Bemerkenswert

Wird die Welt irgendwann zum Friedhof?

Die Leser des Bestatterweblogs haben etwas im Scherz darüber spekuliert, wann die Erdoberfläche oder ein bestimmtes Land komplett von Gräbern bedeckt ist, wenn Gräber von bereits Verstorbenen nicht weggemacht werden.

Die Vorstellung ist zunächst ebenso schlicht wie einleuchtend: Wenn Menschen sterben und beerdigt werden – und die Gräber auf manchen Friedhöfen nie aufgelöst werden –, dann müsste doch irgendwann alles voll sein. Besonders bei jüdischen Friedhöfen, auf denen Gräber traditionell auf Ewigkeit bestehen bleiben, scheint dieser Gedanke nahezuliegen.

Ein Leser brachte es sinngemäß auf den Punkt: Wenn das so weitergeht, müsste doch irgendwann ein ganzes Land – vielleicht sogar Israel – vollständig zum Friedhof geworden sein.

Werbung

Das klingt logisch. Ist es aber nicht.

Eine beeindruckende Zahl: 117 Milliarden Menschen

Schätzungen gehen davon aus, dass seit Anbeginn der Menschheit etwa 117 Milliarden Menschen gelebt haben. Das ist eine Zahl, die man sich kaum vorstellen kann. 117 Milliarden Individuen – geboren, gelebt, gestorben.

Und jetzt kommt der spannende Gedanke: Was wäre, wenn alle diese Menschen klassisch bestattet worden wären – also jeder ein Grab bekommen hätte? Wie viel Platz würde das eigentlich benötigen?

Wie viel Platz braucht ein Grab?

Ein typisches Grab benötigt – inklusive etwas Abstand und Wegeanteil etwa 3 bis 5 Quadratmeter. Nehmen wir großzügig 4 Quadratmeter pro Mensch, um realistisch zu bleiben.

Die große Rechnung

117 Milliarden Menschen × 4 Quadratmeter = 468 Milliarden Quadratmeter
Das entspricht: 468.000 Quadratkilometern

Und was bedeutet das konkret?

Jetzt wird es interessant.

Deutschland: Fläche: etwa 357.000 km²
Alle jemals lebenden Menschen würden ungefähr 1,3-mal Deutschland bedecken.

Israel: Fläche: etwa 22.000 km²
Das wäre etwa das 21-fache der Fläche Israels.

Die gesamte Landfläche der Erde: etwa 149 Millionen km²
Die Gräber aller jemals lebenden Menschen würden also nur etwa: 0,3 % der Landfläche der Erde einnehmen.

Wohlgemerkt: Wir nehmen hier an, alle jemals auf der ganzen Welt gestorbenen Menschen würden auf einem Fleck auf einem riesigen Friedhof erdbestattet.

Selbst, wenn jeder Mensch der Geschichte ein eigenes ewiges Grab hätte, würde das weniger als ein halbes Prozent der Landfläche beanspruchen. Das ist verschwindend wenig.

Und wann wäre Israel mit Gräbern bedeckt?

Wenn man das einmal trocken durchrechnet, wird die Sache fast komisch.

Nehmen wir der Einfachheit halber an, Israel hätte dauerhaft rund 9,97 Millionen Einwohner und die Sterberate bliebe ungefähr bei 5,33 Todesfällen pro 1.000 Einwohner und Jahr. Das wären grob rund 53.000 neue Gräber pro Jahr. Israel hat eine Gesamtfläche von etwa 22.072 km². 

Jetzt treiben wir das Gedankenspiel bewusst auf die Spitze und tun so, als würde wirklich jeder Verstorbene ein dauerhaft unangetastetes Grab erhalten, als gäbe es keine Feuerbestattung, keine Mehrfachbelegung, keine Friedhofswege, keine Häuser, keine Straßen, keine Wüsten, keine Landwirtschaft und als dürfte man das ganze Land lückenlos mit Gräbern pflastern. Wenn man pro Grab großzügig mit etwa 4 m² rechnet, dann ließen sich auf 22.072 km² ungefähr 5,5 Milliarden Gräber unterbringen. Teilt man das durch etwa 53.000 neue Gräber im Jahr, landet man bei ungefähr 104.000 Jahren. 

