man müsse nur die Handys aneinanderdrücken und schon wären Kennys Kontaktdaten auf meinem Telefon angekommen. Er bumpt, aber das klappt nicht.

Er schaut abschätzig auf mein iPhone und winkt ab. „Na ja, Ihr Ding wird das nicht können. Da wird Ihnen so ein Auftrag wie der von mir ja wirtschaftlich guttun. Vielleicht denken Sie ja über die Anschaffung eines zeitgemäßen Handys nach, das können Sie sich dann ja locker leisten.“

Die Luft anhaltend, um ihm nicht vor die Füße zu kotzen, sage ich so beherrscht wie es geht: „Ich könnte mir das doch eben aufschreiben“.

„Wie wollen Sie das denn machen, der hat über zwölf Social-Media-Kanäle und zig Adressen und so.“

Ich sage ihm, dass ich mir das später noch aufschreiben werde.
Er fragt: „Fühlen Sie sich der Sache gewachsen?“

Ich schaue ihn fragend an und er meint: „Da kommen bestimmt 400 Trauergäste. Sie müssen da schon das ganz große Besteck auspacken. Stühle am Grab, Baldachine, damit niemand in der prallen Sonne sitzt, kleines Catering neben der Trauerhalle und natürlich Musik vom Feinsten, aber alles live, ist ja klar.“

„Nun, wir kriegen das schon hin. Es ist nicht das erste Mal, dass wir eine größere Trauerfeier organisieren. Ich frage mich aber, ob Ihr Kenny das hinkriegt.“

„Sehen Sie, und deshalb macht der Kenny das. Der kann groß, wo andere nur klein können. Ich verstehe ja, dass ein Kleingewerbe, wie Ihres, sich in erster Linie an den Normalbürger wendet und dass Sie den Umgang mit den oberen Zehntausend nicht so gewöhnt sind.“

So langsam erwacht in mir der unbändige Drang, dem gelackten Typen einfach ein paar in die Fresse zu hauen.
Ich meine, ich gönne dem doch seinen Wohlstand, und ich gönne ihm seine Mitgliedschaften in exklusiven Clubs und Vereinen, ich gönne ihm einfach alles. Ich will das, was er hat, gar nicht haben. Außer vielleicht Susanne. Es ist nunmal so, dass die Menschen unterschiedlich viel Geld zur Verfügung haben. Schlimm finde ich es, wenn das Geld nicht reicht. Da muss ich immer helfen, ich kann nicht anders. Dieses Ende der Einkommensskala macht mir immer schon mehr Kopfzerbrechen, als das obere.
Aber, wenn es einem doch finanziell gut geht, und man sich allerlei, meinetwegen auch Unnötiges leisten kann, dann muss man das doch nicht permanent so penetrant an die große Glocke hängen und alle anderen quasi als schmutzigen Pöbel hinstellen.

Als wir oben durch die Halle gehen, um ins Kaminzimmer zu gelangen, läuft uns Sandy über den Weg und grüßt höflich. Sie nimmt nicht weiter Notiz von Herrn Oberländer. Das passt ihm nicht, weshalb er einen hohen Pfiff zwischen den Zähnen ausstößt und „O lala!“ ruft. Dann schnalzt er ein paar Mal mit der Zunge und dreht sich in übertriebener Manier nach der jungen Frau um.
Ganz unvermittelt klatscht er mir mit der flachen Hand auf den Rücken, grinst und raunt mir zu: „Da geht doch was! Die steht auf mich! Das spür ich sofort. Was ’ne scharfe Wanze! Und so was hier in einem Bestattungsinstitut. Wo haben Sie die bisher versteckt, Mann? Meine Güte, so ein geiles Teil würde den Beifahrersitz meines Bugatti schmücken, wie nichts sonst. Seien Sie ehrlich, da geht was, oder? Knick knack, Sie verstehen?“ Er lacht meckernd. Vor lauter Begeisterung haben sich weiße Speichelflocken in seinen Mundwinkeln gebildet.

