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Verkauft der Bestatter teure Särge zweimal?

Kaum ein Vorwurf hält sich in der Bestattungsbranche so hartnäckig wie der angebliche Austausch teurer Särge gegen billige Einäscherungssärge. Krimis, Fernsehserien und Erzählungen nach dem Motto „Ich kenne jemanden, der das gehört hat“ nähren diesen Verdacht immer wieder. Doch wie realistisch ist diese Betrugsmasche tatsächlich? Ist sie wirtschaftlich sinnvoll, kommt sie häufig vor oder handelt es sich überwiegend um eine urbane Legende? Eine Leserin hat mir genau diese Fragen gestellt.

Ich habe im Fernsehen eine Folge der ARD-Sendereihe „Morden im Norden“ gesehen. Darin ging es um ein Bestattungsinstitut, das seine Kunden betrogen hat, indem es teure Särge vor der Kremierung durch billige Särge ersetzt hat. Die teuren Särge wurden dann aufbereitet und nochmals verkauft.

Lohnt sich das überhaupt?

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So etwas habe ich nun aber schon mal gehört und frage mich nun, ob das oft vorkommt und wie weit diese Betrugsmasche in der Branche verbreitet ist.
Können Sie mir da Antwort geben?

Die Fragestellerin zielt auf eine Betrugsmasche ab, die Bestattern immer wieder gerne unterstellt wird und die Bestandteil vieler urbaner Legenden ist.
Bestatter wickeln ihre Tätigkeiten hinter den Kulissen ihrer Betriebe in pietätvoller Zurückhaltung ab. Das gibt und gab schon immer Raum für allerlei Spekulationen, von denen viele in den Bereich der Ammenmärchen gehören.

Seit über 20 Jahren betreibe ich das Bestatterweblog und beschreibe genau das, was hinter den Kulissen geschieht, damit mit Irrglauben und urbanen Legenden aufgeräumt wird. Überdies möchte ich den Menschen die Angst und Abscheu vor dem Unbekannten nehmen.

Bei dem hier in Rede stehenden Betrug geht es um Folgendes:

Ein Kunde wählt für einen verstorbenen Angehörigen einen teuren Sarg. Der Angehörige soll eingeäschert werden.
Der Bestatter liefert den teuren Sarg und die Trauerfeier findet mit diesem statt.
Nach der Trauerfeier wird der Verstorbene dann aber aus dem teuren Sarg in einen ganz einfachen Einäscherungssarg umgebettet und in diesem verbrannt.
Der teure Sarg wird dann erneut verkauft.

Sie stellen hierzu gleich mehrere sehr interessante Fragen, die ich Ihnen gerne beantworte:

Ich kann Ihnen sagen, dass so etwas schon vorgekommen ist.
Ich bin aber der Auffassung, dass sich eine solche Vorgehensweise nur in zwei Fällen wirklich lohnt.

  1. Dem Bestatter steht das Wasser bis zum Hals und er kann sich nur noch mit solchen Maßnahmen über Wasser halten.
  2. Der Bestatter wickelt unfassbar viele Sterbefälle fast schon industriell ab, sodass die Masse das Geschäft lohnend macht.

Weshalb das Geschäft, das sich aus diesem Betrug ergibt, sich im Allgemeinen und für die meisten Bestatter nicht lohnt, erkläre ich weiter unten.

Die Frage, wie oft so etwas gemacht wird, kann ich Ihnen nicht beantworten. Wo kein Kläger, da kein Richter, sagt der Volksmund. Das bedeutet in diesem Zusammenhang, dass – wenn es zu solchen Betrügereien kommt – die meisten davon unbemerkt bleiben dürften, und es somit nicht zu einer Strafverfolgung kommt. Demnach wird auch nicht bekannt, dass so etwas passiert ist.

Wie ich oben schon andeutete, lohnt sich der Austausch von Särgen kaum. Deshalb kann man mit Fug und Recht davon ausgehen, dass solche Fälle nur extrem selten vorkommen.

Warum lohnt sich der Sargaustausch nicht?

Beginnen wir in der grauen Vorzeit: Früher erstellten Bestatter oft Rechnungen, auf denen nur drei Positionen standen:

Sarg 800,- Mark
Leichenbesorgung 65,- Mark
Urkunden und Kirche 28,- Mark

Nahezu die gesamten Leistungen des Bestatters waren im Sargpreis enthalten. Und auch, wenn sich die Zeiten geändert haben, hat sich daran nicht sehr viel geändert.
Heute sind Bestatter die Eventmanager des Todes und nicht mehr Schreiner oder Fuhrunternehmer, die nebenbei auch Verstorbene abholten.
Die Ansprüche und damit auch die angebotenen Dienstleistungen und Waren sind mannigfaltiger geworden, ebenso die Aufschlüsselung auf den Rechnungen.

Doch nach wie vor spiegelt der Sargpreis nicht den reinen Warenwert des Sarges wider, sondern beinhaltet im Rahmen einer Mischkalkulation auch die Logistikkosten, die Bereitschaften, das Know-How und die Bereithaltung eines 24/7-Services an 365 Tagen.

Wer seine Sinne beisammen hat, der weiß, dass Särge viel günstiger sind, als sie beim Bestatter in der Ausstellung stehen.

