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Henning -5-

Von
orgel

Am nächsten Tag kam Henning dann und wollte unbedingt einen Termin bei mir. Und da ich nicht der Dalai Lama bin, hatte ich gerade keine Zeit, mich mit jedem, der es will, zu unterhalten. Also musste Henning bis zum Nachmittag warten und empfand das als ungerechtfertigte Zumutung, was er dann auch deutlich zum Ausdruck brachte, als er in mein Büro kam: „Das hat ja gedauert!“

Ich schaute ihn bloß über meine Lesebrille hinweg an, verzog ein wenig den Mund und fragte ihn, was es denn so Wichtiges gäbe. Er pflanzt sich unaufgefordert in den Sessel der Sitzgruppe, nicht auf den Stuhl gegenüber vom Schreibtisch und es fehlte nur noch, daß er die Füße auf den Couchtisch legte.

Ja, gestern sei ja seine Mutter dagewesen und er müsse nun mal ehrlich sagen, daß seine Mutter und sein Vater meinen Laden als einen komischen Laden einstufen und nicht so begeistert von mir wären. Die Krönung kommt jetzt:

„Außerdem hat meine Mutter gesagt, Dein Chef hat ja einen Bauch und den hat er sich ja von Eurer Kohle angefuttert, da hätte er ja auch was springen lassen können.“

Ich war baff. Soviel Frechheit war mir schon lange nicht untergekommen. Was Hennings Mutter von mir hält, ist ja ihre Sache, und wenn sie meint, das auch noch im Familienkreis zum Besten geben zu müssen, kann mir das auch egal sein, aber daß ihr Bankert mich am nächsten Tag aufsucht und mir das dann in vorwurfsvollem Ton präsentiert, schlägt dem Astloch die Faust ins Gesäß!

„Aber ich habe einen Vorschlag zur Güte, Chef.“

Zur Güte? Zu welcher Güte? Ich meine, so eine Formulierung verwendet man, wenn man gegenseitige Schuld aufrechnet und ich schulde dem Bengel doch nichts. Irgendwie habe ich sogar eher das Gefühl, daß der Kerl kleine Brötchen backen müsste, ich bin sein Lehrherr und gebe ihm eine Chance für das berufliche Fortkommen.

„Das interessiert mich. Um was geht es?“

„Ja, wegen dem Auto. Okay, ich hab‘ kapiert, daß Sie mir keins bezahlen wollen. Dann könnten wir es aber so machen, hat mein Vater gesagt, daß Sie mir eine Wohnung bezahlen. Hier in der Stadt, zwei bis drei Zimmer reichen mir.“

Das bringt ja nun das Fass wirklich zum Überlaufen, gibt es denn wirklich soviel Dreistigkeit? Was für ein unangebrachtes Anspruchsdenken treibt den Arsch den an?

„Wie bitte? Ich höre wohl nicht richtig, oder? Jetzt schau mal, Du bekommst von mir eine Ausbildungsstelle, die wird nicht schlecht vergütet und wenn Du Dich auf den Hosenboden setzt, wirst Du später hier auch eine Anstellung bekommen, die krisensicher ist. Wenn Du gute Arbeit leistest, wirst Du auch die eine oder andere Sondervergütung bekommen, Du weißt, daß ich da nicht kleinlich bin. Ich sehe aber in keinster Weise ein, daß Du irgendetwas von mir forderst.“

Er schmollte sichtlich vor sich hin und sein schmollendes Gesicht verzog sich innerhalb von Sekunden in ein trotziges. Dann sagte er, daß er doch meinte, ich sei zu irgendeiner Vergünstigung verpflichtet, schon als Wiedergutmachung, weil ich ihn in der ganzen Firma als Dieb hingestellt habe.

Es dauerte nur 10 Sekunden, dann hatte ich den jungen Mann aus meinem Büro hinausbefördert und für den Rest des Tages beurlaubt. Bis zum nächsten Tag gab ich ihm Gelegenheit, in sich zu gehen, nochmals nachzudenken und dann erneut bei mir vorzusprechen und sich entsprechend zu erklären.

So eine freche, kleine Ratte!

Fehler durch Lektorin Anya bereinigt.


Peter Wilhelm 3. April 2016

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