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Zwischen Düsternis und Kreativität: Die Faszination der Gothic-Szene

Gothic

Die Gothic-Szene, geprägt von einer einzigartigen Verbindung von düsterer Ästhetik, Kreativität und kultureller Vielfalt, erfreut sich seit Jahrzehnten einer wachsenden Anhängerschaft.

Ratgeber für Schwerhörige

Dazu hat Bestatterweblog-Leserin Ella eine Frage:

Ich besuche regelmäßig das Grab meines viel zu früh verstorbenen Gatten. In dieser Jahreszeit wird es ja schon sehr früh dunkel und es ist ja auch ziemlich kalt. Da habe ich das Problem nicht.
Aber im Sommer, wenn es wärmer ist, gehe ich bei großer Hitze nicht so gerne aus dem Haus. Da gehe ich oft später auf den Friedhof, manchmal erst nach der Tagesschau. Da sind mir beim großen Kreuz am Rondell bei den alten Gräbern mit den großen Engelfiguren dunkle Gestalten aufgefallen.
Männer und Frauen in schwarzer Kleidung. Die sind auch manchmal ziemlich weiß geschminkt.
Ich habe beobachtet, dass die sich Kerzen mitbringen und dort herumsitzen und auch Rotwein trinken.
Der Mann vom Friedhof sagt, das seien Gotische. Was bitte sind das für Leute? Was machen die da?

Der Friedhofsverwalter hat fast Recht. Diese Leute sind keine Gotischen, sondern Goths (von Gothic). Das sind harmlose Menschen, die sich der Gothic-Subkultur verschrieben haben. Ich möchte gerne ausführlicher erklären, was es damit auf sich hat:

Junge Frau in dunkler Kleidung

Was bedeutet der Name Gothic bzw. Goths?

Die Bezeichnung „Gothic“ für die Subkultur und „Goth“ (Plural: Goths) für die Menschen, die sich dieser zugehörig fühlen, stammt von einer musikalischen Bewegung der späten 1970er Jahre. Der Name „Gothic“ wurde verwendet, um Bands zu beschreiben, die einen düsteren, atmosphärischen Sound und oft introspektive Texte verwendeten. Band wie Bauhaus, Siouxsie and the Banshees und The Cure u.a. wurden als Teil der „Gothic-Rock“-Szene betrachtet.

Der Begriff „Gothic“ leitet sich aber nicht direkt von der historischen Gotik-(Architektur) ab, sondern ist eher ein metaphorischer Ausdruck für die düstere, romantische und oft mysteriöse Atmosphäre dieser Musik. Der Einfluss der Gothic-Literatur des 18. Jahrhunderts, die oft übernatürliche Elemente und düstere Stimmungen beinhaltete, spielte ebenfalls eine Rolle in der Wahl des Begriffs.

Mit der Zeit wurde der Begriff „Gothic“ nicht mehr nur auf die musikalische Bewegung beschränkt, sondern erstreckte sich auf eine breitere Subkultur, die auch Mode, Kunst, Literatur und eine alternative Lebensweise umfasste. Die Menschen, die sich dieser Subkultur zugehörig fühlen, übernahmen den Begriff auch für sich selbst, um ihre gemeinsamen Interessen, kulturellen Ausdrucksformen und ihre Wertschätzung für eine düstere Ästhetik zu kennzeichnen.

Der Name „Gothic“ ist in diesem Kontext nicht negativ konnotiert, sondern er dient Bezeichnung für eine vielfältige und kreative Gemeinschaft. Goths betrachten sich oft als Individuen, die Wert auf Selbstausdruck und Kreativität legen, und der Begriff „Gothic“ wurde zu einem positiven und identitätsstiftenden Label innerhalb dieser Subkultur.

Warum finde ich diese Leute auf dem Friedhof?

Ein Teil dieser Gemeinschaft findet sich oft auf unkonventionellen Plätzen zusammen, darunter auch Friedhöfe, die eine atmosphärische Kulisse für ihre Treffen bieten. Sie treffen sich dort unter Gleichgesinnten, tauschen sich aus, verbringen einfach eine gute Zeit miteinander und tun niemandem etwas. Allgemein gilt, dass solche Treffen keinerlei schädliche Absichten verfolgen und keine Gefahr für die Öffentlichkeit darstellen.

Sich auf Friedhöfen zu versammeln, mag für Unbeteiligte auf den ersten Blick befremdlich erscheinen, doch für die Gothic-Community sind Friedhöfe oft Orte von besonderer Mystik und künstlerischem Potenzial. Die grünen Alleen, gotischen Grabmale und die geschichtsträchtige, morbide Atmosphäre bieten ihnen einen einzigartigen Hintergrund für Treffen, die vom kreativen Austausch bis hin zu musikalischen Darbietungen geprägt sein können.

