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Henning -6-

Von
orgel

Am nächsten Tag hatte ich mich mit meiner Frau besprochen, die in solchen Sachen immer eine gute Ratgeberin ist, und sie hatte mir geraten, Henning rauszuwerfen, wenn er sich nicht eindeutig entschuldigt und vor allem fest verspricht, sich künftig anders zu verhalten. Die ganze Situation schmeckte mir nicht. Ich hatte doch nichts geklaut und ich hatte vor allem auch nicht das Gerücht gestreut, Henning habe etwas gestohlen. Dieses Gerücht ist in der Firma gar nicht mal von Herrn Huber oder Frau Büser verbreitet worden, sondern von Henning selbst. Es wurde mir zugetragen, er beschwere sich bei jedem, daß ich ihn verdächtige. Daß ich ihn gefragt habe, ob er mit dem Verschwinden der Sachen etwas zu tun habe, fand ich aber ganz okay. Sicher, das ist keine schöne Situation und ich würde mich auch angepisst fühlen, würde mein Chef mich sowas fragen, aber ich bin nun mal kein Herlock Sholmes und kann nur so vorgehen. Es liegt mir auch nicht, Fallen zu stellen oder ähnliches.

Henning lief den ganzen nächsten Tag mit einer beleidigten Fresse herum und ich hatte mich schon dreimal im Büro erkundigt, ob der nicht nach einem Termin bei mir gefragt hatte, was nicht der Fall war, da rief mich Huber aus der Werkstatt an. Jetzt fehlte ein Drucklufttacker. Und dieses Mal sei er sich ganz sicher, daß nur Henning für den Diebstahl in Frage käme, denn das Gerät sei soeben noch da gewesen, dann habe Henning die Werkstatt aufgeräumt und seitdem sei kein anderer mehr da unten gewesen.

Wir haben keine Spinde oder Kleiderschränke, sondern nur Kleiderhaken an der Wand, und jeder sucht sich für seine Sachen eine Ecke. Wenn Henning den Tacker hatte, dann musste der in seinem Rucksack unten im Mitarbeiterraum sein. Während ich noch überlegte, ob ich als Chef und Hausherr da notfalls ein Durchsuchungsrecht habe, kam Henning einfach in mein Büro spaziert. Er pflanzte sich wieder in den bequemen Sessel der Sitzgruppe, grinste mich an und meinte: „Moin, moin, Chef.“

„Was gibt’s?“

„Ich hab mir das noch mal überlegt. Meine Eltern haben gesagt, ich soll Ihnen nicht böse sein wegen der Wohnung und wegen dem Auto. Das wäre so bei den Unternehmern.“

„Wie bitte?“

„Ja, mein Vater sagt, er wäre vor sechs Jahren auch wegen so was rausgeflogen und sein Chef habe auch noch dafür gesorgt, daß er seitdem keine Arbeit mehr findet. Sie können sich vorstellen, daß der sich auskennt. Der macht das sowieso alles mit den Ämtern und auch mit der Krankenkasse, meine Mutter ist ja schon seit vier Jahren krank.“

„Was willst Du mir eigentlich damit sagen? Waren wir nicht so verblieben, daß Du darüber nachdenken wolltest, ob Du Dich nicht entschuldigst?“

„Kann sein, mach ich aber nicht. Ich habe einen Ausbildungsvertrag und den können Sie sowieso nicht kündigen, mein Vater hat gesagt, das geht nur über die Kammer.“

„Mein lieber Freund, mir wird das langsam zu bunt mit Deiner frechen und vorlauten Art. Damit Du siehst, daß ich Dich rauswerfen kann und wie schnell das geht, sage ich die jetzt die berühmten vier Buchstaben: R – A – U – S, Raus!“

Er glotzte mich an, wie ein toter Fisch, sein Mund stand offen und er brabbelte zuerst nur: „Aber, aber…“

„Und Tschüß!“, sagte ich und hielt ihm die Tür auf.

„Ja, aber Sie können mich nicht rauswerfen, ich habe doch den Schutz.“

„Du hast vielleicht ’nen Schatten, aber keinen Schutz.“

Langsam erhob er sich vom Sessel und ging in Richtung Tür, ich legte ihm meine Hand zwischen die Schultern und schob ihn etwas. Da krähte er: „Vorsicht! Ja? Nicht anfassen! Ja?“

Die Leute aus dem Büro kamen gelaufen und so wurde Hennings Abgang aus der Büroetage ein Spießrutenlaufen böser Blicke.

Während Henning die Treppe nahm, fuhr ich mit dem Aufzug runter. Unten wartete ich schon auf ihn und just als er vom Treppenhaus um die Ecke bog, kam auch Huber aus der Werkstatt und schaute uns beide erstaunt an.

„Huber“, sagte ich, „wir wollten Henning doch noch was fragen, oder?“

„Ach ja, stimmt ja“, sagte Huber und wandte sich dann an Henning: „Du, sag mal, hast Du einen blassen Schimmer, wo mein Drucklufttacker ist?“

Fortsetzung folgt, der Undertaker muß mal kurz weg.

Fehler durch Lektorin Anya bereinigt.


Peter Wilhelm 3. April 2016

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