Wenn in Südostasien ein Taifun eine Küstenstadt verwüstet oder wenn Bangladesch von einer Sturmflut heimgesucht wird, dann können die Behörden und Hilfsaktionen nach einigen Tagen recht genaue Opferzahlen liefern. Soundsoviele Menschen sind verstorben, soundsoviele wurden verletzt, wurden obdachlos oder sind vermisst.
Anders sieht das aus, wenn das Wetter zu hohen Temperaturen führt, wie das derzeit in Deutschland der Fall ist. Temperaturen weit über 30°C, ja bis zu über 40°C, machen den Menschen zu schaffen. In einer Region, in der man sich traditionell eher gegen kalte Winter schützt, gibt es zu wenig kühle Orte, Schattenplätze und klimatisierte Räume.
Dass solche hohen Temperaturen dem Menschen gesundheitliche Probleme bereiten, muss ich gar nicht erklären. Das ist Fakt. Aber vor allem Ältere, Kranke und Vorbelastete können bei diesen Wetterlagen auch an der Hitze versterben.
Im Gegensatz zu den ziemlich genau bekannten Opferzahlen bei der Sturmflut oder dem Taifun in Asien lassen sich die Zahlen der hitzebedingt Verstorbenen aber nicht exakt beziffern.
Die einen Medienvertreter sprechen von 1.000 Toten pro Woche, andere reden von „Tausenden Hitzetoten in ganz Europa“ und das deutsche RKI beziffert die Zahl aktuell auf rund 5.100 Verstorbene.
Dass überhaupt von „so vielen Toten“ die Rede ist, ist aber eindeutig ein Pressephänomen. Wir befinden uns mitten im Sommerloch. Spannende Nachrichten trudeln während dieser Saure-Gurken-Zeit oft nur spärlich ein. Es scheint so, als fühle sich derzeit jeder Lokaljournalist dazu berufen, seinen örtlichen Bestatter anzurufen, um nach den Hitzetoten zu fragen.
In großen Städten kommt es momentan zu einer Häufung ungeklärter Todesfälle. Das liegt einfach daran, dass mehr Menschen in ihrer Wohnung, unter freiem Himmel oder in anderen Situationen versterben, die nicht den klassischen Sterbeorten Bett und Krankenhaus entsprechen. Hier wird dann oft ein Not- oder Bereitschaftsarzt gerufen, der den jeweiligen Verstorbenen nicht kannte. Das führt vermehrt dazu, dass „ungeklärte Todesursache“ angekreuzt wird. In solchen Fällen wird die Polizei verständigt, die wiederum einen vertraglich gebundenen Bestatter ruft, der die sogenannten „Polizeiabholungen“ durchführt.
Es liegt auf der Hand, dass diese Bestatter von einer gravierenden Zunahme von Sterbefällen sprechen.
Über die tatsächliche Zahl der Verstorbenen über einen gewissen Zeitraum hinweg sagt das aber gar nichts aus.
Es sagt nur aus, dass einige bestimmte Bestatter aus ärztlich-polizeilichen Gründen derzeit mehr zu tun haben.
Nun sind aber die eben beschriebenen Lokaljournalisten unterwegs und suchen nach einer spannenden Sommerstory. Sie rufen also den örtlichen Bestatter an und fragen: „Hey, sagen Sie mal, haben Sie durch die Hitze auch so viel zu tun?“
Es ist aber eine Eigenheit nicht nur dieser Branche, dass keiner sich wirklich in die Karten gucken lässt, und dass immer viel zu hohe Sterbefall- und Umsatzzahlen genannt werden. Man will vorne mit dabei sein und angeben.

Ich war einmal auf einer Tagung eines Bestatterverbandes. Im Saal etwa 120 Bestatter. In den Gesprächen gaben die Bestatter Sterbefallzahlen an, die bedeutet hätten, dass allein diese 120 Bestatter quasi sämtliche Verstorbene Deutschlands abholen würden. Alles nur Aufschneiderei. Selbst ein Dorfbestatter aus dem hessischen Odenwald, der vielleicht realistisch 80 Todesfälle im Jahr bearbeitet, erzählte von 600 Leichen, die er jedes Jahr holen würde.
Ein weiterer Aspekt des aktuellen Geschehens liegt darin, dass selbstverständlich durch die Hitze tatsächlich mehr Menschen versterben, als sonst zu dieser Zeit.
Das wird überhaupt nicht in Abrede gestellt, fraglich ist nur die vermeintlich hohe Zahl.
Hinzu kommt ein weiterer Punkt, der in der öffentlichen Diskussion häufig untergeht: Nicht jeder Mensch, der während einer Hitzewelle stirbt, ist automatisch ein Hitzetoter. Ebenso wenig lässt sich bei vielen Verstorbenen eindeutig feststellen, ob die Hitze die alleinige Todesursache war oder lediglich ein auslösender beziehungsweise beschleunigender Faktor. Gerade bei hochbetagten oder schwer vorerkrankten Menschen wirken oft mehrere Ursachen zusammen: Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Flüssigkeitsmangel, Infektionen, Medikamente oder eine ohnehin stark eingeschränkte körperliche Belastbarkeit. Die Hitze kann dann der sprichwörtliche Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt. Deshalb spreche ich eher von hitzebedingter Übersterblichkeit und nicht von einer exakt zählbaren Zahl an Hitzetoten. Diese Werte werden statistisch berechnet und nicht dadurch ermittelt, dass auf Totenscheinen als Todesursache einfach “Hitze” eingetragen wird. Wer diese Zusammenhänge kennt, versteht auch, weshalb unterschiedliche Institutionen zu unterschiedlichen Zahlen gelangen können, ohne dass zwangsläufig jemand falsche Angaben macht.