Es geht nicht anders, ich muss etwas zu ihm sagen. „Herr Oberländer, wir sind hier beisammen, um die Trauerfeierlichkeiten für Ihren werten Herrn Vater zu besprechen. Da finde ich Ihr Verhalten gelinde gesagt mehr als unangemessen. Ich möchte Sie bitten, sich zurückzuhalten, und sich ausschließlich auf das Geschäftliche zu konzentrieren.“

Ist mir egal, ob der jetzt beleidigt ist. Aber das ist er gar nicht. Er lacht nur und lässt sich im Kaminzimmer in den großen Chesterfield-Sessel fallen. „Ich versteh‘ schon, da wollen Sie sich die Butter nicht vom Brot nehmen lassen. Is‘ ja schon gut.“

Ich gehe mit ihm die restlichen Unterlagen durch und tue das, was ich immer tue: Ich rechne ihm auf den Cent genau aus, was er bis jetzt an Kosten verursacht hat. Es ist in erster Linie der Sarg, der da reinhaut, aber auch das riesige Familiengrab, das er für die ganze Oberländer-Sippe haben will, und die drei ebenfalls riesigen Zeitungsanzeigen sorgen dafür, dass über 20.000 Euro auf dem Zettel stehen. Und da hat Kenny der Coiffeur noch gar nicht mit seinem Wirken begonnen.

„Lassen Sie mal stecken, ich brauche keinen Kostenvoranschlag. Damit befasse ich mich nicht. Für diese Sachen ist im Hause Oberländer die Frau Sommer zuständig, die macht die Buchhaltung und alles Finanzielle. Wenn Sie Geld brauchen, gehen Sie einfach zu Frau Sommer, Geld spielt überhaupt keine Rolle.“

Antonia steckt den Kopf zur Tür herein und fragt, ob wir Kaffee und Gebäck haben möchten. Ich nicke ihr zu, Herr Oberländer schnippt mit den Fingern: „Für mich bitte mit einem Schuss von was Gutem.“

Wir haben aber nichts Gutes. Ich trinke ja keinen Alkohol und das einzige Hochprozentige, das es im ganzen Haus gibt, ist der Pinselreiniger im Abstellraum. Ich wünsche mir insgeheim, Antonia würde dem Lackaffen einen ordentlichen Schluck davon in seine Tasse tun.

Als Antonia dann ein Tablett hereinbringt, lehnt sich Oberländer grinsend in seinem Sessel zurück. Schweigend schaut er zu, wie meine pummelige Angestellte die Tassen und den Rest vor uns aufbaut.
Ich habe schon viel über Antonia geschrieben. Sie ist übergewichtig, steckt sich unentwegt Essbares in den Mund, sie ist tollpatschig, oft begriffsstutzig, und sie gab schon viele Anlässe für Geschichten in diesem Weblog. Sieht man von den Geschichten ab, in denen ich ihr aus literarischen Gründen auch Tollpatschigkeiten völlig anderer Personen zugeschrieben habe, bleibt es aber unterm Strich dabei: Sie ist manchmal ein Trampeltier. Und dennoch: Sie ist mir von allen die allerliebste Mitarbeiterin. Loyal, ehrlich, fleißig und hochkompetent. Ein Blick in ihre großen Kuhaugen und ein Lächeln von ihr, und es geht mir gut.

Umso mehr trifft es mich, als Oberländer, nachdem Antonia glücklicherweise schon wieder draußen ist, sagt: „Da haben Sie aber eine gute Tat vollbracht, so einem Besen eine Chance auf dem Arbeitsmarkt zu geben. Aber es muss ja auch Arbeit für die Unästhetischen und Behinderten geben.“

„Jetzt machen Sie aber mal einen Punkt, Herr Oberländer! Was fällt Ihnen eigentlich ein, so über meine Mitarbeiter zu sprechen. Was erlauben Sie sich?! Sie sondern hier eine Unverschämtheit nach der anderen ab…“

„Immer ruhig mit den jungen Fischen! Ich misch mich nicht in Ihre Sachen ein. Sie werden schon wissen, was richtig ist. Meine Güte, jetzt haben Sie sich mal nicht so! Ich bin halt ein Lustiger. Man darf den Humor nicht verlieren, schon gar nicht in meinem Geschäft. Autos verkaufen sich nicht, wenn man ein bräsiges Gesicht macht. Nein, da gehört Humor dazu … und gesellschaftliche Verbindungen.“

Während ich ihn angepfiffen hatte, hatte ich unwillkürlich die Auftragsunterlagen von mir weggeschoben. Ich war bereit, ihm den ganzen Auftrag vor die Füße zu werfen. Auf den Verdienst kann ich verzichten. Soll er doch woanders hingehen!
Aber er zückt seinen Kuli und unterschreibt schwungvoll und viel zu groß den Auftrag. „Ich sehe, wir verstehen uns, wir sind aus demselben Holz geschmiedet.“ Er lacht meckernd und laut, bis er husten muss.