Eine Frau in Gothic-Kleidung

Whitby Gothic Festival

Es sind aber nicht nur Friedhöfe, wo sich Goths versammeln können. Auch die in Mode gekommenen „Lost Places“, also in Vergessenheit geratene, nicht mehr genutzte Gebäude, oder Denkmäler und sonstige teils historische Stätten können anziehend wirken.
Was aber die Friedhöfe anbetrifft, so weiß ich, dass die Gothic-Community einen tiefen Respekt für die Geschichte und die Atmosphäre von Friedhöfen hegt und sich und bemüht, ihre Aktivitäten im Einklang mit diesem Respekt zu gestalten.

Warum sind die Goths so komisch angezogen und geschminkt?

Die Gothic-Szene ist sehr facettenreich und wird von einem breiten Spektrum kultureller Einflüsse geprägt. Sie vereint Menschen mit einer Leidenschaft für düstere Ästhetik, vielschichtige Musikgenres und eine alternative Lebensweise. Die Anhänger der Gothic-Bewegung finden sich oft in extravaganten Outfits und beeindruckenden visuellen Inszenierungen wieder, die von Viktorianischer Mode bis hin zu Cyberpunk oder Steam-Punk reichen.

Die oft dunkle Kleidung wird meist falsch interpretiert. Die Gothic-Szene stellt keine Bedrohung dar. Die Zugehörigkeit zur Gothic-Szene drückt sich eben in einem einzigartigen und oft avantgardistischen Kleidungsstil aus, der sich durch dunkle, ausgefallene und individuelle Modeelemente kennzeichnet. Dieser Stil geht über bloße Kleidung hinaus und wird oft als Ausdruck der persönlichen Identität, der Zugehörigkeit zur Subkultur und der kreativen Selbstentfaltung betrachtet.

Mein Freund Mike nennt diese charakteristischen Merkmale des Gothic-Kleidungsstils:

  • 1. Dunkle Farbpalette:
    Die vorherrschende Farbpalette in der Gothic-Mode ist natürlich dunkel. Schwarz ist die Hauptfarbe, wird jedoch oft durch tiefe Rottöne, Violett, Dunkelblau oder Tiefgrün ergänzt. Diese Farben schaffen eine mystische und düstere Ästhetik, die charakteristisch für die Gothic-Szene ist.
  • 2. Viktorianische Einflüsse:
    Viele Anhänger der Gothic-Szene lassen sich von viktorianischer Mode inspirieren. Korsetts, Spitze, Rüschen und hohe Kragen sind typische Elemente, die in moderner Interpretation in den Kleidungsstil einfließen. Diese Elemente verleihen der Kleidung eine zeitlose Eleganz und einen Hauch von Romantik.
  • 3. Leder und Nieten:
    Lederbekleidung, wie Jacken, Hosen und Accessoires, ist ebenfalls ein häufiges Merkmal des Gothic-Stils. Nieten, Ketten und Schnallen können Kleidungsstücke verzierten und verleihen ihnen eine rebellische Note. Diese Details tragen dazu bei, dem Gesamtbild eine gewisse Härte und Edge zu verleihen.
  • 4. Gothic-Accessoires:
    Accessoires spielen eine entscheidende Rolle im Gothic-Kleidungsstil. Dunkle, opulente Schmuckstücke, wie silberne Ringe, Kreuze, Totenköpfe oder Okkultsymbole, werden oft kombiniert. Lange Handschuhe, Spinnennetz-Spitzenhandschuhe, Netzstrümpfe und auffällige Halsbänder sind weitere Accessoires, die den Stil vervollständigen.
  • 5. Asymmetrie und Layering:
    Gothic-Mode zeichnet sich oft durch asymmetrische Schnitte und Layering aus. Verschiedene Stoffe und Texturen werden miteinander kombiniert, und Kleidungsstücke werden in unkonventionellen Weisen miteinander verbunden. Dies trägt dazu bei, einen individuellen und avantgardistischen Look zu schaffen.
  • 6. Schuhe:
    Das Schuhwerk spielt eine wichtige Rolle im Gothic-Stil. Plattformstiefel, Schnürstiefel, Stiefeletten mit Nieten und Schnallen sind häufig anzutreffen. Diese Schuhe verleihen nicht nur zusätzliche Höhe, sondern setzen auch einen markanten Akzent im Gesamtbild.
  • 7. Individualität und Selbstausdruck:
    Ein zentrales Element des Gothic-Kleidungsstils ist die Betonung der Individualität und des persönlichen Selbstausdrucks. Anhänger der Szene nutzen ihre Kleidung, um ihre Einzigartigkeit, künstlerischen Sinn und ihre Zugehörigkeit zur Gothic-Kultur auszudrücken.
  • Insgesamt spiegelt der Gothic-Kleidungsstil eine Mischung aus Dunkelheit, Mystik, Romantik und Rebellion wider. Es ist ein Ausdruck der kreativen Freiheit, der in der Vielfalt der Interpretationen innerhalb der Gothic-Szene deutlich wird.