Anders gesagt: Selbst in dieser völlig unrealistischen Extremrechnung müsste Israel erst einmal mehr als hundert Jahrtausende lang ununterbrochen Friedhof spielen, bevor wirklich die ganze Fläche voll wäre. Das ist keine Generationenfrage, das ist eine Größenordnung, bei der schon Mammuts müde nicken würden. Die Pointe ist also: Der Gedanke „Irgendwann wird ganz Israel zum Friedhof“ klingt auf dem Bierdeckel logisch, scheitert aber grandios an den Dimensionen. 

Und die Rechnung war noch freundlich zum Untergangsszenario. Nimmt man statt der Gesamtfläche nur die offizielle Landfläche von 21.671 km², ändert sich am Befund praktisch nichts: Dann wären es immer noch grob 102.000 Jahre. 

Der Witz an der Sache ist also: Ja, theoretisch wachsen Friedhöfe, wenn Gräber ewig bestehen bleiben. Aber nein, daraus folgt nicht, dass in absehbarer Zeit ein ganzes Land verschwindet. Wer sich davor sorgt, darf sich beruhigt zurücklehnen. Bis Israel komplett Friedhof ist, haben wir ganz andere Probleme – und vermutlich längst keine Debatten mehr über Ruhefristen.

Fazit: Ein schönes Gedankenspiel – aber eben nur das

Die Vorstellung, dass ein Land wie Israel irgendwann vollständig von Friedhöfen bedeckt sein könnte, ist ein klassisches Beispiel für ein Gedankenspiel, das auf den ersten Blick logisch wirkt – und bei näherem Hinsehen völlig auseinanderfällt.

Denn unsere Rechnung beruht auf Annahmen, die mit der Realität nur sehr wenig zu tun haben. Wir tun so, als würde jeder Mensch ein dauerhaft unangetastetes Grab erhalten, als gäbe es keine alternativen Bestattungsformen, keine Wiederbelegung und keine Veränderungen im Umgang mit dem Tod.

Die Wirklichkeit sieht ganz anders aus:

  • In vielen Kulturen – und zunehmend auch in Europa – wird die Feuerbestattung bevorzugt. Sie benötigt deutlich weniger Platz.
  • In zahlreichen Ländern werden Gräber nach Ablauf einer gewissen Zeit neu belegt.
  • Und selbst dort, wo Gräber traditionell bestehen bleiben, gilt: Menschen sind keine statischen Objekte. Die sterblichen Überreste gehen im Laufe der Zeit in den natürlichen Kreislauf über.

Mit anderen Worten: Ein Grab ist kein für alle Ewigkeit unveränderlicher „Flächenverbrauch“, sondern Teil eines dynamischen, kulturell geprägten Umgangs mit Vergänglichkeit.

Das eigentliche Missverständnis liegt darin, lineare Entwicklungen einfach unbegrenzt fortzuschreiben. Man nimmt an: „Jedes Jahr kommen Gräber dazu, also wächst das immer weiter.“ Doch dabei übersieht man, dass sich gesellschaftliche Praktiken, Bestattungsformen und auch der Umgang mit Flächen ständig verändern.

Oder etwas salopper gesagt:

Die Welt wird nicht zum Friedhof – sie ist ein Kreislauf.

Und genau deshalb bleibt unsere eingangs aufgestellte Rechnung das, was sie ist:

eine interessante, lehrreiche und durchaus unterhaltsame Denksportaufgabe – aber eben kein realistisches Zukunftsszenario.

Bildquellen:

  • israelsatire_800x500: KI

Lesezeit ca.: 7 Minuten | Tippfehler melden


Lesen Sie doch auch:


(©si)