Ich begleite ihn zur Tür und auf dem Weg reiche ich Frau Büser die Unterlagen über den kleinen Tresen. Oberländer nickt ihr nur kurz zu und draußen vor der Tür dreht er sich zu mir um. „Eine Verwandte von Ihnen?“

„Wer?“

„Na, die Alte da vorne im Büro. Der sieht man ja schon ihre Demenz auf hundert Meter an. Die Augen so, wissen Sie, so das blöde Gucken, wenn die Augen so eng stehen. Ich kenn‘ mich da aus, wir haben mal einen Praktikanten gehabt, der ein Mongo war.“

Man kann sich nicht vorstellen, wie knapp der Blödmann einer Situation entgangen ist, in der ich meine Beherrschung verliere. Aber er geht schnell die Stufen hinunter, winkt über die Schulter, ruft: „Cheerio!“ und ist um die Ecke verschwunden.

Kenny taucht schon am nächsten Tag bei uns im Bestattungshaus auf. Ich könnte jetzt ewig lang über einen schwulen Friseur und seine ebenso überdrehten, wie laienhaften Vorstellungen von der Organisation einer Trauerfeier berichten. Aber das, was Kenny da für eine Vorstellung abgeliefert hat, entspricht bis ins kleinste Detail dermaßen allen Klischees, dass mir das keiner abnehmen würde.
Ehrlich!

Sagen wir es mal so: Der junge Mann mag vielleicht Hochzeiten organisieren können, was ja heute ein riesiges und viel zu teures Unterfangen geworden ist. Hätte ich ihn aber bei dieser Trauerfeier gewähren lassen, wäre es zu einem Fiasko gekommen. Es ist ausgerechnet Antonia, die den Coiffeur supernett findet, was er im Grunde auch wirklich ist, und die sich mit ihm hinsetzt, um alles in trockene Tücher zu bringen, wie man so sagt.
Ich weiß nicht mehr genau, aber ich glaube, Antonia hatte schon mal was von Kenny und seinen Friseurkünsten gehört und fand ihn ganz toll.

Auf jeden Fall wickelten wir, dank Antonias Hilfe, gemeinsam mit Kenny tatsächlich eine der größten Beerdigungen der letzten Jahre ab. Der alte Oberländer war beliebt gewesen, großzügig und allgemein bekannt. Die 150 Plätze in der Friedhofshalle waren bis auf den letzten Platz gefüllt und draußen standen wenigstens nochmal 200 Personen.
Alles war, wie der Großkotz-Oberländer-Sohn sich das gewünscht hatte: Stühle, Baldachine, künstlicher Rasen, Streublumen und Live-Musik. Nach der Zeremonie gab es am Grab noch Sekt und Canapés.

Kenny steht zwei Tage nach der Feier bei mir im Büro und möchte wissen, ob er seine Rechnung an uns oder direkt an Herrn Oberländer schicken soll.

Nun ist das ja so, dass wir generell anbieten, alles zu bündeln. Das heißt, wir gehen nicht nur für unsere Waren und Dienstleistungen in Vorleistung, sondern übernehmen auch die Zeitungsanzeige, die Blumendekoration, bis hin zu den städtischen Friedhofs- und Grabkosten und sogar dem Grabstein.

Der Kunde bekommt dann nicht ein Dutzend Rechnungen, sondern nur eine. Vor allem ältere Menschen schätzen das, und sie fühlen sich auch gut aufgehoben, weil die Gefahr, betrügerische Rechnungen zu bekommen, abgemildert wird.
Aber in diesem Fall war mir das einfach zu teuer. Überall hatte ich als Rechnungsempfänger Herrn Oberländer angegeben. Wenn dem irgendwas nicht in den Kram passt, und der deshalb dann mit der Bezahlung der Rechnung herumzickt, will ich nicht auf zigtausend Euro Fremdkosten sitzenbleiben.