    Viele Vorurteile

    Die Gothic-Szene sieht sich leider oft mit Vorurteilen konfrontiert, die von Unwissenheit und Klischees geprägt sind. Hier sind einige gängige Vorurteile gegenüber Goths und warum sie nicht der Realität entsprechen:

    1. Vorurteil: Goths sind depressiv oder haben mentale Probleme.
    Warum das nicht stimmt: Die Kleidung und Ästhetik der Gothic-Szene sind oft düster und melancholisch, was zu dem Missverständnis führen kann, dass Goths depressiv sind. In Wirklichkeit ist die emotionale Ausdrucksweise durch die Ästhetik beeinflusst, und Goths können genauso vielfältige emotionale Zustände haben wie jede andere Gruppe.

    2. Vorurteil: Goths sind Satanisten oder okkult interessiert.
    Warum das nicht stimmt: Die Gothic-Szene hat eine breite Palette von Interessen, darunter Kunst, Literatur, Musik und Mode. Nicht alle Goths haben ein Interesse an okkulten Themen oder sind Satanisten. Die Vielfalt der Subkultur spiegelt sich auch in den individuellen Überzeugungen wider.

    3. Vorurteil: Goths sind aggressiv oder gefährlich.
    Warum das nicht stimmt: Der Gothic-Stil mag düster und rebellisch aussehen, aber das bedeutet nicht, dass Goths aggressiv oder gefährlich sind. Die meisten Anhänger der Szene sind friedliche Menschen, die ihre Individualität und Kreativität ausdrücken möchten. Äußerliche Erscheinungsbilder sollten nicht mit Charaktereigenschaften gleichgesetzt werden.

    4. Vorurteil: Goths sind sozial isoliert und verschlossen.
    Warum das nicht stimmt: Goths sind genauso sozial wie jeder andere. Die Gothic-Szene bietet oft eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten, in der Menschen ihre Interessen teilen können. Viele Goths sind aktiv in sozialen Medien, in der Musikszene oder auf Veranstaltungen und Festivals involviert.

    5. Vorurteil: Goths sind nur auf Parties und Konzerten zu finden.
    Warum das nicht stimmt: Obwohl Parties und Konzerte ein Teil der Szene sind, sind Goths in vielen anderen Bereichen aktiv. Viele sind in kreativen Berufen tätig, engagieren sich in kulturellen Projekten oder setzen sich für gesellschaftliche Themen ein.

    6. Vorurteil: Goths sind immer traurig oder pessimistisch.
    Warum das nicht stimmt: Der düstere Kleidungsstil und die Ästhetik bedeuten nicht zwangsläufig, dass Goths immer traurig sind. Viele sehen die düstere Ästhetik als Ausdruck von Schönheit, Individualität und Kreativität, ohne dass dies ihre allgemeine Stimmung bestimmt.

    7. Vorurteil: Goths sind nur Teenager oder junge Erwachsene.
    Warum das nicht stimmt: Die Gothic-Szene zieht Menschen jeden Alters an. Es gibt sowohl junge als auch ältere Goths, und die Subkultur hat eine lange Geschichte, die bis in die späten 1970er Jahre zurückreicht.

    Ich schreibe diese lange Antwort auf die Frage einer Leserin, um zu zeigen, dass Vorurteile gegenüber Goths oft auf Stereotypen und Unwissenheit basieren. Die Vielfalt innerhalb der Gothic-Szene zeigt, dass es sich um eine kreative und facettenreiche Gemeinschaft handelt, die weit über oberflächliche Klischees hinausgeht.

    In meinem Bestattungshaus hatte ich mehrere Angestellte und Auszubildende, die sich in ihrer Freizeit und in einem Fall auch sichtbar am Arbeitsplatz mit dieser Szene identifizierten. Ich kann von keinem einzigen Fall berichten, dass diese Menschen nicht absolut korrekt gearbeitet hätten und nicht ganz normale Leute gewesen wären.

    BILDQUELLEN

    In „Frag den Bestatter“ findest Du meine Antworten auf Fragen von Leserinnen und Lesern. Diese Fragen sind zum Teil Inhalte Dritter, die mich tagtäglich auf den verschiedensten Wegen erreichen. Es handelt sich also um meist nicht bearbeitete und nicht auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüfte Fragen Dritter. Für die Fragen sind allein die Übersender der Mitteilungen verantwortlich. Ich mache mir die Aussagen nicht zu eigen.
    Ich erteile Auskünfte ausschließlich aufgrund meiner Erfahrung und erbringe keine Rechts-, Steuer- und Medizinberatung.

    Lesezeit ca.: 11 Minuten | Tippfehler melden | © Revision: 21. Januar 2024 | Peter Wilhelm 21. Januar 2024

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    1 Kommentar
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    Juergen Laabs
    1 Monat zuvor

    Ein super Artikel. Erinnert an die Glanzzeiten des Blogs.




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