Ein sehr einfacher Verbrennungssarg ist bei Abnahme entsprechender Mengen schon für 50 Euro zu haben. Verkauft wird er zwischen 450 und 700 Euro.
Ein etwas aufwendigerer Sarg mit Palmenschnitzung, schöner Lasierung und einer ansprechenden Ausstattung kostet im Einkauf auch nicht mehr als 220 Euro und wird für etwa das Zehnfache verkauft.
Hochwertige Truhen mit üppigen Griffen, tollen Schnitzungen und/oder besonders hervorragend gearbeiteten Oberflächen kosten im Einkauf immer noch unter 1.000 Euro und werden nicht selten für 7.500 bis über 10.000 Euro verkauft.

Wer sich angesichts der hohen Unterschiede zwischen Einkaufs- und Verkaufspreis erschrickt, der weiß nicht, dass das bei Textilien, Möbeln und vielem anderen ganz genau so ist.

Für uns bedeutsam ist aber der Fakt, dass der Einkaufspreis für einen ganz einfachen Sarg gar nicht so weit vom Einkaufspreis eines höherwertigen Sarges entfernt ist, wie es der Verkaufspreis vielleicht vermuten lässt.

Der Laie, und vermutlich auch der Drehbuchautor der o.g. Folge von „Morden im Norden“ sieht nur, dass der einfache Einäscherungssarg in der Ausstellung des Bestatters mit 450 Euro ausgepreist ist und der teure Truhensarg, um den es in der Krimifolge ging, 3.800 Euro kosten sollte.

Das lässt den Uneingeweihten vermuten, der Bestatter mache hier einen betrügerischen Gewinn von 3.350 Euro.
Das ist aber nicht so.

Im Einkauf zahlt der Durchschnittsbestatter für so einen „Verbrenner“ sagen wir 80 Euro und für eine glänzende Truhe 780,- Euro. Mithin läge der mit Betrug erwirtschaftete Vorteil nur bei 700 Euro.

Da mag jetzt mancher sagen: „Ja und? 700 Euro sind auch eine Stange Geld.“

Und da hat er Recht!

Aber: Das lohnt sich für einen Durchschnittsbestatter überhaupt nicht. Ein Bestatter verdient an jedem Sterbefall, egal wie üppig oder sparsam die Kunden alles auswählen. Er macht immer seinen Schnitt.
Für 700 Euro seinen guten Ruf zu riskieren, ist ein va banque-Spiel.

Was, wenn Angehörige doch noch im Krematorium Abschied nehmen wollen, und dann den falschen Sarg entdecken?
Was, wenn den Krematoriumsmitarbeitern was auffällt?
Was, wenn ein eigener, unzufriedener Mitarbeiter nicht dichthält?
Was, wenn Influencer-Enkel Leon bei der Aufbahrung der Oma einen AirTag mit in den Sarg legt?
Was, wenn nach ein paar Jahren der Betriebsprüfer des Finanzamtes aufmerksam wird?

Und dann noch:
Das Betrügen und Umbetten ist mit Aufwand verbunden. Das kostet auch Geld, Zeit und Arbeit. Da müssen extra Fahrten gemacht werden, da fallen Personalkosten an, da werden Särge durch die Gegend gefahren. Das würde einen eventuellen betrügerischen Gewinn nochmals schmälern.

Zum Verständnis:
Der Bestatter hat seinen überragenden Gewinn schon in dem Moment gemacht, in dem sich der Hinterbliebene für einen so teuren Sarg für eine Kremierung entschieden hat.
Der Bestatter hat in dem Moment vor Steuern 3.020 Euro an dem Sarg verdient. Ihm ist es herzlich egal, dass nun so ein teurer Sarg verbrannt wird.
Er bekommt für 780 Euro oder weniger wieder genau so einen Sarg von seinem Lieferanten.

Jetzt noch Särge herumzufahren, Verstorbene herumzukutschieren und eine Austauschaktion vorzunehmen, ist viel zu riskant und viel zu aufwendig.

So etwas machen, wie ich oben bereits sagte, nur Bestatter, denen das Wasser sowieso schon bis zum Hals steht. Oder größere Unternehmen, die viele Hundert Sterbefälle abwickeln und bei denen dann eventuell die Masse das betrügerische Geschäft lohnenswert werden lässt.

Aber es handelt sich auf keinen Fall um eine branchenweite und typische oder häufig vorkommende Betrugsmasche. Auch, wenn das immer wieder behauptet wird.

Mein Rat:
Für Einäscherungen nimmt man immer günstige Särge!
Wird nur eine Trauerfeier mit der Urne durchgeführt, und niemand bekommt den Sarg zu sehen, dann genügt wirklich der allergünstigste Einäscherungssarg.
Soll eine Trauerfeier mit Sarg stattfinden, fragen Sie nach einem günstigen Nadelholzsarg mit schöner Beizung/Lasur. Jeder hat Verständnis dafür, dass man bei einer Einäscherung keine 10.000-Euro-Truhe ins Feuer schieben lässt.

Für meine Mutter habe ich den einfachsten Nadelholzsarg ausgewählt. Wir haben ihn mit einer Nussbaumlasur schön gebeizt und sechs schöne, glänzende Griffe drangeschraubt. Das sah erstens edel aus und hat zweitens auch völlig gereicht, weil sowieso nur eine Urnentrauerfeier stattgefunden hat.

Bildquellen:

  • lumbio_800x500: Peter Wilhelm KI

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(©si)