Ich frage Kenny, wie hoch denn seine Rechnung sein wird. Er winkt ab. „Das geht noch, ich hab‘ mit viel mehr gerechnet. So an die 33.000 Euro.“

Ich frage mich bis heute, wie diese Summe zustande gekommen ist. Sind es die gemieteten, schwarzen Limousinen gewesen? War es die Bewirtung der Trauergäste im Golfclub?
Ich hätte zu gerne Kennys Rechnung gesehen.

Wenn ich so grob überschlage, hat Oberländer für die Beerdigung seines Vaters mit Sicherheit über 60.000 Euro hingelegt.
Ich komme mir nach diesen Überlegungen auch nicht mehr schäbig vor, für den „Adenauer“ den vollen Preis berechnet zu haben.

Nun sind es zwei Paar Schuhe, eine hohe Rechnung geschrieben und sein Geld dann auch erhalten zu haben.

Wir schicken die Rechnung meist so 14 Tage nach der Beerdigung raus. Wir hatten mal sechs Wochen abgewartet, das hat sich aber nicht bewährt. Denn dann hatten die Leute oft das Geld von der Rentenvorauszahlung und der Lebens- oder Sterbegeldversicherung einfach schon ausgegeben. Die Stadtverwaltung schickt ja ihre Rechnung so zeitig ab, dass die Witwe oft von der Beerdigung ihres Mannes nach Hause kommt, und die Rechnung dann schon im Briefkasten vorfindet.

Wann unsere Rechnung an Herrn Oberländer gegangen ist, weiß ich nicht mehr genau. Aber es sollten die üblichen 14 Tage gewesen sein.
Am Ende des Monats schaue ich mir im Rechner die offenen Posten an. Die Rechnung von Oberländer ist auch nach über einem Monat noch nicht beglichen.
Was macht man? Normalerweise schreiben Unternehmen dann diese Scheißbriefe, in denen es immer heißt: „Sicherlich ist es Ihrer Aufmerksamkeit entgangen…“
Nein! Da ist nichts der Aufmerksamkeit entgangen. Ich behaupte, dass es nur bei einem Bruchteil der nicht bezahlten Rechnungen wirklich daran liegt, dass jemand irgendwas vergessen hat.
Die Wahrheit ist doch, dass es einem in den meisten Fällen schade um das viele Geld ist, oder man die Kohle einfach nicht hat.

Im letzteren Fall, der mir viel lieber ist, genügt doch ein klärender Satz: „Ich hab mich übernommen. Ich hab nicht mit so viel gerechnet. Ich kann das nicht bezahlen. Ich weiß nicht, wo ich es hernehmen soll.“

Dann bieten wir Lösungen an: Ratenzahlung und, und, und…

Wir haben gute Erfahrungen damit gemacht, dass Frau Büser, unsere erste Dame im Büro, dann mal bei den Leuten anruft. So ein Anruf, bei dem man sich irgendwie erklären muss, ist ja unter Umständen viel unangenehmer als ein Brief, den man einfach auf einen Stapel legen kann. Ihr könnt mir glauben, Frau Büser hat da ein ungeheuer gutes Gespür. Von der rabiaten Eintreiberin bis zur lieben Tante, die jedem helfen möchte, hat sie alles drauf. Ihre Erfolgsquote liegt bei über 90 %.
Das heißt: In den Fällen, in denen sie telefoniert hat, gehen die offenen Beträge in den nächsten Tagen zu 90 % ein. Wir müssen da dann auch keine Mahnung mehr verschicken.

Anders ist das im Fall Oberländer.
Bei sechs oder sieben Anrufen wurde Frau Büser abgewimmelt, oder wie sie es zu nennen pflegt: Weggewimmelt.
Zwei Mahnschreiben blieben unbeantwortet, davon das letzte mit Fristsetzung. Der nächste Schritt wäre gewesen, dass die Akte zu Ullrich & Ullrich, unseren Anwälten, geht.