Doch man müsste sich einmal anschauen, wer da im Moment verstirbt. Es sind nicht überwiegend junge Menschen, Kinder, Gesunde und Aktive. Es sind vor allem Alte und Kranke.
Man kann also durchaus sagen, dass die Hitze oft genug gerade denen jetzt den Rest gibt, die ohnehin früher oder später gestorben wären.
Ein Bestatter aus Bayern sagte mir gestern am Telefon: „Die, die wir jetzt mehr holen müssen, die fehlen dann im Herbst.“
Überhaupt habe ich mit ganz vielen Kollegen telefoniert. Und es ist erschreckend, wie weit die Rückmeldungen der Kollegen von den Pressemeldungen abweichen.
„Nicht einen Toten mehr als sonst.“
„Bei uns war es eine extrem dicke Person, sonst keiner.“
„Auch nicht mehr als sonst.“
„Sonst sind es 12, jetzt haben wir 15.“
„Hier im Norden sogar weniger als letztes Jahr.“
„Als ich gestern im Krema war, habe ich mir auch die Kühlräume angesehen. Alles im normalen Bereich, kein großes Sargaufkommen. Auch meine Kollegen im Umfeld sagen, es sei normal oder ruhig.“
„Heute in unserem Sonntagsblatt waren 2 Todesanzeigen, normal ist eine ganze Seite mit 8-10 Anzeigen.“
„Es scheint regional total unterschiedlich zu sein, was ich mir aber auch nicht erklären kann. Auf dem Plan unseres Dorffriedhofs stehen in der kommenden Woche 2 Beerdigungen und in der darauf folgenden Woche nur eine Beisetzung. Sonst haben wir insgesamt mit den Kollegen 6-8 Bestattungen in der Woche.“
Weiterhin ist es so, dass die Medien anderen Veröffentlichungen in nichts nachstehen wollen. Da wird dann gerne mal berichtet, das Krematorium in XYZ habe sogar ein Kühlzelt aufstellen müssen, um der vielen Hitzetoten Herr zu werden. Gar nicht erwähnt wird in dem Bericht, dass in diesem Krematorium derzeit planungsgemäß ein Ofen abgeschaltet ist, weil er renoviert werden muss.
Vielleicht erinnert sich der eine oder andere noch an ein Schlagwort aus der Corona-Zeit: Übersterblichkeit.
Damit bezeichnet man die Zahl der Verstorbenen, die über der Zahl der üblicherweise verstorbenen Menschen liegt.
Wenn also sonst in einem Zeitraum 100 Menschen sterben und im selben Zeitraum eines anderen Jahres 130, dann haben wir eine Übersterblichkeit von 30 Personen.
Wir müssen also bis ins nächste Frühjahr abwarten, um feststellen zu können, ob und eventuell wie viel die Übersterblichkeit in diesem Jahr ausgefallen ist.
Erst dann können wir sagen, ob die Hitzewelle tatsächlich zu mehr Toten geführt hat, als es in anderen auch kühleren Jahren der Fall war.
Derzeit können wir nur sagen, dass es offenbar mit großen regionalen Unterschieden, vor allem in den Großstädten, eine Häufung von Aufträgen bei ganz bestimmten Bestattern gegeben hat.
Auch wenn es kein schöner Satz ist, der oben gesagte Satz trifft es ganz gut: Dass die Hitze oft genug gerade denen jetzt den Rest gibt, die ohnehin früher oder später gestorben wären.
Mit anderen Worten: Wir wissen, dass wir eigentlich gar nichts wissen.
Fakt ist, dass durch die Hitze Menschen sterben.
Würde mehr darauf geachtet, dass Alte, Alleinlebende und Schwache ausreichend trinken, könnten viele Todesfälle derzeit vermieden werden.
Gäbe es mehr Klimaanlagen, müssten derzeit nicht so viele Menschen sterben.
Ob es aber tatsächlich eine Welle von Verstorbenen gibt, die Krematorien, Friedhöfe und Bestatter über ihre Grenzen hinaus belastet, bleibt fraglich.













Man könnte auch ganz fies sagen „wenn heute die Menschheit ausstirbt, dann ist nicht ein Mensch mehr gestorben als sowieso mit der Zeit gestorben wären“
Fand es auch zur Coronazeit schon schwierig wo viele versucht haben den Ernst der Lage über die Zahl der Toten zu vermitteln. Als meine Oma an Schnupfen, Erkältung, grippaler Infekt, Grippe oder sonst was gestorben ist, hat das keine Sau interessiert… hat die Grippe aber nen Namen, da drehen se alle am Rad. Hab immer geunkt „so lange die Leichen nicht wöchentlich zur Abholung am Straßenrand deponiert werden, gibt es keinen Grund zur Panik.“