Aber ich bin sowieso in der Nähe und deshalb fahre ich beim Autohaus Oberländer einfach mal vorbei.
Wobei das gelogen ist. Ich bin gar nicht wirklich in der Nähe, sondern in der Nähe des Autohauses gibt es eine Filiale eines bekannten amerikanischen Fast-Food-Restaurants, dessen Produkte ich gerne mag. Also erst zum Autoschalter, dann auf dem Parkplatz etwas Sauerei im Auto machen, und dann zu Oberländer.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, als der Autohandel Oberländer aus einer Autowerkstatt mit davorliegendem Schotterplatz bestand. Bunte Fähnchengirlanden und mit weißer Farbe auf die Windschutzscheiben geschriebene Preise.
Heute präsentiert sich das Unternehmen, das mehrere Filialen in der ganzen Region hat, an seinem Hauptsitz in einem Palast aus Glas und Stahl.
Direkt im Eingangsbereich, vor einem Cabrio auf einer Drehscheibe hat man das Portrait des verstorbenen alten Oberländer aufgestellt. Es ist das Bild, das wir bei der Trauerfeier neben dem Sarg platziert hatten. Aus goldenen Klebebuchstaben hat man „IN MEMMORIUM“ (sic!) an den unteren Rand geschrieben.
Es riecht nach Reifengummi, Leder und ein bisschen nach Benzin. Ich entdecke Herrn Oberländer am anderen Ende des riesigen Verkaufsraums. Er steht mit einer jungen Autoverkäuferin einem Ehepaar in mittleren Jahren gegenüber und erklärt wohl gerade die Vorzüge eines unglaublich großen SUVs. Aus meiner Warte kann ich sehen, dass er seine rechte Hand auf den Hintern seiner Mitarbeiterin gelegt hat. Als er mich entdeckt, zieht er die Hand sofort weg und tut dann so, als habe er mich nicht gesehen.

Gleich zwei Verkäufer haben mich entdeckt und bewegen sich auf mich zu. Ein älterer mit Ölhaaren macht das Rennen, bleibt kurz vor mir stehen und begrüßt mich mit den Worten: „Da haben Sie sich ganz was Feines rausgesucht, den gibt es jetzt mit gratis Winterreifen im Angebot.“ Dabei klopft er mit der flachen Hand auf die Motorhaube eines englischen Roadsters, neben dem ich zufällig stehe.
Erstens würde ich dieses Fahrzeug ohne medizinisch-orthopädische Hilfe nicht entern oder gar verlassen können, und zweitens frage ich mich, wofür ein offenes Auto ohne Verdeck Winterreifen benötigt.

„Nein, ich bin gekommen, um mit Herrn Oberländer über etwas Geschäftliches zu sprechen.“

„Oh, der ist in einem Kundengespräch. Das kann dauern.“ Und mit gesenkter Stimme fügt der Ölhaarige hinzu: „Das ist Bully Pomerensky, Sie verstehen?“

Ich habe nicht die geringste Ahnung, wer Bully Pomerensky ist, aber der Verkäufer erklärt ungefragt: „Der aus der Serie, vom Fernsehen, der mit der Frau. Der war auch schon in Barbara Salesch.“

Kopfkino!
Ich möchte wirklich nicht wissen, wer schon alles in Barb….
Lassen wir das.

„Um was geht es denn?“, fragt er nach.

„Ach, es geht nur um eine Rechnung, bei der noch was geklärt werden muss.“

„Ja, dann ruf ich mal oben an, da kommt dann jemand.“

Und dann? Dann kommt Susanne die breite Treppe in der Mitte des Showrooms herunter. Meine Güte, die sieht immer noch so schön aus, wie vor 30 Jahren. Mein Herz klopft.
Sie erkennt mich sofort, das sehe ich, aber statt eines Lächelns kommt da nur ein festzementierter, eisiger Gesichtsausdruck rüber.

„Hallo“, sage ich, „schön, Dich wiederzusehen!“
Sie nickt nur und sagt dann mit einem sehr geschäftlich strengen Ton: „Ich hab schon gehört, dass Du jetzt so einen Bestattungsladen hast. Detlef hat mir schon davon erzählt, wie unverschämt Du warst. Mit uns, das ist so lange her, da hätte ich mit dem Abstand so vieler Jahre, etwas mehr Professionalität erwartet. Aber wie Du meinen Mann behandelt hast, das ist völlig indiskutabel.“

„Wie bitte?“

„Ja, Du bist arrogant, herablassend und sehr primitiv gewesen. Detlef hat mir alles gesagt, Wort für Wort. Du kannst Dich da drüben hinsetzen, da gibt es Kaffee aus dem Automaten. Detlef kommt dann zu Dir.“

Das war’s. Sie dreht sich um, sieht immer noch klasse aus, und geht weg.

Zwanzig Minuten dauert es, bis Oberländer sich endlich bequemt, zu mir zu kommen. Breitbeinig nimmt er auf dem Sessel gegenüber Platz, schüttelt seine Diamantenuhr unter der Manschette hervor und meint: „Viel Zeit hab ich nicht.“

„Ich bin nur gekommen, um zu fragen, was denn der Bezahlung meiner Rechnung im Wege steht.“

„Das macht bei uns alles die Frau Sommer. Ich werd‘ der nachher gleich mal Bescheid sagen.“

„Wir haben jetzt schon lange genug gewartet. Es wäre gut, wenn Sie dafür sorgen, dass das in den nächsten zwei Tagen erledigt wird.“

„Und wegen so einem Pipi-Betrag hetzen Sie mir Ihre Geldeintreiberin am Telefon auf den Hals? Wer war das überhaupt, die kleine fette Kackbratze oder die resolute Demenz-Oma? Ihre lächerliche kleine Rechnung wird bei unseren Tankquittungen und den Belegen für die Briefmarken liegen. Mit sowas reiße ich mich doch nicht persönlich ‚rum.“

„Jetzt reicht es mir! In meinen Augen sind Sie ein aufgeblasener Froppnik, ein dämlicher Puwelak und nichts weiter als ein arroganter Bobbel. Entweder, Sie zahlen das jetzt unverzüglich, oder wir graben Ihren Vater morgen Vormittag, wenn die großen Beerdigungen auf dem Friedhof in vollem Gang sind, einfach wieder aus. Den teuren Sarg hol‘ ich mir einfach wieder zurück. Sie haben das nämlich unterschrieben, dass gelieferte Waren bis zur vollständigen Bezahlung mein Eigentum bleiben.“

Mit diesen Worten lasse ich ihn sprachlos stehen und verlasse das Autohaus Oberländer.

Am nächsten Tag haben wir die Urnenbeisetzung von Frau Klemm. Eine kleine, uralte Oma, die bei uns eine Bestattungsvorsorge hatte, und die wegen der Beschwerlichkeiten des Alters aufs Sterben regelrecht gewartet hatte. Weil die alleinstehende Frau Klemm so lieb gewesen ist, sind Sandy und ich zum Friedhof gefahren, um der Beisetzung der Urne auf der Weidenwiese beizuwohnen.
Sandy, der Friedhofsmitarbeiter Mehrmann und ich marschieren den breiten Hauptweg entlang. Sandy trägt Frau Klemms Urne und Herr Mehrmann hat einen Spaten dabei.

Wir sind vielleicht noch 100 Meter vom Weidenrasen entfernt, da springt Herr Oberländer zwischen zwei Grabsteinen hervor. „Sie machen das jetzt nicht wirklich, oder?“

Beinahe hätte Sandy Frau Klemm fallen lassen. Ich nehme dem verdutzten Herrn Mehrmann den Spaten weg und sage bloß: „Wetten?“

Oberländer stellt sich mir in den Weg. Er ist einen Kopf kleiner, aber ich denke, er könnte mich umhauen. Aber er jammert nur: „Diese Schande! Wenn das einer sieht! Wo tun Sie meinen Vater denn hin, wenn Sie Ihren Sarg wieder mitgenommen haben?“

„Tja, das werden Sie dann schon sehen. Und alle anderen auch.“

„Hier, nehmen Sie das, und dann lassen Sie mich in Ruhe“, keucht mich Oberländer an und drückt mir einen Briefumschlag in die Hand. „Damit sind wir quitt. Sie brauchen nicht nachzuzählen, das stimmt auf den Euro genau.“

„Na denn, schönen Tag noch“, sage ich, nicke den anderen zu und wir gehen weiter, um endlich Frau Klemm in der Weidenwiese unterzubringen.

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  • obert_800x500: Peter Wilhelm ki

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